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Olga V. Artamonova: „Ausländersein“ an der Hauptschule

Cover Olga V. Artamonova: „Ausländersein“ an der Hauptschule. Interaktionale Verhandlungen von Zugehörigkeit im Unterricht. transcript (Bielefeld) 2016. 317 Seiten. ISBN 978-3-8376-3461-7. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

Die multikulturelle Gesellschaft ist vielleicht nirgends so präsent wie in einer Hauptschulklasse. Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Migrationshintergründen lernen zusammen mit Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund, werden meist von deutschstämmigen Lehrkräften unterrichtet.

In welcher Weise die Unterschiede der Herkunft im Kassenzimmer thematisiert und für die Zusammengehörigkeit und Abgrenzung genutzt werden, ist die Frage.

Autorin

Die Autorin ist Germanistin und wurde mit der vorliegenden Studie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg 2015 promoviert.

Aufbau

Die Studie besteht aus drei Teilen, jeweils um die 100 Seiten lang.

  1. Im ersten Teil befasst sich die Autorin mit der Benachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund in den Bildungsinstitutionen, entwickelt dann die theoretischen Überlegungen dazu, wie Zugehörigkeit hergestellt, zugeschrieben und bewertet wird. Schließlich erklärt sie die ethnographischen Methoden, mit denen sie ihre Fallstudie betreibt.
  2. Im 2. Teil stellt sie über 60 Situationen vor, in denen Unterschiede der Herkunft im Klassenzimmer thematisiert werden, sei es durch Lehrkräfte, Mitschülerinnen und Mitschüler oder die jeweiligen Protagonisten selbst.
  3. Der 3. Teil ist den mehrsprachigen Realitäten im schulischen und außerschulischen Kontext der Jugendlichen gewidmet, insbesondere auch deren Kommunikation in Facebook (weitere 30 Konversationen).

Inhalt

Kinder mit Migrationshintergrund sind häufiger als andere in einer Förderschule „gelandet“, wiederholen die Klasse oder verlassen die Pflichtschule ohne Abschluss. Die Erziehungswissenschaften sprechen von institutioneller Diskriminierung. Es ist ein schier unveränderlicher Topos, so wird Hamburger zitiert, dass Migrantenkinder nicht über ausreichende Sprachkenntnisse verfügen, während die Schule Mehrsprachigkeit ignoriert und so tut, als könnten alle Deutsch („monolingualer habitus“ laut Gogolin).

Tatsache ist, dass Menschen Kategorien bilden und formulieren, d.h. sich und andere als Mitglied von sozialen Gruppen mit bestimmten Haltungen und Gewohnheiten wahrnehmen. Dazu kommen landläufige Stereotypen. In alltäglichen Situationen, nicht zuletzt mit Hinsicht auf sprachliche Eigenheiten, werden Zugehörigkeiten verhandelt, also zugeordnet, zugeschrieben, auch bewertet. Dabei können Scherze und Frotzeleien eine wichtige Rolle einnehmen, da sie Zugehörigkeit stärken, Ausgrenzungen schärfen.

Was sich im Schulalltag in einer multikulturellen Klasse wirklich abspielt, ist nicht oft dokumentiert und analysiert worden. Olga Artamonova hat eine umfangreiche Feldstudie durchgeführt, nämlich im Jahr 2011 über sieben Monate hinweg viermal die Woche den Unterricht einer 7. Hauptschulkasse mitgemacht, die Pausen mit den Schülerinnen und Schülern verbracht, sich an ihrer Facebook-Kommunikation beteiligt. Diese teilnehmende Beobachtung war offen und fand mit Wissen und Zustimmung der Schüler, Lehrer und Eltern statt, war den Beteiligten aber nach vier Wochen Gewöhnungszeit nicht mehr bewusst.

Das Ergebnis sind über 60 Gespräche (jeweils „Datum“ genannt), die schriftlich und/oder über Recorder festgehalten und anschließend mit den Jugendlichen besprochen wurden. Es handelt sich dabei um Szenen, in denen die Herkunft eines Schüler oder einer Schülerin angesprochen wird. Die große Mehrzahl der Gespräche folgt dem Muster, dass das Verhalten eines Schülers (Unwissen oder Fehler) vom Lehrer kommentiert wird: Beispielsweise braucht ein Schüler etwas länger für eine Aufgabe – klar, so der Lehrer, in der Türkei bewegt man sich ja noch auf dem Esel. Die Klasse lacht, der betroffene (türkischstämmige) Schüler versucht, sich mit einem coolen Spruch aus der Affäre zu ziehen. Oder: Ein Schüler, der gerade in Pakistan Verwandte besucht hatte, leiht dem Lehrer einen Marker mit dem Zusatz: „keine Bombe“ – witzelt selbst über mögliche Assoziationen. Im Biologieunterricht ist die Frage: Welche Blutkörperchen gibt es? Der Lehrer nennt rote, weiße, ja auch schwarze – stammt doch eine Schülerin aus Angola…

Die Jugendlichen sprechen allesamt fließend Deutsch. Ihre Muttersprachen Russisch, Persisch, Urdu und Türkisch, das an der Schule sog. Ausländische, sind nach ihren Aussagen in der Schule nicht willkommen. Sie erleben und gestalten ihren Alltag in mehrsprachigen Realitäten. Eine Schülerin spricht Berberisch und Spanisch mit den Eltern, Marokkanisch mit den Großeltern und Deutsch mit den Geschwistern. Die Autorin belegt mit vielen Konversationen, wie die Schülerinnen und Schüler von einer Sprache in die andere wechseln oder die Sprachen mischen.

