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Frieda Boudesteijn, Esther van der Vegt u.a.: „Ich bin in der Pubertät“

Cover Frieda Boudesteijn, Esther van der Vegt, Kirsten Visser, Nouchka Tick, Athanasios Maras: „Ich bin in der Pubertät“. Das Arbeitsbuch. Autismusverlag Schweiz (St. Gallen) 2016. 270 Seiten. ISBN 978-3-0385200-7-8. 28,00 EUR.
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Thema

Eine wichtige und turbulente Phase im Leben junger Menschen ist die Pubertät. Durch ihre Besonderheiten in der Wahrnehmungsverarbeitung und im Denken haben Jugendliche aus dem autistischen Spektrum oft zusätzliche Schwierigkeiten, Freundschaften zu knüpfen und zu pflegen sowie angemessene (sexuelle) Beziehungen zu leben. In Holland wurde das Training „Ich bin in der Pubertät“ mit dem Ziel entwickelt, Heranwachsende in dieser wichtigen Phase des Lebens zu unterstützen. Es besteht aus zwei Teilen: dem hier besprochenen Arbeitsordner, mit dem die Jugendlichen selbständig arbeiten können und dem Handbuch „Psychosexuelle Entwicklung bei Jugendlichen mit Autismus“ für die betreuenden Pädagogen/Sozialarbeiter. Damit werden Hintergrundinformationen rund um die sexuelle Entwicklung bei Menschen mit Autismus gegeben und erläutert, welche Probleme in der Pubertät auftauchen können.

Autorinnen und Autor

Der Ordner hat fünf Autoren. Es sind Frieda Boudesteijn, Esther van der Vegt, Kirsten Visser, Nouchka Tick und Athanasios Maras. Sie bilden ein interdisziplinäres Team und arbeiten alle an der Yulius Akademie in Breda, Holland. Die Originalausgabe ist 2011 erschien.

Entstehungshintergrund

Die Idee zur Gründung dieses Verlages ist im Elternverein „autismus deutsche schweiz“ im Rahmen eines Sozialtrainings für Menschen mit Autismus entstanden. Es begann damit, englischsprachige Literatur zum Thema Autismus Spektrum ins Deutsche zu übersetzen. Diese Übersetzungen werden – anstatt sie einem Verlag weiterzugeben – in einem eigens dafür gegründeten Verlag www.autismusverlag.ch herausgebracht. Die Gründer*innen des Autismusverlag leisten die ganze Arbeit am Buch – abgesehen von Lektorat und Layout – ehrenamtlich. Jedes Buch wird selber kopiert, geheftet und vertrieben. Es kann nicht die gleiche Qualität wie bei einer Großdruckerei erreicht werden, dafür entstehen Arbeitsplätze für Menschen mit Autismus. Mittlerweile gibt es ein 8 Teilzeitarbeitsplätze. Der Verlag ist keine Einrichtung für Menschen mit Behinderung, sondern ein Betrieb auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Es besteht eine Bürogemeinschaft mit einer anderen Firma. Die Arbeitsplätze sind individuell angepasst und strukturiert, die Arbeitszeit ist gleitend, sodass die Arbeitnehmer sich selbst Ruhephasen und Pausen einplanen und nehmen können. Mittlerweile hat der Verlag 16 Bücher herausgegeben.

Aufbau und Inhalt

Das Arbeitsbuch „Ich bin in der Pubertät“ hat das Format eines Ordners und umfasst 270 Seiten, die einzeln herausgenommen werden können. Das Inhaltsverzeichnis gibt einen Überblick über die Themen dieses Arbeitsordners, der sich in 18 Teile gliedert. Die Erklärungen richten sich direkt an die Jugendlichen und benutzen deshalb die DU Form. Jeder Teil beginnt mit einer Illustration, die zeigt, um welches Thema es geht. Auch im Fließtext befinden sich weitere Illustrationen, die die beschriebenen Sachverhalte visuell verdeutlichen.

