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Heinz Becker: ... inklusive Arbeit! (Teilhabe an der Arbeitswelt)

Cover Heinz Becker: ... inklusive Arbeit! Das Recht auf Teilhabe an der Arbeitswelt auch für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 294 Seiten. ISBN 978-3-7799-3379-3. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Seit der in Deutschland ab 2009 verbindlichen UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) ist Inklusion zu einem Leitbild in der Behindertenhilfe geworden. Der Frage, ob Inklusion ein „Budenzauber“ ist, wird in diesem Buch aspektreich nachgegangen. Behinderung ist als Normalität menschlichen Lebens Ausdruck gesellschaftlicher Vielfalt. Sollte nicht besser von Teilhabe gesprochen werden?! Diesen und vielen anderen Fragen zum Thema des Buches wird fundiert (vor allem auch auf neueste Literaturforschungen bezogen) nachgegangen. Dabei wird u. a. der Wechsel vom medizinischen zum sozialen Menschenrechtsmodell der Menschen mit Behinderung als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben herausgearbeitet. Zentrale Themenaspekte von Arbeit, Sozialraumorientierung und personenzentriertem Denken werden herausgearbeitet sowie (auch noch teils utopische) Schlussfolgerungen für alle Beteiligten und den Gesetzgeber gezogen.

Autor

ist der Diplom-Sozialpädagoge Heinz Becker in verschiedenen Tätigkeiten von thematischen Schwerpunktstätten der Praxis und des Hochschulbereichs in Bremen sowie von zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema der Teilhabe von Menschen mit schwersten und mehrfachen Behinderungen.

Aufbau

Vor den Literaturangaben (260 ff.) lässt das Inhaltsverzeichnis mit den Seitenangaben die inhaltlichen vor allem quantitativen Schwerpunkte der Aufarbeitung des Themas erkennen:

  1. Einleitung (9 ff.)
  2. Zeitgefängnisse (11 ff.)
  3. Menschen mit schwersten Behinderungen (16 ff.)
  4. Arbeit – eine kurze Geschichte (22 ff.)
  5. Teilhabe an der Arbeitswelt (31 ff.)
  6. Was ist Arbeit? (58 ff.)
  7. Inklusion oder Teilhabe (89 ff.)
  8. Sozialraumorientierung (111 ff.)
  9. Personenzentriertes Denken: Persönliche Zukunftsplanung (132 ff.)
  10. Das Personenzentrierte Konzept (143 ff.)
  11. Zwischenfazit: Personenzentrierte Sozialraumorientierung zur arbeitsweltbezogenen Teilhabe (164 ff.)
  12. Teilhabe an der Arbeitswelt von Menschen mit schwersten Behinderungen: personenzentriert und sozialraumorientiert (170 ff.)
  13. Andere Modelle und Projekte (210 ff.)
  14. Vorsicht Falle! (228 ff.)
  15. Tagesstätten müssen sich verändern – dass können sie auch (231 ff.)
  16. Die Verbände, Leistungsträger, Gesetzgeber (238 ff.)
  17. Aber warum nicht alle in die WfbM? (242 ff.)
  18. Auch die Mitarbeiter müssen sich verändern (248 ff.)
  19. Auch der Sozialraum verändert sich (258 f.)
  20. Über Utopien (260 ff.)

Inhalt

In der hier einleitend vorgenommenen Skizzierung des Themas wurde bereits hervorgehoben, dass der Wechsel vom medizinischen zum sozialen Menschenrechtsmodell erfolgte, allerdings noch nicht in allen Köpfen der Beteiligten vor allem in der Pädagogik und vor allem in der Psychiatrie, worauf der Autor im 2. Kapitel zu den „Zeitgefängnissen“ hinweist. Denn die Werkstätten für Menschen mit Behinderung und die Tagesstätten stehen nicht im Einklang mit der BRK (11), weil es schwerstbehinderte Menschen nicht gibt, sondern terminologisch nur Menschen mit einem Unterstützungsbedarf (17).

In der kurzen Geschichte der Arbeit wird betont, dass sich Aufwertung der Arbeit erst in der Reformationszeit vollzog und das Konzept des „Berufs“ aus der Bibelübersetzung von Martin Luther stammt (24). Um 1965 begann ein Wertewandel zum bürgerlichen Arbeitsethos durch die Ablehnung von „Fleiß, Sauberkeit, Pünktlichkeit, Respekt oder Disziplin“ von jungen Menschen (27). Anders in der DDR nach 1945, wo Arbeit „ein gesellschaftlicher Grundwert“ wurde und alle Bürger das Recht auf einen Arbeitsplatz hatten (28).

Nach der Beschreibung der Bedeutung der Arbeit in den Erziehungs- und Bildungsprozessen im 18. und 19. Jahrhundert sowie der Reformpädagogik um 1900 bis zur Machtübernahme durch die NSDAP wird die „Krüppelfürsorge“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis 1945 thematisiert (37 ff.) Danach war der Weg von der Beschützenden Werkstätte zur Werkstatt für Behinderte folgerichtig (43 ff.). Der Rechtsanspruch auf einen Werkstattplatz nach dem Schwerbehindertengesetz ist europaweit einmalig (44). In der DDR lebten allerdings die Menschen mit schwersten Behinderungen „unter zum Teil erbärmlichen Umständen in großen Anstalten“ (47).

