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Michael Rehder: Psychisch belastete Eltern in der sozialpädagogischen Familienhilfe

Cover Michael Rehder: Psychisch belastete Eltern in der sozialpädagogischen Familienhilfe. Ergebnisse ethnografischer Forschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 445 Seiten. ISBN 978-3-7799-3374-8. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
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Thema

Wie der Titel des Buches zutreffend formuliert, befasst sich Michael Rehder in seiner Studie mit psychisch belasteten Eltern in der Sozialpädagogischen Familienhilfe (im Folgenden abgekürzt als SPFH) und greift damit sowohl ein Forschungsdesiderat als auch ein in der professionellen Praxis bedeutsames Thema auf.

Autor

Dr. phil. Michael Rehder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im FB Erziehungswissenschaften der Universität Bielefeld am Zentrum für Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter. Er studierte Sozialpädagogik (Diplom) und Soziale Arbeit (Master). Derzeit absolviert er eine Approbationsausbildung zum Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche. Seine Arbeitsschwerpunkte sind qualitative Forschungsmethoden, Kinder- und Jugendhilfeforschung und psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter.

Entstehungshintergrund

Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um die im Jahr 2014 an der Universität Duisburg-Essen abgeschlossene Dissertation des Autors.

Aufbau

Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert und folgt dem klassischen Aufbau einer empirischen Studie.

  1. Kapitel 1 befasst sich mit psychischen Störungen und Elternschaft,
  2. Kapitel 2 mit der Sozialpädagogischen Familienhilfe.
  3. In Kapitel 3 wird das forschungsmethodische Vorgehen präsentiert.
  4. Kapitel 4 stellt als „Empirischer Zugang zur Hilfesituation“ zwei ethnographische Fallanalysen sowie eine differenzperspektivische Analyse (Perspektive der Eltern und Perspektive der Fachkräfte) vor.
  5. In Kapitel 5 werden diese Ergebnisse sowohl forschungs- als auch praxisbezogen diskutiert.

Inhalt

In der Einleitung skizziert der Autor die Fragestellung seiner Arbeit. Vor dem Hintergrund der steigenden Zahlen psychischer Störungen und den Belastungen von Kindern in der Folge elterlicher Erkrankungen sowie einer „mangelnde(n) Passung zwischen der Qualifizierung von Fachkräften der Sozialen Arbeit … Angeboten der Jugendhilfe und den Bedürfnissen betroffener Familien“ (S. 11) soll die Untersuchung explorieren „welche Sichtweisen (a) die Fachkräfte auf die Arbeit mit psychisch belasteten Eltern haben und (b) welche Sichtweisen vice versa die Klienten auf die konkrete Praxisrealisierung formulieren“ (S. 16). Damit zielt Rehders Untersuchung darauf ab, „explorative Erkenntnisse darüber zu generieren, ob und wie professionelle Fachkräfte sozialpädagogischer Familienhilfe Handlungssicherheit in der Interaktion mit Familien mit psychisch stark belasteten Eltern beschreiben bzw. entwickeln und inwiefern betroffene Eltern das Hilfearrangement als bedürfnisadäquat bzw. passgenau beurteilen“ (ebd., 17).

In Kapitel 1 befasst sich der Autor mit psychischen Störungen und Elternschaft. Er thematisiert die Bedeutsamkeit psychischer Störungen und die Belastung der Angehörigen. Rehder arbeitet heraus, dass unterschiedliche Hilfesysteme (Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Jugendhilfe) beteiligt sind, die nicht hinreichend vernetzt arbeiten. Er stellt die Prävalenzen und Risiken betroffener Kinder dar und beschreibt die interindividuelle Spannbreite von kindlichen Reaktionen auf das Aufwachsen mit einem psychisch kranken Elternteil sowie typische Belastungsfaktoren des kindlichen Wohlbefindens. Außerdem erörtet er das Borderline-Syndrom, die Schizophrenie und die unipolare Depression als bedeutende Störungsbilder der Eltern.

In Kapitel 2 zur Sozialpädagogischen Familienhilfe stellt der Autor diese hinsichtlich Aufgaben und Genese vor und wirft die Frage auf, weshalb die Fachkräfte etwas von psychischen Störungen verstehen sollten. Sodann werden Untersuchungen zur SPFH rezipiert. In der Synopse hält Rehder fest, dass für eine höhere Handlungssicherheit der Fachkräfte und qualitätsvollere Interventionen „ein gesichertes psychiatrisches und psychotherapeutisches Wissen“ (S. 146) vonnöten ist.