  1. Über die Pubertät sprechen
  2. So sehe ich aus
  3. Ein guter erster Eindruck
  4. Wie heißt das?
  5. Veränderungen während der Pubertät bei Jungen
  6. Veränderungen während der Pubertät bei Mädchen
  7. Selbstbefriedigung
  8. Freundschaft
  9. Verliebt sein und so…
  10. Zweifel und Verwirrung während der Pubertät
  11. Verliebt sein und Beziehung
  12. Geschützter Geschlechtsverkehr
  13. Das erste Mal
  14. Schwangerschaft und Geburt
  15. Wo liegen Deine Grenzen?
  16. Deine eigenen Grenzen und die Grenzen anderer
  17. Kontakte knüpfen übers Internet
  18. Vermeintliche Freunde und „Loverboys“

Teil 1 Über die Pubertät sprechen. Auf der ersten Seite ist eine Illustration zum Thema. Dann wird erklärt, was das Training „Ich bin in der Pubertät“ ist. Es wird darauf verwiesen, dass es Hausaufgaben gibt und wie man damit umgeht. Ergänzend gibt es eine Übersicht über die Symbole, die das Buch strukturieren und helfen, schnell zu erkennen, worum es in dem jeweiligen Abschnitt geht. Zum Training gehört eine „Ich passe“-Karte, mit der man signalisieren kann, dass man eine Frage nicht beantworten möchte weil sie z.B. zu persönlich ist. In den Illustrationen und im Training spielen fiktive Personen eine Rolle, die vorgestellt werden. Es sind Tom (16 Jahre), Sara (14 Jahre), beide haben einen siebenjährigen Bruder, der Jim heißt. Zu der Familie gehören noch der Vater Peter und die Mutter Sylvia. Alle Personen sind in der Abbildung 1.1. illustriert. Die Abbildung 1.2. zeigt die Freunde von Sara und Tom. Daran schließt sich ein Erklärungstext, was die Pubertät ist, an, dazu werden in drei Übungen Fragen gestellt, um zu sehen, ob die Erklärung verstanden wurde. Es gibt einen Fragebogen, der sich direkt an den einzelnen Jugendlichen wendet und erfasst, wo der Jugendliche gerade steht. Ein Kern des Trainings ist der Austausch mit anderen, im Fragebogen wird erfasst, mit wem man sich im Training austauschen möchte. Dieser Teil endet mit einer Zusammenfassung und Tipps sowie der Hausaufgabe: „Sprechen über die Pubertät“. Hier ist wichtig, dass man die Anweisung genau befolgt, deshalb ist sie Schritt für Schritt formuliert. Der Jugendliche sollte zu jedem Schritt eigene Notizen einfügen, dafür gibt es vorbereitete leere Zeilen.

Teil 2: So sehe ich aus zeigt eine Illustration zum Thema und es beginnt neben der Einleitung mit dem Themen-Quiz: „Was weißt Du schon?“. In diesem Teil geht es um das Äußere und Situationen, es geht um den Kleidungsstil sowie um Kleidung und Empfindungen. Der Teil endet mit einer Zusammenfassung und Tipps sowie der Hausaufgabe: „Das Äußere genauer betrachten“.

Teil 3 Ein guter erster Eindruck zeigt eine Illustration zum Thema, dann folgen das Themen-Quiz: „Was weißt Du schon?“ und die Einleitung. Hier geht es um die Körperhaltung, Gesichtsausdrücke/Mimik und den Blickkontakt. Betrachtet werden das Innere und das Verhalten sowie die Ausstrahlung und der erste Eindruck. Dieser Teil endet mit der Zusammenfassung und Tipps sowie der Hausaufgabe: „Wie sehen mich andere?“

Teil 4: Wie heißt das? zeigt eine Illustration zum Thema, dann folgen das Themen-Quiz: „Was weißt Du schon?“ und die Einleitung. In diesem Teil geht es um körperliche Veränderungen, oft denken Jugendliche: Hilfe, ich verändere mich. In dieser Zeit ist es wichtig zu wissen, wie die Körperteile bezeichnet werden. Der Teil endet mit der Zusammenfassung und Tipps sowie einer Hausaufgabe: „Ich und die Pubertät“.

Teil 5: Veränderungen während der Pubertät bei Jungen zeigt eine Illustration zum Thema, dann folgen das Themen-Quiz: „Was weißt Du schon?“ und die Einleitung. Besprochen werden die Veränderungen bei Jungen, das männliche Geschlechtsorgan, der steife Penis, der erste Samenerguss, ein feuchter Traum, die Körperhygiene und Unsicherheiten. Der Teil endet mit einer Zusammenfassung und Tipps sowie der Hausaufgabe (für Jungen): „Interview“.

