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Rebekka Streck: Nutzung als situatives Ereignis

Cover Rebekka Streck: Nutzung als situatives Ereignis. Eine ethnografische Studie zu Nutzungsstrategien und Aneignung offener Drogenarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 443 Seiten. ISBN 978-3-7799-3399-1. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
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Thema

Streck legt mit ihrer Dissertation zur Dr. phil. an der Bergischen Universität Wuppertal eine Studie aus für die Soziale Arbeit zunächst ungewöhnlicher Perspektive vor. Sie beschäftigt sich mit dem Nutzungsverhalten von Menschen, die Drogen gebrauchen in Bezug auf die vorhandenen Hilfsangebote. Dabei enthält das Buch eine sehr ausführliche Beschreibung der Vorüberlegungen, des theoretischen Rahmens und des methodischen Aufbaus. Die Datenbasis bilden elf problemzentrierte Interviews mit Angebotsnutzerinnen und Nutzern sowie eine flankierende teilnehmende Beobachtung mit 54 Beobachtungsprotokollen, die sowohl der Auswahl der zu Interviewenden diente als auch dem Verständnis der Angebots- und Nutzungsstruktur in den ausgewählten Einrichtungen.

Autorin

Rebekka Streck ist Dipl. Sozialpädagogin und hat Lehraufträge an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Schwerpunkte Ihrer Forschung sind Sozialpädagogische NutzerInnenforschung und Drogenforschung.

Entstehungshintergrund

Die Arbeit ist als Dissertation eingereicht worden und hat einen hohen Anteil an Forschungsbeschreibung. Sie eignet sich deshalb nicht nur als Lektüre bezüglich der expliziten Fragestellung der NutzerInnenforschung in der Drogenarbeit, sondern auch als Anschauungsobjekt für Ethnografische Forschungsvorhaben, teilnehmende Beobachtung und Überlegungen zur Grounded Theory.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel.

Zu 1. Die theoretische Konstruktion des Forschungsgegenstands. In diesem Kapitel werden für das weitere Verständnis grundlegende Begriffe ausführlich diskutiert und in einen wissenschaftlichen Zusammenhang gestellt. Dabei beschäftigt sich Streck im ersten Unterkapitel mit dem Begriff der Nutzung als Forschungsgegenstand. Dabei orientiert sie sich am Nutzungsbegriff von Oelrich und Schaarschuch. Sie stellt die (Co-) Produktion der Sozialen Dienstleistung in den dreifachen Zusammenhang von institutioneller, professioneller und adressatInnenbezogener Perspektive, um sich im Weiteren explizit und fokussiert in Bezug auf ihr Forschungsvorhaben der adressatInnenbezogenen Perspektive zu widmen. Im zweiten Unterkapitel thematisiert sie den weiten Begriff der offenen Drogenarbeit und konkretisiert ihn für das abzusteckende Forschungsfeld. Überdies wird hier ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand in der offenen Drogenarbeit gegeben.

Zu 2. Methodologie und Methodik der Studie. Im zweiten Kapitel wird die Forschungsmethodik ausführlich thematisiert. Nach einer Fundamentierung durch wissenssoziologische Überlegungen erfolgen im zweiten Unterkapitel konkrete methodologische Überlegungen zum Forschungsvorhaben gepaart mit forschungstheoretischer Fundierung. Im Weiteren erfolgt dann eine Beschreibung der geplanten Datenproduktion (Unterkapitel drei), Überlegungen zur Theoriekonstruktion bezüglich der zu gewinnenden oder bereits gewonnenen Erkenntnisse (Unterkapitel vier) und die Beschreibung des Verfassens des Forschungsberichts (Unterkapitel fünf).

