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Janina Menze: Autismus-Spektrum-Störung (ASS)

Cover Janina Menze: Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Ein Ratgeber für Eltern, Therapeuten und Pädagogen. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2015. 72 Seiten. ISBN 978-3-8248-1190-8. D: 9,49 EUR, A: 9,80 EUR, CH: 14,50 sFr.
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Thema

Weltweit werden jedes Jahr zunehmend Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) diagnostiziert. Oft weiß die Umgebung nicht, welche Möglichkeiten der Förderung es gibt. Intention dieses Ratgebers ist, Eltern, Betroffenen und Betreuungspersonen zu helfen, sich in den vorhandenen Möglichkeiten zu Recht zu finden. Im gesamten Buch nimmt ABA ein breites Spektrum ein. Diese Information fehlt im Titel und Klappentext.

Autorin

Janina Menze arbeitet seit 2006 beim Institut Knospe-ABA in Deutschland und Norwegen als Beraterin von Familien mit Kindern mit ASD und PDD. Im Schulz Kirchner Verlag ist neben diesem hier vorgelegten Buch ein weiteres Buch mit dem Titel „Autismus und die Lernmethode ABA – angewandte Verhaltensanalyse“ erschienen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im DIN A5 Format erschienen und es umfasst 72 Seiten. Es enthält zwölf Kapitel und zahlreiche Unterkapitel, die nicht durchnummeriert sind. 40 Abbildungen und farblich hinterlegte Textboxen ergänzen den Text.

  • Einleitung
  • Was ist Autismus-Spektrum-Störung (ASS)
  • Diagnosestellung und erste Schritte
  • Therapie- und Förderungsmöglichkeiten bei ASS
  • Staatliche Unterstützungsmöglichkeiten
  • Integration und Inklusion
  • Schlussbemerkung und Checkliste bei Autismus
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Links und Tipps
  • Literaturverzeichnis

Das Buch beginnt mit der Einleitung, in der konkrete Tipps für Eltern gegeben werden. Dann folgt ein Kapitel mit dem Titel Was ist Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Darin wird das sog. Trias: eingeschränktes Kommunikationsverhalten bei ASS, eingeschränkte Interessen und Stereotypien bei ASS und eingeschränktes und ungewöhnliches Interaktionsverhalten bei ASS sowie weitere Informationen zu Erscheinungsformen der ASS erläutert.

Daran schließt sich das Kapitel zur Diagnosestellung und erste Schritte an. Hier geht es um den Umgang mit der Diagnose und was Eltern dem Kind sagen sollen.

Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit Therapie- und Förderungsmöglichkeiten bei ASS.Es beginnt mit Heilmitteln und geht zu den Therapien Ergotherapie, Sprachtherapie/Logopädie und Physiotherapie über. Es wird erklärt, was ein Autismus-Therapie-Zentren (ATZ) ist und welche Formen der Beratung, Betreuung und Förderung man dort erhalten kann. Ausführlicher als die anderen etablierten Therapieansätze wie TEACCH, Marte Meo (was so viel bedeutet wie „aus eigener Kraft“) und das EEG Neurofeedback Ansätze wird ABA (Angewandte Verhaltensanalyse) erläutert. Zur Kommunikationsförderung gibt es die sog. Facilitated Communication (FC), die Unterstützte Kommunikation (UK) und PECS. Erklärungen zur Tiergestützten Therapie, Delfintherapie und Reittherapie folgen und die Themen Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Biomedizin beenden dieses Kapitel der Therapie- und Fördermöglichkeiten.

Im Kapitel zu Staatlichen Unterstützungsmöglichkeiten geht es schwerpunktmäßig um die Eingliederungshilfe und das Persönliches Budget sowie um Leistungen der Pflege- und Krankenversicherung und den Schwerbehindertenausweis. Hier findet man auch eine Auflistung von Möglichkeiten des sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfs (zuvor „Förderbedarf“ genannt) wie den Förderschwerpunkt Lernen, den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, den Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung, den Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, den Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation, den Förderschwerpunkt Sehen, den Förderschwerpunkt Sprache und den Förderschwerpunkt Autismus. Schlussendlich wird erklärt, was der Nachteilsausgleich ist.

Im letzten Kapitel Integration und Inklusion werden die Begriffe „Integration“ und „Inklusion“ erläutert und erklärt, was ein Integrationshelfer (I-Helfer) ist. Es werden Tipps für I-Helfer gegeben, es wird darauf hingewiesen, welche sensorischen Reize im Unterricht auf das Kind hilfreich wirken und wie Verstärkersysteme zum Einsatz gebracht werden können.

Das Buch schließt mit den Schlussbemerkung und einer Checkliste bei Autismus ab. Zudem gibt es ein Abkürzungsverzeichnis, Links und Tipps sowie ein Film- und Literaturverzeichnis.

Diskussion

Dieser Ratgeber umfasst nur 72 Seiten, die mit Informationen prall gefüllt sind. Es wird ein Überblick gegeben, was sich hinter der Diagnose Autismus Spektrum verbirgt, welche Therapie- und Förderoptionen es gibt und wie die vorgestellten diversen Angebote zu bewerten sind. Es werden staatliche Unterstützungsmöglichkeiten aufgezeigt und erläutert, wie man sie beantragt. Es wird aufgelistet, welche sonderpädagogischen Unterstützungsmöglichkeiten und Schulformen bestehen und worin die Unterschiede liegen. Es wird erklärt, wie Integration/Inklusion ablaufen kann. Allerdings fehlt der Lebensabschnitt Frühförderung und Kindergarten, also die Zeit vor dem Schuleintritt völlig.