Teil 6: Veränderungen während der Pubertät bei Mädchen zeigt eine Illustration zum Thema, dann folgen das Themen-Quiz: „Was weißt Du schon?“ und die Einleitung. Es geht um die Veränderungen bei Mädchen, das Brustwachstum, das weibliche Geschlechtsorgan, was man auch von Innen betrachten kann, die Menstruation und die Menstruationshygiene sowie die Körperpflege allgemein. Der Teil endet mit der Zusammenfassung und Tipps sowie der Hausaufgabe (für Mädchen): „Interview“.

Teil 7: Selbstbefriedigung zeigt eine Illustration zum Thema, dann folgen das Themen-Quiz: „Was weißt Du schon?“ und die Einleitung. Es wird erklärt, wie Selbstbefriedigung (Masturbation) bei Jungen und bei Mädchen funktioniert und was „Phantasieren“ bedeutet. Ergänzend gibt es Zusatzinhalte für über 16 jährige Jugendliche. Darin handelt es sich um Hilfsmittel für die Masturbation,, wo und wann man masturbieren kann und den Hinweis, dass auch das Thema Körperpflege wichtig ist. Der Teil endet mit der Zusammenfassung und Tipps sowie einer Hausaufgabe.

Teil 8 Freundschaft zeigt eine Illustration zum Thema, dann folgen das Themen-Quiz: „Was weißt Du schon?“ und die Einleitung. Es wird erklärt, was Freundschaft ist und wie Freundschaften entstehen, wie man eine Freundschaft aufbaut und pflegt und was Streit bedeutet. Es wird reflektiert, was ein echter Freund ist und was nicht. Der Teil endet mit der Zusammenfassung und Tipps sowie der Hausaufgabe: „Eine Freundschaft knüpfen oder pflegen“.

Teil 9: Verliebt sein und so…zeigt eine Illustration zum Thema, dann folgt eine Einleitung. Es wird erklärt, was verliebt sein heißt und was es mit der Unsicherheit und Eifersucht auf sich hat. Es geht um die Frage der sexuellen Orientierung und um das Alter. Der Teil endet mit der Zusammenfassung und Tipps sowie einer Hausaufgabe: „Interview“.

Teil 10: Zweifel und Verwirrung während der Pubertät zeigt eine Illustration zum Thema, dann folgt eine Einleitung. In diesem Teil geht es um das Entdecken der sexuellen Orientierung, um Verwirrung und um das sog. „Coming-out“. Der Teil endet mit der Zusammenfassung und Tipps sowie der Hausaufgabe: „Um eine Unterschrift bitten“.

Teil 11: Verliebt sein und Beziehung zeigt eine Illustration, dann folgt die Einleitung. Es geht um die verliebte Ausstrahlung, um das Flirten oder „jemandem schöne Augen machen“, um Verabredungen und Abweisung, um Beziehung und die „Antwort…“, um die Unterscheidung zwischen Liebesbeziehung oder Freundschaft, um körperlicher Kontakt und darum, eine Beziehung für beendet zu erklären. Der Teil endet mit einer Zusammenfassung und Tipps sowie der Hausaufgabe: „Interview“.

Teil 12: Geschützter Geschlechtsverkehr zeigt eine Illustration zum Thema, dann folgen das Themen-Quiz: „Was weißt Du schon?“ und die Einleitung. Es wird erklärt, was Geschlechtsverkehr ist, mit welchen Mitteln man verhüten kann z.B. einem Kondom oder der Pille. Hier hat auch das Thema Geschlechtskrankheiten einen Platz. Der Teil endet mit der Zusammenfassung und Tipps sowie der Hausaufgabe: „Das erste Mal“.

Teil 13: Das erste Mal zeigt eine Illustration zum Thema, dann folgen das Themen-Quiz: „Was weißt Du schon?“ und die Einleitung. In diesem Teil geht es um den sexueller Kontakt im Allgemeinen und um das „erste Mal“. Es wird erklärt, was ein Vorspiel ist, wie der Geschlechtsakt verläuft, was ist. wenn „es“ nicht gelingt und was ein Nachspiel ist. Es geht auch darum, dass man „Nein“ sagen kann. Der Teil endet mit der Zusammenfassung und Tipps sowie der Hausaufgabe: „Um eine Unterschrift bitten“.

