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Anke Schu: Antisemitismus und Biographie

Cover Anke Schu: Antisemitismus und Biographie. Fallstudien männlicher, muslimisch-migrantischer Jugendlicher in Deutschland als Basis kritischer Jugendarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 290 Seiten. ISBN 978-3-7799-3425-7. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Die Untersuchung geht der Frage nach, wie die Entstehung von antisemitischen Positionierungen mit biographischen Prägungen und Erfahrungen zusammenhängen. Untersucht werden in Deutschland lebende junge Männer aus Familien mit Migrationsgeschichte, die sich der muslimischen Glaubensgemeinschaft zuordnen. Auf Basis der dabei gewonnenen Einsichten werden Anregungen für eine kritische (sozial-)pädagogische Praxis formuliert.

Autorin

Die Autorin hat Ausbildungen als Sozialarbeiterin/-pädagogin und als Erzieherin abgeschlossen. Sie war in der offenen Kinder- und Jugendarbeit tätig und hat Erziehungswissenschaften studiert. Derzeit ist sie als Lecturer am Fachbereich Sozialwissenschaften der Fachhochschule Koblenz tätig.

Entstehungshintergrund

Der besprochene Band ist die Dissertation der Autorin, mit der sie am Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt a.M. 2015 promoviert wurde.

Aufbau

Der vorliegende Band ist der erste Teil eines auf drei Bände konzipierten Werkes. Der zweite Band soll sich mit psychoanalytischen und mit sozialphilosophischen Antisemitismustheorien befassen. Für den dritten Band ist die Behandlung der Geschichte der Judenfeindschaft vorgesehen.

Die Studie stellt den empirischen Teil des geplanten Gesamtwerkes dar. Nach einer Einleitung mit der Einführung ins Thema wird auf knapp 40 Seiten das methodische Vorgehen erläutert. Es folgen dann zwei ausführliche Fallanalysen, die mit insgesamt rd. 160 Seiten den Schwerpunkt des Bandes bilden. Das Fazit umfasst 50 Seiten und erläutert die überindividuelle Bedeutung von Einzelfällen sowie die Bedeutung der Forschungsbeziehung. Zehn Seiten sind der Darstellung der „Relevanz für die (sozial-)pädagogische Praxis“ gewidmet (268-279). Es folgt ein Literaturverzeichnis von acht Seiten.

Inhalt

Die Forschungsfrage gilt dem Zusammenhang „von biographischem Erleben/ Erfahren und einer vorurteilsvoll-antisemitischen Haltung“ (17). Dabei folgt die Studie dem psychoanalytischen Paradigma, demzufolge neben den bewussten auch unbewusste Motive und Prozesse eine Rolle spielen können (51).

Methodisch arbeitet die Untersuchung mit leitfadengestützten narrativen Interviews i.S. von Alfred Schütz, die in Anlehnung an Alfred Lorenzer szenisch interpretiert werden (50-56). Das bedeutet, dass sich die Interpretin selbst als individuelle Person auf eine Interaktion mit den Interviewten einlässt und anschließend bewusst die aus der Psychoanalyse bekannten Mechanismen von Übertragung und Gegenübertragung zur Interpretation der Interviews und der Interviewinteraktion nutzt.

Interviewt wurden 15 (26f.) junge Männer, die sich als nicht-fundamentalistische Moslems verstehen (17), einen migrantischen Familienhintergrund haben und in Deutschland leben (19). Die betreffenden Gesprächspartner waren zwischen 16 und 20 Jahre alt und wurden in vier deutschen Großstädten zwischen Winter 2008 und Frühjahr 2011 interviewt (27). Die Familien der Interviewten stammen aus der Türkei, dem Libanon, Kurdistan, Palästina und dem Kosovo (27). Zum gesellschaftlichen Status ihrer Familien und ihren eigenen Bildungsabschlüssen fehlen systematische Informationen. Über die Dauer der Interviews erfährt man nur im Fall eines vorzeitig abgebrochenen Interviews etwas (46). Anhand eines Leitfadens wurden die Interviewpartner zu den sechs Themen Religion, Familie/ Erziehung, Freizeit/ Freunde, Schule/ Beruf, Identität/ Emotion und Ängste/ Wünsche/ Zukunftsentwürfe befragt (45).

Zwei der 15 Interviewten werden ausführlich vorgestellt. Die Themen des 16-jährigen, in der Studie Maslüm genannten, sind Macht und Kampf sowie die Suche „nach Anerkennung, Bedeutung/ Größe und (narzisstischer) Bestätigung entlang eines von hierarchischen Kategorien strukturierten Weltverständnisses“ (229). Seine antisemitischen Äußerungen werden als „Konstruktionen und Projektionen“ sichtbar, in der er seine „unterdrückten und konflikthaften Anteile“ auflöst (238).

