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Nina Kölsch-Bunzen, Regine Morys u.a.: Kulturelle Vielfalt annehmen und gestalten

Cover Nina Kölsch-Bunzen, Regine Morys, Christoph Knoblauch: Kulturelle Vielfalt annehmen und gestalten. Eine Handreichung für die Umsetzung des Orientierungsplans für Kindertageseinrichtungen in Baden-Württemberg. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2015. 128 Seiten. ISBN 978-3-451-34893-8. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR.
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Thema

Dieses Handbuch hat zum Ziel, die Professionalität von Fachkräften in Kindertagesstätten im Umgang mit kultureller Vielfalt zu stärken.

Autorinnen und Autor

  • Dr. Nina Kölsch-Bunzen ist Professorin für Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik an der Hochschule Esslingen. Sie lehrt und forscht u.a. zum Thema „Kulturelle Vielfalt und Inklusion“.
  • Dr. Regine Morys ist Professorin für Erziehungswissenschaft. Sie lehrt und forscht u.a. zum Thema „Kulturelle Vielfalt und Spracherwerb“ und leitet den Studiengang „Bildung und Erziehung in der Kindheit“ an der Hochschule Esslingen.
  • Dr. Christoph Knoblauch ist Juniorprofessor für Kindheitspädagogik und katholische Theologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Er lehrt und forscht u.a. zum Thema „Kulturelle und religiöse Vielfalt“.

Entstehungshintergrund

Das Autorenteam hat sich auf Anregung des Kultusministeriums Baden Württemberg aus dem Hochschulnetzwerk „Bildung und Erziehung in der Kindheit Baden-Württemberg“ heraus gebildet. Die Handreichung dient der Umsetzung des Orientierungsplans für Kindertageseinrichtungen in Baden Württemberg.

Aufbau und Inhalt

Die Handreichung ist in vier Kapitel gegliedert:

  1. Theoretische Grundlagen
  2. Qualitätsmerkmale vielfalts- und kultursensibler Pädagogik
  3. Nicht alles auf einmal – Schritte zur Umsetzung einer vielfalts- und kultursensiblen Pädagogik
  4. Fazit

Einleitend konkretisieren die Autoren die Zielsetzung und Relevanz des Themas. Dabei geht es um die zentrale Frage, wie es gelingen kann, Vielfalt anzuerkennen und als Bereicherung zu verstehen. Dem schließt sich die Überlegung an, wie Bildungshandeln in der Kindertageseinrichtung professionell vielfalts- und kultursensibel gestaltet werden kann. Anhand weiterer praxisrelevanter Fragestellungen, die sich in Kooperation vieler Kindertageseinrichtungen und Forschungsgruppen entwickelten, haben sich für die Autoren zehn Qualitätsmerkmale herausgebildet, die in der Handreichung erarbeitet werden. Hingewiesen wird auf die Besonderheit, dass sowohl wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse als auch die Praxisnähe in der Handreichung Berücksichtigung finden. Der Leser erhält einen Überblick zum Aufbau der Handreichung mit dem Hinweis, dass die Handreichung flexibel eingesetzt und den individuellen Interessen und Bedürfnissen entsprechend erkundet werden kann.

1. Theoretische Grundlagen. Im ersten Kapitel plädiert das Autoren-Team zunächst für eine vielfalts- und kultursensible Pädagogik, die demokratisch ausgerichtet ist und nach dem Grundsatz der Menschenrechte erfolgt. So erkennt das „Hochschulnetzwerk Bildung und Erziehung in der Kindheit Baden-Württemberg“ die Bedeutung von Demokratie und Menschenrechten auch als unverzichtbare Grundlage von Bildung an. Die Autoren greifen den Kultur- Begriff definitorisch auf und beleuchten diesen unter dem Aspekt des Wandels. Kulturen als „Landkarten der Bedeutung“ zu begreifen und in erklärter Form auszugestalten und zu leben, Kulturen auf der einen Seite anzuerkennen und auf der anderen Seite aber auch hinsichtlich ungerechter Machtverhältnisse kritisch zu hinterfragen, werden thematisiert.
Im weiteren Verlauf wird auf die hohe Relevanz der Orientierung an Demokratie und Menschen- bzw. Kinderrechten ausführlich eingegangen und eine Unterscheidung zwischen absoluten und konventionellen Normen verdeutlicht. Es folgt ein historischer Abriss von der Ausländerpädagogik hin zur vielfalts- und kultursensiblen Bildungsarbeit. Weg von der kulturellen Differenz hin zur Pädagogik der Vielfalt und Akzeptanz der Verschiedenheit. Hingewiesen wird darauf, dass es keine Handlungskonzepte zur Umsetzung einer inklusiven Pädagogik geben kann, da Vielfalt eben durch Individualität ein hohes Maß an Flexibilität und entsprechendem Handlungsfreiraum braucht. So ist die Handreichung als Anregung zu verstehen, in der Qualitätsmerkmale vorgestellt werden, die jedoch bewusst keine Handlungsweise festlegt, sondern die Pädagogen dazu ermuntert, die geeigneten Handlungsformen situationsangemessen selbst zu entwickeln.