Das forschungsmethodische Kapitel 3 befasst sich mit dem fokussiert ethnographischen Zugang, mit dem in den Jahren 2011 und 2012 zwei SPFH über jeweils sechs Monate untersucht wurden. Neben den teilnehmenden Beobachtungen setzt Rehder standardisierte Screeninginstrumente zu psychischen und Verhaltensauffälligkeiten ein, um die vorhandenen familiären Belastungslagen einzuschätzen. Die Ergebnisse der Feldforschung werden wie bei Ethnographien üblich als dichte Beschreibung gefasst und vom Autor durch die Auswertung einiger Sequenzen mittels eines integrativen texthermeneutischem Auswertungsverfahren ergänzt.

Kapitel 4 zeigt die Ergebnisse der ethnographischen Studie anhand von zwei Fallanalysen der Hilfeprozesse (Frau Weingarten und Familie Schulze, Frau Ehrenfeld und Familie Jahn) auf. Dabei beschreibt Rehder zusammenfassend die Begleitung, stellt die Familienzusammensetzung sowie die Ergebnisse der von ihm mit standardisierten Screeninginstrumenten erhobenen Belastungswerte der Eltern und ihres Erziehungsverhaltens, die Rahmenbedingungen der Hilfe, die bestehenden Problemlagen, die Wahrnehmung der Belastungslage durch die Eltern und ihren Umgang damit vor und schätzt die kindliche Situation ein. In einer differenzperspektivischen Analyse werden die Sichtweisen der Eltern und Fachkräfte dargestellt und als wesentliche Ergebnisse der Feldforschung Forderungen für eine gelingende SPFH-Arbeit mit psychisch belasteten Familien gestellt (ebd., 304f.). Die Fallanalysen vermitteln gute Einblicke in die Erwartungen der Klienten an die Hilfe. Sie zeigen eindrücklich die subjektive Wahrnehmung und den Umgang mit den vielfältigen Belastungen aus der Perspektive der Adressaten, so etwa die Überforderung und Erschöpfung der Mutter Frau Schulze, ihre biographischen Belastungen, ihr Wunsch selber Schutz und Geborgenheit zu erfahren, die ansatzweise Wahrnehmung von Anerkennung und Ermutigung in der Intervention, von der sie jedoch den Eindruck hat, es geht nicht um sie, sondern um die Kinder. Sehr eindrücklich wird auch ihr Umgang mit den Kindern, z.B. ihre Möglichkeiten auf deren Forderungen zu reagieren, dargestellt. Die Perspektive der Fachkräfte wird ebenso gut nachvollziehbar herausgearbeitet, etwa die Bedenken und Hemmungen Frau Weingartens die offensichtliche Überlastungssituation der betreuten Mutter zu thematisieren und damit offen zu legen. In weiten Teilen liest man die Darstellung der Ergebnisse mit Schrecken, so z.B. wenn man erfährt, dass Frau Ehrenfeld in ihrem Studium der Sozialen Arbeit nie etwas von Hilfen zur Erziehung gehört hat (S. 253) bzw. aktuell bis zu 18 (!) Familien gleichzeitig betreut (S. 254), oder wenn sich der Hilfeverlauf als wiederholte Erfahrung des Scheiterns, der Ohnmacht gegenüber den Belastungen und als Erleben von Hilflosigkeit – sowohl von Seiten der Fachkräfte als auch der Familien – darstellt.

Das fünfte Kapitel erörtert die Ergebnisse forschungs- und praxisbezogen insb. hinsichtlich traumatisierten Klient/-innen in den Hilfen zur Erziehung, interdisziplinären Ansätzen zum Verständnis bedeutsamer Ergebnisse sowie wohlfahrtsstaatlichem Wandel, Arbeitsbedingungen und Erschöpfung der Fachkräfte. Rehder diskutiert, wie sich die beobachteten Schwierigkeiten in den Interaktionen verstehen lassen, was die Eltern hindert, Anregungen umzusetzen, wie sich die Einschränkungen der Eltern hinsichtlich empathischem Verhalten ihren Kindern gegenüber durch manualisierte spezifische Behandlungsmethoden nachholen lassen, inwiefern therapeutische Angebote ein realistisches Ergänzungsangebot für „Familien aus unterprivilegierten Milieus“ (S. 363) darstellen und entwirft einen aktuellen „Entwurf idealtypischen professionellen Vorgehens für die SPFH“ (S. 368f.). Der letzte von ihm aufgegriffene Aspekt thematisiert Ökonomisierung und Arbeitsbedingungen in der Jugendhilfe und die Grenzen der Belastbarkeit der Fachkräfte.

