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Rüdiger Lohlker: Theologie der Gewalt

Cover Rüdiger Lohlker: Theologie der Gewalt. Das Beispiel IS. UTB (Stuttgart) 2016. 206 Seiten. ISBN 978-3-8252-4648-8. D: 18,99 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 24,30 sFr.
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Thema

Vor einigen Jahren meinte Peter Sloterdijk: „… der sogenannte globale Terrorismus ist ein durch und durch posthistorisches Phänomen. Seine Zeit bricht an, wenn sich der Zorn der Ausgeschlossenen mit der Infotainmentindustrie der Eingeschlossenen zu einem Gewalttheatersystem für letzte Menschen verbindet“ (Sloterdijk, 2006, S. 70).

Sicher, der globale Terrorismus ist auf die Verbreitungsmedien angewiesen und spekuliert auf deren Wirkungen. Aber nicht die Suche nach einer vermeintlichen Symbiose von Verbreitungsmedien und dem Zorn der Nichteingeschlossenen steht zur Debatte. Wichtiger ist die Frage nach den Ausgeschlossenen selbst und ihrem Zorn: Wer sind sie, wovon sind sie ausgeschlossen, wer hat sie ausgeschlossen und ist dieser Ausschluss die Quelle ihres Zorns? Und mit dem Blick auf den sogenannten Islamischen Staat (IS) wäre zu ergänzen: Was hat das alles mit Religion zu tun?

Die Rolle von Religiosität im Radikalisierungsprozess von Muslimen ist durchaus umstritten. Manche Autoren argumentieren, dass Religiosität kaum eine Rolle spiele, da die meisten Radikalisierten gar nicht religiös und ihre Kenntnisse bspw. über den Koran sehr limitiert seien, und schließlich die Propaganda der Al-Qaida, des IS und anderer Gruppen als Ideologie und nicht als Religion fungiere. Andere wiederum weisen darauf hin, dass propagandistische Botschaften auf Koranverse rekurrieren und ihre Legitimität somit aus dem Islam beziehen (vgl. z.B. Byman, 2013; Ferguson & Binks, 2015; Hasenclever & Sändig, 2011).

Im Bericht der Ständigen Konferenz der Innenminister und -senatoren der Länder (IMK, 2015) werden die Fälle von 677 Personen, die aus Deutschland in Richtung Syrien oder Irak ausgereist sein sollen, analysiert. Davon sollen bis zum 30. Juni 2015 insgesamt 237 Personen nach Deutschland zurückgekehrt sein. Von den ausgereisten Personen sind 21% Frauen. In diesem Bericht wird auch darauf verwiesen, dass salafistische Milieus und salafistisch geprägte Moscheen in Deutschland offensichtlich Gelegenheitsstrukturen für die Radikalisierung zur Verfügung stellen und als wichtiges Kettenglied auf dem Weg zur Radikalisierung fungieren (vgl. auch Frindte u.a., 2016).

Nicht alle Dschihadisten sind indes religiös im strengen Sinne, aber ganz ohne Einfluss auf Radikalisierungsprozesse ist die Religion aber auch nicht. Darum und um noch viel mehr geht es im vorliegenden Buch.

Autor

Rüdiger Lohlker ist Islamwissenschaftler und seit 2003 Professor für Orientalistik an der philologisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. Seit 2012 leitet er dort auch den Studiengang „Muslime in Europa“. Seine Publikationsliste ist beeindruckend. Mit anderen Worten: Er ist ein Experte im wohlmeinenden Sinne des Wortes. Empfohlen sei auch sein Blog „Die Sandalen von Sind“ (https://lohlker.wordpress.com/).

Aufbau und Inhalte

Gleich zu Beginn seines Buches verweist Lohlker darauf, dass die „Beschäftigung mit dem religiösen Denken dschihadistischer Subkulturen und ihrer Theologie“ (S. 7) kaum ausgeprägt sei. Das liege wohl nicht am mangelnden Material, sondern wohl eher an einem „eigentümlichen Desinteresse“ (ebd.) der Terrorismusforschung an den religiösen Hintergründen des Dschihadismus. Eine präzise Kritik des islamischen Aspekts im Denken des IS sei aber unabdingbar, „um zu verstehen, auf welche Weise der religiöse Hintergrunddiskurs und die Legitimation der Kriegsführung und des Terrors des IS zu erschüttern ist“ (S. 10). Um diese Kritik und nicht die Geschichte des IS geht es im vorliegenden Buch. Lohlker stützt sich dabei auf Originalschriften, Videos und Internetpräsenzen, die eine Annäherung an den IS und seine gewalthaltige Ideologie und Praxis ermöglichen. Das geschieht in 18 Kapiteln (vom Autor „Durchgänge“ genannt), deren Titel deutlich machen, dass und wie der IS mit seiner pervertierten Interpretation des Islam eine Gewaltideologie zu schaffen versucht, die als grundlegende und umfassende „Verhaltenslehre für dessen Mitglieder zu lesen“ (S. 188) ist.

