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Oliver von Wrochem, Christine Eckel (Hrsg.): Nationalsozia­listische Täterschaften

Cover Oliver von Wrochem, Christine Eckel (Hrsg.): Nationalsozialistische Täterschaften. Nachwirkungen in Gesellschaft und Familie. Metropol-Verlag (Berlin) 2016. 534 Seiten. ISBN 978-3-86331-277-0. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.

Herausgegeben im Auftrag der KZ-Gedenkstätte Neuengamme von Oliver von Wrochem unter Mitarbeit von Christine Eckel. DVD: Nationalsozialistische Täterschaft in der eigenen Familie. Erinnerungsberichte der zweiten und dritten Generation. Filme von Jürgen Kinter und Oliver von Wrochem DVD-Herstellung: ahoimedia / Stefan Corinth Gesamtlänge: 219 min, Hamburg, 2015.
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Thema

Im vorliegenden Sammelband zum Fokus „Nationalsozialistische Täterschaften“ wird ein äußerst vielfältiges, heterogenes und insgesamt beeindruckendes thematisches Spektrum aufbereitet. Dokumentiert werden unterschiedliche Zugangsformen zur Bestimmung und Beschreibung nationalsozialistischer Täterschaften mitsamt ihren Folgen für öffentlich-gesellschaftliches, kulturelles und wissenschaftliches Selbstverständnis sowie für die Arten und Weisen subjektiver und privater Erinnerungen und ihren Umgang damit in betroffenen Familien und Nachkommen.

Bereits die Verwendung der Pluralform (Täterschaften) verweist darauf, dass es hier nicht um monokausale Erklärungsansätze, sondern um offene, multiperspektivische und vielschichtige Zugänge geht, ohne in einem beliebig-unspezifischen Relativismus stecken zu bleiben. In den Worten des Herausgebers lautet die Grundthese des Buchs: „Das öffentliche, gesellschaftliche und das familiale Erinnern an den Nationalsozialismus steht in einem Wechselverhältnis zueinander“ (S. 11). Diese Prämisse bedeutet, dass der Raum für unterschiedliche Formen von Erinnerungsprozessen, in denen eine Auseinandersetzung mit nationalsozialistischen Verbrechen erfolgen konnte, offen war und ist. Das bedeutet auch, dass in dieser Publikation Widersprüchliches auftaucht, genauso wie deutlich wird, dass öffentliche und/oder wissenschaftliche Formen der Auseinandersetzung mit NS-Täterschaft nicht selten in komplexer und subtiler Weise mit persönlichen familienbiografischen Ebenen und Dimensionen verflochten und verzahnt sind.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist im wahrsten Sinne des Wortes eine materialreiche Sammlung, genauer: eine Zusammenstellung von 34 Beiträgen, in denen unterschiedlichste Facetten und Perspektiven auf das Thema NS-Täterschaft(en) nebeneinander gestellt werden und partiell ineinander greifen.

So geht es zum einen um die Dokumentation fachdisziplinärer Ergebnisse und Erkenntnisse sowie einschlägiger Diskurskontexte internationaler Forschung nach 1945, die im Rahmen zweier wissenschaftlicher Konferenzen diskutiert wurden.

Zum anderen geht es um subjektive Erfahrungsberichte und Erkenntnisschritte von Betroffenen aus der Kinder- und Enkelgenerationen von „Tätern und Täterinnen“. Letztere stammen aus dem Umfeld verschiedener Seminar-Angebote der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, die sich an Nachkommen von Tätern (und partiell auch von Opfern) richten. Ergänzt wird dieses Material durch eine DVD mit zehn filmischen Portraits von Interviews mit Nachkommen.

Der Sammelband steht in der Tradition der Publikationsreihe Neuengammer Kolloquien. Dabei geht dieser Band sicherlich in besonderer Weise über die bisherigen, mit Konzentrationslagern verbundenen Forschungsarbeiten und Materialien der Gedenkstätte hinaus, da hier über einen Zeitraum von fünf Jahren auf der einen Seite Ergebnisse zu NS-Täterschaften und ihren Folgen, die im Rahmen von zwei wissenschaftlichen Tagungen zusammengetragen wurden, mit Erkenntnissen aus zahlreichen Seminaren und Interviews mit familial betroffenen Nachkommen auf der anderen Seite verknüpft wurden. Beide Tagungen fanden im Jahr 2013 statt, setzten aber jeweils etwas unterschiedliche Akzente.

Die erste Tagung mit der Themenstellung „Täterschaften, Akteure des Terrors und ihre Opfer. Neue Fragestellungen in Forschung und Vermittlung an KZ-Gedenkstätten“ fand in Kooperation mit der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg statt. Hier ging es um Forschungsprojekte zu institutionellen Verflechtungen der Verfolgungsinstanzen, zum Umgang mit Tätern nach 1945 und zu Perspektiven und Formen des Erinnerns in verschiedenen (institutionellen) Kontexten.

Die zweite große internationale Tagung trug den Titel „Der Umgang mit nationalsozialistischer Täterschaft in den Familien von TäterInnen und NS-Verfolgten sowie in der Gesellschaft von 1945 bis heute“. Mit weiterer institutioneller Unterstützung, unter anderem durch die Bundeszentrale für politische Bildung, wurde hier der Rahmen noch weiter gespannt. Ziel war es nun, die Seite der Forschung (z.B. zu Motiven und Moralvorstellungen von Tätern und Täterinnen, zum nachfolgenden Umgang mit ehemals beteiligten Gewalt-Akteuren etc.) mit den persönlichen Erfahrungsräumen von betroffenen Nachkommen auf Seiten von TäterInnen und partiell auch von Opfern zu verknüpfen. Dies war nicht zuletzt möglich, da seit einigen Jahren in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme regelmäßig sowohl Recherche-Seminare zu Familienbiografien („Ein Täter, Mitläufer, Zuschauer, Opfer in der Familie?“) als auch Gesprächsseminare („Ein Täter in der Familie?“) angeboten wurden und werden. Neben wissenschaftlichen Vorträgen, Workshops und Podiumsdiskussionen waren im Tagungsprogramm auch Filme sowie (szenische) und Autoren-Lesungen einbezogen.

Herausgeber

Der Herausgeber Oliver von Wrochem ist Historiker und Leiter des Studienzentrums der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Er hat unter anderem über Erinnerungskultur und Geschichtspolitik gearbeitet und dabei insbesondere die Bezüge zum Zweiten Weltkrieg und zu NS-Täterschaften als Thema historisch-politischer Bildung fokussiert. Die vorliegende Publikation wurde im Auftrag der KZ-Gedenkstätte Neuengamme herausgegeben.

Aufbau

Die mit mehr als 500 Seiten äußerst umfangreiche Publikation ist in mehrere Kapitel gegliedert, wobei – je nach spezifischem Interesse – die verschiedenen Abschnitte durchaus separat und „für sich“ gelesen werden können. Dabei eignet sich die vorangestellte Einleitung (8 Seiten) des Herausgebers Oliver von Wrochem sehr gut als Strukturierungs- und Lesehilfe.

Die ersten drei Hauptkapitel greifen die Themen und Debatten der beiden Konferenzen auf.

Im ersten Kapitel „Forschung und Gesellschaft“ (93 Seiten) geht es in den sechs einzelnen Beiträgen um Zusammenhänge zwischen themenrelevanter Forschung, vor allem der „Täterforschung“ und ihren unterschiedlichen Paradigmen, sowie um zugehörige gesellschaftliche und mediale Rezeptionsmodi. Einer der Beiträge besteht aus einem Gespräch über Probleme der Strafverfolgung von NS-Tätern sowie über Trends der filmischen Präsentation nationalsozialistischer Themen und (berüchtigter) Personen.

