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Waltraud Matern, Franz-Werner Kersting (Hrsg.): Sozialarbeit in der Psychiatrie

Cover Waltraud Matern, Franz-Werner Kersting (Hrsg.): Sozialarbeit in der Psychiatrie. Erinnerungen an den Reformaufbruch in Westfalen (1960-1980). Ardey-Verlag GmbH (Münster) 2016. 162 Seiten. ISBN 978-3-87023-384-6. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 18,90 sFr.
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Thema

Fragt man nach den Anfängen der bundesrepublikanischen Psychiatrie-Reform, werden zumeist die Psychiatrie-Enquete (1975) und insbesondere das darauf fußende Modellprogramm Psychiatrie (1980-1985) erwähnt. Das ist nicht völlig falsch, doch bleibt die Aussage im Rahmen einer Betrachtungsweise, die sich mit den offiziellen und politischen Meilensteinen der psychiatrischen Versorgung begnügt. Tatsächlich reichen die Anfänge der Reformbemühungen weit in die 60er Jahre zurück, höchstwahrscheinlich auch darüber hinaus; einige Hinweise dazu finden sich im Sammelband „Sozialpsychiatrie vor der Enquete“ (Psychiatrie-Verlag 1997); der Beitrag von Caspar Kulenkampff gibt hier viele Hinweise. Ich möchte als Beispiel auch auf die mir vorliegende „Denkschrift über die Notwendigkeit des Aufbaus sozialpsychiatrischer Einrichtungen (psychiatrischer Gemeindezentren)“ (Heidelberg 1965) aufmerksam machen, die unter Mitarbeit von W. v. Baeyer und K.P. Kisker von H. Häfner verfasst wurde. Man kann erkennen: Die späteren „Wortführer“ der Psychiatriereform standen zwar nicht unbedingt auf den Schultern von Riesen, aber sie konnten doch auf wesentliche Vorarbeiten anderer zurückgreifen.

In verschiedenen socialnet-Rezensionen habe ich immer versucht, auch diese Quellen und Zuflüsse der großen Psychiatrie-Reform für den Leser sichtbar zu machen (siehe u. a. meine Besprechungen über die „Anstaltsfamilie“ und das „Ende der Veranstaltung“). Das vorliegende Buch ist genau deshalb so wichtig, weil es einen weiteren, bisher zu wenig beachteten Geburtshelfer der Reform zu Worte kommen lässt: die psychiatrische Sozialarbeit. Ohne Sozialarbeiter in den vielen neuen Einrichtungen und Diensten wären die Reformen der 80er Jahre nicht möglich gewesen! Die Einbeziehung der sozialen Realität (Familie, Arbeit, Wohnung etc.) in Therapie und Rehabilitation verlangte nach psychiatrisch ausgebildeten Sozialarbeitern. 1957 waren 22, 1963 etwa 40 Fürsorgerinnen in der gesamten deutschen Psychiatrie beschäftigt; eine zweijährige sozialpsychiatrische Fachausbildung für besonders qualifizierte Sozialarbeiter gab es nur in der Psychiatrisch-neurologischen Universitätsklinik in Heidelberg.

Autorin und Entstehungshintergrund

Waltraud Matern (geb. 1927) , eine der ersten Fürsorgerinnen in der Psychiatrie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), gelingt es, aus der klassischen Berufsrolle einer Fürsorgerin heraus die bis dahin unbeschriebene Rolle psychiatrischer Sozialarbeit zu entwickeln und zu beschriften. Sie tat das von 1960 bis 1972 in der damaligen Landesheilanstalt Eickelborn und von 1972 bis 1980 in der Westfälischen Klinik Marsberg. Danach hat Frau Matern von 1980 bis 1992 in der Beschwerdekommission des LWL gearbeitet und dort ihre Erfahrungen eingebracht.

Es ist ein Glücksfall, dass „eine psychiatrische Sozialarbeiterin der ersten Stunde“ über ihren Lebensweg und ihre Berufsstationen so informativ, kenntnisreich und lebendig berichtet und uns diese Publikation vorlegt. Die Schwierigkeiten, Widerstände und Herausforderungen werden genauestens beschrieben, auf die psychiatrische Sozialarbeit im klinischen und rehabilitativen Bereich sowie bei den Patienten, den Angehörigen und im sozialen Umfeld trifft und aus denen letztendlich eine neue Berufsrolle erwächst.

