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Annelies Schimak: Über die Schamesröte einer jungen Turnusärztin (Pschosomatik)

Cover Annelies Schimak: Über die Schamesröte einer jungen Turnusärztin – die Darstellung der Psychosomatik in Lehrbüchern der Medizin. Eine kritische Diskursanalyse. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2014. 187 Seiten. ISBN 978-3-8300-7893-7. D: 79,80 EUR, A: 82,10 EUR, CH: 109,00 sFr.

Schriftenreihe: Forschungsarbeiten und Ergebnisse aus der psychosomatischen Medizin und Psychotherapie; Hrsg: Prof. Dr. Manfred E. Beutel, Universität Mainz, Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
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Thema

Im Buch wird die Darstellung der Psychosomatik in den empfohlenen Lehrbüchern für Medizin der Universität Wien (Stand 2007) diskutiert.

Autorin

Anneliese Schimak ist Ärztin in Ausbildung zur Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Niederösterreich.

Aufbau

Das Buch umfasst 187 Seiten und gliedert sich in folgende Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Medizinpluralismus
  3. Biomedizin
  4. Psychosomatik
  5. Über die Sprache der Medizin
  6. Die kritische Diskursanalyse
  7. Der Forschungsprozess
  8. Empirische Analyse
  9. Ergebnisse
  10. Zusammenfassung und abschließende Betrachtungen

Die Autorin untersuchte in ihrer Forschungsarbeit insgesamt 14 medizinische Lehrbücher der empfohlenen Literaturliste der Universität Wien (Stand 2007) in Hinblick auf ihre psychosomatischen Inhalte. Da psychosomatische Erkrankungen in unterschiedlichen medizinischen Fächern behandelt werden, wurden Lehrbücher folgender Bereiche verwendet: Innere Medizin, Chirurgie, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Dermatologie, Neurologie, Gynäkologie und Augenheilkunde.
Die Autorin zeigte die Diskrepanz zwischen der beschriebenen Häufigkeit der Beschwerden (z. B. 15% der PatientInnen, die den Arzt wegen vermeintlicher Herzbeschwerden aufsuchen und unter funktionellen Herzbeschwerden leiden, sind psychosomatisch erkrankt) und der dafür verwendeten Anzahl von Seiten (oft nur wenige Buchseiten) auf. Das gesamte Lehrbuch umfasst hingegen oft mehr als 1000 Seiten.

Von den 14 Lehrbüchern wurde Psychosomatik in zwei Kapiteln abgehandelt, sonst in wenigen Zeilen oder gar nicht beschrieben. Psychosomatische Beschwerden umfassten in den empfohlenen Lehrbüchern für Medizin der Universität Wien (Stand 2007) eine marginale Rolle.

MedizinstudentInnen bereiten sich auf Prüfungen häufig durch intensives Studium der empfohlenen Lehrbücher vor. Die Autorin kam zum Schluss, dass jene Lehrinhalte, die in den Büchern breiten Raum einnehmen, damit ihre wissenschaftliche Gültigkeit und Bedeutung erlangen, während nicht-existente Themen, wie die Psychosomatik, als nicht praxisrelevant angesehen werden.

Im Lehrbuch für Gynäkologie und Frauenheilkunde umfasst die Psychosomatik ein großes Kapitel. Die Autorin vermutete einen Zusammenhang mit der Behandlung von Frauen, denen offensichtlich noch eher als Männern eine psychosomatische Erkrankung zugestanden wird. Fakt ist, dass doppelt so viele Frauen als Männer psychosomatisch erkranken.

In den Fachbüchern für Chirurgie und Augenheilkunde wurden psychosomatische Inhalte fast nicht erwähnt, für Dermatologie und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde wurden diese in nur wenigen Zeilen abgehandelt.

Sprache und Stil

Die psychosomatischen Diagnosen wurden oft zum Schluss genannt, auch oft unter Anführungszeichen oder als einzige optisch nicht hervorgehoben.

Weiters wurden psychosomatische Überlegungen oft mit subjektiven Gefühlen beschrieben und dadurch in die Nähe der Unwissenschaftlichkeit gerückt.

Die Autorin untersuchte auch die beschreibende Wortwahl und kam zu dem Schluss, dass in der „Schulmedizin“ von Krankheiten und klinischen Symptomen gesprochen wird. In der Psychosomatik ist hingegen von Verhaltensschemata, Beschwerden, Befindlichkeitsstörung, dem Gefühl der Atemnot oder dem Gefühl von subjektivem Schwindel die Rede.

In der Wortwahl fiel weiters auf, dass in der Psychosomatik wiederholt die Bezeichnung „Person“ und damit Persönlichkeitszüge und nicht wie üblich „PatientIn“ verwendet wurden. Durch die Sprache wurde Simulation und Täuschung, zu viel Zeit für Arztbesuche oder durch die subjektive Beschreibung der Symptome als bewusst oder unbewusst falsche Reaktionen suggeriert. Die Worte wurden verharmlost.

