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Jana Antosch-Bardohn, Barbara Beege u.a.: Tutorien erfolgreich gestalten

Cover Jana Antosch-Bardohn, Barbara Beege, Nathalie Primus: Tutorien erfolgreich gestalten. Ein Handbuch für die Praxis. UTB (Stuttgart) 2016. 365 Seiten. ISBN 978-3-8252-4525-2. D: 12,99 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 16,90 sFr.
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Thema

Studierende sind aus dem Alltag der Hochschulen kaum weg zu dividieren. Eine allzu triviale Aussage, die nebst gefüllten Hörsälen und Seminarräumen gleichsam eine spezielle Veranstaltungsform in den Blick zu nehmen versucht – das Lernen in einem Peer-to-Peer-Umfeld, das Lernen in (begleitenden) Tutorien, Übungen oder Repititorien. Insofern die Rolle dieser Veranstaltungen in den Modulkatalogen z. T. obligatorischen Charakter einnimmt, Einführungen geboten und Inhalte des großen Bruders Vorlesung vertieft werden sollen, werden unterschiedliche Erwartungshaltungen der Studierenden und jene der TutorInnen bedeutsam. Während Vorlesungen häufig auf theoretischer Basis Inhalte vermitteln und Fragen nur selten von einem Gros der Anwesenden gestellt werden, so obliegt es diesen Veranstaltungen, einzelne Themen nachzubereiten, Prüfungen vorzubereiten oder Erstsemestern einen Einblick in den universitären Alltag zu ermöglichen. Die studentischen Dozierenden werden in diesem Zusammenhang just mit einer zentralen Aufgabe betraut, die es in Zeiten von kritisch fokussierter Hochschuldidaktik ebenso zu schulen gilt wie jene der wissenschaftlichen Beschäftigten. Diesem Spannungsverhältnis, welches TutorInnen, meist selbst noch Studierende, schnell mit veränderten Rollenerwartungen in einer Binnenperspektive konfrontiert, hat sich das Handbuch u. a. verschrieben.

Autorinnen

Jana Antosch-Bardohn, Barbara Beege und Nathalie Primus sind im Programm Professionell in der Lehre (PROFiL) der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig. Jana Antosch-Bardohn hat im Rahmen des PROFiL-Projektes die TutorInnenausbildung TutorPlus aufgebaut und promoviert zu Inkubationseffekten und selbstbestimmtem Lernen. Mit der hochschuldidaktischen Weiterbildung von DozentInnen sowie deren Beratung setzt Barbara Beege sich auseinander, welche die Förderung des Lerntransfers in Weiterbildungsveranstaltungen erforscht. Nathalie Primus war ebenfalls am Aufbau der TutorInnenausbildung beteiligt und ist mit der Ausbildung im Rahmen der Seminare betraut.

Aufbau

Das Praxishandbuch bietet sowohl eine formative als auch reflexive Perspektive, die Vorbereitungen anleitet, die Durchführung begleitet und auch die Nachbereitung in den Blick nimmt. Mit dieser Bandbreite setzen sich die Autorinnen dreigliedrig mithilfe

  1. allgemeiner Vorüberlegungen zur Tutorienarbeit in den Kapiteln 2-4 (vgl. S. 14ff.),
  2. der Planung eines Tutoriums in den Kapiteln 5-8 (vgl. S. 51ff.) sowie in einem finalen Passus konkret mit
  3. der Durchführung des Tutoriums in den Kapiteln 9-14 (vgl. S. 173ff.) auseinander.

Jedes einzelne Kapitel schließt mit einer Checkliste, die am Ende des Buches in einer komplettierten Fassung – als Handwerkszeug – für die eigene Veranstaltung mündet; diese und weitere Begleitmaterialien stehen LeserInnen überdies als Download zur Verfügung. Als Weiteres werden Tipps und Tricks sowie kurze Infotafeln präsentiert, die Inhalte zusätzlich mit der Empirie speisen, oder Übungen zu den vorgestellten Inhalten angeboten.