Aufbau und Inhalt

Das erste Kapitel ist überschrieben: Mein Leben, mein Beruf. „Als Tochter des Bergmannes Friedrich-Wilhelm Matern und seiner Ehefrau Ida, geborene Kumpmann, wurde ich am 19. April 1927 in Bochum-Hiltrop geboren, wo ich auch die Volksschule besuchte. Ich hatte sechs Geschwister. Wir wuchsen in einer evangelischen Familie auf und wurden im christlichen Sinne erzogen.“ In kurzer Form beschreibt Waltraud Matern alle wichtigen Stationen ihres Lebensweges von der Kindheit und Jugend bis hin zu den ersten Ausbildungsschritten und ihrem beruflichen Werdegang: Hauswirtschaftslehre in Bochum, Ausbildung zur Kinderpflegerin, Tätigkeit in verschiedenen Heimen der Stadt Bochum, Fürsorgerinnen-Ausbildung an der Sozialschule Gelsenkirchen (Vorgängerin der EFH Bochum), langjährige Arbeit in der damals so genannten Landesheilanstalt Eickelborn und dem Landeskrankenhaus Marsberg sowie der Beschwerdekommission des LWL.

Das zweite Kapitel hat die Überschrift: Meine Zeit in Eickelborn (1960-1972). Wir erfahren über das Anfang der 60er Jahre mit 1900 Betten größte Krankenhaus des LWL: dass das Anstaltsleben hierarchisch und autoritär strukturiert war, dass von den Patienten Anpassung und Unterordnung erwartet wurden, dass es kaum persönlichen Besitz gab, dass große Gemeinschaftsräume und Bettensäle, die für mehr als dreißig Menschen eingerichtet waren, den Wohnraum darstellten, dass wenig Außenkontakte ermöglicht wurden.

Auf den strikt nach Geschlechtern getrennten Stationen lebten psychisch kranke Patienten mit geistig behinderten Menschen -alt und jung- zusammen. Der Stationsalltag war streng reglementiert. Krankheitsbedingte Unruhezustände der Patienten wurden mit warmen Sitzbädern, Fixierungen und länger andauernden Isolierungen behandelt. Die Behandlung der psychisch Kranken mit Psychopharmaka stand in den Anfängen.

Weiter erfahren wir: dass die Männer in krankenhauseigenen Betrieben arbeiteten, dass die Frauen Arbeitstherapiegebiete in der Großküche, der Wäscherei, im Bügel-und Mangelbetrieb und in der Nähstube hatten. Außerdem gab es noch die „Familienpflege“, landwirtschaftliche Arbeitsstellen bei den Bauern in den umliegenden Dörfern. In allen Bereichen gab es Missstände und zahlreiche inhumane Bedingungen.

Eickelborn war damals eine abgeschlossene, bevölkerungsferne Einrichtung, die für die Kranken einer totalen gesellschaftlichen Ausgrenzung gleichkam.

Waltraud Matern beschreibt nun ihre einzelnen sozialarbeiterischen Initiativen, mit denen es ihr gelang, auch in dieser kustodialen Psychiatrie Zeichen zum Umdenken zu setzen und auf diese totale Institution (Goffman) positiv einzuwirken:

  • Kontaktaufnahme und Gespräche mit den Patienten und dem Pflegepersonal mit dem Ziel, Probleme und Wünsche der Kranken kennenzulernen,
  • Aufbau eines Vertrauensverhältnisses von Patienten und Sozialarbeiter durch akzeptierende und wertschätzende Haltung,
  • Überzeugungsarbeit bei den Ärzten und dem Pflegepersonal von der Bedeutung der Sozialarbeit in der Psychiatrie,
  • Bearbeitung von sozialen Problemen der Patienten: Vermögenspflegschaft, Vermittlung in Altersheime, Angehörigenarbeit, Rentenklärung aufgrund sozialer Anamnese, Entlassungsvorbereitung, Aufdeckung und Abstellung zahlreicher Ungerechtigkeiten, Arbeitsplatzsuche, Kritik an der gängigen Entmündigungspraxis,
  • Schwerpunkt: Entlassungsvorbereitung für die Patienten aus dem forensischen Bereich mit Arbeitsplatz- und Wohnraumbeschaffung und Angehörigenarbeit,
  • Statusklärungen mit Ärzten, Psychologen und Pflegekräften.

Die aufgezählten Initiativen und die zunehmenden Besuche von Angehörigen, aber auch von Berufskollegen und Fachkräften der Arbeitsbehörden sowie ein Wechsel in der Leitung des Krankenhauses führten zu einer Lockerung der geschlossenen Strukturen und zu einer allmählichen Öffnung der Institution- zur Reform vor der Reform (Kersting).

In diese Eickelborner Zeit (1969-1971) fallen auch die Gründung der „Arbeitsgemeinschaft der Sozialarbeiterinnen/Sozialpädagoginnen in den Zentren und Kliniken für Psychiatrie und Sucht des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL)“, die Mitarbeit in der Psychiatrie-Enquete-Kommission und eine wichtige Teilnahme an der Gütersloher Fortbildungswoche 1971. Hierüber wird am Ende des Kapitels ausführlich berichtet.

