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Lothar Böhnisch: Lebensbewältigung

Cover Lothar Böhnisch: Lebensbewältigung. Ein Konzept für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 214 Seiten. ISBN 978-3-7799-3410-3. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,30 sFr.
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Thema und Zielgruppe

Die Thematik „Lebensbewältigung“ bestimmt viele Arbeiten von Lothar Böhnisch, seit er in den 1980er Jahren begann, das psychologische Coping-Konzept für die Sozialpädagogik anwendbar zu machen. Seither hat Lothar Böhnisch das Konzept „Lebensbewältigung“ in zahlreichen Vorträgen und Publikationen – in seiner psychodynamischen, seiner interaktiven und seiner gesellschaftlichen Dimension – weiterentwickelt und stellt es in dem vorliegenden Buch für Studierende und Fachkräfte der Sozialen Arbeit im Zusammenhang dar.

Autor

Lothar Böhnisch war bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2009 Professor für Sozialpädagogik und Sozialisation der Lebensalter an der TU Dresden und lehrt Soziologie an der Freien Universität Bozen. Er ist Autor zahlreicher Fachpublikationen, u.a. des 2008 in 5. Auflage erschienen Buches Sozialpädagogik der Lebensalter.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Teile:

  1. Die psychodynamische Sphäre der Lebensbewältigung
  2. Die soziodynamische und gesellschaftliche Sphäre der Lebensbewältigung
  3. Mit dem Bewältigungskonzept kann die Sozialisationstheorie als Bezugstheorie der Sozialen Arbeit neu formuliert werden – Bewältigungslagen in Kindheit und Jugend
  4. Soziale Arbeit hat eine sozialpolitische Dimension – Soziale Probleme und ihre Bewältigungslagen, Sozialpolitik als Bewältigungspolitik

Inhalt

In Teil I erläutert Lothar Böhnisch Lebensbewältigung als Streben nach psychosozialer Handlungsfähigkeit in kritischen Lebenskonstellationen. Handlungsfähigkeit Ist hierbei ein Konstrukt im Magnetfeld des Selbstwerts. Insbesondere in kritischen Lebenskonstellationen mache sich als Grundantrieb des Menschen der Selbstbehauptungstrieb bemerkbar, so dass Selbstwert, Anerkennung und Selbstwirksamkeit auch um den Preis gesucht werden müssen, dass antisoziales oder auch selbstdestruktives Verhalten zur Bewältigung herangezogen wird. Mangelnde Anerkennung verbunden mit geringer Selbstwirksamkeit führe zu Hilflosigkeit des Selbst. Kann diese nicht thematisiert werden, entsteht eine geschlechtsspezifisch unterschiedlich ausgeformte Abspaltung: Männer neigen dann eher zur Externalisierung, die sich z.B. antisozial äußert, während Frauen dazu neigen, Konflikte und Mängel eher im Beziehungsbereich und bei sich selbst zu suchen. Hieraus folgert der Autor, dass Soziale Arbeit geschlechtssensibel arbeiten und funktionale Äquivalente jenseits tradierter Geschlechterrollen unterstützen müsse. Wenn Sozialarbeiter akzeptieren, dass das antisoziale oder selbstdestruktive Verhalten das einzige verbliebene Mittel ist, um auf sich aufmerksam zu machen, dann erkennen sie die subjektiver Bedeutung des Verhaltens für die Klienten an, ohne dieses selbst gutzuheißen (Trennung von Person und Delikt).

Die spezifischen Formen der Bewältigung werden in Teil II des Buches unter dem Gesichtspunkt betrachtet, wie in unterschiedlichen Sozialwelten (Milieus) jeweils Konflikte ausgetragen, Hilflosigkeit thematisiert und Selbstwert und Anerkennung erlangt werden. So betrachtet Lothar Böhnisch Familie, Clique, Schule, Betrieb und auch die Medien als Bewältigungskulturen:

  • Familie solle heutzutage vieles ersetzen, was im gesellschaftlichen Leben nicht mehr erreichbar scheint. Dies kann schnell zur Überforderung führen; zugleich wird jedoch die heile Familie als zu erstrebender Naturzustand immer wieder erhofft. Da in diesem Zusammenhang grundlegende Zweifel an der Familie still gestellt und individualisiert werden, wird nicht selten an Gewaltbeziehungen festgehalten und das Reden darüber schwer möglich.
  • In Jugendkulturen kann sich die mitgebrachte Hilflosigkeit der Einzelnen in eine demonstrative Stärke der Gruppe nach außen mit Aggressionen gegen Schwächere verwandeln.
  • Die Schule wird unter dem Gesichtspunkt betrachtet, dass Leistungskonkurrenz und Auslese sich an der Sozialwelt der Mittelschicht orientieren und die damit verbundene Hilflosigkeit sozial benachteiligter Schüler ausblendet.
  • Im Zusammenhang mit der neuen Arbeitswelt thematisiert der Autor soziale Desintegration und Gratifikationskrisen, die zu Abspaltungsdruck mit antisozialen Folgen führen können (z.B. Mobbing).
  • In einem kurzen Kapitel zu digitalen Medien wird die Rolle der Medien bei der Identitätsbildung angeschnitten.

