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Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (Hrsg.): Jahrbuch Sucht 2016

Cover Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (Hrsg.): Jahrbuch Sucht 2016. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2016. 280 Seiten. ISBN 978-3-95853-172-7. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Das „Jahrbuch Sucht“ fasst die neuesten Statistiken zum Konsum von Alkohol, Tabak, psychotropen und anderen Arzneimitteln mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotential, illegalen Drogen sowie zu Essstörungen, Glücksspiel, Delikten unter Alkoholeinfluss und Suchtmitteln im Straßenverkehr zusammen. Darüber hinaus informiert es über die Suchtkrankenhilfe in Deutschland, setzt sich mit einem aktuellen Thema auseinander und verzeichnet umfangreiche Adressen von deutschen und europäischen Einrichtungen aus dem Suchtbereich.

Herausgeberin und Autor_innen

Das „Jahrbuch Sucht“ wird von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) in Hamm herausgegeben. Der Verein, in dem mit wenigen Ausnahmen sämtliche Träger der ambulanten Beratung und Behandlung, der stationären Versorgung und der Selbsthilfe vertreten sind, wurde 1947 gegründet, um allen in der Suchtkrankenhilfe bundesweit tätigen Verbänden und gemeinnützigen Vereinen eine Plattform zu geben. Die DHS hat das Ziel, Menschen im Hinblick auf suchtbezogene Probleme zu informieren, zu beraten und auf Hilfeangebote aufmerksam zu machen. Dabei setzt sie zum einen auf vor beugende Maßnahmen (Suchtprävention), indem sie über Suchtgefahren informiert und über mögliche Folgen aufklärt. Zudem bieten ihre Mitgliedsverbände abhängigen Menschen und deren Angehörigen konkrete Hilfen und Hilfen zur Selbsthilfe an. Dies ermöglicht den Betroffenen, Wege aus der Abhängigkeit zu finden.

Die DHS setzt sich zudem dafür ein, dass Beratung und Behandlung für Menschen mit Suchtproblemen ständig qualitativ weiterentwickelt und versorgungspolitisch gesichert werden. Das „Wissenschaftliche Kuratorium der DHS“ hat die Aufgabe, die DHS kontinuierlich zu beraten, ihre Arbeit zu fördern, zu begleiten und insbesondere die entsprechende wissenschaftliche Arbeit anzuregen und mit zu gestalten. „Fachausschüsse der DHS“ greifen grundsätzliche und aktuelle Probleme von Sucht, Suchthilfe und Suchtprävention auf und erarbeiten Lösungsvorschläge, die zuverlässige Orientierungshilfen bieten. Sie geben grundlegende Impulse für Weiterentwicklungen und Standards der Suchthilfe und Suchtprävention (vgl. www.dhs.de).

Die Redaktion der vorliegenden Ausgabe, an deren Entstehung insgesamt 25 anerkannte Fachleute aus verschiedenen Institutionen mitgewirkt haben, lag in Händen von Dr. Raphael Gaßmann, Gabriele Bartsch und Jolanthe Kepp von der Geschäftsstelle der DHS.

Entstehungshintergrund

Ihrem Namen alle Ehre machend, erscheint die vorliegende Publikation bereits seit vielen Jahren. Zu den beiden vorangegangenen Ausgaben 2015 und 2014 vergleiche die Besprechungen des Rezensenten unter www.socialnet.de/rezensionen/19168.php und www.socialnet.de/rezensionen/16877.php.

