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Verena Neubert: Bindung und Risiko

Cover Verena Neubert: Bindung und Risiko. Wie weit reicht die protektive Kraft sicherer Bindung? Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 416 Seiten. ISBN 978-3-525-45134-2. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 41,50 sFr.

Schriften des Sigmund-Freud-Instituts. Reihe 2: Psychoanalyse im interdisziplinären Dialog, Band 21.
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Thema

Das vorliegende Buch beschäftigt sich im Wesentlichen mit der Frage, inwieweit das Bindungsmodell eines Kindes einen Schutzfaktor vor Verhaltensauffälligkeit darstellt, obwohl das Kind erheblichen Risiken ausgesetzt ist, die seine Entwicklung negativ beeinflussen vermögen. Dem Buch liegt eine ausführliche empirische Forschungsarbeit zu Grunde und es rankt sich thematisch um die Begrifflichkeiten (1) Bindungstheorie und -forschung, (2) Risikofaktoren und -analyse bei kindlicher Entwicklung, (3) Prävention und Intervention auf psychodynamischer Grundlage, (4) Evaluation der Programme „Frühe Schritte“ und „Faustlos [1]“ und (5) Methodenkombination (Mixed-Methods).

Autorin

Verena Neubert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am außeruniversitären Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main. Sie studierte Erziehungswissenschaft, Psychologie und Soziologie mit M.A.-Abschluss an der Universität Kassel und befindet sich zurzeit in der Ausbildung zur analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Das Buch „Bindung und Risiko“ stellt gleichzeitig die Veröffentlichung Ihrer Dissertationsschrift dar.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist in der Reihe „Psychoanalyse im interdisziplinären Dialog“ als Schrift des Sigmund-Freud-Instituts erschienen. Es handelt sich dabei um die Dissertation der Autorin aus dem Jahr 2015. Das Werk fußt auf einer größeren Studie in Kindertagestätten (EVA-Studie [2]), welche in Frankfurt von einer Forschergruppe um Marianne Leutzinger-Bohleber durchgeführt wird. Die Forschungsarbeit von Verena Neubert schließt gewissermaßen an die EVA-Studie an, erweitert diese und will Aufschluss darüber geben, in wie sich die „Hoch-Risiko-Kindergartenkinder“ der EVA-Studie, im Vor- und Grundschulalter entwickelt haben.

Aufbau und Inhalt

Da Bindung und Risiko auf einer akademischen Forschungsarbeit beruht, entspricht der Aufbau der allgemein üblichen Gliederung wissenschaftlicher Texte. In den sechs Kapiteln geht es:

1. Um eine Einleitung in das Thema. Hier werden in Kurzform die Ausgangsfragen, der Forschungsstand zum Thema und die Forschungsinstrumente vorgestellt. Hierzu dann mehr im vierten Kapitel.

2. Um den theoretischen Hintergrund der vorgestellten Untersuchung. Hier werden Grundlagen der Bindungstheorie und -forschung sowie der Forschung um Risikofaktoren und deren Auswirkung auf kindliches Verhalten dargelegt.

3. Um die EVA-Studie, die den Kontext des Promotionsprojekts darstellt. In stark geraffter Form wird man hier über die Zielsetzungen und das Design der EVA-Studie, die untersuchte Stichprobe, die dort beforschten Frühpräventionsprogramme „Frühe Schritte“ und „Faustlos“ sowie die ersten Ergebnisse von EVA informiert. Die EVA-Studie befasst sich in einem speziellen RCT-Design (CRTC) mit der Evaluation der beiden genannten Programme bei sogenannten Rochrisikofamilien, deren Kinder in Frankfurter Kindertagesstätten betreut werden. Die vorgestellten Ergebnisse geben vor allem Auskunft, über die Auswirkungen von „Frühe Schritte“ und „Faustlos“ auf den Bindungstyp der untersuchten Kinder. Hier konnte als ein erster Befund festgehalten werden, dass im Falle von „Frühe Schritte“ eine signifikante Veränderung des kindlichen Bindungsmodells von unsicher nach sicher gab. Diese Veränderung war in der „Faustlos“-Gruppe so nicht zu beobachten.

4. Um das Promotionsprojekt der Autorin, welches den Hauptteil des vorliegenden Buches ausmacht. Wie folgt wird auf 150 Seiten dann zunächst das Methodendesign, die Rekrutierung der Stichprobe, die eingesetzten Erhebungsinstrumente, die Durchführung der Studie und die Ergebnisse vorgestellt. Zuletzt unternimmt die Autorin den Versuch die Ergebnisse anhand einer Einzelfallbeschreibung eines desorganisiert klassifizierten Kindes aus der untersuchten Kohorte exemplarisch, auch für die psychosoziale Praxis, darzustellen.