Vier der fünf Beiträge des zweiten Kapitels „Bildung und Gesellschaft“ (74 Seiten) loten die Möglichkeiten einer kritischen Bildungsarbeit im Kontext der Auseinandersetzung mit Täterschaften aus und zeichnen die Gratwanderungen zwischen Selbstbildern bzw. Identitäten „belasteter“ Berufsgruppen, öffentlichem Gedenken und privatem Erinnern nach. Dokumentiert wird hier einer Podiumsdiskussion, die unter der Fragestellung „Umgang mit Täterschaft – Perspektiven für die Zukunft“ stand.

Das dritte Kapitel „Literatur, Film und Erinnerungsgemeinschaften“ (84 Seiten) enthält fünf Beiträge mit jeweils ganz unterschiedlichen Themen und Fragestellungen. Auch hier findet sich wiederum ein (Podiums-)Gespräch als Beitrag, in dem es um das Selbstverständnis und die Erfahrungen mit autobiografischer Literatur und Filmen geht. Der Beitrag über Erfahrungen mit gemischten Gruppen von Täter- und Opfer-Nachkommen ist auf Englisch verfasst.

Das vierte Hauptkapitel „Auseinandersetzungen mit der Täterschaft der Eltern“ (148 Seiten) besteht aus 12 Einzelbeiträgen von Betroffenen aus der Generation der Kinder. Die hier zusammengestellten Berichte erweisen sich als sehr unterschiedliche, in jedem Fall aber als sehr persönlich geprägte und gehaltene Zeugnisse und Schilderungen, in denen es um kognitiv-emotionale Standortbestimmungen des Verhaltens der Väter/Mütter, um die damalige und/oder heutige eigene Beziehung zu ihnen und um den eigenen Umgang mit diesem „Erbe“ geht.

Das fünfte Kapitel „Auseinandersetzungen mit der Täterschaft der Großeltern“ (77 Seiten) enthält sechs Beiträge aus der subjektiven Sicht der Enkelgeneration auf die Täterschaft ihrer Großeltern und auf den Umgang mit dieser Vergangenheit im familialen Kontext.

Auf ein separates Schlusskapitel wurde verzichtet. Erläuterungen und bibliografische Quellen sind als Fußnoten in den jeweiligen Einzelbeiträgen enthalten, so dass es kein übergreifendes Literaturverzeichnis gibt. Am Ende des Buchs finden sich Zusammenfassungen bzw. Abstracts zu allen Beiträgen in englischer Sprache sowie ein vollständiges Autorenverzeichnis mit kurzen CV-Angaben. Die dem Buch beigelegte DVD enthält zehn Film-Portraits (im Schnitt jeweils 23 Minuten lang) von Interviews mit Angehörigen der Kinder- und Enkel-Generation. Fast alle der hier Befragten sind auch mit eigenen Beiträgen im Buch vertreten.

Ausgewählte Inhalte

Die bereits angedeutete große inhaltliche Bandbreite soll und kann im Folgenden nicht in all ihren Einzelheiten aufgegriffen und kommentiert werden. Insofern soll diese Inhaltsangabe ein kurzer Streifzug durch die Vielzahl der Beiträge sein, wobei manche Beiträge exemplarisch etwas ausführlicher behandelt werden.

Wie bereits erwähnt, wird in der von Oliver von Wrochem verfassten übersichtlichen und konzisen Einleitung der Material-Korpus kurz beschrieben und die nachfolgenden 34 Beiträge jeweils kurz in der Essenz ihrer Aussage skizziert.

Im ersten Hauptkapitel geht es vor allem um die gesellschaftliche Dimension von Täterschaften und Täterforschung. In sechs Unterkapiteln werden verschiedene Forschungsansätze und -inhalte kritisch aufbereitet.

