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Dennis Roth: Kriminelles Verhalten im Alter

Cover Dennis Roth: Kriminelles Verhalten im Alter. Eine gerontologische Annäherung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. 250 Seiten. ISBN 978-3-86321-307-7. D: 32,95 EUR, A: 33,90 EUR, CH: 40,20 sFr.
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Thema

Alte Menschen werden im Kontext kriminologischer Forschung noch immer überwiegend als Opfer von Straftaten wahrgenommen. Sie gelten als besonders vulnerabel in Bezug auf Gewalterfahrungen, auch im Bereich der Pflege und im häuslichen Kontext. Ältere werden von der Öffentlichkeit noch immer als eine eher wehrlose Opfergruppe bei Diebstahls- und Betrugsdelikten gesehen. Weniger im Blick ist die Alterskriminalität selbst – also das kriminelle Verhalten älterer Menschen – von spektakulären Einzelfällen abgesehen, die dann als eher untypische Beispiele auch medial entsprechende Aufmerksamkeit erfahren. Polizeistatistiken zeigen jedoch auf, dass sich hier eine kontinuierlich ansteigende Entwicklung abzeichnet. Alterskriminalität ist zwar insgesamt noch immer ein Randphänomen im Gesamtfeld der Kriminalität, aber mit eindeutig steigender Tendenz. Die Publikation von Dennis Roth beschäftigt sich mit diesem Phänomen und geht der Frage nach, wie es sich gerontologisch und alterskulturell begründen lässt und welche Motive und Beweggründe hinter dem kriminellen Verhalten alter Menschen erkennbar sind.

Autor

Der Autor Dennis Roth ist Dipl. Pflegewirt und im Bereich der stationären Altenhilfe tätig. In Jahr 2013 hat er an der Tiroler Landesuniversität (UMIT) in Hall i. Tirol eine Dissertation zum Thema Altersdelinquenz vorgelegt und damit den akademischen Grad eines Dr. phil. erworben.

Entstehungshintergrund

Die Publikation stellt die Veröffentlichung zur Dissertation des Autors mit dem Thema „Delinquentes Verhalten im Alter – eine gerontologische Annäherung“ dar. Diese basiert im Wesentlichen auf einem heuristisch ausgerichteten Forschungsprojekt, das sich in fünf qualitativ-empirische Forschungsschritte gliedert. Die zentralen Ergebnisse dieser Forschungsarbeit zur Alternsdelinquenz eröffnen ein aktueller werdendes Feld in der gerontologischen Fachdebatte und bereichern diese um eine neue Facette.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zehn Kapitel gegliedert. Nach einem kurzen einführenden Teil in Kapitel 1, der Hintergründe und Vorgehen im Rahmen der Arbeit erläutert, wird in einem sehr präzise recherchierten Kapitel 2 der Stand der Forschung zum Thema referiert und kritisch bewertet. Dieser Part schließt deutsch- und englischsprachige Fachzeitschriften und Bücher sowie verschiedene Medien ein.

In Kapitel 3 werden relevante Daten zur Alterskriminalität dargestellt, die sich vor allem auf Fakten zur demografischen Entwicklung in Deutschland und auf Kriminalitätsstatistiken gründen.

Das Kapitel 4 widmet sich dem breiten Spektrum möglicher Erklärungsansätze und Theorien für abweichendes und delinquentes Verhalten und setzt sich jeweils mit ihrer Relevanz im Kontext der Lebensrealität älterer Menschen auseinander.

Die spezifische Perspektive der Gerontologie wird in Kapitel 5 eingenommen. Dabei wird der Bezug zu den zentralen Alternstheorien, den gesellschaftlich konstituierten Altersbildern sowie zu den mit dem Alternsprozess verbundenen Entwicklungsherausforderungen, Krisen und Chancen beschrieben und mit dem Thema Alterskriminalität verbunden.

In Kapitel 6 liegt der inhaltliche Schwerpunkt auf der Darstellung und Erläuterung des methodischen Vorgehens im Rahmen der Studie des Autors zur Alterskriminalität. Er erläutert dabei sein Vorgehen in der Logik der Grounded Theorie und stellt sein theoretisches Sampling vor. Dieser Part enthält auch die Darstellung der verwendeten Methoden, die in den fünf mit einander verbundenen Forschungsschritten im Projekt zum Einsatz kamen – das problemzentrierte Interview, Experteninterviews, Dokumenten- und Sekundäranalyse, teilnehmende Beobachtung und die deskriptive Organisationsanalyse.

Kapitel 7 stellt diese fünf Teilstudien vor, die auf jeweils ganz spezifische Teilaspekte zum Thema und unterschiedliche Akteure gerichtet sind.