Das Büchlein hat den Anspruch, Eltern, Betroffenen, Fachleuten und Laien einen Überblick über einen ausgewählten Stand der Therapie- und Fördermöglichkeiten bei Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zu geben. Die Erklärungen sind knapp gehalten, beim Lesen stellte ich überraschend fest, dass ABA einen großen Stellenwert einnimmt, was weder aus dem Titel, der Ankündigung noch aus dem Klappentext hervorgeht. Das spiegelt sich in der Liste der Abkürzungen und in den Links wider, es sind immerhin 9 von 25 Links, die sich nur auf ABA beziehen – eine auffällige Ungleichheit. Auch im Text wird immer wieder auf ABA direkt oder indirekt hingewiesen. Sehr auffällig ist diese Gewichtung von ABA in den Informationen zu den Integrationshelfern, die sich über zehn Seiten erstrecken. Im Vergleich: die Ausführungen zum „Umgang mit der Diagnose“ umfassen eine Seite, Erklärungen zu UK sind noch geringer, sie umfassen neun Zeilen.

Der Fokus liegt auf der Schule und besonders auf die Aufgabe von Integrationshelfern. Dem I-Helfer wird empfohlen, in der Begleitung des Kindes tokensysteme (Smilie- oder Gutscheinsysteme) einzusetzen. Diese Empfehlung ist äußerst fragwürdig. Zum einen ist es sehr zweifelhaft, ob es Sinn macht, dass ein Integrationshelfer, der zudem oft – wie im Buch dargelegt – nicht pädagogisch aus- bzw. vorgebildet ist, zielgenau arbeiten kann, zum anderen ist es nicht gerade professionell, eine Hilfskraft mit dem Einsatz von tokensystemen vertraut machen zu wollen. Verstärkersysteme sollten auf keinen Fall an dem Integrationskind „einfach mal“ ausprobiert werden! Wenn man überhaupt mit Verstärkern arbeiten wollte, müsste man sich fundiert über den Einsatz informieren, die Folgen abwägen und diese Schritte gut überlegt anwenden und reflektieren. Am Anfang dachte ich, es geht „nur“ um die Information, was ein I-Helfer ist und wie er in der Schule arbeitet, am Ende des Kapitels (S.61) wird Klartext gesprochen: Die token „sollten jedoch zusammen mit einem Berater für angewandte Verhaltensanalyse (ABA/VB) erstellt werden…“.

Fragt man Betroffene aus dem Autismus Spektrum zu ABA, so ist die Meinung klar: ABA wird sehr kritisch gesehen, zahlreiche Erwachsene berichten davon, dass sie noch heute unter den Folgen dieser intensiven und zeitaufwändigen Trainingsmethode leiden. Sie bewerten die Therapie heute im Erwachsenenalter als „Misshandlung“ oder „Gehirnwäsche“. Eine kritische Reflektion zu ABA habe ich in dem Buch leider nicht gefunden, obwohl es durchaus kritische Töne in Bezug auf andere Methoden wie z.B. FC oder MMS gibt. Durch diese Übergewichtung von ABA entsteht der Eindruck, dass das Buch kein neutraler Ratgeber ist, sondern eher eine verdeckte Werbeschrift für ABA. Mir ist unklar, warum weder im Titel, im Klappentext und in den Ankündigungen darauf hingewiesen wird. Mit dieser Information hätte man als Kauf interessierte Person die Möglichkeit, sich für den Kauf oder aus guten Gründen auch gegen den Kauf zu entscheiden.

Laut Verlag hat diese Ratgeberreihe den Anspruch „Ratgeber für Angehörige, Betroffene und Fachleute“ zu sein und „kurz und prägnant grundlegende Kenntnisse (auf wissenschaftlicher Basis)“ (S.7) zu geben. An einigen Stellen im Buch werden die Aussagen mit Quellen hinterlegt, an zahlreichen Stellen leider auch nicht, dort heißt es dann allgemein „Studien haben belegt…“ (S. 28 oder S. 29). Da die Quellen fehlen, kann man diese Behauptungen nicht prüfen und vertiefen.

Was mir auch grundlegend fehlt ist eine ressourcenorientierte Grundhaltung. Schwerpunkt des Büchleins liegt auf der möglichen Beeinträchtigung, auftauchenden Problemen und anzunehmenden Verhaltensauffälligkeiten. Das ist eine sehr einseitige Perspektive. Eltern, Betroffene und Fachleute brauchen neben dem Wissen, was Autismus bedeutet auch eine Perspektive, was gelingen kann, welche Möglichkeiten dieser Personenkreis hat und wie man ihn so begleiten kann, dass es gelingt, mit den Besonderheiten im Einklang zu leben und dabei zufrieden und glücklich sein zu können.

Fazit

Weltweit werden jedes Jahr zunehmend Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) diagnostiziert. Oft weiß die Umgebung nicht, welche Möglichkeiten der Förderung es gibt. Intention dieses Ratgebers soll sein, dass Eltern und Betreuungspersonen sich in den vorhandenen Möglichkeiten zu Recht finden. Kritisch ist, dass potentielle Käuferinnen und Käufer nicht vor dem Kauf darüber informiert werden (weder im Titel, noch in der Ankündigung oder im Klappentext), dass ABA im Buch einen hohen Stellenwert einnimmt. Die Methode ABA ist in Fachkreisen (und in Selbstvertretungsgruppen) stark umstritten.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 07.06.2016 zu: Janina Menze: Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Ein Ratgeber für Eltern, Therapeuten und Pädagogen. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2015. ISBN 978-3-8248-1190-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20866.php, Datum des Zugriffs 22.03.2019.


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