2. Qualitätsmerkmale vielfalts- und kultursensibler Pädagogik. Nach dem theoretischen Input orientiert sich das Autoren- Team an konkreten praxisrelevanten Fragen bzw. Qualitätsmerkmalen, die für die realistische Umsetzung von vielfalts-und kultursensibler Pädagogik relevant sind. Diese Qualitätsmerkmale werden in drei grundlegenden Themenbereichen bearbeitet:

1. Vielfalts- und Kultursensibilität entwickeln mit den Qualitätsmerkmalen

  • Eigene Normalitätsvorstellungen hinterfragen und Situationen aus verschiedenen Perspektiven betrachten
  • Das Thema Flucht gemeinsam mit Kindern besprechen
  • Mehrsprachigkeit wertschätzen und unterstützen- die Erstsprache als Brücke in die Zweitsprachigkeit nutzen
  • Kulturelle Vielfalt differenziert betrachten und unter Gerechtigkeitsaspekten bedenken

2. Kulturelle Vielfalt in der erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit den Qualitätsmerkmalen

  • Eltern erreichen, Eltern verstehen, mit Eltern konstruktiv verhandeln
  • Interkulturelle Vielfalt anerkennen und Individualität achten
  • Kinder aus Familien im Asylverfahren professionell begleiten

3. Den Alltag unter Vielfaltsaspekten diskriminierungsfrei gestalten

  • Professionell bei diskriminierenden Äußerungen von Kindern
  • Allen Kindern vielfältige Bildungserfahrungen ermöglichen
  • Sich im Team auf eine diskriminierungsfreie Auswahl von Medien und Spielsachen verständigen

Jedes dieser Merkmale wird anhand von Praxisbeispielen genauer betrachtet, anschließend reflektiert und abschließend in Form eines Zwischenfazits zusammengefasst. So werden zum erst genannten Qualitätsmerkmal verschiedene Essgewohnheiten herangezogen, die einladen können, vielfältige Esskulturen mit den Kindern zu erforschen. Es wird auf die Notwendigkeit wertneutraler Formulierungen hingewiesen, um der Vielfalt von Lebenswelten gerecht werden zu können. Die Autoren regen an, Situationen mehrperspektivisch zu deuten und damit auch eigene Normalitätsvorstellungen im Alltag zu reflektieren und infrage zu stellen.

3. Nicht alles auf einmal- Schritte zur Umsetzung einer vielfalts- und kultursensiblen Pädagogik. In diesem Kapitel geht es um Haltungsaspekte, die die Pädagogen in den Prozessen der vielfalts- und kultursensiblen Bildungsarbeit unterstützen. Die Autoren greifen die Aspekte der Fehlerfreundlichkeit, Offenheit gegenüber kultureller Vielfalt, Weiterentwicklung einer professionellen, an Demokratie und Menschenrechten orientierten Haltung, Kooperation und Nutzung von Kraftquellen im beruflichen Bereich auf und gehen auf die Ressource der Teambesprechungen ein. Hierzu haben die Autoren einen Ablaufplan entwickelt, auf den bei Bedarf zurückgegriffen werden kann. Wie für Nachhaltigkeit gesorgt werden kann, wird im weiteren Verlauf beschrieben. Dabei findet auch das Veränderungstempo Berücksichtigung. Kleinschrittiges, realistisches Vorgehen wird empfohlen, das zu einer langfristigen Planung passt.