Das dritte Kapitel ist betitelt: Meine Zeit in Marsberg (1972-1980). Im Landeskrankenhaus Marsberg, das 1971/72 mit 1300 Patienten einen Belegungshöchststand erreichte, lebten vor allem psychiatrische Langzeitpatienten zusammen mit geistig Behinderten auf geschlossenen Abteilungen in einer kustodialen Atmosphäre. Hinzu kamen noch weitere Missstände:

  • Ohne jede Vorbereitung wurden Langzeitpatienten in private Heime verlegt, ohne dass diese Heime auf eine Eignung geprüft worden wären.
  • Patienten wurden in privaten Haushalten von Bediensteten zu einem Hungerlohn beschäftigt (0,50 DM/pro Tag).
  • Es gab Familienpflegestellen, in denen die Patienten keinen Familienanschluss hatten.

Trotz aller vorgefundenen strukturellen Hindernisse und Widerstände bemühte sich Waltraud Matern auf ihren Langzeitstationen darum, einen Beitrag zugunsten einer therapeutischen und rehabilitativ orientierten Psychiatrie zu leisten, indem sie soziale Gruppenarbeit mit langjährig hospitalisierten Patienten durchführte. Diese Gruppenarbeit wird ausführlich mit ihren Wirkungen auf die Persönlichkeit der Patienten und auf die Stationskultur beschrieben.

Außerdem musste für viele chronisch psychisch Kranke, die lange Jahre im Landeskrankenhaus eingeschlossen und hospitalisiert worden waren, ein Rehabilitationsprogramm zur Vorbereitung auf ein selbständiges Leben in der Gesellschaft organisiert werden.

Mitarbeit in der hauseigenen Zeitung, um die Ziele der eigenen Reformschritte zu erläutern, Einrichtung einer Nachtklinik, Gründung eines Vereins mit dem Ziel, geistig behinderte und seelisch erkrankte Menschen nach ihrer Behandlung auf dem Weg aus dem Krankenhaus zu begleiten, Aufbau der Laienarbeit und die Einrichtung einer Wohngemeinschaft sind die weiteren Bausteine auf dem mühsamen Reformweg, den Waltraud Matern in Marsberg einschlug und über den sie uns in Kenntnis setzt.

Es wundert nicht, dass unsere Autorin von 1975 bis 1995 einen Lehrauftrag an der EFH Bochum hatte und damit die Gelegenheit, ihr Wissen und ihre Erfahrungen an die nächste Generation weiterzugeben.

Das vierte Kapitel heißt: Meine Arbeit in der Beschwerdekommission (1980-1992).

In knapper Form wird über die Arbeit dieser auch der Psychiatrie-Reform entsprungenen Institution berichtet.

Als Anhang folgen ein Bildteil, der uns die damalige Wirklichkeit anschaulich vermittelt, und eine Dokumentation, die über die Entwicklung der Aufgaben und Arbeitsmethoden der Sozialarbeiter/innen und Sozialpädagogen/innen unterrichtet. Ein kleines Literaturverzeichnis schließt die Publikation ab.

Diskussion

Etwas Neues zu wagen, war nie leicht, und ist es auch heute nicht. Es verlangt Mut und Kreativität und Durchhaltevermögen. Waltraud Matern hat diese Eigenschaften besessen und dem Leser gezeigt, wie weit man damit in der Psychiatrie kommen kann. Aber es müssen noch andere Qualitäten hinzukommen: Die Fähigkeit, sich immer weiter fortzubilden, neue Herausforderungen anzunehmen und dafür mit Phantasie nach Lösungen zu suchen. Bleiben noch die Einfühlsamkeit, der Takt und der Respekt vor anderen – alles Qualitäten, die in der Arbeit mit psychisch kranken Menschen und behinderten Menschen sicherlich eine besondere Bedeutung haben, die aber auch in der Arbeit mit anderen Berufsgruppen und im Team unverzichtbar sind.

Mag der eine oder andere der hier vorgeschlagenen Wege heute nicht mehr aktuell sein, so haben doch Arbeitsweise und Berufsausübung Vorbildcharakter. Allerdings kann ich dem Umschlagstext nur bedingt zustimmen, wenn es dort heißt, die Autorin zeigt, welche Mühe es kostete, die verkrusteten Verhältnisse in der westfälischen Anstaltspsychiatrie aufzubrechen. Ich meine, die Autorin kann uns sogar dabei helfen, mit den neuen Verkrustungen in der Psychiatrie produktiv umzugehen.

Fazit

Ich empfehle dieses schöne und sorgfältig edierte Buch jeder sozial ausgerichteten Bibliothek zur Anschaffung. Studierende mit psychiatrischen und sozialarbeiterischen Ambitionen, aber auch angehende Psychiater sollten es auf jeden Fall lesen; denn es bereitet gezielt auf die Berufsausübung in einem anspruchsvollen Umfeld vor.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 13.06.2016 zu: Waltraud Matern, Franz-Werner Kersting (Hrsg.): Sozialarbeit in der Psychiatrie. Erinnerungen an den Reformaufbruch in Westfalen (1960-1980). Ardey-Verlag GmbH (Münster) 2016. ISBN 978-3-87023-384-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20877.php, Datum des Zugriffs 17.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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