Zu 3. Nutzung und institutionelle (An)Ordnungen offener Drogenarbeit. Im dritten Kapitel wird die konkrete Nutzung der Angebote thematisiert. Dabei wird, basierend aus Beispielen aus der teilnehmenden Beobachtung, die institutionelle Anordnung ebenso beleuchtet wie die Merkmale und Strategien der Nutzung. In den Text werden dabei zur Veranschaulichung immer wieder Sequenzen aus den Gesprächsprotokollen mit eingestreut. Dabei liegt der Fokus auf der Motivation des Handelns, ausgehend vom Handlungsziel. Hier stützt sich Streck auf Schütz / Luckmann.

Zu 4. Die Nutzung bedingende Relevanzschemata. Im vierten Kapitel thematisiert Streck die Einstellung der NutzerInnen. Dazu verschränkt sie die in Kapitel 3 referierten gewonnenen Erkenntnisse der Motivation der Nutzerinnen zur Nutzung mit deren biografischen Erfahrungen und alltäglichem und gesellschaftlichem Wissen. Die biografischen Erfahrungen fundiert sie hier durch die Analyse der geführten Interviews.

Zu 5. Aneignung – ein fortwährender, sozial situierter Prozess. Nachdem Streck in den vorangegangenen Kapiteln die individuellen Problemdimensionen und die sozial – gesellschaftlichen Gegebenheiten herausgearbeitet hat, beschäftigt sie sich im fünften Kapitel mit der Passung der NutzerInnen auf die Angebote; wobei Sie hier den Begriff der Aneignung, den sie als Herstellen einer Kompatibilität zwischen den gesellschaftlichen Gegebenheiten der Dienstleistung und der eigenen Bedürfnisse versteht, verwendet. Hier verschränkt sie die Ergebnisse aus den biografischen Interviews mit der teilnehmenden Beobachtung der NutzerInnen und des Nutzungsangebots.

Zu 6. Nutzung als situatives Ereignis. Im sechsten, auswertenden Kapitel setzt Streck die Aspekte der Nutzung aus den vorangegangenen Kapiteln miteinander in Beziehung und stellt deren Verbindungen dar. Dabei geht Sie auf die Möglichkeiten und Grenzen ein und arbeitet drei Bedingungszusammenhänge heraus: Nutzung im institutionell angeordneten Raum Sozialer Arbeit, Nutzung im Kontext von gesellschaftlichen Gegebenheiten und Nutzung durch Nutzungsstrategien und Aneignungsformen der NutzerInnen. Am Ende dieses Kapitels erfolgt ein Ausblick auf weitergehende Forschungsnotwendigkeit im beforschten Bereich, fundiert durch die vorhandenen Erkenntnisse und Ergebnisse.

Zu 7. Ethnografische Nutzungsforschung als Ansatzpunkt für den Dialog mit Sozialarbeiter_innen. Das abschließende Kapitel wendet seinen Blick auf die (mit-)produzierenden Sozialarbeitenden in dem konkreten Forschungsvorhaben und deren Gewinn durch die Forschung.

Fazit

Das Werk von Streck befasst sich mit der NutzerInnenforschung in Bezug auf NutzerInnen von Angeboten offener Drogenarbeit. Dabei geht sie einerseits durch teilnehmende Beobachtung auf die Nutzung von Kontaktläden und -bussen ein und fundiert den Zusammenhang von biografischem Geworden-Sein mit dem Nutzungsverhalten andererseits durch biografische Interviews. Die Arbeit enthält einen großen Anteil an Forschungsbeschreibung und ist deshalb gut als Anschauungsobjekt für Forschungsprozesse geeignet. Konkrete, greifbare Ergebnisse, womöglich Handlungsanweisungen oder Ideen, wie sie sich Sozialarbeitende aus der Praxis vielleicht wünschen würden, sind in diesem fundierten Werk nicht (oder nur schwer) zu finden.


Rezensentin
Maike Wagenaar
M.A. Sozialmanagement, Dozentin an der Hochschule Hannover
Homepage www.hs-hannover.de
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Zitiervorschlag
Maike Wagenaar. Rezension vom 11.10.2016 zu: Rebekka Streck: Nutzung als situatives Ereignis. Eine ethnografische Studie zu Nutzungsstrategien und Aneignung offener Drogenarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3399-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20845.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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