Die Kapitelabschnitte im vorliegenden Buch lauten:

  1. „Religiöse Ausbildung“,
  2. „Trainingslager“,
  3. „Handlungen und Rituale“,
  4. „Maktabat al-himma“,
  5. „Sklaverei“,
  6. „Frauen im IS – Verhüllung des Gesichts der Frau“,
  7. „Finanzielle Aspekte“,
  8. „Bürokratie des Terrors“,
  9. „IS-Gelehrsamkeit“.
  10. „Feindbilder“,
  11. „Blutzeugen“,
  12. „Apokalypse und Paradies“,
  13. „Kalifat“,
  14. „Exegese nach IS-Art“,
  15. „Recht nach IS-Art“,
  16. „Frauen im IS – Dschihadistische Kämpferinnen“,
  17. „Maskulinität im IS“,
  18. „Ehre und Inferiorität“.

Danach folgen noch Schlussbemerkungen, eine umfangreiche Literaturliste und ein Personenregister.

Im Kapitel 1 wird der Anspruch des IS deutlich, das religiöse Denken zu vereinheitlichen, in dem eine umfassende Ausbildung von Imamen, Predigern, Korankennern, Muezzins und Moscheebediensteten organisiert wird. „Gezielt wird auf die Konstruktion einer (und darauf liegt die Betonung, WF) eigenen religiösen Lehre, einer eigenen Lesart der Geschichte, die Beherrschung der arabischen Sprach- und literarischen Tradition, unmittelbar praktische Fächer wie Geografie und physische Fitness“ (S. 19). Ziel dieser vereinheitlichten und umfassenden religiösen Ideologie ist es, den militärischen Dschihad als einzig möglichen Weg des „wahren“ muslimischen Handelns zu proklamieren und zu praktizieren.

Die tatsächliche Ausbildungspraxis in den Trainingslagern, nachvollziehbar z.B. in diversen, vom IS publizierten Videoreihen, folgt ebenfalls diesem Ziel (siehe Kapitel 2). Dass ein solches Ziel nicht nur verinnerlicht werden, sondern auch symbolisiert werden muss, kann man im Kapitel 3 nachlesen. Lohlker illustriert das am erhobenen Zeigefinger, wie er in vielen Videos zu sehen ist (und wohl auch schon beim türkischen Präsidenten entdeckt wurde) und „im Selbstverständnis der IS-Anhänger das Bekenntnis der Einheit Gottes symbolisieren soll“ (S. 25). Maktabat al-himma (Kapitel 4) wird von Lohlker als „Bibliothek des hohen Bestrebens/des Eifers“ übersetzt. Es handelt sich um eine Reihe von Schriften und Flyern, die vom IS verteilt werden, und in denen grundsätzliche Glaubensgrundsätze und Handlungsanweisungen vermittelt werden, so etwa die vollkommene Loyalität gegenüber den IS-Führern und insbesondere gegenüber dem Kalifat und seinem Anführer al-Baghdadi. Wie der IS und seine Protagonisten den Islam in ihrem Sinne umdeuten und missbrauchen, illustriert Lohlker in diesem Kapitel u.a. am Beispiel der Zerstörung antiker Bauten und der grausamen Hinrichtung von „Ungläubigen“ und „Ketzern“. Lohlker schreibt in diesem Zusammenhang nach der Vorstellung eines IS-Flyers u.a.: „Dies verdeutlicht eine weitere Botschaft des Flyers: Der bewaffnete Dschihad und ribãt sind besser als die Pilgerfahrt nach Mekka. Zugespitzt formuliert: Das Hauptquartier des IS ist mehr wert als die Kaaba“ (S. 57).

Um das aus IS-Sicht quellengestützte Recht, „Ungläubige“ (vor allem Frauen) zu versklaven, geht es im Kapitel 5. Frauen im (und des) IS und deren Pflicht, ihr Gesicht zu verhüllen, stehen im Zentrum von Kapitel 6. Finanzielle Aspekte, eine eigene IS-Währung (der Golddinar) und die Kritik an der „jüdisch-kapitalistische“ Finanzherrschaft spielen für die Konstruktion der eigenen Identität des IS eine herausragende Rolle (Kapitel 7). Der IS versteht sich als Staat. So wundert es nicht, wenn sich dieser Anspruch auch in einer besonderen Bürokratie ausdrückt. Nicht nur die kriegerischen Gewaltakte des IS, auch eine ausgeprägte finanzielle und personenbezogene Buchführung spielen dabei eine wichtige Rolle (Kapitel 8).

Um ihre Gewaltideologie zu legitimieren und ihre Feindbilder zu begründen, greifen die IS-Protagonisten nicht wahllos, sondern sehr selektiv auf die religiösen Schriften akzeptabler Autoren zurück (Kapitel 9, 10 und noch einmal ausführlich Kapitel 14). „Blutzeugen“, so der Titel von Kapitel 11, sind die Märtyrer, die vom IS in Bild, Ton und Schrift verherrlicht werden.