4. Fazit. Die Handreichung schließt u.a. mit der Erkenntnis, dass sich Bildung nachhaltig dann entwickeln kann, wenn sich alle Lernenden auf Diversität einlassen können, Lernpotentiale erkannt werden und so eine vielfalts- und kultursensible Pädagogik zu positiven Erfahrungen in der Kita führen kann.

Diskussion

Dieses Buch bietet die Möglichkeit, sich aktiv als Kindertagesstätte, die einen wesentlichen Teil der Lebenswelt von Kindern und Pädagogen ausmacht, aber auch weit darüber hinaus, auf den Weg zu einer demokratischen vielfalts- und kultursensiblen Kitakultur zu begeben. Das Thema wird unter Zugrundelegung wissenschaftlicher Literatur übersichtlich, aber ebenso auch differenziert aufgearbeitet. Neben wichtigen Informationen werden konkrete Handlungsoptionen aufgezeigt. Dem Leser werden Qualitätsmerkmale an die Hand gegeben, die eigene Werthaltung und Vorurteile zu reflektieren, sich in Achtsamkeit zu üben, um so das professionelle Handeln stärker in das Bewusstsein zu rücken. Die Praxisbeispiele laden dazu ein, die eigene Praxis zu beleuchten. Die Handreichung wird daher als ausgesprochen praxisrelevant beurteilt. Die Autoren weisen darauf hin, dass alle enthaltenen Beiträge partiell gelesen werden können, wenn der Leser an einem speziellen Inhalt besonders interessiert ist. Das ist auch nach meinem Empfinden durchaus vorstellbar. Mit einem harmonischen, lebendigen und leicht verständlichen Schreibstil führen die Autoren in die Thematik ein und behalten diese Schreibform bei. Dem Leser wird der Eindruck vermittelt, dass die Gestaltungsprozesse kultureller Vielfalt anhand der beschriebenen Qualitätsmerkmale zweifelsohne in jeder Kindertagesstätte individuell umgesetzt und somit lebendig werden können. Diese Form der Transparenz lädt dazu ein, weitere Optionen für die eigene Kindertagesstätte zu entwickeln.

Fazit

Kindertagesstätten haben eine überaus wichtige Funktion beim Erwerb eines „demokratischen und kulturell vielfältigen Habitus“. Diese Handreichung stellt einen ausgesprochen gelungenen Beitrag zur Sensibilisierung im Umgang mit kultureller Vielfalt dar. Sie gibt Anstoß, den Alltag kultureller Vielfalt in Kindertageseinrichtungen und darüber hinaus zu überdenken und achtsam zu gestalten. Die Inhalte sind sehr verständlich und nachvollziehbar formuliert, wodurch die in der Handreichung beschriebenen Handlungsanregungen zielgerichtet und erfolgreich umgesetzt werden können. Wenngleich die von den Autoren getroffene Wortwahl „diskriminierungsfrei“ zweifelsohne politisch korrekt ist, steht zunächst das im Vordergrund, was nicht angestrebt werden soll- die Diskriminierung. Angesichts eines sensiblen Umgangs mit kultureller Diversität könnte diese Formulierung ähnlich wie die Begriffe „vorurteilsfrei“ oder „gewaltfrei“ einmal zum Nachdenken anregen. Diese Handreichung stellt eine sehr gute, strukturierte Arbeitsgrundlage für jede Kindertagesstätte dar, um Prozesse im Rahmen kultureller Vielfalt zu initiieren, zu gestalten und zu reflektieren.


Rezensentin
Marianne Kleiner-Wuttke
Pädagogin, Autorin, Referentin und Trainerin
Homepage kleiner-wuttke.jimdo.com
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Zitiervorschlag
Marianne Kleiner-Wuttke. Rezension vom 20.09.2016 zu: Nina Kölsch-Bunzen, Regine Morys, Christoph Knoblauch: Kulturelle Vielfalt annehmen und gestalten. Eine Handreichung für die Umsetzung des Orientierungsplans für Kindertageseinrichtungen in Baden-Württemberg. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2015. ISBN 978-3-451-34893-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20852.php, Datum des Zugriffs 17.12.2017.


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