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Nausikaa Schirilla: Migration und Flucht

Rezensiert von Prof. Dr. Leonie Wagner, 15.11.2016

Cover Nausikaa Schirilla: Migration und Flucht ISBN 978-3-17-023371-3

Nausikaa Schirilla: Migration und Flucht. Orientierungswissen für die Soziale Arbeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 240 Seiten. ISBN 978-3-17-023371-3. 34,00 EUR.

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Thema

Migration ist ein gesellschaftlich hoch relevantes Thema, das in der Sozialen Arbeit in verschiedenen Handlungsfeldern angesiedelt ist. Zudem ist durch die hohe Zahl von Schutzsuchenden in den letzten Jahren auch die Frage der Sozialen Arbeit mit geflüchteten Menschen wieder stärker in den Fokus gerückt.

Autorin

Nausikaa Schirilla ist Professorin für Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Migration und interkulturelle Kompetenz an der Katholischen Hochschule Freiburg und beschäftigt sich seit Jahren sowohl in der Praxis als auch theoretisch und in der Lehre mit Migration, Interkulturalität, Postkolonialer Kritik und feministischen Fragen.

Entstehungshintergrund

Der Band erscheint in der Reihe „Handlungsfelder Sozialer Arbeit“, die von einem Herausgeber_innenteam der Katholischen Hochschule Freiburg (Martin Becker, Cornelia Kricheldorff und Jürgen Schwab) betreut wird.

Alle Bände sind nach einem einheitlichen Prinzip strukturiert und am curricularen Modell für den BA Soziale Arbeit an der KH Freiburg orientiert.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung erläutert Nausikaa Schirilla gut verständlich und kenntnisreich verschiedene Schwierigkeiten, die entstehen, wenn „Migration“ als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit beschrieben werden soll und erklärt dann, wie sie mit diesen im vorliegenden Band umgeht. Durch die Darstellung unterschiedlicher Positionen und damit verbundener Möglichkeiten gelingt es ihr bereits hier auf die Komplexität und Vielschichtigkeit von Sozialer Arbeit als Reaktion auf die Migrationstatsache hinzuweisen. Diese hohe Differenziertheit bei gleichzeitig sehr guter Verständlichkeit ist ein durchgehendes Kennzeichen des Bandes. Die Autorin verfügt über ein breites und tiefes Wissen zu allen versammelten Themen bzw. Fragen und kann dadurch kenntnisreich und umfassend in diese einführen und auf weitere Perspektiven aufmerksam machen.

Im Kapitel Grundlagen werden zunächst Zugänge zum Thema und Entwicklungen im Migrationsgeschehen sowie Begriffe, Phasen und damit verbundene Migrationsgruppen vorgestellt. Dabei weist die Autorin immer wieder darauf hin, dass die für die Darstellung gewählte Zusammenfassung in Gruppen (z.B. Arbeitsmigrant_innen) nicht bedeutet, dass die von diesen Menschen geteilte Geschichte und rechtlichen Rahmenbedingungen sie zu einer homogenen Gemeinschaft machen. Hier tauchen auch die ersten „Fallgeschichten“ auf, d.h. zum jeweiligen Thema passende kurze biographische Skizzen, die in verschiedenen Kapiteln eingefügt wurden. Warum die Autorin diese Biographien als „Fälle“ deklariert, erschließt sich angesichts der ansonsten hohen Differenziertheit nicht.

Das 2. Kapitel ist der sozialen Situation von Migrant_innen in Deutschland gewidmet. Hier werden verschiedene Bereiche und Themen (Arbeit/Einkommen, Wohnen, Gesundheit, Bildung, Zugang zu Sozial- und Gesundheitsdiensten, soziokulturelle Aspekte) dargestellt. Schön wäre hier gewesen, wenn Nausikaa Schirilla diese Informationen noch entlang der zuvor gebildeten „Gruppen“ und d.h. auch nach den unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen bzw. Statusunterschieden gegliedert hätte. Sie referiert v.a. Untersuchungsergebnisse zu Arbeitsmigrant_innen, deren Kindern und Enkel_innen, an einigen Stellen werden auch Aussiedler_innen einbezogen.