Teil 14: Schwangerschaft und Geburt zeigt eine Illustration zum Thema, dann folgen das Themen-Quiz: „Was weißt Du schon?“ und die Einleitung. In diesem Teil geht es um die Entstehung einer Schwangerschaft, um die Befruchtung, wie man eine Schwangerschaft erkennt und wie sie verläuft. Es geht um die Geburt und um Probleme während der Schwangerschaft. Wichtig ist auch zu wissen, was man tun kann, wenn man unerwünscht schwanger ist. An dieser Stelle gibt es ergänzenden Lesestoff. Die Jugendlichen erfahren etwas über die „Pille danach“, Methoden für einen Schwangerschaftsabbruch, die Abtreibungspille und die Abtreibung selbst. Der Teil endet mit der Zusammenfassung und Tipps sowie der Hausaufgabe: „Interview“.

Teil 15: Wo liegen Deine Grenzen? zeigt eine Illustration zum Thema, dann folgen das Themen-Quiz: „Was weißt Du schon?“ und die Einleitung. Hier geht es um seine persönliche Grenzen und deine eigenen Grenzen. Es wird erklärt wie man Grenzen benennen kann und wie man seine eigenen Grenzen schrittweise angibt. Der Teil endet mit einer Zusammenfassung und Tipps sowie einer ergänzenden: Hausaufgabe „Persönliche Grenzen“.

Teil 16: Deine eigenen Grenzen und die Grenzen anderer zeigt eine Illustration zum Thema, dann folgen das Themen-Quiz: „Was weißt Du schon?“ und die Einleitung. Hier wird erklärt, wie Grenzen sich voneinander unterscheiden, was Grenzen und Sexualität meint, welche Unterschiede im Umgang es gibt und wie man die Grenze des anderen erkennen kann. Der Teil endet mit der Zusammenfassung und Tipps sowie der Hausaufgabe: „Die Grenzen des anderen“.

Teil 17: Kontakte knüpfen übers Internet zeigt eine Illustration zum Thema, dann folgen das Themen-Quiz: „Was weißt Du schon?“ und die Einleitung. Es wird erklärt, was das Internet ist und was eine Webseite ist. Man erfährt etwas über das Schreiben von E-Mails und das Miteinander chatten. Es wird erklärt, was Internetforen sind und was man unter dem Begriff „soziale Medien“ versteht. Man sollte YouTube und den Gebrauch von Webkameras kennen und wissen, was virtuelle Welten sind. Es wird über die Risiken und Nachteile des Internets und der Scheinwelt aufgeklärt. Der Teil endet mit der Zusammenfassung und Tipps sowie der Hausaufgabe: „Schweinwelt enttarnen“.

Der letzte Teil dieses Arbeitsbuches, Teil 18: Vermeintliche Freunde und „Loverboys“ zeigt eine Illustration zum Thema, dann folgen das Themen-Quiz: „Was weißt Du schon?“ und die Einleitung. Es wird erklärt, was man unter einem „vermeintlichen Freund“ versteht, was passiert, wenn Liebe blind macht und wie man die Beziehung beenden. Auch dieser Teil endet mit der Zusammenfassung und Tipps sowie der Hausaufgabe: „Um eine Unterschrift bitten“.

Diskussion

Keine schlafenden Hunde wecken? Die sexuelle Entwicklung beginnt nicht erst in der Pubertät. Sie ist ein Zusammenspiel zwischen biologischen (z.B. Hormone) und sozialen Faktoren (soziale Kontakte, Medien etc). Soziale Regeln sollten bereits früh vermittelt werden. Ich teile die Meinung von Brita Schirmer, die es bemerkenswert findet, dass andere Lebensfunktionen wie Schlaf und Nahrungsaufnahme von Geburt an Thema sind, das Thema Sexualität aber auf ferne Zeiten verschoben wird. „Selbstverständlich muss die Art und Weise, wie ein Thema mit einem Kind besprochen wird, abhängig von seinem Entwicklungsstand sein. Aber schließlich käme auch niemand auf die Idee, mit einem Einjährigen über Kalorien und Nährwerte zu sprechen. Man redet darüber, ob er satt oder hungrig ist und versucht zu verhindern, dass er zum Abendessen Süßigkeiten nascht. Niemand käme auf die Idee, Gespräche dieser Art auf die Zeit nach der Einschulung zu verschieben“ (S 8 Handbuch).