Manche Autoren verwendeten oftmals Anführungszeichen, z.B. beim Wort „Herzanfälle“ oder schrieben von „vermeintlichen Herzbeschwerden“. Diese Wortwahl und Schreibweise stellte somit die Glaubwürdigkeit der Beschwerden und somit der PatientInnen in Frage. Psychosomatische Erkrankungen wurden damit in den Bereich der Täuschung und Simulation gerückt.

KollegInnen, die der Psychosomatik aufgeschlossen sind, wurden als AlternativmedizinerInnen bezeichnet und als ausschließlich auf die Bedürfnisse der PatientInnen eingehend beschrieben.

Ursachen und Therapie

Die Frage nach dem Krankheitswert psychosomatischer Erkrankungen wurde in den ausgewählten Textstellen immer wieder gestellt. Laut Autorin waren dabei oftmals die beschriebene Harmlosigkeit der Beschwerden, das Nichtvorhandensein objektivierbarer organischer Befunde sowie die Besserung der Symptome durch Ablenkung auffallend.

Die psychosomatische Diagnose wurde fast immer als Ausschlussdiagnose gestellt – das heißt, wenn trotz aufwendiger Untersuchungen keine organische Erkrankung gefunden wird, muss es psychosomatisch sein.

Stress als mögliche Ursache für psychosomatische Beschwerden wurde sehr häufig genannt, Entspannungsmethoden wurden als einzige Therapieform angeboten.

KollegInnen, die der Psychosomatik aufgeschlossen sind, wurden als AlternativmedizinerInnen bezeichnet und als ausschließlich auf die Bedürfnisse der PatientInnen eingehend beschrieben.

Die Autorin stieß in vielen Textpassagen auf inhaltliche Marginalisierungen, was sie als Entwertung der Psychosomatik deutete. Es erfolgten Umschreibungen der Therapie, wie zum Beispiel durch die Begriffe psychosomatische Betreuung oder psychosomatische Hilfe. Die Psychotherapie als eigenständige Behandlung wurde in keinem Lehrbuch genannt, hingegen wurden andere Behandlungsformen (geeignete Klimabehandlungen, diverse Diät- und Badekuren) erwähnt.

Psychische Ursachen wurden als mögliche Faktoren in der Ätiologie und Pathogenese erwähnt, ein roter Faden bis hin zur Diagnostik und Therapie fehlte jedoch.

In einer einzigen Textpassage aller 14 Lehrbücher (Chronische Unterbauchschmerzen) fanden beide Ansätze gleichwertig Platz – schulmedizinisches Diagnoseverfahren, relevante Fragestellungen in der Anamneseerhebung, ernst genommene psychosomatische Aspekte, keine Vermischung von Psychotherapie und ärztlicher Gesprächsführung.

Die Anamnese stellte in der Psychosomatischen Medizin ein sehr wichtiges diagnostisches Mittel dar. Auch diese fand in den Texten wenig Platz oder wurde auf schulmedizinische Aspekte reduziert.

In der Zusammenfassung vermutet die Autorin, dass die Psychosomatik aus schulmedizinischer Sicht eher der Psychiatrie zugeordnet wird.

Zielgruppe

ÄrztInnen, PsychotherapeutInnen, PsychologInnen; PatientInnen und alle Personen, die am Thema Psychosomatik interessiert sind.

Zusammenfassung und Fazit

Psychosomatische Beschwerden werden in der empfohlenen Literatur für das Medizinstudium der Universität Wien (Stand 2007) kaum beschrieben. Oft wird eine verharmlosende Sprache verwendet. Ursachen und Therapiemöglichkeiten fehlen in fast allen Büchern.

Nachdem ca. 20-30 % aller PatientInnen einer Hausarztpraxis unter psychosomatischen Beschwerden leiden, stellt sich die Frage, wie die Defizite aufzuholen sind, wenn die zukünftige Ärztegeneration sehr wenig über Psychosomatik in ihrer Berufsausbildung lernen.

Das Buch „Über die Schamesröte einer jungen Turnusärztin – Die Darstellung der Psychosomatik in Lehrbüchern der Medizin – Eine kritische Diskursanalyse“ ist eine aktuelle und vielschichtige Darstellung des Stellenwertes der Psychosomatik in den empfohlenen medizinischen Lehrbüchern.

Die Forschungsarbeit stellt somit einen wichtigen Beitrag zur Standortbestimmung der Psychosomatischen Medizin dar.


Rezensentin
Dr. med. Regina Magdowski
MAS Department für Psychotherapie und Biopsychosoziale Gesundheit Donau-Universität Krems Zentrum f. Psychosomatische Medizin und Biopsychosoziale Interventionen Fachbereichsleitung
Homepage www.donau-uni.ac.at/psymed
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Zitiervorschlag
Regina Magdowski. Rezension vom 25.05.2016 zu: Annelies Schimak: Über die Schamesröte einer jungen Turnusärztin – die Darstellung der Psychosomatik in Lehrbüchern der Medizin. Eine kritische Diskursanalyse. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2014. ISBN 978-3-8300-7893-7. Schriftenreihe: Forschungsarbeiten und Ergebnisse aus der psychosomatischen Medizin und Psychotherapie; Hrsg: Prof. Dr. Manfred E. Beutel, Universität Mainz, Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20850.php, Datum des Zugriffs 20.02.2019.


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