Für den 19-jährigen Devran sind Geschichte und Politik in einen Kreislauf des Immer-Gleichen und letztlich Unveränderbaren einbezogen (239). Vor dem Hintergrund dieses weltanschaulichen Fatalismus folgt seine Lebenskonstruktion einer individualistischen Selbstbezogenheit. Seine Äußerungen über Juden sind vom Abwehrmechanismus der Projektion gekennzeichnet. „Was Devran den Juden vorwirft, sind Aggression, Zerstörungswut und Unbeherrschtheit“ und damit die Kennzeichen der Bezugspersonen, wie sie seine Erzählungen zu Kindheit und Jugend durchziehen (242).

Für beide Fälle resümiert die Studie, dass es sich bei den den antisemitischen Projektionen um eine „Konfliktverschiebung“ handele. „Es sind verdrängte Aggressionen, die das eigene Ich betreffen.“ (266) „Die antisemitischen Aussagen der Jugendlichen resultieren aus deren inneren ungelösten Konflikten und Spannungen.“ (267) „Was ihnen selbst fehlt, unterstellen sie den Juden [Hervorhebung i.O.], wobei der Gegenstand der Unterstellung wie auch die Juden [Hervorhebungi.O.] selbst im gleichen Moment abgewertet werden müssen, indem ihnen unterstellt wird, ihre Macht zu missbrauchen.“ (268)

Welche Einsichten werden für die pädagogische Praxis ausgesprochen? (1) Äußerungen zu dem brisanten Thema Antisemitismus sind von einer hohen Multidimensionalität geprägt, (2) biographisch komplexe Informationen haben für die Antisemitismusforschung eine hohe Bedeutung (270), (3) intensive Gespräche mit jungen Leuten zum Thema Antisemitismus stellen ein Potential für wertvolle Begegnungen zwischen dem pädagogischem Personal und seinen Adressaten dar (271f.). (4) Die sozialwissenschaftlichen Theorien zum autoritären Charakter bieten individualpsychologisch wie gesellschaftstheoretisch Erkenntnisse, „die geradezu zeitlos zu nennen sind“ (276).

Diskussion

Der für die Untersuchung gewählte Fokus auf Muslime ist problematisch. Die Autorin folgt hier einer in der Öffentlichkeit nach den Anschlägen in den USA vom 11.9.2001 etablierten Aufmerksamkeitsfokussierung, für die implizit das Merkmal „Muslime“ ausreichend scheint, um eine in sich vermeintlich homogene und eigenständige Gruppe zu konstituieren. In dieser Logik bleibt es bei einer schlagwortartig-essentialisierenden Kontrastierung einer „angenommenen deutschen wie migrantischen respektive islamischen Perspektive“ (256, 248).

Die Untersuchung zeigt, dass zwischen antisemitischen Äußerungen einerseits und bewussten lebensgeschichtlichen Erfahrungen sowie unbewussten Prägungen Zusammenhänge existieren. Dass man einen solchen Zusammenhang rekonstruieren kann, ist indes wenig bemerkenswert. Interessant wäre es, verschiedene Muster eines solchen – mit den theoretischen psychoanalytischen Grundannahmen ja bereits unterstellten – Zusammenhangs zu rekonstruieren. Vorgestellt werden aber nicht besondere Fälle, an denen allgemeine, d.h. also fallübergreifende Muster sichtbar gemacht werden; stattdessen bleibt es dabei, Lebensgeschichten und Lebensthemen von zwei individuellen Personen anhand der Interview-Äußerungen und den Übertragungs-/ Gegenübertragungsprozessen zu rekonstruieren. Über die beiden Individuen erfährt der Leser sehr viel; der Generalisierungsprozess der sozialwissenschaftlichen Erkenntnis bleibt hingegen rudimentär.