  • Frank Bajohr gibt in seinem Beitrag Neuere Täterforschung einen auch für interessierte Laien erhellenden Überblick über bisherige Forschungstraditionen zum Erklärungsansatz „Täterschaft“. Zu den zentralen Erkenntnissen der neueren Täterforschung gehört demnach zum einen das Wissen um weitaus größere Zahlen von Täterschaft und Tatbeteiligungen in vielfältigen institutionellen Kontexten als es lange Zeit angenommen wurde. Zum anderen wird hier deutlich, dass neuere Forschungsarbeiten weniger die Praxis eines zentralen Befehls von „oben“ belegen als vielmehr ein sich zunehmend radikalisierendes „Wechselspiel zwischen Zentrale und Peripherie“ (S. 23). Drei innerhalb der Täterforschung praktizierte Zugänge und Erklärungsansätze werden in ihrer divergierenden Befundlage gesichtet und bewertet. Demnach (1) seinen „biografische und generationelle Prägungen“, wenn überhaupt, noch am ehesten bei den aus den Jugendgenerationen des Ersten Weltkriegs stammenden „Weltanschauungseliten“ (S. 26) als Erklärungsansatz tragfähig, (2) entsprächen die Verweise auf die „institutionell geformte Handlungspraxis der Täter“ (S. 26) eher Prozessen der „Entgrenzung“ der Handlungspraxis als ihrer Über-Bürokratisierung und schließlich (3) seinen „situative und sozialpsychologische Aspekte“ vor allem der Wirkung des ideologisierten Ordnungsprinzips der „Kameradschaft“ (S. 28) zuzuschreiben. Am Ende wird ein behutsam-optimistischer Ausblick auf zukünftige Forschung gegeben: „Überzeugende Antworten versprechen multiperspektivisch angelegte Forschungen, die sich nicht zuletzt der jeweiligen Grenzen der Erklärungskraft bewusst sind“ (S. 31).
  • Auch Thomas Kühne setzt sich in seinem Beitrag Dämonisierung, Viktimisierung, Diversifizierung. Bilder von nationalsozialistischen Gewalttätern in Gesellschaft und Forschung seit 1945 kritisch mit der Entwicklung von Täterrezeptionen sowie mit aktuellen Befunden zur Täterforschung auseinander. Unter Bezug auf die Rezeptionsgeschichte des bereits 1946 von Wolfgang Staudte gedrehten Films „Die Mörder sind unter uns“ stellt er mit partiell entlarvender Wirkung die Entwicklung dreier Deutungsmuster nationalsozialistischer Täterschaft vor: (1) Das Phänomen der „Dämonisierung“ verweist auf die anfängliche Praxis, zwischen Tätern und den „anderen“, ihren Beobachtern, eine distinkte „emotionale und moralische Distanz“ (S. 33) zu akzentuieren und Täter als psychopathologische „Monster“ außerhalb zivilisierter Moral zu figurieren; (2) das in gewisser Weise gegenteilige Phänomen der „Viktimisierung“ konturiert hingegen Täter als „Opfer“ (sic!), „Opfer von Befehlsstrukturen“ (ebd.), die unübersichtlichen Handlungsbedingungen ohne Handlungsfreiheit und/oder ideologischen Indoktrinationen ausgesetzt waren; (3) die mittlerweile erarbeitete Sichtweise einer „Diversifizierung“, in der das Gewalthandeln der Täter als Ausdruck einer komplexen Gemengelage verstanden wird, ist schließlich zu verorten zwischen „Freiheit und Zwang“ (ebd.) und stellt das Geschehen somit als Verflechtung von situativen Handlungsaspekten und Persönlichkeitsstrukturen dar. Nach Kühne zeigen 70 Jahre Täterforschung den langen Weg von der frühen Erkenntnis, dass die „Mörder unter uns“ sind, dem nachfolgenden „Vergessen“ dieser Position und den sich in Wissenschaft und Öffentlichkeit jahrzehntelang daran anschließenden verengten Erklärungsanätzen und „Exkulpationsdiskursen“ (S. 54) bis hin zur Erkenntnis, dass es hier um immer wieder neu zu erarbeitende differenzierende Positionen gehen müsse. So wird am Ende auch hier ein verhalten optimistisches Fazit gezogen.
  • Auch Gerhard Paul greift in seinem Beitrag „Dämonen“ – „Schreibtischtäter“ – „Pfadfinder“. Die Wandlungen des Bildes von NS-Tätern in Gesellschaft und Wissenschaft am Beispiel von Adolf Eichmann und Rudolf Höß die Diskussion über Typen und Bilder männlicher NS-Täter auf und unterlegt seine Argumentation mit „visuellen Referenzen“. Solche visuellen Einprägungen von„Täterbildern“ finden sich vor allem in den diversen Fotos und Pressebildern, wie sie beispielsweise im Kontext der Berichterstattung und Diskurse über Strafverfolgung konstruiert wurden (z. B. Eichmann in „seinem“ Glaskasten im Jerusalemer Gerichtssaal). Paul verweist darauf, dass diese Täterbilder eine doppelte Bedeutung haben: „im Sinne von Geschichtsbildern sowie als visuelle Kommunikationen der Fotografie und der bildenden Kunst“ (S. 56). Dabei wird nicht zuletzt der nachhaltig durchschlagenden Formel von der „Banalität des Bösen“ von Hannah Arendt als visuell „belegte“ Deutungsfolie der Gewaltakte der Täter eine problematische Wirkung zugeschrieben. Mit dieser Sichtweise auf Täter sei letztlich die Praxis und das Ausmaß selbstverantworteter und moralisch schuldhafter Entscheidungen und Handlungen dieser emotional und kognitiv „unbedingt“ überzeugten „Pfadfinder“ und „Manager“ des Holocausts negiert worden. Nicht zuletzt verweist Paul auf die sich gegenseitig immer wieder bestätigende Dynamik der verschiedenen Täterbilder. So kommt nach ihm der Konstruktion von TäterInnen-Typen wie „Dämonen“ (Männer) und „Hyänen“ (Frauen) in jedem Fall immer eine Entlastungs- und Exkulpationsfunktion für die anderen (Mitläufer-)Akteure zu. Ähnlich bewertet er auch den Typus des „durchschnittlichen Schreibtischtäters“ als eine typisch deutsche Entschuldungsfigur, die dazu führe, sich nicht detailliert mit den Zusammenhängen des Abhandenkommens von Moral und Ethik zu befassen.
  • Im Gespräch mit dem Historiker Thomas Käpernick skizziert Dietrich Kuhlbrodt, ehemals Staatsanwalt bei der mit Strafverfolgung von NS-Verbechen befassten Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg und zudem Schreiber von Filmkritiken und Schauspieler, die gesellschaftlichen Widersprüche bei der Verfolgung und Aufbereitung nationalsozialistischer Verbrechen. Das Fazit von Kuhlbrodt entspricht dem Titel des Beitrags: „So war der Keim des Misserfolges bei der Aufklärung schon da.“ Parallel zu den Schilderungen der immer wieder behinderten staatlich-juristischen Aufklärungsarbeit kommen in diesem Gespräch auch die privaten, teils unscharfen, teils zwiespältigen Erinnerungen an das Aufwachsen und die Lebenswelt eines Jungen aus gutbürgerlicher, partiell NS-affizierter Familie in der Zeit des aufstrebenden Nationalsozialismus zur Sprache. Kuhlbrodt hat somit im Laufe seiner Biographie völlig unterschiedliche Kontexte mit NS-Tätern erfahren bzw. sich diesen ausgesetzt. So finden sich neben den kritischen Anmerkungen zum Versagen staatlicher Aufklärungsarbeit auch Bemühungen, den eigenen subjektiv-kindlichen Erlebens- und Verdrängungsformen in der NS- und Kriegszeit nachzuspüren. Darüber hinaus gibt es für ihn auch noch eine dritte Perspektive – die kritische Reflexion der Thematisierung von NS-Themen in Filmen mit zwiespältiger Erkenntnis: „Deutsches Filmwunder: Nazis immer besser“ (S. 69). So kritisiert er, dass gerade auch in den neueren Filmen Nazis oft nicht in ihrer „Täterfunktion“ gezeigt werden, was Zuschauer dazu verleite, Faszination und Empathie für sie zu empfinden.
  • Unter Rekurs auf den 2013 im ZDF ausgestrahlten, höchst erfolgreichen deutschen TV-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ greift Elissa Mailänder mit ihrem Beitrag Unsere Mütter, unsere Großmütter. Erforschung und Repräsentationen weiblicher NS-Täterschaft in Wissenschaft und Gesellschaft die lange vernachlässigte bzw. ausgeblendete Perspektive auf weibliche NS-Täterschaft und das Mit-Tun von Frauen auf. Herausgearbeitet wird hier, dass der Nationalsozialismus eine „Restrukturierung der Geschlechterverhältnisse“ (S. 88) mit sich brachte, die durchaus neue „weibliche Herrschaftsräume“ (ebd.) etablierte. So stellt sich für sie die Frage: „Was machte den Nationalsozialismus für Frauen so attraktiv?“ (ebd.). Insbesondere in den Institutionen, in denen „unwertes Leben“ registriert und „ausgesondert“ wurde, waren Frauen auf vielerlei Ebenen beteiligt als Krankenschwestern, Sozialfürsorgerinnen, Sekretärinnen etc. Mailänder spricht somit von einer Generation des „Mit-Tuns“, wobei sie konstatiert, dass diese „Tätigkeiten [..] selbstermächtigende Rückwirkungen auf die beteiligten Frauen“ (S. 89) hatten. Das NS-System warb um „tatkräftige“, engagierte Frauen, die über die NS-Jugendorganisationen bereits Erfahrungen gesammelt hatten, wie man den oft beengenden familialen Kontexten entkommen konnte. So erwies sich insbesondere die kolonialpolitische Besetzung des Ostens als neues Betätigungsfeld für Frauen als höchst attraktiv. Diese Überlegungen werden von Mailänder kritisch mit den impliziten Botschaften des TV-Dreiteilers verknüpft. Kirtisiert wird, dass hier die (aktive) Involvierung von Frauen in nationalsozialistisches Handeln und Gewaltakte subtil in private Leidens- und Läuterungsgeschichten transformiert werde, so dass am Ende Fragen nach Moral und Verantwortung auf der Strecke blieben. Daraus leitet sie die Forderung ab, dass die Zwiespältigkeit und Doppeldeutigkeit der Aussage „Oma war (k)ein Nazi“ (S. 97) Anstoß für weitere, differenzierte genderbezogene Forschungsaktivitäten sein sollte.
  • Im Beitrag Lieber „Kriegskind“ als „Täterkind“? Sozialpsychologische Überlegungen zur affektiven Funktion erinnerungskultureller Generationenkonstruktionen von Sebastian Winter geht es um die Suchbewegungen von Angehörigen der Geburtsjahrgänge 1930-1945, sich hinsichtlich ihrer frühen Prägungen identitär zu verorten. Das hier von ihm beobachtete Bedürfnis dieser Menschen nach biografischer Aneignung von leidvollen (Kriegs-)Erfahrungen als Kind führe spätestens beim Übergang ins eigene Alter dazu, sich als Angehörige der „Kriegskind-Generation“ zu konstruieren. Er bewertet dies vor allem als Ausdruck des Abwehrmechnismus der „Kryptisierung“ (S. 106). Kennzeichnend dafür seinen ein „affektisoliertes Sprechen“ (ebd.), was vor allem die Unbetrauerbarkeit von Scham und Schuld deutlich mache. Nach Winter kommt es zu einer solch einseitig verengten Selbst-Stilisierung als Kriegskind im Erwachsenenalter vor allem deshalb, weil die Tatsache, von „NS-Täter- und Ideologie-Kontexten“ geprägt worden zu sein, weitgehend ausgeblendet werden müsse. Anders gesagt: Aus einer sozialpsychologischen Perspektive wird somit kritisiert, dass in dieser Generation die habitusformierende Infiltration nationalsozialistischer Praktiken und Denkmuster als solche verdrängt und in eine „Diskursivierung“ (S. 102) der Kriegskinder verschoben wurde. Dabei konzediert Winter je nach Geburtsjahrgang unterschiedliche Formen von Betroffenheit. So sieht er die (ältere) „Jungvolkgeneration“ (S. 108) anders gefordert als die (jüngeren) Kriegskinder. Letztere seien vor allem über die „zweite Schuld“ (Ralph Giordano) der Eltern, das heißt, über die Abwehr von Schuldfragen seitens ihrer Eltern genau damit identifiziert und delegiert. Der Vorwurf an alle Angehörigen dieser Generationen lautet, dass die Stilisierung als „Kriegskind“ bedeutet, die Tatsache, (auch) „Täter- bzw. Mitläufer-Kind“ zu sein, ausgeblendet wird. Somit werde die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Anteilen in der eigenen Familiengeschichte erschwert, „während die kollektiv-narzisstische Identifikation mit Deutschland erleichtert wird“ (S. 112).