Eine wichtige und turbulente Phase im Leben junger Menschen ist die Pubertät. Jugendliche aus dem autistischen Spektrum haben durch ihre Besonderheiten in der Wahrnehmungsverarbeitung und im Denken oft zusätzliche Schwierigkeiten, Freundschaften zu knüpfen und zu pflegen sowie Probleme, angemessene (sexuelle) Beziehungen zu leben. Geschrieben wurde das Buch von fünf Autorinnen und Autoren, die interdisziplinär an der Yulius Akademie in Breda (Holland) arbeiten. Dort wird dieses Training angeboten und es wird zum Thema geforscht.

Die Jugendlichen, die das Training machen, werden in den Anleitungen in der Du-Form angesprochen. Dieses Format unterstützt die Erfahrung, dass es um sie selber geht. Der Sprachstil ist klar. Eindeutige Illustrationen im Fleißtext und am Anfang jeden Teils zeigen durch klare Aussagen, um was es geht und dienen als Anregung, ins Gespräch zu eigenen Erfahrungen zu kommen. Das wird auch durch den Themenquiz „Was weißt du schon?“ unterstützt. Im Quiz werden mehrere Fragen gestellt und es sind leere Zeilen für die Einträge von Antworten vorgegeben. Dieses Layout, das sich durch das ganze Buch zieht, hat einen großen Aufforderungscharakter, eigene Einträge zu machen. Die Eintragungen können dabei auch sehr gut zur Reflektion dienen z.B. wenn der Ordner nach einiger Zeit zur Hand genommen und verglichen wird, was der Jugendliche damals wusste und was er neu erlernt und erfahren hat. Die zahlreichen Übungen regen zum Nachdenken, Formulieren und Eintragen eigener Erfahrungen an. So schreibt jeder Jugendliche „sein“ Buch, das ihn über das Training hinaus begleitet. Das ist dann quasi wie Tagebuch schreiben, ein Format, das erlaubt, in ein Zwiegespräch mit sich selbst zu gehen. Das Niederschreiben in ein Tagebuch kann sehr entlastend sein und kann in vielen Lebenssituationen hilfreich sein.

Themen, die für Mädchen und Jungen unterschiedlich sind, werden durch entsprechendes Zusatzmaterial ergänzt z.B. bei der Monatshygiene für Mädchen. Dabei geht es – wie überall im Arbeitsordner – nicht nur um die Aufklärung, die Informationen gehen ins Detail und in die praktische Anwendung. Auch Behauptungen werden genannt und überprüft. Die Kapitel enden mit Zusammenfassungen und Tipps und daran schließen sich die Hausaufgaben an. Damit gelingt der Transfer in das private Umfeld und eröffnet Eltern und Bezugs- bzw. Vertrauenspersonen die Möglichkeit, mit einbezogen zu werden.

Die Inhalte sind so gewählt, dass sie Fragen und das Erleben von Jugendlichen spiegeln. Der Ordner ist in Inhalt und Form strukturiert aufgebaut, was sich in der Gliederung widerspiegelt. So bekommt man schon am Anfang dieses Handbuch – Ordners einen sehr guten Überblick über die behandelten Themen und Fragestellungen und kann auch während des Trainings schnell nach speziellen Themen suchen. Durch die Mischung von Gruppentraining und Hausaufgaben, die zuhause bearbeitet werden, in dem die Trainees sich beobachten und Gelerntes im Alltag anwenden entsteht ein Praxisbezug und das Training findet nicht abgehoben vom Leben der Jugendlichen statt. Die realitätsnahen Illustrationen unterstützen die Erklärung, was genau gemeint ist. Sie regen zum Nachdenken an. Die Illustration in der Lektion „Veränderung während der Pubertät bei Jungen“ zeigt z.B. ein kleinen Jungen und einen Jugendlichen, beide in Boxershorts und macht so die unterschiedlichen Phasen im Verlauf der körperlichen Entwicklung sehr gut klar.

Bemerkenswert sind die Kapitel zu „sexuell grenzüberschreitenden Verhaltensweisen und psychosexuellen Problemen“. Dabei geht es neben der sexuellen Belästigung und dem sexuellen Missbrauch auch um abweichendes Sexualverhalten und übrige psychosexuelle Probleme wie sexuelle Unzufriedenheit, Schmerzbeschwerden, übermäßige Beschäftigung mit der Sexualität oder sexuelle Aversion.