Lediglich im Abschnitt „Was die Forschungsbeziehung sichtbar macht“ (248-268) werden die anderen 13 Fälle angesprochen. Die Darstellung bleibt auch hier auf der Ebene der konkreten Äußerungen und kommt nicht zur Rekonstruktion von Mustern. Es finden sich in diesem Abschnitt – unabhängig vom psychoanalytischen Theorie- und Analyseapparat – interessante Beobachtungen zum Status des Thema Antisemitismus in öffentlichen Kommunikationen: Zu den von den jungen Männern als brisant empfundenen Themen gehören Antisemitismus, interreligiöse Konflikte, das Verhältnis von Judentum und Islam oder der Nahostkonflikt. Solche angstbesetzten Themen lassen die Interviewten zurückhaltender und vorsichtiger sprechen als bei anderen Themen (256-260). Objektiv antisemitische Äußerungen, etwa die Unterstellung eines kollektiven Rachehandelns der Juden, werden in ihrer Anstößigkeit neutralisiert, indem der „Racheplan“ als Reaktion auf die Verbrechen Nazideutschlands interpretiert wird. Deutlich wird in anderen Äußerungen das „Motiv der Opferkonkurrenz“: „Zwar kann auf Diskriminierungserfahrung [der Interviewten, dV] verwiesen werden, aber gegen das Argument des Holocaust kommen sie nicht an.“ (266).

Fragen stellen sich auch hinsichtlich des verwendeten Konzepts von Antisemitismus. „Antisemitismus“ wird einmal i.S. einer Weltanschauung verwendet, also eines in sich relativ konsistenten Gedankengebäudes verwendet; mit dieser Bedeutung des Wortes vereinbar ist die Verwendung des Singulars (etwa 54). Zum Anderen wird „Antisemitismus“ als Sammelbegriff i.S. von antisemitischen Phänomenen verwendet, zu denen die „antisemitischen Sprach- und Handlungspraxen“ (Plural!) der Untersuchten gehören (13). Die wichtige Differenz zwischen dem Ideologiekonzept und dem Containerbegriff wird jedoch nicht thematisiert – eine Unterlassung, auf die man auch ansonsten in der Antisemitismusforschung immer wieder stößt.

Mit offenen Interviews, wie sie in der explorativen Sozialforschung verwendet werden, sollen Deutungsmuster und generell Sinnstrukturen entdeckt werden, die über den Forschungsstand hinausgehen. Diese Potenz des methodischen Instrumentariums scheint die Autorin nicht auszureizen. Ihre Interpretationen bewertet sie im Fazit als Bestätigungen bereits vorliegender Studien. Oft bilden die Arbeiten von Else Frenkel-Brunswik die entsprechende Referenz (148, 237, 238, 243, 246, 277 u.ö.). Damit bestärkt die Autorin den Eindruck des Rezensenten, dass die Untersuchung wenig hervorgebracht hat, was nicht bereits bekannt gewesen war.

Anders als in wissenschaftlichen Qualifikationsarbeiten üblich, werden im Literaturverzeichnis Titel aufgeführt, deren Verarbeitung im Text selbst nicht im Einzelnen ausgewiesen wird (bspw. 20, 52 und passim); umgekehrt sind nicht alle Titel im Literaturverzeichnis aufgeführt, die im Text zitiert werden (56). Viele Titel, die in der Einleitung und im Fazit bibliographisch in den Fußnoten nachgewiesen werden, fehlen hingegen im Literaturverzeichnis. Mit dieser Praxis wird dem Leser ein einfacher Überblick über die tatsächlich genutzte Literatur erschwert.

Fazit

Die Studie geht auf Grundlage psychoanalytischer Konzepte dem Zusammenhang zwischen antisemitischen Äußerungen und biographischen Erfahrungen bei jungen männlichen Migranten nach. Auf Grundlage von 15 narrativen Interviews werden zwei Fälle ausführlich vorgestellt. Die Studie zeigt für diesen beiden Fälle, welche bewussten und welche unbewusste Lebenserfahrungen in antisemitische Positionierungen eingehen können. Die Auswertung führt nicht zur Formulierung von generellen Mustern, die von den individuellen Lebensgeschichten abgelöst werden. Bestätigt werden ältere Forschungen der sog. „Kritischen Theorie“, denen zufolge der zentrale psychologische Mechanismus zur Erklärung antisemitischer Äußerungen die Projektion eigener abgespaltener und unterdrückter Anteile ist. An ausgewählten Beispielen wird gezeigt, welchen besonderen Status die Thema „Juden“ und „Antisemitismus“ im öffentlichen und halböffentlichen Sprechen heute in Deutschland haben.


Rezension von
Dr. Michael Kohlstruck
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin/zentrum_fuer_antisemitismusforschung/menue/ueber_uns/arbeitsstelle_jugendgewalt_und_rechtsextremismus/
Homepage www.tu-berlin.de/fakultaet_i/zentrum_fuer_antisemit ...
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Zitiervorschlag
Michael Kohlstruck. Rezension vom 22.12.2016 zu: Anke Schu: Antisemitismus und Biographie. Fallstudien männlicher, muslimisch-migrantischer Jugendlicher in Deutschland als Basis kritischer Jugendarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3425-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20844.php, Datum des Zugriffs 30.11.2020.


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