Im zweiten Hauptkapitel werden die Möglichkeiten kritischer Bildungsarbeit im Kontext des Themenkomplexes „Täterschaften“ angesprochen. Dabei geht es um Vermittlungsfragen, aber auch um zukünftige Perspektiven im Umgang mit Fragen zu NS-Täterschaften. Hier finden sich folgende fünf Unterkapitel:

  • Astrid Messerschmidt greift in ihrem Beitrag Selbstbilder zwischen Unschuld und Verantwortung. Beziehungen zu Täterschaften in Bildungskontexten das Problem auf, dass die einschlägigen „erinnerungskulturellen Repräsentationspraktiken“ (S. 118) die nationalsozialistische Erfahrungen mit Tätern weitgehend ausblenden. Dies ist nach ihrer Meinung ein Tatbestand, der sich auch in der pädagogischen Erinnerungsarbeit wiederhole und als Ausdruck eines Bedürfnisses nach Unschuld gedeutet werden könne. Auch wenn Empathie mit den Opfern von Verbrechen und Distanzierung von den Akteuren immer einen zentralen Stellenwert haben sollte, plädiert sie dafür, dass gerade in KZ-Gedenkstätten an Opfer und Täter und an die „Verankerung von Täterschaft in der gesellschaftlichen Normalität [erinnert werden muss], um Täterinnen und Täter als Produkte gesellschaftlich vermittelter Überzeugungen wahrzunehmen und nicht als biografisch bedingte Ausnahmeerscheinungen“ (S. 120). Da Erinnerungen sowohl benutzt als auch abgewehrt werden können, sollte der Umgang mit ihnen deutlich machen, dass es in jedem Fall immer um die Wahrnehmung einer „Verantwortung aus der Gegenwart heraus“ (S. 130) geht. So stellt sie ihre Überlegungen auch in einen Zusammenhang mit aktuellen Konfliktlagen, z. B. bei der Frage nach dem Umgang mit Täterschaft im Kontext von sekundärem Antisemitismus und Alltagsrassismus. Sowohl für eine kritisch-reflexive Bildungsarbeit als auch bei den aktuellen migrationspolitischen Diskursen unterstreicht sie den Begriff der Verantwortung, der im Vergleich zum häufig herangezogenen Schuldbegriff die adäquatere Zugangsform darstelle.
  • Oliver von Wrochem verdeutlicht mit seinem Beitrag Bildungsarbeit von Gedenkstätten zu Täterschaft und mit Nachkommen von Täterinnen und Tätern, dass der Austausch zwischen der biografischer Arbeit zu Täterschaft bzw. zu Erfahrungskontexten, Betroffenheiten und privaten Erinnerungen mit den Nachkommen auf der einen Seite und den Formen öffentlichen Gedenkens und Bewertens von Täterschaften sowie den Erkenntnissen wissenschaftlicher Forschung auf der anderen Seite gelingen und sich gegenseitig bereichern kann. Seit 2009 haben 30 Recherche- und Gesprächsseminare in der KZ-Gedenkstätte stattgefunden und etwa 600 Personen aus dem Kreis der Nachkommen sind mit diesen Aktivitäten unmittelbar erreicht worden. Nicht zuletzt belege die vorliegende Publikation eindrucksvoll, dass eine Überwindung dieser lange Zeit voneinander getrennten Kontexte möglich ist.
  • Thomas Köhler greift mit seinem Beitrag Auseinandersetzung mit Täterschaft im Nationalsozialismus als Stärkung der persönlichen „humanen Autonomie“? Entwicklungen und Perspektiven am Beispiel der historisch-politischen Bildungsarbeit mit Polizisten einen berufsbezogenen Kontext nationalsozialistischer Täterschaft auf, leitet daraus Ansätze für die aktuelle Bildungsarbeit mit Polizisten ab und stellt Überlegungen zu einer kritisch reflektierten Polizeikultur an. Berichtet werden einige erste Erkenntnisse bei der Umsetzung eines solchen Bildungskonzepts.
  • Auch Uta George berichtet in ihrem Beitrag „Bildungsarbeit zu Täterschaft am Beispiel der Beschäftigung mit den nationalsozialistischen Euthanasie-Verbrechen“von ihren Erfahrungen in der Bildungsarbeit an der Gedenkstätte Hadamar mit Angehörigen verschiedener medizinischer und pflegerischer Berufe. Auch in der Tradition dieser Berufsfelder hat das Thema der NS-Täterschaft in Form der Euthanasie-Praxis einen besonders problematischen Stellenwert. So wird deutlich, dass Täterschaft und „Euthanasie“ anders konnotiert sind, wenn sie beispielsweise mit scheinbar „menschlichen“ Motiven (Leid zu verkürzen) in Beziehung gesetzt werden. Auch hier wird ein Bezug zu aktuellen pädagogischen Diskursen, wie z.B. der Inklusionspädagogik, hergestellt.
  • Der letzte Beitrag dieses Kapitels dokumentiert wiederum einer Podiumsdiskussion zum Thema Umgang mit Täterschaft – Perspektiven für die Zukunft, an der, unter der Gesprächsführung von Oliver von Wrochem, Monique Eckmann, Verena Haug, Astrid Messerschmidt und Jan Philipp Reemtsma teilnahmen. Nach einer kurzen Vorstellung der TeilnehmerInnen des Podiums werden hier unterschiedliche thematische Akzente angesprochen, so beispielsweise die Frage nach Veränderungen im Blick auf nationalsozialistische Täterschaften im Laufe des vergangenen Vierteljahrhunderts. So werden hier, gerade auch in der „nicht-deutschen“ Außensicht, erhebliche Veränderungen konstatiert, beispielsweise in der Erkenntnis von Täterschaft als einer „shared burden“ (S. 173), hier verstanden als eine gemeinsame Verantwortung von direkt und indirekt Betroffenen für diese Hinterlassenschaft. Auch werden hier Beobachtungen während der Tagung angesprochen im Hinblick auf Möglichkeiten als auch Hindernisse beim Versuch, eine engere Verbindung zwischen den beiden separaten „Blöcke“ von akademischer Annäherung einerseits und familienbiografischen Zugangsweisen andererseits zu erreichen. Weiterhin werden Europa-Bezüge hergestellt und das Problem der Opfer-Konkurrenzen angesprochen, einschließlich der Problematik bei der Verwendung bestimmter sprachlicher Begriffe und Metaphern. Am Ende des Beitrags finden sich zudem noch Fragen und Eindrücke aus dem Publikum.

Im dritten Hauptkapitel geht es in fünf Beiträgen um Formen einer kritischen Annäherung an eigene familienbiografische Themen durch Literatur und Film sowie um unterschiedliche Akzentsetzungen in Bezug auf Umgang und Überlieferung nationalsozialistischer Täterschaft.