Besonders bedeutsam ist die Lektion über das Phänomen der sogenannten „Loverboys“ und der „vermeintlichen Freunde“. Ein „Loverboy“ ist ein Mann, der mit einem Mädchen aus dem Grund eine Liebesbeziehung eingeht, um sie daraufhin zur Prostitution zu zwingen und auszubeuten. Das Mädchen wird emotional abhängig gemacht und von Freunden und Familie abgeschirmt. Eine niederländische Untersuchung aus 1998 ergab, dass 2000 Mädchen in der Jugendprostitution arbeiteten und man nimmt an, dass die Hälfte dieser Mädchen von „Loverboys“ angeworben wurde. (S. 200). Erfahrungsgemäß sind Mädchen, die eine geistige Behinderung oder psychische Schwierigkeiten haben leichter zu beeinflussen, auch Mädchen aus dem autistischen Spektrum sind potentielle Opfer. Deshalb ist präventive Aufklärung extrem wichtig. Vertiefende Informationen findet man unter www.no-loverboy.de oder www.eliod.de.

Fazit

Dieses Arbeitsbuch „Ich bin in der Pubertät“ im Ordnerformat mit einzeln herausnehmbaren Seiten  wird durch ein Handbuch „“Psychosexuelle Entwicklung bei Jugendlichen – das Training“ ergänzt. Es richtet sich an die zu betreuenden Pädagogen/Sozialarbeiter  und enthält auf einer CD die Arbeitsblätter zum Ausdrucken. Beide Bücher geben Hintergrundinformationen zur sexuellen Entwicklung bei Menschen mit Autismus und erläutern Probleme, die in der Pubertät zusätzlich zu den Besonderheiten in der Wahrnehmungsverarbeitung und im Denken auftauchen können wie Freundschaften knüpfen und pflegen sowie angemessene (sexuelle) Beziehungen zu leben. Arbeitsordner und Handbuch entstanden in dem Training „Ich bin in der Pubertät“, welches in Holland von einem interdisziplinären Team mit dem Ziel entwickelt wurde, Heranwachsende in dieser wichtigen Phase des Lebens zu unterstützen. Beide Bücher haben einen starken Praxisbezug und sind auch außerhalb von Klinik oder Therapie einsetzbar (anders als viele andere exklusiven Trainings, die in den letzten Jahren zum Autismus Spektrum entwickelt und veröffentlicht wurden). Endlich Literatur, die diese Themen grundlegend angeht und dazu einen Leitfaden für ein Training entwickelt hat, sodass mit den Heranwachsenden auch die wahren Probleme zum Thema gemacht werden!

Die Erklärungen enden nicht mit Hinweisen zur Aufklärung in Bezug auf die körperliche Entwicklung oder dem Kinderwunsch bzw. der Verhütung. Das Buch greift auch Themen auf wie „vermeintliche Freunde“ und „Loverboys“ und scheut auch nicht davor zurück die Themen „sexuell grenzüberschreitende Verhaltensweisen“ z.B. sexuelle Belästigung, sexueller Missbrauch und abweichendes Sexualverhalten sowie „psychosexuelle Probleme“ wie z.B. sexuelle Unzufriedenheit, Schmerzbeschwerden, übermäßige Beschäftigung mit der Sexualität oder sexuelle Aversion anzusprechen.

Beide Bücher enthalten praxisbezogene Materialien zu diesen herausfordernden und spannenden Themen. Das Gesamtpaket kostet 62 Euro plus Versand, das ist eine gut angelegte Investition, durch die auch noch Arbeitsplätze für Menschen aus dem autistischen Spektrum geschaffen werden. Es gibt wenig lebens- und praxisnahe Literatur zum Thema psychosexuelle Entwicklungsbegleitung und Pubertät, diese Bücher sind herausragend!


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 21.07.2016 zu: Frieda Boudesteijn, Esther van der Vegt, Kirsten Visser, Nouchka Tick, Athanasios Maras: „Ich bin in der Pubertät“. Das Arbeitsbuch. Autismusverlag Schweiz (St. Gallen) 2016. ISBN 978-3-0385200-7-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20874.php, Datum des Zugriffs 24.03.2019.


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ISSN 2190-9245

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