Im Kapitel zu Politik und Gesellschaft (3) werden neben Diskriminierung Integration und Gender thematisiert. Zu Integration werden z.B. verschiedene Begriffe vorgestellt und auf die Bedeutung von Migrant_innenorganisationen hingewiesen. Zu allen Konzepten werden eine Vielfalt an unterschiedlichen Positionen und Forschungsergebnissen präsentiert.

Die Entwicklung des Handlungsfeldes wird in historischer (4) und theoretischer (5) Hinsicht nachgezeichnet. Nausikaa Schrilla setzt die Geschichte mit dem Beginn der Betreuung von Displaced Persons nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den settlement-Bewegungen der USA und Kanadas sowie weiteren in der Geschichte der Sozialem Arbeit selten thematisierten Entwicklungen an. Damit macht sie zugleich auf einen deutlichen Forschungsbedarf aufmerksam.

Bezogen auf die Interventionsformen (III) geht die Autorin auf Migration als Herausforderung für Soziale Arbeit (6) ein, und schließt mit den 7., 8. und 9. Kapitel jeweils spezifische Herausforderungen (Gesamtgesellschaft, Migrationsspezifische Interventionen, Interkulturelle Öffnung und Diversity) an. Im 6. Kapitel verortet Nausikaa Schrilla das Handlungsfeld Soziale Arbeit und Migration theoretisch in der Lebensweltorientierung und dem Menschenrechtsansatz. Bezogen auf Lebensweltorientierung geht es um die Aufhebung von Ungerechtigkeit bzw. die Herstellung von Chancengleichheit dort, „wo Menschen Zugänge zu Möglichkeiten eigenständiger Lebensgestaltung aufgrund gesellschaftlicher Bedingungen oder politischer Zwänge und Vorgaben verwehrt sind“ (S.129). Über den Menschenrechtsansatz ergänzt Nausikaa Schirilla dies um die Aufgabe der „Arbeit mit der Gesamtgesellschaft“ (S. 129). Im 7. Kapitel wird dies wiederum auf verschiedene Angebote bezogen. Den Anfang markiert ein Kapitel zu Rassismuskritischer Bildung (7.1), gefolgt von Interkultureller Bildung und Interkulturellem Lernen (7.2), Diversitätsbewusster Sozialer Arbeit und Antidiskrimierungsarbeit (7.3) und dem Menschenrechtsansatz (7.4). Hier zeigt die Autorin anschaulich verschiedene Ansätze in ihren Vor- und Nachteilen auf.

Im 8. Kapitel (Migrationsspezifische Interventionsformen) werden Migrationsberatung und Migrationsdienste (8.1), Jugendmigrationsdienste (8.2), Flüchtlingssozialarbeit (8.3) und die Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (8.4) und Illegalisierten (8.5) beschrieben. Nausikaa Schirilla stellt Konzepte und rechtliche oder andere Rahmenbedingungen jeweils spezifisch vor. Eingangs macht sie darauf aufmerksam, dass „der Begriff Migrationssozialarbeit […] kein Konzept, sondern die Arbeit mit einer Zielgruppe“ (S.146) meint.

Diese kritische und gleichwohl auf bestimmte Begrifflichkeiten angewiesene Haltung zeigt sich auch im 9. Kapitel: Interkulturelle Öffnung und Diversity: „Obwohl die Herausforderungen nur in einem sehr partiellen Sinne interkulturelle sind, soll hier der Begriff beibehalten werden. Eigentlich geht es um Migrationsöffnung oder um eine Öffnung von migrationsbedingter Veränderung des Klientels, aber der Begriff interkulturelle Öffnung hat sich in der Fachdiskussion eingebürgert.“ (S. 169) In drei Abschnitten des 9. Kapitels beschreibt die Autorin die Notwendigkeiten einer Öffnung bezogen auf verschiedene Handlungsbereiche (u.a. Sucht, Altenhilfe, Behindertenarbeit) und deren spezifische Anforderungen. Im Rückblick auf Methoden und Konzepte stellt sie nochmals deutlich heraus, „dass es keine besonderen Methoden in der Arbeit mit Migranten gibt, es stellen sich Fragen des Zugangs zur Zielgruppe und Fragen der Zugänglichkeit oder Offenheit Sozialer Arbeit generell“ (S. 192).