  • Tanja Seider beschreibt in ihrem Beitrag Politisierung des Privaten oder Privatisierung des Poltischen? NS-Täterschaft in autobiografischen Dokumentarfilmen die Suche nach autobiografisch geprägten, dokumentarischen Familienfilmen, in denen es um das Thema der Nachkommen von NS-Tätern geht. Obwohl das Genre des Familienfilms ab den 1980er Jahren generell deutlich anstieg, finden sich bis heute nur vereinzelte Familiendokumentationen, die von der Generation der Nachkommen filmisch reflektiert werden. Vier Filme, die zwischen 1987 bis 2005 entstanden, gehen in die vorliegende Analyse ein. Untersucht wird hier die ästhetische und inhaltliche Aufbereitung der wechselseitigen Verflechtung von Privatem und Politischem in den jeweiligen Familiengeschichten. Seider identifiziert dabei zwei grundlegend von einander verschiedene Zugangsweisen. Während es in den von ihr als „familientherapeutisch“ charakterisierten Filmen vor allem um das „private Generationenverhältnis“ (S. 212) geht, bei dem gesellschaftliche Aspekte der Verbrechen sowie die Folgen für die Opfer eher außen vor bleiben, nimmt der „politisch intendierte“ Familienfilm umgekehrt gerade die elterliche Beteiligung am gesellschaftlichen NS-System in den Fokus und berührt die familialen Konsequenzen nur am Rande. Auch hinsichtlich der (Film-)Ästhetik identifiziert sie zwei Varianten: der „nüchtern-realistische“ Stil nutzt die Fakten und setzt auf die für sich sprechende Überzeugungskraft der Aufdeckung von Tabus, der „intervenierend-reflexive“ Zugang nutzt stärker eine experimentelle Filmsprache, um die subtilen familialen Muster der Verdrängung im widersprüchlichen Kontext von „Politik“ und „Familie“ aufzuzeigen.
  • Es folgt eine weitere Dokumentation über autobiografische Literatur und autobiografische Filme im Rahmen eines von Horst Ohde geführten Podiumsgesprächs mit zwei „Tätersöhnen“ (Niklas Frank, Malte Ludin) und einer „Enkelin“ (Alexandra Senfft), die gleichzeitig die Nichte ihres Onkels Malte Ludin ist. Senfft und Frank lesen Auszüge aus ihren autobiografischen literarischen Texten über ihre Täter-Familien vor, Ludin schildert den Entstehungshintergrund und die Begleitumstände seiner Filmproduktion. Im gemeinsamen Gespräch geht es um Fragen der Motive und gewählten Formen bei der Konfrontation mit Täterschaft in den Familien sowie auch um die daraus folgenden sozial-emotionalen Konsequenzen für die Autoren bzw. den Filmer.
  • Im dritten Beitrag Weibliche und männliche Täterschaft im Familiengedächtnis. Überlegungen zu Geschlecht als Kategorie in der Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen von Alyn Bessmann und Jeanette Toussaint geht es neben der Frage nach möglichen Besonderheiten von Frauen als Täterinnen bzw. als Mitläuferinnen vor allem um die Forderung nach einer grundsätzlichen und differentiellen Einbeziehung von Geschlechtsrollenbildern und Genderbezügen in den entsprechenden Bildungs- und Forschungskontexten. Das gilt auch für die notwendige Erfassung divergierender Vater- und Mutterbilder bei Söhnen und Töchtern, für die Ermittlung der jeweiligen Bedeutung von gleich- und gegengeschlechtlichen Elternbeziehungen in Täterfamilien sowie für unterschiedliche Deutungen männlicher und weiblicher Täterschaft.
  • Mit der Bestimmung des Dorfes Neuengamme als einer Erinnerungsgemeinschaft, in der durch Sprechen oder Schweigen über Täterschaften, sei es im privaten oder im öffentlichen Raum, über den Umgang mit diesem Erbe entschieden wurde, nähert sich Gesa Trojan mit ihrem Beitrag Täterschaft im KZ Neuengamme in der lokalen Erinnerung. Das KZ-Arbeitskommando „Dove Elbe“ in Erzählungen der Dorfbevölkerung dem Thema der Erinnerungsdiskurse noch einmal anders an. Dabei deuten sich Überlagerungen, Brüche, Unstimmigkeiten und Konfliktlinien zwischen den privaten bzw. lokalen Erinnerungen und Erzählungen einerseits und den öffentlichen Versionen andererseits an. So werden zum Beispiele in einigen berichteten Erinnerungen die Kapos des Lagers oft als böswillig motivierte Täter geschildert, während den SS-Bewachern, das heißt den eigentlichen Tätern, ein eher neutrales Verhalten zugeschrieben wird. Ein weitere Inkonsistenz findet sich hinsichtlich der Bereitschaft, die NS-Verbrechen als solche anzuerkennen, hingegen aber Täterschaft in der eigenen Familie eher zu negieren oder zu verharmlosen.
  • Der letzte (englischsprachige) Beitrag dieses Kapitels Post-Genocide and Related Dialogue. What Dan Bar-On Began von Samson Munn stellt zuallererst eine Würdigung des Werks von Dan Bar-On dar, der mit Nachkommen von NS-Tätern und NS-Verfolgten arbeitete. Munn schildert die schwierige Entwicklungsgeschichte dieses Ansatzes und die unterschiedlichen Erfahrungen, die in gemischten Gruppen von Täter-Opfer-Nachkommen in verschiedenen Ländern gemacht wurden. Nach dem Tod von Bar-On hat Munn selber eigene neue methodische Ansätze entwickelt, die aber in jedem Fall die Idee und das Konzept des „Related Dialogue“ als Kernstück der Arbeit beibehalten.

Das vierte Hauptkapitel enthält zwölf Einzelbeiträge, die von sechs Söhnen, einem Neffen, vier Töchtern und einer Schwiegertochter im (späten) Erwachsenenalter verfasst wurden. Die Texte dokumentieren die Vielfalt, Spannbreite, die Individualität der „Fälle“, aber auch die Gemeinsamkeiten in den Auseinandersetzungsformen mit der Täterschaft der Eltern. Die Beiträge werden in alphabetischer Reihenfolge der AutorInnen aufgeführt. Im Folgenden finden sich neben der Nennung des Beitragstitels, der in der Regel die Essenz des Textes enthält, jeweils noch ein paar ergänzende Anmerkungen.