Inhalt

Der erste Teilabschnitt skizziert einleitend die Vielfalt dieser Veranstaltungen, welche als Status quo an deutschen Hochschulen vorzufinden sind. Die Frage, weswegen diese Vielfalt vorherrschend ist, wird ähnlich trivial wie die obenstehende Einleitung beantwortet: „In Vorlesungen an Hochschulen […] sollen in kürzester Zeit einem großen Publikum Inhalte vermittelt werden“ (S. 14). Über diese allgemeinen Vorüberlegungen gelangen die Autorinnen zu den Vorteilen, die das Peer-to-Peer-Lernen bietet (vgl. S. 16f.), ehe im 3. Kapitel etwaige (Rollen-)Konflikte erörtert werden, die aus der persönlichen Dichotomie StudentIn – DozentIn resultieren (vgl. S. 21ff.). Im 4. Kapitel werden abschließend inhaltliche, strukturelle und räumliche Rahmenbedingungen geklärt (vgl. S. 37ff.). Hierbei gilt es vorbereitend, die Rolle und ein entsprechendes Bewusstsein zu entwickeln sowie möglichst alle Unwägbarkeiten zu lokalisieren, um einen unproblematischen Beginn zu gewährleisten.

Aus diesen einleitenden Kerngedanken abgeleitet, werden im zweiten Teilabschnitt konkrete Didaktisierungs- und Visualisierungsmöglichkeiten in den Blick genommen; Lehre zu erlernen, wird zu einem Schlagwort. Zwei Dimensionen rahmen dabei die Betrachtung: es soll in Tutorien „einerseits die Vermittlung von Wissen verbessert und andererseits die Aneignung […] unterstützt werden“ (S. 50), was die Autorinnen mit einem kognitivistischen Blick auf das Lernen eröffnen. Zentral ist im Anschluss die Konzeptionsphase, die LeserInnen zu einer Definition von Lernzielen auffordert und darauf aufbauend hierarchisieren lässt. In Anlehnung an Benjamin Blooms Lernzieltaxonomie wird dabei eine konkrete Offerte für die Explikation der Feinziele formuliert, welche drei Dimensionen bietet: eine affektive, eine kognitive sowie eine handlungsorientierte (vgl. S. 67ff.). Anhand des +AVIVA+[1] Schemas wird hieran anknüpfend eine Möglichkeit dargestellt, um einzelne Sitzungen zu phasieren und die Lernatmosphäre zu gestalten (vgl. S. 75ff.). Als vertikale Ebene für eine nach diesem Muster gegliederte Sitzung führen Antosch-Bardohn, Beege und Primus den Münchener Methodenkasten ein, der „einen intuitiven Zugriff auf Lehr-/Lernmethoden je nach Tutoriums-Phase und gewünschter Sozialform ermöglicht“ (S. 102). Neben einer didaktischen und methodischen Verzahnung werden am Ende des zweiten Abschnittes Ideen für eine ansprechende Visualisierung dargelegt, bei der Aspekte der Abwägung – so z. B. welche Mittel adäquat für welche Tutoriums-Struktur erscheinen – pointiert werden; dafür wird ebenfalls das eingeführte Schema als Verwendungsmöglichkeit aufgegriffen.

Nachdem sich die erste Hälfte des Buches dezidiert der weiteren Planung verschreibt, gilt der dritte und letzte große Abschnitt der Durchführung. Kapitel 9 und 10 nehmen die Wirkung der Stimme und Körpersprache auf; das 11. Kapitel pointiert diese Ausführungen mit der stimmsprachlichen Präsenz innerhalb des Raumes. Erneut stellen die Autorinnen zumeist intuitiv gebrauchte Techniken wie eine qua Stimme erzeugte Stimmung (vgl. S. 174), eine probate Körperhaltung und Körperspannung (vgl. S. 184) oder verschiedene Möglichkeiten des Blickkontaktes je nach Gruppengröße und Verteilung des Auditoriums im Raum (vgl. S. 204) vor. Dienten vorherige Übungen weiterführend der Wiederholung, so können LeserInnen, wie in Kapitel 11 aufgegriffen, die verständliche Aussprache und Vermeidung unverständlicher Satzkonstruktionen oder dekontextualisierter Fachtermini trainieren; gerade die Überkompensation des (Fach-)Wortschatzes soll – wenn auch durch den universitären Arbeits- und Lernkontextes beflissen – vermieden werden. Hierfür wird die Nutzung einer bildhaften Sprache als Lösungsvorschlag präsentiert (vgl. S. 220f.). Abschließend widmen die Autorinnen das Augenmerk der Anleitung von Gruppen, wofür Frage-, Antwort- und Zuhörtechniken eingeführt werden. Persönliche Variablen zeichnet das Handbuch im 13. Kapitel auf: Möglichkeiten des Umgangs mit schwierigen Situation, dem Scheitern von Methoden, motivationalen Lecks oder eigenen Befindlichkeiten wie dem Lampenfieber geraten in den Blick. Hinter jeder Veranstaltungseinheit steht ein gelungener Abschluss und die Reflexion, was abschließend im 14. Kapitel – auch mit Perspektive auf Auswertungstreffen mit BetreuerInnen oder KollegInnen – inhaltlich fundiert wird.