Wie bereits anfangs beschrieben, werden in diesem zentralen Kapitel die Forschungsfragen erörtert und beantwortet. Es geht also darum, empirisches Licht auf das Halbdunkel des Zusammenspiels von Risikofaktoren, Bindung und Verhaltensauffälligkeit zu werfen. Welchen Einfluss haben bestimmte Risiken auf Bindung und kindliches Verhalten? Beeinflusst die Anzahl der Risiken den Bindungstyp des Kindes oder das Ausmaß der Verhaltensauffälligkeiten? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Bindung und Verhaltensauffälligkeiten? Diese und weitere damit zusammenhängende Fragen werden anhand der Ergebnisse einer 122 Kinder umfassenden Stichprobe im Alter von durchschnittlich 7;4 beantwortet. Die Bindungsrepräsentation der Kinder wurde dafür mit der Manchester Child Attachment Story Task (MCAST) erhoben, einem projektiv angelegtem Geschichtenergänzungsverfahren, dass insbesondere in der mittleren Kindheit eingesetzt wird. An den jeweiligen Elternteil (in der Hauptzahl die Mütter) wurden die Fragebogen ESI (Everyday Stressor Index) und SDQ (Strengths and Difficulties Questionnaire) ausgegeben und es wurde ein leitfadengestütztes Interview zur Erfassung der Risikofaktoren konstruiert und durchgeführt.

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen sodann, dass vor allem Risiken aus dem familiären/psychosozialen Bereich wie Gewalterfahrungen in der Familie, Tod eines Familienmitglieds oder Familiäre Trennungserlebnisse zu höheren Auffälligkeitswerten bei den Kindern führen. Als durchaus überraschend zu bewerten ist, dass bei Kindern, bei denen Risiken aus dem schichtbezogenen/sozioökonomischen Bereich wie Erwerbslosigkeit der Eltern, Belastung durch erzwungene Migration oder kein Schulabschluss der Eltern vorlagen, keine signifikant höheren Auffälligkeitswerten gemessen werden konnten. Ein weiteres Resultat der Studie ist, dass speziell Bindung insbesondere von zwei Risikofaktoren negativ beeinflusst scheint: Von der Erwerbslosigkeit der Eltern und von Gewalterfahrungen in der Familie. Hier bildet sich signifikant ab, was zuvor bereits zu erwarten war, nämlich, dass Kinder die diesen beiden Risiken ausgesetzt sind, häufiger unsicher oder desorganisiert gebunden sind. Nimmt man jedoch die Gesamtheit der Risiken einer der beiden Risikobereiche (familiär/psychosozial vs. schichtbezogen/sozioökonomisch) als Grundlage, unterscheiden sich die unterschiedlich gebundenen Kinder nicht mehr voneinander. Sowohl sicher als auch unsicher oder desorganisiert klassifizierte Kinder weisen sowohl in Ausprägung als auch in Anzahl der Risikofaktoren keine signifikanten Unterschiede auf, so die Ergebnisse von Neubert.

5. Um die anschließende Diskussion der Ergebnisse. In diesem Kapitel werden die fünf Forschungshypothesen anhand der Ergebnisse des vorherigen Kapitels u.a. mit bisherigen Ergebnissen anderer Forscher verglichen und erste Interpretationen gewagt. So kann z.B. zum Einfluss der Risikokumulierung auf das Verhalten der Kinder recht deutlich festgehalten werden, dass es bei einer höheren Risikobelastung zu mehr Verhaltensauffälligkeit kommt. Für diesen Zuwachs wurden in der Studie auch zwei Schwellen gefunden, nämlich bei der Anzahl von ≥ 3 Risiken und bei der Anzahl von ≥ 5 Risiken. Bei beiden Werten lässt sich ein statistisch signifikanter Anstieg der Verhaltensauffälligkeit nachweisen. Damit, so die Autorin, stützt die Untersuchung die These eines Schwellenwertes (die Kumulierung von Risikofaktoren betreffend), wie er auch von anderen Autoren angenommen wird.

6. Um den Ausblick und die Methodenkritik, welches als letztes Kapitel, zukünftige Forschungsfragen und Einschränkungen der Studie behandelt.

Diskussion

Unterm Strich handelt es sich bei dem vorliegenden Werk um eine äußerst gelungene und anspruchsvolle Arbeit. Insbesondere die Konstruktion des Elterninterviews samt der Operationalisierung der Risikofaktoren, der Bildung eines Risikoindex und der Aufschlüsslung in Risikobereiche ist beachtenswert. Die Ergebnisse und die unterschiedlichen Risiken, denen die Kinder ausgesetzt sind, werden so einerseits statistisch auswertbar, andererseits auch fassbar gemacht für interessierte Leser. Positiv anzumerken ist auch, dass das Bindungsmodell der Kinder mit einem eher aufwendigen projektiven Verfahren erhoben wurde, anstatt, wie in zahlreichen anderen Studien, mit einer ökonomischen Ratingskala. Dass hier im Rahmen des Texts nicht von Bindungsrepräsentation sondern gelegentlich vom (den Bindungsfragebogenverfahren vorbehaltenen) Bindungsstil (S. 175) gesprochen wird, ist insofern nicht ganz nachvollziehbar.