Diskussion

In der Dissertation fehlt es mir persönlich an einigen Stellen an Präzisierungen und Konkretionen. So werden z.B. Prozentangaben aus Untersuchungen ohne Angabe der Grundgesamtheit wiedergegeben (z.B. S. 29 Tabelle und im Text), was eine eigene Urteilsbildung des Lesers – ob er dem Autor in diesem Punkt folgen kann oder nicht – erschwert. Ebenso verschweigt Rehder leider, wie er den Bezug zwischen psychischen Störungen und traumatisierten Klienten (Kapitel 5) herstellt.

Die Schwierigkeiten, das Thema zahlenmäßig zu erfassen werden plausibel dargestellt (Dunkelziffer, diagnostizierte vs. vermutete psychische Störungen bzw. Belastungen). Für den Bereich der Jugendhilfe übernimmt Rehder die Werte 10 % elterlicher psychischer Störungen im Bereich HzE von Schone und Wagenblass (ohne Dunkelziffer) und Schmutz von ca. 33 % (im Setting der kollegialen Fallberatung, psychiatrische Diagnose und Verdacht). Diese bereits auf S. 30 dargestellte Tabelle findet sich ebenso später – ohne Verweis auf die bereits erfolgte Darstellung – auf S. 94.

Auf S. 97 findet sich in der Rezeption einer Untersuchung aus der Deutschschweiz der Begriff „seelisch gestörte Eltern“, der in seiner Defizitorientierung vom Autor nicht problematisiert wird.

Im Folgenden wird die Lesbarkeit dadurch erschwert, dass Unterüberschriften genauso gesetzt sind, wie die eine Ebene darüber liegenden Überschriften (z.B. S. 120ff.).

In der Einleitung des fünften Kapitels, in dem die Ergebnisse diskutiert werden, thematisiert der Autor zwar, dass er aufgrund des kasuistischen Zugriffs keine Handlungsempfehlungen ableiten kann, sondern lediglich problematisierte Aspekte mittels rahmender Literatur einem kritischen und anwendungsorientiertem Blick unterwerfen will. Allerdings wird das in den folgenden Ausführungen wenig deutlich bzw. macht Rehder nicht immer kenntlich, ob seine Ausführungen sich auf seine theoretische Arbeit, den empirischen Teil oder beides beziehen. So ist bei der Diskussion zu „unzureichend versorgten Eltern im Praxisalltag der Fachkräfte“ (S. 399) zu wenig berücksichtigt, dass sich die empirischen Analysen auf zwei Fälle beschränken, die sich je nach deren Auswahl (z.B. Feldzugang über einen Dienst, der über Konzepte der Arbeit mit psychisch kranken Eltern und entsprechend fortgebildetes Fachpersonal mit Erfahrungswissen mit dieser Zielgruppe verfügt) auch anders hätte darstellen können.

Zudem lässt das Fazit der Arbeit eine klarere Positionierung des Autors vermissen. Spricht er zu Beginn seiner Arbeit von der „Ermangelung profunder Kompetenzen im Bereich ätiologischer und pathogenetischer Aspekte seelischer Störungen“ (S. 11) und weist kurz darauf darauf hin: „möglicherweise agieren sie (AF: die Fachkräfte) aber auch äußerst zielgruppenaffin, gerade weil sie thematisch kaum vorsensibilisiert sind, einen engen Kontakt zu den Eltern aufbauen, womöglich weniger mit Diagnosen umgehen und so weniger dazu tendieren vorschnell zu pathologisieren“ (S. 15). Außerdem rezipiert er Schmutz, die rät, zur sozialpädagogischen Gesamteinschätzung ggf. psychiatrische Expertise zu Rate zu ziehen und „bezugswissenschaftliche Einschätzungen gleichberechtigt … zu involvieren, ohne dass jene das genuin sozialpädagogische überblendet“ (S. 101). In der abschließenden Diskussion werden die anfangs vorgetragenen Forderungen nach psychiatrischer/psychotherapeutischer Expertise der Fachkräfte dann aber relativiert. Es geht dem Autor nicht darum, dass die Fachkräfte psychiatrische Diagnosen nach ICD oder DSM stellen oder „abgespeckte Psychotherapie“ (S. 401) durchführen sollen oder in Anlehnung an Gahleitner und Pauls gar um eine „Wiederauflage einer Psychiatrisierung der Sozialen Arbeit“ (ebd.), sondern eine kritisch-reflexive die Wissensbestände von Nachbardisziplinen berücksichtigende Perspektive. Dieser Auffassung zuzustimmen fällt nicht schwer. Eine professionstheoretische Einordnung und das Aufgreifen des Spannungsfeldes von Spezialisierung und Generalisierung hätte die Perspektive auf das Thema möglicherweise gewinnbringend ergänzen können.