Ausführlich und differenziert entwickelt und analysiert der Autor Antworten bzw. Aspekte zu Antworten auf die Frage „Was ist Arbeit?“ (58 ff.), und zwar

  • den hohen Stellenwert von Arbeit in unserer heutigen Gesellschaft (62),
  • als individuelles Grundbedürfnis des Menschen (66),
  • als Rechtsanspruch auch von Menschen mit Behinderungen nach der BRK (67 ff.),
  • im kapitalistischen Verständnis der wirtschaftlichen Verwertbarkeit der Arbeit auch von Behinderten (70 f.),
  • Aspekte arbeitsweltbezogener Teilhabe von Menschen mit schwersten Behinderungen (73 ff.) u. a. mit einer Kritik an dem Wiederaufleben des „Zwei-Milieu-Prinzips“ vor allem in den östlichen Bundesländern (78) sowie dem Verhältnis von Arbeit und Bildung (82 ff.).

In den letzten Jahren hat der Begriff Inklusion in der Sonderpädagogik zunehmende Bedeutung gewonnen (89 ff.), auch wenn er nicht der Kern der BRK ist (92). Bedeutsamer bei dessen Umsetzung ist die Teilhabe aller Menschen als Bedingung für Inklusion (a. a. O.) Exklusion und Inklusion werden als politische Kategorien herausgearbeitet (96 ff.) und später eingebunden in eine systemtheoretische Diskussion: Integration – Inklusion – Teilhabe (106 ff.). Dieser Beitragsteil endet mit einer kritischen Würdigung von Sondereinrichtungen unter dem Aspekt Inklusion und Arbeitswelt (108 ff.).

Im 8. Kapitel wird das Fachkonzept Sozialraumorientierung aus der Jugendhilfe als wichtige Perspektive für die Gemeinwesenarbeit „in zahlreichen Feldern Sozialer Arbeit“ mit Menschen mit schwersten Behinderungen analysiert (114 ff.). Dabei wird Sozialraum als „Produkt sozialer Prozesse“ verstanden (119), in dem Selbstbestimmung und die Orientierung an Interessen und dem Willen der Menschen bedeutsam sind (125).

Folglich ist in Deutschland seit mehreren Jahren der Ansatz wichtig, mit Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam über ihre Zukunft nachzudenken und gemeinsam mit anderen konkret diese abzuarbeiten (133). Dazu gibt es drei Planungsformate für Unterstützerkreise (136 ff.). Sehr förderlich dabei sind soziale Netzwerke (140 ff.).

Somit handelt es sich um ein „personenzentriertes Konzept“, das davon ausgeht, wie Menschen sind und nicht, wie sie sein sollten (143 ff.), was in den 1960er Jahren begonnen hat. Aber: „Wer Teilhabe sagt, muss auch Sie sagen.“ (158 f.). Die vorgestellte Tagesförderstätte des ASB Bremen bestätigt dieses Konzept (170 ff.).

Auch die anderen erläuterten Modelle und Projekte geben Anregungen für die praktische Weiterentwicklung dieses Konzepts (210 ff.). Allerdings müssen sich dazu auch Tagesstätten als eventuell noch Relikte einer auf Ausgrenzung ausgelegten Sonderpädagogik des vergangenen Jahrhunderts verändern (231 ff.), was auch für die WfbM gilt (244 ff.).

Wenn sich auch (noch mehr als bereits teilweise erfolgt) die Mitarbeiter verändern (248 ff.), verändert sich auch der Sozialraum (258 f.), so dass sie in der Gemeinde konkret mitarbeiten in der Arbeitswelt (253) und „eine inklusive Gesellschaft als konkrete Utopie anstreben“ (263).

Diskussion

  1. Ist der Einschluss der realen Arbeitswelt in den Inklusionsbereich der Gesellschaft neben den nichtwirtschaftlichen Bereichen wie z. B. Freizeit, Bildung und Sport wirklich noch eine Utopie?
  2. Brauchen wir in Zukunft wirklich keine absondernden Sondereinrichtungen mehr, wie es der Autor literaturbezogen konstatiert (247)?

Fazit

„Eine inklusive Gesellschaft geht nur mit inklusiver Arbeit.“ Dies ist die Schlussfolgerung des Autors in seiner in das Buch auf dem Einband inhaltlichen Einführung. Sie trifft den Kern der differenzierten Aufarbeitung des hochaktuellen Themas einer inklusiven Arbeit in der Realität für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf, die durch dazu qualifizierte Betreuer und Berater in entsprechend gestalteten Sozialräumen sachlich und zeitlich zu gestalten ist.


Rezensent
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.


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Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 15.09.2016 zu: Heinz Becker: ... inklusive Arbeit! Das Recht auf Teilhabe an der Arbeitswelt auch für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3379-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20882.php, Datum des Zugriffs 16.01.2019.


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