Das Forschungsprojekt der Autorin liefert zusammenfassend zahlreiche profunde Ergebnisse und ist vor allem für Wissenschaftler, welche die psychosoziale Praxis im Blick haben interessant. Für pädagogische Fachkräfte sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen, auf deren Tätigkeit im vorliegenden Buch besonders rekurriert wird, könnten Detailfülle und statistische Berechnungen abschreckend wirken. Dabei sind die oben skizzierten Ergebnisse gerade auch für diese, an der Praxis orientierten Berufsgruppen interessant. Wie viele Risiken „verträgt“ ein Kind, bis es verhaltensauffällig wird und welche Rolle spielt die Eltern-Kind-Beziehung dabei – oder ist diese gar selbst ein Risikofaktor? Dies sind Fragen, die auch an der Basis gestellt werden. Neben der „pauschalen Antwort“, dass dies nur individuell von Einzelfall zu Einzelfall beantwortet werden könnte, sind wissenschaftlich Forschungsbefunde eine bedeutende Quelle pädagogischen und therapeutischen Wissens.

Das Buch liefert darüber in diesem Sinne nicht nur erste Antworten auf interessante Fragen, sondern scheut sich nicht am Beispiel eines Einzelfalls, die Ergebnisse anhand der konkreten Praxis zu plausibilisieren. Jedoch gerade auch an diesem Beispiel stellt sich die Schwierigkeit eines Theorie-Praxis-Transfers da. So wirkt es hier und da, als würden analytisch orientierte Kindertherapie und wissenschaftliche Beschreibungen aus Bindungstheorie und Risikoforschung mehr nebeneinander stehen, als sich ergänzen. Dabei mag der Eindruck entstehen, dass die Falldarstellung sich bewusst den zuvor im Buch vorherrschenden Regeln der wissenschaftlichen Empirie entzieht, wenn sie in psychodynamischen Hypothesen die Situation eines Kindes und seiner Familie beschreibt.

Eine deutliche Einschränkung der Studie (wie auch selbst von der Autorin benannt) bleibt, dass sowohl die Daten der Risikofaktoren, als auch der Verhaltensauffälligkeiten vorrangig auf einer Elterneinschätzung beruhen. Insbesondere bei der Beurteilung der Verhaltensauffälligkeit wäre eine weitere Einschätzung, z.B. einer außenstehenden Person, interessant gewesen.

Fazit

Das Buch Bindung und Risiko ist eine empirische Forschungsarbeit im besten Sinne und zugleich eine äußerst lesenswerte Dissertation. Theoretisch fundiert und handwerklich ausgezeichnet hat Sie die Qualität mehr als nur ein Wissenschaftsgebiet anzureichern. So schlägt sie eine Brücke zwischen pädagogischer Frühintervention/-prävention und Bindungsforschung hin zu Risikoforschung und psychodynamischer Kindertherapie. So schlägt sie eine Brücke zwischen pädagogischer Frühintervention/-prävention und Bindungsforschung hin zu Risikoforschung und psychodynamisch geprägter Kindertherapie.

Angesprochen sind vor allem wissenschaftliche Leser, die sich differenziert mit Forschungsergebnissen auseinandersetzen wollen. Eingeschränkt kann das Buch auch Praktikern in Erziehungs- und Familienberatungsstellen, niedergelassenen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und anderen Psychologen, Sozialpädagogen und Therapeuten empfohlen werden, die sich professionell mit kindlichen Bindungsprozessen, familiären Risikokonstellation und den (daraus resultierenden) Problemen und Auffälligkeiten beschäftigen. Da die Arbeit gleichzeitig über zentrale Ergebnisse der groß angelegten EVA-Studie in Frankfurter Kindertagesstätten informiert, könnte sie, zumindest in Teilen, auch mit Gewinn von Kindheitspädagogen und Anwendern des Faustlos-Programms gelesen werden.

Trotz einiger methodischer Einschränkungen, liefert die Dissertation fundierte Ergebnisse und bietet damit genügend Stoff für weitere Überlegungen, insbesondere für die empirische Bindungsforschung.


[1] Cierpka, M. (Hrsg.) (2014). Faustlos – Kindergarten. Ein Curriculum zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen und zur Gewaltprävention. Göttingen: Hogrefe

[2] Leuzinger-Bohleber, M., Fischmann, T., Neubert, V., Hartmann, L., Läzer, K. L., Pfenning-Meerkötter, N., … Ackermann, P. (2014). Project Eva: Evaluation of two prevention programs with high-risk children in Kindergarten. Journal of the American Psychoanalytic Association, 62, 29-31


Rezensent
Dipl.-Sozialpäd. Mathias Berg
M.A., Mitarbeiter einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Doktorand an der Universität Siegen
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Zitiervorschlag
Mathias Berg. Rezension vom 08.09.2016 zu: Verena Neubert: Bindung und Risiko. Wie weit reicht die protektive Kraft sicherer Bindung? Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-525-45134-2. Schriften des Sigmund-Freud-Instituts. Reihe 2: Psychoanalyse im interdisziplinären Dialog, Band 21. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20859.php, Datum des Zugriffs 23.09.2017.


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