Dass wir, aus Sicht der IS-Protagonisten, in einer Endzeit leben, die Apokalypse nicht fern ist, das Paradies für uns, also für die „Ungläubigen“ aber verschlossen sein wird, sind Botschaften, die in vielen im Internet zirkulierenden Videos verbreitet werden (Kapitel 12). Lohlker weist in diesem Zusammenhang auch auf die schwarze Fahne des IS hin, die ebenfalls ein Zeichen dieser Endzeit sei. Bekanntlich brach mit dem Ende des Osmanischen Reiches im Jahre 1924 auch die Herrschaft der Kalifen zusammen. Im Jahre 2014 „feierte“ diese Herrschaft mit dem IS seine Auferstehung (Kapitel 13). Nicht nur in Videos, Internetpräsenzen oder papiernen Publikationen wird diese Auferstehung dargestellt. Vor allem die zahlreichen Opfer des IS sprechen dagegen, dass diese Auferstehung Anlass zu feiern ist. Man darf allerdings nicht vergessen, dass auch von manch dschihadistischer Seite „…die Legitimität des IS-Kalifats zum Teil vehement bestritten“ (S. 141) wird.

„Der IS verbreitet sein Verständnis des islamischen Rechts auf vielerlei Weise. Zentral ist aber die öffentliche Demonstration durch Hinrichtungen aufgrund diverser Delikte“ (S. 147), so lassen sich aus Sicht des Rezensenten die Aussagen im Kapitel 15. zusammenfassen. Lohlker verdeutlicht in diesem Kapitel am Beispiel einer Reihe von Fatwas u.a., wie wiederum in selektiver Weise historische Texte genutzt werden, um die grausame „Rechtsprechung“ im IS zu legitimieren. Das bekannteste Beispiel, auf das auch Lohlker ausführlich eingeht, ist das Verbrennen eines gefangenen jordanischen Piloten durch IS-Kämpfer.

„Frauen im IS“ spielen noch einmal eine Rolle im Kapitel 16. Nun geht es allerdings um die dschihadistischen Kämpferinnen, u.a. um die im Februar 2014 gebildete weibliche Moralpolizei al-Khansã.

Letztlich ist der IS aber doch eine überwiegend männlich dominierte Gewaltgemeinschaft (Kapitel 17), die sich – aus der Sicht ihrer Protagonisten – gegen den „kreuzfahrerischen“ Krieg aus dem Westen zu wehren versucht (auch Kapitel 18). Im Kapitel 18 hebt Lohlker noch einmal sehr ausführlich seine zentrale Auffassung hervor: Monokausale Erklärungen des Dschihad und des IS seien unzureichend, „da eine ganze Reihe einzelner Faktoren dazu beiträgt, dass eine Radikalisierung in die Gewalt möglich wird“ (S. 182). Und schließlich in den „Schlussbemerkungen“: „Der ‚klirrende Schematismus‘ der Gewalttheologie des IS erscheint als eine weitere Form der Reaktion in einer Nachkriegs- und Vorkriegszeit und einer Kriegszeit, um eine symbolische, auch verkörperlichte Ordnung zu suggerieren, die in den Zusammenbruchsregionen der alten Weltordnung eine grausame Form schafft, die einer Minderheit Versuche ermöglicht, sich zu inszenieren, einer Mehrheit aber Vernichtung verspricht“ (S. 188f.).

Fazit

Dem o.g. Zitat hat der Rezensent – außer der Aufforderung, das Buch zu kaufen und zu lesen – nichts hinzuzufügen. Es lohnt sich, weil es ein kluges Buch von einem klugen Autor ist, dem der Rezensent mit seiner knappen Besprechung nur bedingt gerecht werden konnte.

Zitierte Literatur

  • Byman, D. (2013). Fighting Salafi-Jihadist Insurgencies: How Much Does Religion Really Matter?, in: Studies in Conflict & Terrorism, 36: 5, 353-371.
  • Ferguson, N. & Binks, E. (2015). Understanding Radicalization and Engagement in Terrorism through Religious Conversion Motifs, in: Journal of Strategic Security, 8: 1, 16-26.
  • Frindte, W., Ben Slama, B., Dietrich, N., Pisoiu, D., Uhlmann, M- & Kausch (2016). Wege in die Gewalt. Motivationen und Karrieren salafistischer Dschihadisten. HSFK-Report, Nr. 1/2016 (HSFK-Reportreihe „Salafismus in Deutschland“, hrsg. von Janusz Biene, Christopher Daase, Svenja Gertheiss, Julian Junk, Harald Müller).
  • Hasenclever, A. & Sändig, J. (2011). Religion und Radikalisierung? Zu den säkularen Mechanismen der Rekrutierung transnationaler Terroristen im Westen, in: Der Bürger im Staat, 61: 4, 204-213.
  • IMK (Ständige Konferenz der Innenminister und -senatoren der Länder) (2015). Analyse der Radikalisierungshintergründe und -verläufe der Personen, die aus islamistischer Motivation aus Deutschland in Richtung Syrien oder Irak ausgereist sind. Fortschreibung 2015, in: bit.ly/1ULOi6H (12.1.2016).
  • Sloterdijk, P. (2006). Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Versuch. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 28.09.2016 zu: Rüdiger Lohlker: Theologie der Gewalt. Das Beispiel IS. UTB (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-8252-4648-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20880.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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