  • Annette Bellgardt: B. ist zu unbekannt, Beurteilung nach Fragebogen. Bellgardt begibt sich nach dem Tod des Vaters, der Polizeibeamter in der Waffen-SS war, dann nach 1945 in den Polizeidienst zurückkehrte und „von allem nichts gewusst hatte“, auf die Suche nach seinen Spuren im Krieg und konfrontiert sich mit der Tatsache, einen „Täter-Vater“ zu haben. Sie spricht auch die divergierenden Umgangsformen der Geschwister mit der väterlichen Vergangenheit an mitsamt den problematischen Folgen für das Familiengefüge.
  • Hans-Jürgen Brennecke: Er hatte auch eine verbrecherische Seite. Brennecke konnte auf Briefe seiner Eltern aus der NS-Zeit zurückgreifen, die er in Bezug auf die Verantwortung seines Vaters und den Anteil, den dieser als Ordnungspolizist an den damaligen Verbrechen möglicherweise hatte, befragt. Auch wenn der Vater im engeren Sinn wahrscheinlich nicht aktiv beteiligt war, bleibt die Irritation des Sohnes über die blinde Gefolgschaft und Zustimmung des Vaters zu den Zielen des Eroberungskriegs im Osten.
  • Barbara Brix: Stille Post – das beredte Schweigen meines Vaters. Erst nach dem Übergang in den Ruhestand muss sichBrix mit dem Wissen auseinandersetzen, dass ihr Vater als Arzt in führender Position in den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdiensts der SS tätig war. Auch sie begibt sich auf eine langjährige, qualvolle Suche nach den Spuren und den abgespaltenen Schattenseiten des Vaters. So bezeichnet sie sich als das „kollektive schlechte Gewissen der Familie“, versteht aber ihre „Obsession“, Klarheit über die Täterschaft des Vaters zu gewinnen, als eine Form der Selbstvergewisserung.
  • Ulrich Gantz: Fotografien. Momente beim Treffen des Compassionate Listening Projektes 2003. Der Text beschreibt die Anstrengungen des Sohnes angesichts der (zunächst innerlichen ablaufenden) Konfrontation mit dem Foto des Vaters und mit der vom Vater verleugneten (Täter-)Vergangenheit. Im Rahmen einer haltenden Gruppe gelingt am Ende eine erste Öffnung nach außen und es kommt zu einer Art Verabschiedung der (Täter-)Eltern.
  • Ulrich Gantz: Die Plastiktüte. Auch Gantz erfährt erst spät, im Kontext der Übergabe einer Plastiktüte durch die Stiefmutter nach dem Tod des Vaters, von den wirklichen Abgründen der väterlichen Kriegs-, SS- und Täter-Vergangenheit. Auch sein Vater war Arzt, Kompaniechef eines Polizeibataillons und SS-Mitglied und war auf diese Weise an den Massenmorden in Osteuropa beteiligt. Der Sohn kann sich dieses „Erbes“ kaum erwehren und muss sich mit der quälenden Erfahrung auseinandersetzen, getäuscht, mit Halbwahrheiten abgespeist und belogen worden zu sein. Möglichkeiten der Reflexion und Austausch mit ähnlich Betroffenen können in ihrer helfenden und stützenden Funktion angenommen und in „kleinen Schritten“ umgesetzt werden.
  • Hans Geulen: Mein Onkel, der Lagerführer. Geulen beschreibt die Geschichte des Aufstiegs seines Onkels in der SS bis zur Position des Lagerführers im KZ Neuengamme. Der Onkel wurde wegen nachgewiesener Ermordungen 1947 zum Tode verurteilt, eine Tatsache, die in der nachfolgenden Familiengeschichte in die Aussage „Im Krieg gefallen“ umgewandelt wurde.
  • Horst Ohde: Eine andere Schuld? Ohde setzt sich mit der Verwicklung seiner Herkunftsfamilie mit dem KZ-System, ihrer Nutznießung daraus und ihrer generellen Befürwortung der nationalsozialistischen Ideologie kritisch auseinander. Seine mögliche eigene „andere Schuld“ in diesem Kontext sieht er in seiner kategorisch betriebenen Abschottung gegenüber der Elterngeneration, eine Haltung, die letztlich auch für ihn eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit den Themen der Vergangenheit verhindert hat.
  • Hans Jürgen Plaumann: Frühling mal drei – Biografische Anmerkungen. Auch Plaumann begibt sich auf Spurensuche nach den Aktivitäten und möglichen Taten seines Vaters, der als Wachmann in einem Lager für sowjetische Kriegsgefangene tätig war und zudem im Kampf gegen russische Partisanen eingesetzt wurde. Die Schilderungen seines Aufwachsens in der Nachkriegszeit berichten von den NS-affizierten Erziehungsvorstellungen des Vaters über Drill und korrektes Verhalten eines „deutschen Jungen“ – Vorstellungen, die nahtlos aus der NS-Zeit in die Nachkriegszeit übertragen wurden.
  • Folke Schimanski: Zum Fortdauern nationalsozialistischer Ideologie in der Familie. Die Folgen von Täterschaft in der zweiten Generation. Für Schimanski bedeutet das Sich-Einlassen auf die Täterschaft der Eltern, dass das Thema von Getrennt- und Verschiedensein in seiner deutsch-schwedischen Familien bis in die heutige Zeit fortbesteht. Seine kritischen, journalistischen Recherchen über Kriegsverbrechen und NS-Ideologie mitsamt der Rolle, die seine Eltern und partiell auch Geschwister darin spielen, gehen einher mit Gefühlen von Enttäuschung und „bedrückender Einsamkeit“ (S. 380).
  • Gesa Schütte: Mein Vater – sein Leben und mein Leben. Auch Schütte setzt sich angesichts des Fundes von Tagebüchern des Vaters leidvoll auseinander mit seiner Täter-Vergangenheit als Mitglied der Waffen-SS, den gefälschten Angaben nach dem Krieg und der Beibehaltung seiner Gesinnung bis ans Lebensende, ohne jegliches Bedauern seiner Taten.
  • Oliver von Wrochem: Ein KZ-Kommandant in der Familie. Begegnungen mit dem Ehepaar Schwerdt. O. v. Wrochem fasst ein Interview mit Ralph Schwerdt, dem Sohn eines KZ-Kommandanten (sowohl in Neuengamme als auch in Dachau) und seiner Ehefrau Helga Schwerdt zusammen. Der Vater von Schwerdt wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet, wobei der Sohn nach dem Tod des Vaters geboren wurde und vom späteren Stiefvater adoptiert wurde, der, ähnlich wie die Mutter, das alte nationalsozialistische Milieu weiterhin repräsentierte. Die Konfrontation mit dem Erbe des Vaters, unter anderem mit den „Abschiedsworten“ für seinen beiden Söhne, führte zu der Aussage: „Ich bin heilfroh, das ich ihn nicht gekannt habe“.
  • Almut Siebel: Spuren der Vergangenheit. Auch Siebel wird in einem ganz anderen Zusammenhang, der Recherche für die Stolperstein-AG, mit der Täterschaft und den „Untaten“ ihrer Eltern, insbesondere ihres Vaters als Leiter einer Außenstelle des Sicherheitsdienstes der SS im besetzten Polen, konfrontiert. Ihr Fazit: „Ich schlage vor, zurückzuschauen, um zu erkennen, hauptsächlich aber sich umzuschauen, um sich zu verhalten“ (S. 429).

Das fünfte und letzte Hauptkapitel besteht aus sechs Beiträgen, wiederum in alphabetischer Reihenfolge, aus der Enkelgeneration von NS-Tätern, verfasst von fünf Enkelinnen und einem Enkel. Auch hier werden Ausmaß und Bedeutung transgenerationaler Folgen für die nachkommenden Generationen deutlich, wobei die „Fragen“ der Enkel an die Täter-Generationen andere sind und anders formuliert werden können, als es bei den eigenen Eltern der Fall war. Deutlich wird aber auch hier noch einmal die besondere Rolle der Eltern als Kinder der Täter und damit als unmittelbar betroffene Folge-Generation.