Aufbau

Nach einem „Vorwort“ von Gabriele Bartsch und Raphael Gaßmann gliedert sich der Band in die folgenden sechs Kapitel beziehungsweise Unterkapitel:

  1. Daten, Zahlen und Fakten (Birgit Lehner, Jolanthe Kepp)
  2. Suchtstoffe, Suchtformen und ihre Auswirkungen
    1. Alkohol (Ulrich John, Monika Hanke, Christian Meyer, Jennis Freyer-Adam)
    2. Tabak – Zahlen und Fakten zum Konsum (Benjamin Kuntz, Johannes Zeiher, Thomas Lampert)
    3. Medikamente 2014 – Psychotrope und andere Arzneimittel mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial (Gerd Glaeske)
    4. Illegale Drogen: Positionen in der Debatte um eine Cannabis-Freigabe zum nicht-medizinischen Gebrauch (Peter Raiser, Christine Kreider)
    5. Glücksspiel – Zahlen und Fakten (Gerhard Meyer)
    6. Rauschgiftlage 2014 (Christina Krause)
    7. Suchtmittel im Straßenverkehr 2014 – Zahlen und Fakten (Martina Albrecht, Stfanie Langner)
  3. Suchtkrankenhilfe in Deutschland

    1. Jahresstatistik 2014 der professionellen Suchtkrankenhilfe (Barbara Braun, Jutta Künzel, Hanna Brand)
    2. Suchtrehabilitation durch die Rentenversicherung (Barbara Naumann, Verena Bonn)
  4. Aktuelle Themen

    1. Freihandelsabkommen und Tabakkontrolle – eine Zwischenbilanz (Dietmar Jazbinsek)
    2. Was Sie außerirdischen Besuchern besser nicht zu erklären versuchen… Teil 7: Monsterdrogen und der Elefant im Raum (Peter Raiser, Julia Winkelnkemper, Christine Kreider)
  5. AutorInnenverzeichnis

  6. Anschriften aus dem Suchtbereich.

Inhalt

In ihrem Vorwort weisen Gabriele Bartsch und Raphael Gaßmann untere anderem darauf hin, dass das Jahrbuch Sucht seinen festen Platz in der Öffentlichkeit hat, sowohl bei Journalisten wie auch beim Fachpublikum. Jedes Jahr mit Spannung erwartet, liefere es die aktuellen Zahlen zur Verbreitung des Konsums legaler und illegaler Drogen, zur Rauschgiftlage und zu Suchtmitteln im Straßenverkehr sowie zur Versorgung der Abhängigen. Darüber hinaus setzte die DHS mit den aktuellen Beiträgen Themen, „um die suchtpolitische Diskussion anzuregen und zu intensivieren“ (S. 7).

Unter der Überschrift „Daten, Zahlen und Fakten“ präsentieren Birgit Lehner und Jolanthe Kepp von der DHS – sozusagen für „Schnellleser“ – im ersten Kapitel (S. 9-35) zusammenfassende Statistiken über Alkohol, Tabak, Psychotrope Medikamente, Illegale Drogen, Glücksspiel und Essstörungen.

Das umfangreiche zweite Kapitel „Suchtstoffe, Suchtformen und ihre Auswirkungen“ (S. 37-197) vereint sieben Beiträge mit den neuesten Statistiken zum Konsum von Alkohol, Tabak, Medikamenten (Psychotrope und andere Arzneimittel mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotential), Illegale Drogen, Glücksspiel, zur Rauschgiftlage 2014 sowie über Suchtmittel im Straßenverkehr. Die Fülle des hierbei übersichtlich aufbereiteten Zahlenmaterials ermöglicht es jedem daran Interessierten einfach, sich zu den einzelnen Themen einen fundierten Überblick zu verschaffen. Dank den in jedem Beitrag separat gegebenen Hinweisen auf weiterführende Literatur ist zugleich eine vertiefende Beschäftigung mit dem jeweiligen Thema leicht möglich.