  1. Im Fokus der Teilstudie 1 stehen Interviews mit Experten verschiedener Berufsgruppen im Umfeld der Justiz, die mit dem Thema Alterskriminalität befasst sind.
  2. Die Teilstudie 2 befasst sich mit der Dokumentenanalyse (Anwaltsakten) zu straffällig gewordenen Älteren.
  3. Die Erfahrungen von Kaufhausdetektiven aus Baumärkten, Kaufhäusern und Lebensmittelgeschäften stehen im Mittelpunkt der qualitativen Interviews in der Teilstudie 3.
  4. Mit der Methode der teilnehmenden Beobachtung, in einer spezifischen Form der Triangulation mit Interviewdaten und einer Dokumentation aus Fotos und Aufzeichnungen erfolgt die deskriptive Organisationsanalyse eines spezifischen Strafvollzugs für ältere Gefangene in der Teilstudie 4.
  5. Problemzentrierte Interviews mit Gefangenen stehen im Fokus der Teilstudie 5.

Im umfangreichsten Kapitel 8 werden die Einzelergebnisse der fünf Teilstudien dargestellt, jeweils kritisch bewertet und diskutiert. Zum Ende des Kernstücks in dieser Publikation werden die Teilergebnisse in einer zusammenfassenden Form miteinander verknüpft und die Ergebnisse dieser qualitativen Triangulation, über alle Teilerhebungen hinweg, mit der zentralen Forschungsfrage verbunden.

Der spezifische gerontologische Blick auf das Thema kommt in der Diskussion ausgewählter Ergebnisse nochmals in Kapitel 9 zum Tragen. Die Verknüpfung des Phänomens Altersdelinquenz mit den sich verändernden demografischen Bedingungen, mit Überlegungen zum Thema Alter(n)skultur, als möglicher Ausdruck einer Sicherung von Integrität oder der Suche nach einer sinnstiftenden Neuverortung in der nachberuflichen Phase befördert spannende neue Perspektiven auf das Thema zu Tage.

Mit einem kurzen Ausblick in Kapitel 10 und einem umfangreichen Materialanhang schließt die Publikation ab.

Zielgruppe

Autor und Verlag benennen als Zielgruppen der Publikation vor allem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Gerontologie, Soziologie, Kriminologie, Sozialer Arbeit, Jura und Psychologie. Das Buch richtet sich aber auch an Studierende der genannten Fachrichtungen, an Professionals und an alle relevanten Personengruppen, die sich mit einem bislang wenig beachteten Phänomen in der gerontologischen Fachpraxis vertiefend beschäftigen wollen.

Diskussion

Die Publikation greift ein bislang wenig beleuchtetes Feld in der Gerontologie auf und überzeugt mit seiner multiperspektivischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen des kriminellen Verhaltens im Alter. Die facettenreiche Gewinnung und Auswertung der Daten, die in den fünf Teilerhebungen gewonnen werden konnten sowie die gelungene Triangulation dieser doch sehr unterschiedlichen Ergebnisse ist gut geglückt. In der Verbindung mit alternstheoretischen Überlegungen und Positionen bereichert der Autor die gerontologische Fachdebatte sehr überzeugend. Der Charakter einer Qualifizierungsarbeit, der in der Publikation doch zuweilen zu erheblichen Längen führt, ist bei der Veröffentlichung einer Dissertationsschrift zwar nahezu unvermeidlich, fordert aber von der nichtakademischen Leserschaft doch ein hohes Maß an Verständnis. Gerade vor dem Hintergrund, dass Verlag und Autor Praktikerinnen und Praktiker explizit mit der Publikation erreichen wollen, hätte dieser Aspekt mehr Beachtung verdient.

Fazit

Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch, das anregungsreich für weiterführende gerontologische Fachdebatten sein kann und den Blick auf ein bislang zu wenig wahrgenommenes Phänomen lenkt, das mit dem demografischen Wandel und mit der Veränderung von Altersbildern eine wachsende Aktualität erhält.


Rezensentin
Prof. Dr. Cornelia Kricheldorff
Katholische Hochschule Freiburg, Fachbereich Soziale Arbeit
Forschung und Lehre in angewandter Gerontologie, mit den inhaltlichen Schwerpunkten Geragogik, offene Altenarbeit, Bürgerschaftliches Engagement, neue Wohnformen, Soziale Arbeit in Pflege und Gesundheitswesen, Hospizarbeit.
Homepage www.kh-freiburg.de
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Zitiervorschlag
Cornelia Kricheldorff. Rezension vom 13.10.2016 zu: Dennis Roth: Kriminelles Verhalten im Alter. Eine gerontologische Annäherung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. ISBN 978-3-86321-307-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20884.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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