Diskussion

Antosch-Bardohn und Kolleginnen liefern mit dem Handbuch eine, dem UTB-Verlag in gewohnter Manier entsprechende, praxisnahe Perspektive auf das Handlungsfeld als TutorIn. Leider – und dies können Publikationen wie diese nur selten offenlegen – wird weitgehend eine Skizze dessen dargelegt, was Tutorien im Konjunktiv sein sollten, es jedoch nur schwerlich können. Personell überdimensionierte Gruppen oder Veranstaltungen in Hörsälen sind leider eine realitätsnahe Perspektive; dennoch stellen sich die Autorinnen dieser Obliegenheit, den verschiedenen disziplinären Zusammenhängen, konstruieren adäquate Beispielsituationen und einen pragmatischen, interdisziplinären Inhalt, sodass als AdressatInnenkreis alle wissenschaftlichen Teilgebiete mit didaktischen Empfehlungen respektive Methoden versorgt werden.

Wenngleich der Band mit einigen der inhaltlichen Ausführungen eher darauf schließen ließe, linear vorzugehen, so empfiehlt der Rezensent die Lektüre nach jeweiligen Problembereichen. Der Band liefert Angebote und zeichnet Facetten nach, mit welchen TutorInnen sich konfrontiert sehen dürften, es hingegen nicht zwangsläufig müssen. So wie es Antosch-Bardohn, Beege und Primus bzgl. des körper- und stimmsprachlichen Auftretens auf Seite 234 aufführen, gilt es auch, die Inhalte dieser Publikation zu bewerten – mit der Kongruenz zwischen eigenem Charakter, verbalen und nonverbalen Signalen und dem Auftreten während einer Veranstaltung. Studierende erwarten einen Typus TutorIn, der am ehesten der eigenen Person zu entsprechen scheint. Man selbst zu bleiben, sollte trotz aller Ideen die Maxime auch in konfliktbehafteten Situationen darstellen. Auf welche der Vorschläge dann allgemein zurückgegriffen wird und ob dies geschieht, sollte in absoluter Abwägung mit der Situation erfolgen.

Fazit

Gelungen wird mit diesem Praxishandbuch eine möglichst ganzheitliche Formel auf die Tätigkeit als TutorIn projiziert. Über drei relevante Bausteine werden EinsteigerInnen wie auch Erfahrene direkt angesprochen und mit einem Handwerkszeug ausgestattet, das sie auf erste Sitzungen vorbereitet oder die Reflexion des bisherigen Tuns ermöglicht. Durch die Verzahnung von theoretischen Grundlagen und didaktischen sowie methodischen Hinweisen wird der Weg in diese nicht unwesentliche Verantwortung des Hochschulalltages geebnet. LeserInnen können dabei auf ein Potpourri verschiedener Ideen zurückgreifen und gestalten mithilfe des Werkes und zur Verfügung gestellter Online-Materialien einen Plan auf dem jeweiligen PlanerInnendesktop.

Das Werk nimmt LeserInnen an die Hand und führt diese von ersten Vorüberlegungen über die Planung hin zu der Durchführung, wobei persönliche Variablen wie Ängste oder das Misslingen von Ideen konstruktiv bearbeitet werden. Der Kauf ist für beide – Erfahrene und Neulinge – ratsam, sofern das Gelingen der Wissensvertiefung, -wiederholung und -vermittlung im Vordergrund steht. Trotz so mancher der Disziplin geschuldeten Scheuklappe gelingt eine Publikation für den Einsatz in ALLEN Fachbereichen.


[1] Während + für die Gestaltung einer positiven Lernatmosphäre steht, umfasst das Akronym die Dimensionen Ausrichten, die Aktivierung von Vorwissen, das Informieren sowie das Auswerten. Zentral ist dabei, dass +AVIVA+ grundsätzlich bei der Ordnung von Lerninhalten ebenfalls den mehrfachen Einsatz der beiden Elemente Informieren und Vorwissen aktivieren in den jeweiligen Sitzungen vorsieht. (Vgl. S. 87, S. 89)


Rezensent
Mathias Dehne
Student an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Studentische Hilfskraft und Tutor am Institut für Erziehungswissenschaft
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Zitiervorschlag
Mathias Dehne. Rezension vom 01.07.2016 zu: Jana Antosch-Bardohn, Barbara Beege, Nathalie Primus: Tutorien erfolgreich gestalten. Ein Handbuch für die Praxis. UTB (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-8252-4525-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20853.php, Datum des Zugriffs 21.09.2019.


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