Hervorgehoben seien hier der erste und vierte Beitrag. In ersterem beleuchten Prof. Dr. Ulrich John, Monika Hanke, Prof. Dr. Christian Meyer und PD Dr. Dr. Jennis Freyer-Adam vom Institut für Sozialmedizin und Prävention der Universitätsmedizin Greifswald das Thema Alkohol aus der Public-Health-Perspektive (S. 37-54). Schwerpunkte liegen demnach auf der Vermarktung alkoholischer Getränke sowie auf den sogenannten Energy Drinks und den gesundheitsriskanten Folgen ihrer Kombination mit Alkoholika. Bei der Vermarktung setzten die Hersteller auf neue Produkte in Form von Mischungen aus Alkohol, Süßigkeiten und Koffein, um insbesondere junge Zielgruppen zu erreichen. Wie die Autor_innen betonen, herrscht in der Bundesrepublik Deutschland eine Normenbildung vor, die Alkoholkonsum fördert. Deshalb fordern sie Regeln ein, die Alkohol als gefährlichem Produkt stärker Rechnung tragen. Wesentliches Mittel zur Reduktion von Alkoholkonsum ist ihres Erachtens „eine Alkoholpolitik, die soziale Normen mit dem Focus auf ein langes Leben in Gesundheit und hoher Qualität fördert“ (S. 37).

Mit ihrem Beitrag „Illegale Drogen: Positionen in der Debatte um eine Cannabis-Freigabe zum nicht-medizinischen Gebrauch“ (S. 108-125) vermitteln Peter Raiser und Christine Kreider von der DHS einen Überblick über die im letzten Jahr zu diesem Thema allerorten veröffentlichten Stellungnahmen und Positionspapiere der Fachgesellschaften und Parteien. Hierbei gehen sie unter anderem folgendem der Frage nach, aus welchen Perspektiven der Umgang mit der weltweit wie auch in Deutschland am weitesten und verbreitetsten illegalen Droge betrachtet wird und welche Aspekte hierbei beleuchtet werden. Eine darüber hinausgehende Auflistung der Anträge und Gesetzentwürfe der Parteien, Petitionen, öffentlichen Anhörungen der Gesundheitsausschüsse und Beschlüsse und Anträge auf kommunaler Ebene zu Modellversuchen des regulierten Verkaufs zeigt, dass das Thema Cannabis, wie kein anderes in der Suchtpolitik, die Fachgesellschaften und die Politik in Deutschland beschäftigt und auf Veränderung gedrungen wird. Um eine bislang fehlende Kohärenz der Cannabispolitik in Deutschland vorzubereiten empfehlen die Autor_innen – unter Bezugnahme auf das Positionspapier der DHS „Cannabispolitik in Deutschland – Maßnahmen überprüfen, Ziele erreichen“ – die Einsetzung einer Enquete-Kommission durch den Deutschen Bundestag. Die Einsetzung einer solchen Kommission stelle „eine Chance dar, um zu einem möglichst breiten Konsens in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft zu gelangen“ (S. 122). Der politische Stillstand, der durch die stark polarisierte Diskussion für oder gegen „Legalisierung“ beziehungsweise für oder gegen „Freigabe“ des Umgangs mit Cannabis Lösungsansätze be- und verhindert, könne durch eine solche Enquete-Kommission beendet werden.

Während sich das dritte Kapitel mit zwei Beiträgen der „Suchtkrankenhilfe in Deutschland“ – namentlich mit der „Jahresstatistik 2014 der professionellen Suchtkrankenhilfe“ (S. 173-199) und der „Suchtrehabilitation durch die Rentenversicherung“ (S. 200-216) – zuwendet, geht es im vierten Kapitel („Aktuelle Themen“) unter anderem um eine „Zwischenbilanz hinsichtlich des Freihandelsabkommens und der Tabakkontrolle“ (S. 217-230). Wie hierbei Dietmar Jazbinsek (Berlin) zeigt, würde das transatlantische Freihandelsabkommen (kurz TTIP genannt), das derzeit zwischen der EU und den USA ausgehandelt wird, nicht spurlos an den suchtpolitischen Entscheidungen der Zukunft und damit an der Gesundheit der Bevölkerung vorbeigehen, indem der Tabakindustrie zusätzliche Möglichkeiten zur Einflussnahme auf den Gesetzgebungsprozess eröffnet würden. Zu befürchten sei, dass die Gesetze zum Schutz vor den Gefahren des Aktiv- und Passivrauchens auf dem aktuellen Stand „eingefroren“ werden, weil der Gesetzgeber befürchten muss, bei weitergehenden Regulierungen mit Schadensersatzklagen überzogen zu werden. „Für Deutschland wäre dies besonders gravierend,“ so der Autor, „weil bisher nur wenige Maßnahmen umgesetzt wurden, die in der WHO-Konvention zur Tabakkontrolle enthalten sind“ (S. 218).