Soziale Arbeit kann einerseits durch Kontroll- und Etikettierungstendenzen bei der Zielgruppe erneut Hilflosigkeit erzeugen und andererseits differenzierte Zugänge finden: In diesem Zusammenhang führt der Autor die Verbindung zwischen psycho-/soziodynamischer und gesellschaftlicher Ebene des Bewältigungskonzepts in der zweiten Buchhälfte genauer aus. Ziel der sozialpädagogischen Interventionen müsse die Wiedererlangung psychosozialer Handlungsfähigkeit sein. Hierbei werden Lebenslagen als Ermöglichungs- und Verwehrungskontexte in den Blick genommen. Lothar Böhnisch setzt sich in diesem Zusammenhang kritisch mit den Konzepten Lebensweltorientierung und Capability Approach auseinander. Dem Capability Approach fehle es bei seiner Übertragung auf die hiesige Gesellschaft an einer historisch gesellschaftlichen Reflexion der Entwicklung und Ermöglichung von Lebensverhältnissen und Befähigungen in Westeuropa.

Im dritten Teil interpretiert Lothar Böhnisch Sozialisation als biografischen Bewältigungsprozess vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entgrenzung. Das traditionelle Konzept der Identitätsbildung erweise sich zunehmend als zu starr und werde z.B. durch verschiedene „Postmoderne Selbste“ ersetzt. In diesem Zusammenhang trete das Streben nach Handlungsfähigkeit in den Vordergrund. Wenn die Eltern jedoch das Streben nach Eigenständigkeit und Handlungsfähigkeit psychosozial nicht zu begleiten wissen, geraten sozial benachteiligte Kinder unter erheblichen Bewältigungsdruck. Wenn sie dann als Jugendliche in der Bildungskonkurrenz unterliegen und kaum jugendkulturelle Entfaltungsmöglichkeiten haben, versuchen sie sich – so Lothar Böhnisch – über die Abwertung anderer zu stabilisieren, um Selbstwirksamkeit zu erfahren.

Die sozialpolitische Dimension der Sozialen Arbeit steht im Teil IV im Vordergrund: hier werden kurze Schlaglichter auf Armut, Arbeitslosigkeit, Sucht, Obdachlosigkeit, familiale Gewalt, Kriminalität und Migration als Bewältigungslagen geworfen.

Diskussion

Lothar Böhnisch gelingt ein in sich schlüssiges Gesamtkonzept zum Bewältigungsverhalten von Menschen in kritischen Lebenskonstellationen. Er fragt bei auffälligem Verhalten nicht: „ Warum tun sie das?“ sondern „Warum brauchen sie das?“ und greift im Zuge der psychodynamischen Dimension auf individualpsychologische Konzepte zurück, um sie dann in der soziodynamischen Dimension vor dem Hintergrund von unterschiedlichen Bewältigungskulturen weiter zu beleuchten. Abgeleitet werden konkrete Handlungsaufforderungen an die Soziale Arbeit. Das Konzept bleibt nicht beim Individuum stehen, sondern integriert ein Verständnis für gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Vor diesem Hintergrund entsteht eine Sozialisationstheorie, die als biographischer Bewältigungsprozess interpretiert wird.

Zugleich enthält das Buch zahlreiche Anregungen zur professionellen Selbstreflexion, setzt sich mit dem Verhältnis von Sozialer Arbeit und sozialen Bewegungen auseinander und fordert letztendlich zur Beteiligung an sozial verpflichteten Wachstumsdiskursen auf.

Wie jedes schlüssige Gesamtkonzept lässt auch dieses einige Aspekte unberücksichtigt: Es setzt sich nicht mit biologischen und körperlichen Aspekten oder psychischen Erkrankungen, Beeinträchtigungen der frühkindlichen Entwicklung und Traumatisierungen auseinander. Es handelt sich um eine psychosoziale Konzeptionierung und nicht um ein bio-psycho-soziales Modell. Dies wird beispielsweise im Abschnitt zur Sucht besonders deutlich.

Fazit

Das Buch eignet sich gut als fachliche Orientierung in Aus- und Fortbildung der Sozialen Arbeit und stellt ein in sich schlüssiges Konzept zum Verständnis von Menschen in kritischen Lebenskonstellationen dar. Es zeigt den sozialen Bewältigungsdruck benachteiligter Kinder, die Selbstbehauptungsversuche Jugendlicher und die Zwänge, die durch die neue Arbeitswelt entstehen, so auf, dass ein vertieftes Verständnis für innere Hilflosigkeit und Ohnmacht der Klienten entsteht. Diese Hilflosigkeit kann sich dann so bemerkbar machen, dass durch antisoziales Verhalten oder Selbstdestruktion Aufmerksamkeit und Anerkennung gesucht werden. Ziel der sozialpädagogischen Interventionen ist demzufolge die Wiedererlangung psychosozialer Handlungsfähigkeit unter Berücksichtigung von milieuspezifischen Ermöglichungs- und Verwehrungskontexten.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 06.07.2016 zu: Lothar Böhnisch: Lebensbewältigung. Ein Konzept für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3410-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20843.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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