Abschließend fordert Rehder den Klienten ein „tragfähiges, Sicherheit gewährendes Beziehungsangebot (zu) unterbreiten“ (S. 402), ausreichende Zeitfenster für die Arbeit sowie Strukturen, die es ermöglichen, Kooperationen anzubahnen, was sich unter den aktuellen Rahmenbedingungen der Hilfe als schwierig darstellt. Seine Mahnung nach Kooperationsbezügen zwischen Jugendhilfe und Psychiatrie sind durchaus angebracht, kann man in den aktuellen Diskursen doch den Eindruck gewinnen, das Thema Kooperation wird vorrangig in Bezug auf die Zusammenarbeit von Gesundheitswesen und Jugendhilfe im Rahmen Früher Hilfen oder die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe im Zuge der Entwicklung von Ganztagsschulen forciert. Des Weiteren kritisiert der Autor die prekären Beschäftigungsbedingungen und den damit einhergehenden Professionalisierungsverlust und fordert, „an den Stellschrauben der Hilfeerbringungsbedingungen ansetzen: mehr Zeit für die Familienmitglieder, mehr Zeit um sich zu erholen, mehr Zeit um sich zu qualifizieren, mehr Zeit um zu kooperieren“ (S. 412).

Liest man Rehders Dissertation vor dem Hintergrund der Entwicklungen in der SPFH, so ist der Einschätzung von Wolf, dass die Hilfen sich in der Phase der Erosion (Wolf 2012, 146) befinden, zuzustimmen. An vielen Stellen wird man ob der beschriebenen Durchführung der Hilfen in Bezug auf deren Standards und Qualitätskriterien mehr als hellhörig. So z.B. bei den unangekündigten Hausbesuchen (S. 267), die die SPFH als pures Kontrollinstrument erscheinen lassen. Auch die Rückmeldung der Klienten zur Begleitung durch den Forscher „haben sie uns mit dem einfach nur zuhören mehr geholfen als Frau Ehrenfeld“ (S. 280) deutet auf eine gravierende Leerstelle der SPFH hin, zu deren Arbeitsbasis ein „tragfähiges, Sicherheit gewährendes Beziehungsangebot“ (S. 402) als Selbstverständlichkeit gehören sollte. Interessant ist auch, dass die Eltern einen zu geringen Anteil handlungsorientierter Unterstützung vermissen. Die vorrangig gesprächsförmige Durchführung der SPFH, wie sie uns in den Studien von Petko (Petko 2004) oder Richter (Richter 2013) begegnet, stößt hier offensichtlich an Grenzen. Rehder konstatiert, dass langfristige Veränderungsmöglichkeiten nur mit ausreichenden Möglichkeiten starker, direkter, gemeinsamer Handlungserprobung Aussicht auf Erfolg und Verstetigung haben (S. 359).

Die Äußerungen der SPFH-Fachkräfte Frau Weingarten und Frau Ehrenfeld verweisen auf hohe Fallzahlen, das Primat der Finanzierbarkeit, viele Kontrollaufträge sowie mangelnde Zeit und Erschöpfung. Sie zeigen sehr deutlich auf, dass die SPFH ihre Chancen der Verbesserung der Lebens- und Sozialisationsbedingungen nicht nutzen kann, wenn resignierte Familien und desillusionierte Familienhelfer aufeinander treffen. Mit den Worten Rehders:„Die durch ihren Arbeitsalltag überforderten Fachkräfte stehen überforderten Eltern gegenüber“ (S. 351). Das Arbeiten von Berufsanfängern im Feld widerspricht den Kriterien von Blüml, Helming und Schattner (DJI – Deutsches Jugendinstitut 1999, 18ff., s.o.), die als günstige Bedingung mindestens drei Jahre Berufserfahrung im Arbeitsfeld nennen. Die Fachkräfte schildern Hilflosigkeit, Ratlosigkeit, Ohnmacht, Frustration und Erschöpfung, was nicht verwunderlich ist, wenn bis zu zwanzig Familien pro Fachkraft (!) betreut und bis zu 50 Fachleistungsstunden pro Woche (!) geleistet werden (ebd., 206). Die Schilderungen der Eltern zeigen auf, wie Überforderung, Erschöpfung und das Agieren an der Grenze der Belastbarkeit sowie traumatisierende Erfahrungen in der Herkunftsfamilie das Familienleben beeinträchtigen. Die im Mittelpunkt der Hilfe (Frau Weingarten und Familie Schulze) stehende Arbeit an der Erziehungskompetenz verspricht ohne Bearbeitung der eigenen unverarbeiteten traumatischen Sozialisationsbedingungen keine langfristige Lösung im Sinne einer Unabhängigkeit von Hilfe. So werden bspw. Reaktionen der Kinder als böswillige, persönliche Angriffe verstanden, altersunangemessene Erwartungen (z. B. Rücksicht auf die Eltern nehmen) gestellt oder die eigene Bedürftigkeit auf die Kinder übertragen. Der Zusammenhang von Erziehungsschwierigkeiten und elterlichen psychischen Leidenszuständen kann durch das weitgehende Fehlen adäquater, vernetzter Hilfsangebote nicht hinreichend bearbeitet werden (ebd.).