  • Anette Abel: Die verschleiernde Sprache der NS-Täter in Selbstzeugnissen und Ermittlungsakten. Mein Großvater als Offizier der Waffen-SS. Abel zeigt den auch für die Enkel-Generation mühsamen Weg, durch Recherche der Aktenlage die gefundenen Fragmente aus der Biografie des Großvaters zu einem nachvollziehbaren Lebenslauf zusammenzutragen. Auf der Suche nach der Innensicht und den Motiven des Großvaters für sein Verhalten folgt sie dessen Sprache und Perspektiven und fängt sich damit das Problem ein, die Verbrechen des Großvaters zu verschleiern und seinem Verhaftetbleiben in der NS-ideologie und seiner Selbstviktimisierung nach 1945 zu wenig entgegen zu stellen.
  • Verena Lange: Opa war nicht in der SS. Annäherung an Täterschaft in meiner Familie. Auch Lange stellt sich dem Abgrund der Täterschaft ihres Großvaters, eines Ordnungspolizisten und SS-Mitglieds, dessen Einsatz an Orten der Massenvernichtung belegt ist. Sie konfrontiert sich allmählich mit der im familialen Kontext lange unklar gelassenen Evidenz der Täterschaft des „Opas“ und setzt mühsam die Puzzlesteine zusammen, um am Ende zu wissen: der Großvater war durch und durch ein Nazi – eine Erkenntnis die vor allem quält, weil er nie Verantwortung für seinen Taten übernommen hat.
  • Karin Püschel: „.. er hat das Schlimmste noch verhindert..“. Mein Großvater – ein Ortsgruppenleiter im NS-Staat. Die Relativierungen („er war nicht so schlimm“, S. 467) des Eingebundenseins des Großvaters in das NS-System stellen für Püschel keine moralische Entlastung dar. In der Begegnung mit Überlebenden des Holocaust nach dem Fall der Mauer sieht sie ihre eigene Zugehörigkeit zum „Tätervolk“ (ebd.) als ein psychisch enorm belastendes Erbe.
  • Bettina Ritter: „Kein schöner Land..“. Ritter begibt sich auf eine emotionale, poetisch aufbereitete biografische Spurensuche, die für sie die einzige Möglichkeit darstellt, sich mit der Erbe der Schuldverstrickung und des Beschweigens in ihrer Familie auseinanderzusetzen.
  • Alexandra Senfft: Drei Generationen und eine Erinnerungsreise. Wie sich Narrative in Familien der Täter durchbrechen lassen. Senfft hat sich als Enkelin des führenden Nazi-Funktionärs in der Slowakei seit Langem bereits nicht nur mit den Taten des Großvaters befasst, sondern auch mit dem (groß-)familialen Umgang der Schönfärberei angesichts dieses Erbes. Um diese Schweigemauern zu durchbrechen, hat sie sich selbst für die radikale Öffnung gegenüber den Opfern der Täter entschieden und beschreibt einen solchen Begegnungszusammenhang während einer Reise in die Slowakei zusammen mit ihrer Tochter und einem Überlebenden des KZ-Lagers Bergen-Belsen.
  • Johannes Spohr: Ball gegen Auffahrt. Zwischen Goethe, Jünger und OKH-Treffen. Als Jüngster der hier vertretenen Enkel-Generation berichtet Spohr von seinen Recherchen über den Großvater, der im Umkreis des Oberkommandos des Heeres (OKH) in die Verbrechen des NS-Systems involviert war. Dabei wird deutlich, wie das in der Kindheit vertraute Haus der Großeltern sich allmählich in ein „Geisterhaus“ (S. 495) verwandelt, in dem die NS-Involviertheit der Großeltern ungebrochen konserviert wurde. Auch Ihm geht es darum, sich mit diesem Wissen zu konfrontieren und es auszuhalten und das gesellschaftliche und familiale Schweigen nicht (mehr) länger mitzumachen.

Diskussion

Die Fülle der in diesem Sammelband zusammengetragenen wissenschaftlichen und subjektiv-persönlichen Betrachtungsperspektiven und die oft beklemmende Evidenz über manchmal lange Zeit verleugnete Täterschafts-Evidenz und ihre gesellschaftlichen und privat-familialen Folgen bietet unendlich viele Ansatzpunkte für Diskussionen. Die im Folgenden kurz angerissenen Punkte stellen eine von mir als Rezensentin relativ subjektiv bestimmte kleine Auswahl dar:

  • Für den Kontext der hier einbezogenen wissenschaftlichen Beiträge zur Entwicklung der (zeithistorischen) Forschung über NS-Täterschaften und ihre Folgen wird meiner Ansicht nach überzeugend der jahrzehntelange Weg von eher einseitigen und entschuldenden Positionen hin zu einer zunehmend differenzierten Sichtweise und Deutung des NS-Systems und seiner führenden und „mitgelaufenen“ Akteure dokumentiert. Einige der alten „Erkenntnis-Fallstricke“ scheinen damit endgültig überwunden zu sein. Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die Formel von der „Banalität des Bösen“ von Hannah Arendt, die lange Zeit einen scheinbar plausiblen und leitbildhaften Zugang und Erklärungsansatz zum verbrecherischen NS-System erlaubte, allmählich in ihrer faktisch kaschierenden Wirkung wahrgenommen und in andere, multiperspektivische Zugänge transformiert werden konnte. So hat in der Tat die Sichtweise der Diversifizierung in Bezug auf den Umgang mit den komplexen Varianten von Täterschaften den Forschungsraum neu und erhellend geöffnet. Dass es fast siebzig Jahre dauern musste, bis eine solche neue Standortbestimmung möglich war, spricht dabei für sich. Zumindest kann somit die in bestimmten Kreisen und Milieus seit Langem geäußerte Einschätzung, dass „es damit ja nun endlich mal gut sein müsse“ zu Recht zurückgewiesen werden, denn: jetzt kann noch einmal ein neues (Forschungs-)Kapitel im Umgang mit den vergangenen NS-Verbrechen samt ihren Wirkungen in Gesellschaft und Familien aufgeschlagen werden. Das gilt sowohl für die aktuelle Gegenwart und auch für zukünftige Forschung.
  • Auf den ersten Blick erscheint die Aussage „KZ-Gedenkstätten sind Orte, an denen Opfer wie Täter des Nationalsozialismus erinnert werden“ (Messerschmidt, S. 120) in gewisser Weise provokant und irritierend. Dennoch erschließt sich in den vorliegenden Beiträgen überzeugend, dass – neben dem Gedenken an die Opfer des verbrecherischen NS-Systems und der Empathie für ihre Erfahrungen – die Einbeziehung kritisch reflektierter Erinnerungen an die Täterseite notwendigerweise mit dazu gehört. Es wird nachvollziehbar argumentiert, dass ein Ausblenden der damals gegebenen „Normalität“ von Täterbiografien und ihrer strukturell-gesellschaftlichen Kontextualisierung eher Ausdruck einer diffusen Unschuldssehnsucht als eines besonders zu verantwortenden Gedenkens an die Opfer darstellt. Insofern werden daraus zwei Schlussfolgerungen für die einschlägige pädagogische Bildungsarbeit abgeleitet: Zum einen geht es um die Orientierung an dem Begriff einer in der Gegenwart zu verortenden Verantwortung und zum anderen um die Bereitschaft, sich bei den Annäherungen an die NS-Verbrechen und Täterschaften immer auf Verunsicherungen einzulassen im Sinne der Entwicklung einer diesen Themen gegenüber angemessenen Ambivalenzfähigkeit. Hier schließt sich meines Erachtens der Kreis zu den Schlussfolgerungen aus den aktuellen zeithistorischen Forschungsarbeiten, da auch dort darauf verwiesen wird, dass sich erst jetzt, gut siebzig Jahre nach Ende von Krieg und NS-System neue multiperspektivische Forschungsfragen erschließen, bei denen mögliche Grenzen der Erklärbarkeit dieser Verbrechen akzeptiert werden und trotzdem die Suche nach neuen Erklärungszusammenhängen weiter betrieben wird.
  • Mehrfach wird in dieser Publikation die bleibende Kluft zwischen den akademischen Herangehensweisen zum Thema Täterschaften einerseits und den subjektiven Erlebnisräumer betroffener Nachkommen andererseits bedauert. Worin könnten die Gründe für diese fehlende Überbrückung bestehen? Meines Erachtens gibt es in der akademischen Behandlung mancher Fragen eine Praxis des analytischen Vorgehens, die das Bedürfnis von unmittelbar und mittelbar betroffenen Menschen nach Formen der Aneignung ihrer eigenen Biografie partiell diskreditiert. Da ich selber im Forschungsfeld der Kriegskindheiten des Zweiten Weltkriegs gearbeitet habe (ohne selber ein „Kriegskind“ zu sein), empfinde ich stark sozialpsychologisch-psychoanalytisch gefärbte „klinische“ Diagnosen der subjektiven Aneignungsformen („Kryptisierung“) – ohne Berücksichtigung lebenslang ablaufender selbst bestimmter entwicklungspsychologischer Aspekte – als zu kurz gegriffen. Zwar ist die Tendenz zur Diskursivierung des Kriegskinderthemas mitsamt vielfältigen Entschuldungs- und Viktimisierungbemühungen bei manchen bzw. vor allem bei „organisierten Kriegskindern“ nicht zu übersehen, dennoch wird man der Mehrheit der Menschen, die Kinder oder Jugendliche in der Zeit von Krieg und NS-System waren, damit nicht gerecht. Auch wenn die eigene kindliche Leidensgeschichte – übrigens oft zum ersten Mal im Kontext des eigenen Älterwerdens – zu Bewusstsein kommt, spielt in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzung mit moralischen Fragen und Zweifeln an dem Verhalten der Eltern-(Generation) durchaus auch eine bedeutsame und wiederkehrende Rolle. Ohnehin wäre es in diesem Zusammenhang wichtig, die Begriffe „Kriegskindheit“ und „Kriegskind“ nicht von vornherein diskursiv-symbolisch aufzuladen, sondern einfach als Bestimmungsmerkmale bestimmter Geburtsjahrgänge (etwa von 1930-1945) zu verwenden. Denn alle damaligen Kinder und Jugendliche, seien sie selber Opfer von Verfolgung gewesen, seien sie Opfer-Kinder, Täter-Kinder, Mitläufer-Kinder etc. gewesen, können in diesem Sinne als der „Kriegskinder-Generation“ zugehörig gelten. Umgekehrt sind aber nicht alle diese Kriegskinder „Täterkinder“, selbst wenn man mittlerweile weiß, dass die Gruppe derjenigen Erwachsenen, die im weiten Sinne Mit-Täter sind, weitaus größer war als bislang angenommen. Insofern gilt es aber darauf zu achten, keine neuen Schuld-Diskurse zu initiieren, sondern eine „radikale“, aber immer auch respektvoll betriebene Aufklärung zu praktizieren, insbesondere im Umgang mit den Such- und Klärungsbewegungen innerhalb betroffener Nachkommen und ihrer Familien.
  • Trotz der Heterogenität des Umgangs mit den Wirkungen der NS-Täterschaft in den Familien gibt es ein Reihe von interessanten Gemeinsamkeiten. So fällt auf, dass die eigentliche Aufklärungsarbeit über das Ausmaß der Involviertheit der Eltern in das NS-System in der Kinder-Generation lebensgeschichtlich oft sehr spät beginnt, das heißt, in einer Lebensphase, in der sie sich selber bereits mit dem eigenen Alter auseinandersetzen. Auffällig ist auch, dass es oft eine Art „Index-Kind“ in der Geschwisterreihe ist, das die Aufklärungsarbeit übernimmt, nicht selten gegen Verleugnungs- und Abwehrtendenzen der anderen Geschwister. Es ist somit oft kein „geteiltes Erbe“, sondern ein oft ein einsamer Weg einzelner Nachkommen im Familiengefüge, die sich Schritt für Schritt auf den oft zugeschütteten Weg zur „Wahrheit“ aufmachen. Manchmal scheinen aber die Kinder noch zu sehr in der Delegation der eigenen Eltern verhaftet zu sein, so dass erst deren Kinder als Enkel der Täter-Generation sich frei genug fühlen, sich mit dem hoch brisanten Familienerbe auseinanderzusetzen.
  • EIn letztes Wort zu mir als Rezensentin. Ich selber bin bei der Rezension dieses Buchs auch noch einmal auf ein Familienerbe gestoßen, das zwar in meiner Familie nicht völlig beschwiegen wurde, aber eher ein „Un-Thema“ war: Mein Großvater väterlicherseits war zusammen mit seinem Bruder zeitweise Häftling im KZ-Neuengamme. Aus einem ohnehin strengen Mann wurde danach ein noch strengerer und schweigsamer Mensch. Angesichts der vielen aufregenden Kriegsgeschichten über knappe Ressourcen, knappes Entkommen etc., die in meiner Familie einen breiten Erzählraum einnahmen, wirft es ein bezeichnendes Licht auf die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft (und auf meine Familie), dass so etwas wie Stolz auf einen Widerstandskämpfer nicht denkbar war, sondern dass das Problem darin gesehen wurde, latent mit „Verrat“ in Verbindung gebracht zu werden und zudem die Gefährdung der Familie in den Kriegsjahren und in der NS-Zeit in Kauf genommen zu haben. Als Kind wurde mir verboten, dieses Wissen („Opa war im KZ“) in irgendeiner Weise nach außen zu tragen. Meine heutigen Erklärungen dafür sind bislang eher familiendynamisch gewesen. Nach der Lektüre des Buchs frage ich mich mittlerweile aber auch, was und wie wirklich zwischen den beiden Familienseiten (mütterlicherseits und väterlicherseits) bei der Konstruktion eines stimmigen Familien-Narrativs verhandelt wurde.

Fazit

Dieser sechste Band aus der Veröffentlichungsreihe der Neuengammer Kolloquien ist eine höchst bemerkenswerte und ertragreiche Publikation sowohl für wissenschaftlich interessierte Leserkreise, für an NS-Geschichte interessierte Laien und nicht zuletzt für von NS-Täterschaften betroffene Familien und ihre Nachkommen. Auch wenn die verschiedenen Betrachtungs- und Diskursperspektiven weitgehend für sich gelesen werden können und nicht explizit miteinander in Beziehung gesetzt werden, wird die wechselseitige Verflechtung zwischen wissenschaftlich forschungsbezogenen, gesellschaftlichen und vor allem familialen Formen der Erinnerung an die Zeit von Krieg und NS-System immer wieder deutlich. Diese hier vorgelegte Bündelung von unterschiedlichsten Zugangsformen zum Themenspektrum NS-Täterschaften erlaubt ein Nachdenken und Nachfühlen von Geschichte und zeigt Wege auf, sich reflexiv und handlungsbezogen auf schwierige und komplexe Erinnerungen einzulassen.

Summary

Title: Nazi Perpetratorships. Aftermaths in Society and Family

This sixth volume of the publication series Neuengamme Colloquia is most remarkable and worthwhile. It addresses scientifically interested readers as well as readers with a general interest in the Nazi system and ist perpetratorships and it is also aimed at descendants of perpetrators. The different chapters and perspecives can be largely read on their own and are not explicitly connected. On the other hand, it becomes clear that all these aspects (research and scientific points of view, societal reactions, memorial work and way of remembering in families) are highly interdependent and interwoven. This way of bundling different forms of access to the topics of Nazi perpetratorship allows to reflect and empathize with history and shows ways of how to engage in and cope with difficult and complex memories.


Rezensentin
Prof. Dr. Insa Fooken
Entwicklungspsychologin (der Lebensspanne), Seniorpofessorin, FB 4, Interdisziplinäre Alternswissenschaft, Goethe Universität Frankfurt
Homepage www.uni-frankfurt.de/54226051/Fooken
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Zitiervorschlag
Insa Fooken. Rezension vom 08.09.2016 zu: Oliver von Wrochem, Christine Eckel (Hrsg.): Nationalsozialistische Täterschaften. Nachwirkungen in Gesellschaft und Familie. Metropol-Verlag (Berlin) 2016. ISBN 978-3-86331-277-0. Herausgegeben im Auftrag der KZ-Gedenkstätte Neuengamme von Oliver von Wrochem unter Mitarbeit von Christine Eckel. DVD: Nationalsozialistische Täterschaft in der eigenen Familie. Erinnerungsberichte der zweiten und dritten Generation. Filme von Jürgen Kinter und Oliver von Wrochem DVD-Herstellung: ahoimedia / Stefan Corinth Gesamtlänge: 219 min, Hamburg, 2015. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20871.php, Datum des Zugriffs 23.07.2017.


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