In der Muttersprache kommunizieren sie, wenn es um heikle Themen geht (z.B. Alkoholmissbrauch) oder darum, Mitschüler zu beleidigen, aber auch in amourösen Verbindungen, wenn sie Komplimente über Aussehen, Frisur, Kleider machen, auch wenn sie über andere lästern, durchaus auch vulgär. Sie kennen Schimpfwörter in mehreren anderen Sprachen. Dies zeigen die „Nebengespräche“ während des Unterrichts, vor allem die Chats in Facebook (dazu fast 30 Auszüge). Sie kreieren dabei neue Wörter wie z.B. „spaßik“: mit dem russischen Diminutiv -ik, was also ein kleiner Spaß ist. Ein Begriff aus der Jugendsprache wie „babo“, d.h. Chef, bekommt im Plural die türkische Endung, die Chefs sind also „baboslar“.

Diskussion

Olga Artamonova hat für diese Feldstudie, nach manchen Schwierigkeiten, schließlich eine Schulleitung und Lehrkräfte, auch Schüler und Eltern gefunden, die ihre teilnehmende Beobachtung akzeptierten bzw. zuließen. Das Material ist natürlich nicht repräsentativ. Die Autorin ist auch nicht für die Praxis, die sie beschreibt, verantwortlich. Man muss sich aber über die Realität in deutschen Klassenzimmern schon wundern: Wer die Hausaufgabe nicht gemacht hat, muss Strafarbeiten schreiben oder nachsitzen; wer im Klassenzimmer gähnt, ohne sich die Hand vorzuhalten, muss 20 Kniebeugen machen.

Der multikulturelle Alltag in der betreffenden Klasse wird dominiert von einem Klassenlehrer, der regelmäßig die Herkunft der Schülerinnen und Schüler thematisiert, zumeist unter Nutzung von Stereotypen (z.B. Russen – Wodka). Die Jugendlichen, so vermerkt die Autorin, sind meist amüsiert, versuchen „cool“ zu bleiben oder gar schlagfertig zu antworten, übernehmen auch mal die witzige Seite (s. o.: aus Pakistan, aber ohne Bombe). Nicht korrektes Verhalten rügt der Lehrer mit dem Satz: „Wir sind hier doch nicht in Kanakistan“. Artamonova beurteilt diese Aktionen des Lehrers insofern positiv, als sie die Aufmerksamkeit und Zusammengehörigkeit der Klasse und die kulturelle Identität der einzelnen Schüler und Schülerinnen stärkten. Dem muss der Rezensent vehement widersprechen: Hier macht sich jemand mit Macht und permanent auf Kosten der Jugendlichen über ihren Migrationshintergrund lustig, aktiviert Stereotype, bemüht die Kategorie der Herkunft an Stellen, wo sie irrelevant ist. Ich nenne eine solche Verhaltensweise rassistisch.

Im zweiten Teil der Empirie dokumentiert die Autorin die Vielfalt der Sprachkenntnisse und die Kreativität, mit dieser umzugehen. Es ist eines der großen Defizite des Bildungssystems, diese Potentiale weder zu würdigen noch zu nutzen. Es ist das große Verdienst von Olga Artamonova, dieses Material gesammelt, transkribiert und aufbereitet zu haben. Es ist ein überzeugender Appell, endlich die Mehrsprachigkeit der „ausländischen“ Schülerinnen und Schüler und ihre sprachschöpferische Kompetenzen als Potential anzuerkennen, das jedes Klassenzimmer bereichert.

Anzumerken ist noch, dass die Konversationen außerordentlich präzise transkribiert worden sind. Dass das Gespräch der Autorin mit den Schülern nach einer kritischen Situation „Nachverbrennungsprozess“ heißen muss, versteht man nicht. Mitunter werden „sprachlich“ und „linguistisch“ verwechselt. Der Autorin ist dafür zu danken, dass sie – auch als Leitmotiv vorweg – das Bonmot von Ruslan, einem russlanddeutschen Schüler für die Nachwelt aufbewahrt hat: Asylbewerber würden doch oft als „unterbemitleidet“ gelten.

Fazit

Die ethnographische Studie von Olga Artamonova präsentiert zunächst Situationen in einem Klassenzimmer, in denen die ethnische Herkunft der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund bemüht witzig, frotzelnd thematisiert wird. Wenn jedoch die mehrsprachigen Jugendlichen innerhalb oder außerhalb der Schule miteinander kommunizieren, werden sprachliche und kreative Potentiale sichtbar, die die Schule bisher im besten Fall ignoriert, häufig aber auch abwertet, statt sie zu pflegen und zu nutzen. Die vorliegende Dissertation lädt Lehrkräfte (nicht nur an Hauptschulen) überzeugend dazu ein, sich dieser Aufgabe zu stellen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 03.06.2016 zu: Olga V. Artamonova: „Ausländersein“ an der Hauptschule. Interaktionale Verhandlungen von Zugehörigkeit im Unterricht. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3461-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20869.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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