Leider muss ich anmerken, dass das Lesen der Studie recht mühsam war. Dies liegt an der Sprache des Autors, der von „prägravierte(n) Eltern“ (S. 337) und „massierten Problemkonstellationen“ spricht, den es „deucht“ und der sich einer m.E. nach bildungssprachlich veralteten Wortwahl mit vielen lateinischen Einsprengseln (Proprium, prinzipaliter, coram publico) und Fremdwörtern (invisibilisieren, dissolvieren, deliberieren) bedient. Bei Sätzen wie diesen: „Als effektiv erwiesen sich weiterhin nur Direktiven, die aktives Verhalten evozierten, konträr zu einer für Schuster intolerable Verhaltensweisen befehdenden Handlungsstilllegung intendierenden Verabreichung“ (S. 113) oder „sei es insinuiert von einer sehr einseitigen Vorstellung von sakrosankter Wissenschaft oder einem rigoristischen professionalem Distanzierungsgebot beflügelt“ (301) kann man folgendes Zitat aus einem Beobachtungsprotokoll sehr gut nachvollziehen: „Mein erster großer Fauxpas ist, dass ich mich während meiner Vorstellung wohl einer etwas preziösen bzw. geschraubten, mithin unverständlichen Sprache bedient habe … Herr Holst lächelt und eröffnet mir einen Ausweg. Er sagt zu meinem Sermon ‚Alles klar und jetzt nochmal auf deutsch‘“ (S. 215).

Dass die Vorlage zu Vorstellung/Einverständniserklärung auf den letzten Seiten des Buches doppelt gedruckt ist (S. 444 und 445), ist vermutlich nicht dem Autor, sondern dem Verlag anzulasten.

Fazit

Insgesamt widmet sich Rehder mit „Psychisch belasteten Eltern in der Sozialpädagogischen Familienhilfe“ einem spannendem und durchaus relevanten Thema. Ich habe das Buch an den Stellen der beiden Fallanalysen, an denen die Belastungen der Eltern oder ihr Umgang mit den Kindern deutlich werden, mit großem Gewinn gelesen. Von solchen Passagen, die die Chancen der Ethnographie genutzt haben, um die Struktur und Beschaffenheit des untersuchten Phänomens zu erhellen, hätte ich mir mehr gewünscht. In Bezug auf die dargestellte SPFH ist die von Rehder vorgelegte Arbeit unter Professionalisierungs- und Qualitätsaspekten mehr als kritisch zu sehen, da die Fachkräfte im Umgang mit den Klienten eher Handlungsunsicherheit beschreiben und die Eltern sich durch die Hilfen eher zusätzlich belastet fühlen.

Verwendete Literatur:

  • DJI – Deutsches Jugendinstitut (Hg.) (1999): Handbuch Sozialpädagogische Familienhilfe. Bundesministerium für Familie, Senioren Frauen und Jugend. 4. Auflage. Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH.
  • Petko, Dominik (2004): Gesprächsformen und Gesprächsstrategien im Alltag der Sozialpädagogischen Familienhilfe. Göttingen: Cuvillier Verlag.
  • Richter, Martina (2013): Die Sichtbarmachung des Familialen. Gesprächspraktiken in der Sozialpädagogischen Familienhilfe. 1. Aufl. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.
  • Wolf, Klaus (2012): Sozialpädagogische Interventionen in Familien. 1. Aufl. Weinheim: Beltz Juventa (Basistexte Erziehungshilfen).

Rezensentin
Dipl. Päd., Dipl. Sozarb./Sozpäd. Anja Frindt
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Zitiervorschlag
Anja Frindt. Rezension vom 03.04.2017 zu: Michael Rehder: Psychisch belastete Eltern in der sozialpädagogischen Familienhilfe. Ergebnisse ethnografischer Forschung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3374-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20846.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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