Neben der Frage der Ausrichtung Sozialer Arbeit als „interkulturell“ oder diversitätsorientiert, die Nausikaa Schirilla in verschiedenen Kapiteln des Buches diskutiert, setzt sie sich im Kontext der Aktuellen fachlichen Entwicklungen (IV) mit Migrant_innen und Ehrenamt (10), der Bedeutung von Inklusionsansätzen (11) und Ressourcenorientierung (12) auseinander. Das 12. Kapitel ist dem Thema Migration als Herausforderung für Kommune und Quartier gewidmet und behandelt kommunale Handlungsspielräume und Restriktionen sowie die Entwicklung kommunaler Konzepte.

Der V. Abschnitt versammelt Anschlussstellen zur Sozialarbeitswissenschaft. Hier zeigt Nausikaa Schirilla verschiedene theoretische Anknüpfungsmöglichkeiten auf, die zwar nicht unbedingt der Sozialarbeitswissenschaft als spezifischem Entwicklungsprojekt zuzurechnen sind, aber dennoch relevante Theoriebezüge der Sozialen Arbeit darstellen: Differenz und Gouvernementalität (13), Transnationalität und soziale Entwicklung (14).

Das letzte Kapitel ist ethischen Perspektiven gewidmet. Hier zeigt die Autorin neben unterschiedlichen Ansätzen auch bedeutende Leerstellen auf: „Ethik der Sozialen Arbeit muss auch beispielsweise Fragen der Legitimität von Grenzen oder des Grenzschutzes, Abschiebungen, Verhältnisse von Identität und Zugehörigkeit sowie Fragen formalrechtlicher und universaler Normen diskutieren.“ (S.246)

Fazit

Dieser Band ist ein wahrer Glücksfall! Nausikaa Schirilla gibt einen sehr guten, kompakten und gleichzeitig differenziert-kritischen Überblick über für das Thema relevante Fragen und Entwicklungen. Kleinere Mängel fallen angesichts der Fülle an Informationen und Verweisen nicht ins Gewicht. Der Band eignet sich insofern für die Lehre und die Praxis. Neben guten Einführungen werden die wichtigsten Diskussions- und Streitlinien dargestellt und die zahlreichen Verweise auf Studien und weitere Literatur ermöglichen eine fundierte Weiterarbeit.

Besonders hervorzuheben ist, dass Nausikaa Schirilla in allen Kapiteln kontroverse Positionen und Entwicklungen darstellt und damit eine differenzierte Perspektive auf das Thema Migration und Soziale Arbeit ermöglicht. Die Autorin macht mit dem Band aber gleichermaßen erhebliche Entwicklungsbedarfe deutlich, die in diesem Bereich – bzw. im gesellschaftlichen Diskurs – bestehen. Sowohl Begriffe als auch Haltungen sind häufig aus defizitorientierten Perspektiven entwickelt und soziale Probleme werden migrationsspezifisch umgedeutet.

Die Autorin hat mit diesem Buch eine sehr gute Grundlage auch zur Weiterentwicklung der Sozialen Arbeit mit Menschen mit Migrationserfahrung und -hintergrund einerseits, vor allem aber auch in Bezug auf eine diversitätsorientierte gesellschaftliche Entwicklung vorgelegt.

Rezension von
Prof. Dr. Leonie Wagner
Professorin für Pädagogik und Soziale Arbeit an der HAWK Holzminden
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Es gibt 14 Rezensionen von Leonie Wagner.

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Zitiervorschlag
Leonie Wagner. Rezension vom 15.11.2016 zu: Nausikaa Schirilla: Migration und Flucht. Orientierungswissen für die Soziale Arbeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-023371-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20865.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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