Besonders hingewiesen sei hier auch auf die Rubrik „Was Sie außerirdischen Besuchern besser nicht zu erklären versuchen…“ (S. 231-239), in der sich Peter Raiser, Julia Winkelnkemper und Christine Kreider von der DHS mit den sogenannten „Horrordrogen“ beziehungsweise dem der Öffentlichkeit darüber vermitteltem Bild auseinandersetzen. Die Autor_innen kritisieren hierbei insbesondere die auf Sensation abzielende mediale Berichterstattung, die einer empirischen Überprüfung keinesfalls standhalte. So habe sich auch die seit den 1970er Jahren immer wieder formulierte These einer „Drogenwelle, die Deutschland überschwemmt“, bisher noch nie bewahrheitet. Allem Anschein nach gäbe es aber „ein großes Verlangen des Publikums nach solchen Horrorberichten.“ Die Antwort auf die Frage, warum wir solche Horrorgeschichten lesen wollen, liegt nach Ansicht von Peter Raiser, Julia Winkelnkemper und Christine Kreider vermutlich „im unbewussten Wunsch danach, den Blick nicht auf die epidemische Verbreitung eines Suchtmittels (und deren epidemische Folge) richten zu müssen, für das Metaphern von Überflutung, Welle und Überschwemmung schon aufgrund seines flüssigen Aggregatszustandes viel zutreffender wären: Alkohol“ (S. 236). Demgegenüber erlaubten uns betrunken oder nüchtern Berichte über angebliche Monsterdrogen den Elefanten im Raum nicht zu sehen. Aber das versuche man Außerirdischen besser nicht zu erklären.

Diskussion

Wer sich mit dem Thema Sucht ernsthaft auseinandersetzen möchte, braucht zunächst einmal verlässliche Daten, Zahlen und Fakten. Diese bietet seit vielen Jahren das jährlich von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) e.V. in Hamm herausgegebene „Jahrbuch Sucht“. Als zuverlässiges Standardwerk, das jeweils durch ein aktuelles und umfangreiches Anschriftenverzeichnis von deutschen und europäischen Einrichtungen im Suchtbereich ergänzt wird, handelt es sich um ein unverzichtbares Nachschlagewerk, das umfassende Statistiken auf aktuellem Stand, prägnante Analysen und richtungweisende Schwerpunkte für alle bereitstellt, denen es in der Diskussion um mehr als nur Stammtischparolen oder billige Polemik geht. Wer sich mit einem Thema intensiver und vertiefender auseinandersetzen möchte, findet darüber hinaus zu jedem Beitrag hilfreiche Hinweise auf weiterführende Literatur. Gut, dass es dieses Jahrbuch gibt.

Eine kleine Anregung für künftige Ausgaben sei lediglich, im umfangreichen Anschriftenverzeichnis nicht nur Fachverlage aufzuführen, sondern auch einen Überblick über Fachzeitschriften zu geben.

Fazit

Das „Jahrbuch Sucht 2016“ bietet eine Vielzahl an Statistiken und weiteren Informationen. Von daher führt an diesem langjährigen Standardwerk für alle, die hier kompetent mitreden können, erneut kein Weg vorbei.


Rezensent
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 15.06.2016 zu: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (Hrsg.): Jahrbuch Sucht 2016. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2016. ISBN 978-3-95853-172-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20855.php, Datum des Zugriffs 21.09.2017.


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