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Robin Youngson, Marie Downar: Time to Care

Cover Robin Youngson, Marie Downar: Time to Care. Wie Sie Ihre Patienten und Ihren Job lieben. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. 300 Seiten. ISBN 978-3-86321-318-3. D: 25,95 EUR, A: 26,70 EUR, CH: 32,60 sFr.
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Thema

Für im Gesundheitswesen professionell Tätige sind Stress und Burnout keine Fremdworte. Die Gratwanderung zwischen eigenem beruflichen Anspruch, organisatorisch-strukturellen Restriktionen und den Bedürfnissen der zu versorgenden Menschen wird dabei als immer schmaler empfunden. Dieses Buch will zeigen, wie Freude, Erfüllung und Widerstandsfähigkeit im Beruf (wieder) wachsen kann.

Autor und Autorin

Dr. Robin Youngson ist ein neuseeländischer Anästhesist. Er vertritt eine Haltung mitfühlender, ganzheitlicher Patientenfürsorge und hat 2012 die internationale Bewegung „Hearts in Healthcare“ gegründet.

Marie Downar, eine angehende Allgemeinmedizinerin, hat die englische Originalfassung ins Deutsche übersetzt.

Aufbau und Zielgruppe

315 Seiten im Taschenbuchformat beinhalten 14 Kapitel, von „Burnout“ bis „Meine Geschichte: Rebell für eine gute Sache“. Vorangestellt sind ein Geleitwort zur deutschen Ausgabe und das Vorwort zum englischen Original von 2012. Ein Anhang mit Stimmen zum Buch, Literaturempfehlungen und Anmerkungen ergänzt die Kapitel.

„Time to care“ richtet sich laut Klappentext an „alle, die das Gesundheitswesen wieder menschlicher und solidarischer gestalten wollen“.

Inhalt

Youngson will zeigen, wie Gesundheitsfachkräfte ihr Herz stärken und sich dafür entscheiden können, ihre Arbeit und ihre Patienten zu lieben, die Fähigkeit zur mitfühlenden Fürsorge zu stärken, institutionelle Mauern einzureißen und damit die Patientenfürsorge zu verbessern.

Er schildert zu Beginn eine Szene in einer Notaufnahme, die sich vermutlich in vielen Ländern tagtäglich abspielt. Er belegt mit Studien und persönlichen Schilderungen, wie Pflegekräfte und Ärzte in den Beruf einsteigen – und viele sich nach kurzer Zeit desillusioniert, unzufrieden und frustriert gedanklich mit dem Berufssaustieg beschäftigen. Es ist gut belegt, dass sich emotionale und psychologische Faktoren positiv auf Erkrankungen auswirken. Dennoch messen sich Gesundheitsberufler eher an technisch-praktischen Kompetenzen als an emotionalen.

Youngson arbeitet den Kontrast zwischen Menschlichkeit und Mitgefühl und Leid und Verlust, wie sie im Krankenhausalltag anzutreffen sind, anhand seiner Erfahrungen auf und nennt den Abschnitt „der Versuch zu überleben“. Hilfreich waren ihm selbst in seinen Berufsjahren die Entwicklung einer achtsamen Haltung und die Strategie des erlernten Optimismus. Ein achtsamer Umgang mit sich selbst überträgt sich dann auf den Umgang mit anderen. Als Training innerer Ressourcen kann Achtsamkeit in der Behandlung chronischer Erkrankungen klinisch wirksam sein. Der Autor zeigt auf, wie sich Optimismus und Positivität auf Mortalitätsraten, genetische, hormonelle, immunologische und verhaltensbezogene Zusammenhänge auswirken.

Sehr bedeutsam war für Youngson die Erkenntnis, dass die Veränderung der Welt im sich selbst Ändern beginnt. Auch hierfür hat er eine Geschichte mit einer Patientin parat, die ihn diesbezüglich geprägt hat. Seine vier wichtigsten Lektionen waren die Menschlichkeit, die wechselseitige Verbundenheit mit der Patientin, das Lachen die beste Medizin sei und die wichtigste Lektion, dass wir unsere innere Haltung frei wählen können. Mit dem Wandel seiner inneren Einstellung in eine positive änderte sich auch seine professionelle Rolle: mit der Entscheidung, die Arbeit zu lieben, verbessern sich Wohlbefinden, Zufriedenheit und Resilienz.

Neben der Einstellung ist es auch die mitfühlende Berührung, die in der Beziehung zum Patienten einen Platz haben sollte. Eine freundschaftliche Berührung an der Schulter, eine angemessene Umarmung, Therapeutic Touch als komplementäre Intervention oder das Für und Wider des Handschuh-Tragens in diesem Zusammenhang – all diese Aspekte subsummiert Youngson im Abschnitt „Heilende Hände“.

In seinen Workshops über mitfühlende Fürsorge ist dem Autor häufig Abwehr begegnet, Argumente wie hohe Arbeitsdichte und daraus resultierender Druck und die Behauptung, keine Zeit für Zuwendung zu haben. Auch dieser Herausforderung ist ein eigener Abschnitt gewidmet. Als Schlüsselstrategie werden z.B. benannt, sich die Zeit für den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zum Patienten zu nehmen, weil dieses Vorgehen am anderer Stelle wieder Zeit einspart, die mitfühlenden Fürsorge parallel zu den notwendigen klinischen Tätigkeiten anzuwenden oder die Behandlung so auszurichten, das sie auf eine Verstehen der Patientenbedürfnisse abzielt anstatt auf immer neue dringende Forderungen zu reagieren und desorganisiert zu werden. Vom einzelnen hin zur organisatorischen Ebene widmet sich der Abschnitt „ein besseres System aufbauen“ Strategien für den Arbeitsplatz. Das Führungsstile beispielsweise einen großen Einfluss auf das Arbeitsklima haben, ist unbestritten. Sprache spielt dabei eine ebenso große Rolle wie die Annahme, das Führungskräfte eher als Prozessbegleiter (hosts) statt als Helden (heros) erfolgreich sind oder die Kraft der wertschätzenden Befragung.

Eine wichtige Botschaft ist es für Youngson, das die einzige Person, die einen Wandel einleiten kann, man selbst ist. Jeder kann wählen, wohin er seine Aufmerksamkeit lenkt. Kleine Veränderungen können Großes bewirken. Und nicht zuletzt ruft er dazu auf, die eigene Erkenntnis weiterzutragen: Positivität ist ansteckend.

Diskussion

Eine der Hauptbotschaften des Buches ist es, die Patienten (wieder) in den Mittelpunkt des Handelns im Gesundheitswesen zu richten – ein Anliegen, was ich nach 17 Jahren eigener Tätigkeit in verschiedenen Ebenen der Pflege teile, auch wenn seine Perspektive eine klare ärztliche ist. Youngsons Ansatz wird auch sicher in Deutschland zunächst kritisch betrachtet, „dafür habe ich keine Zeit“ ist eine Haltung, die ihm auch entgegengehalten wurde. Dennoch zeigt er kleine Schritte auf, die aus meiner Sicht durchaus umsetzbar sind.

Die Haltung mit starkem Herz, Liebe für den Patienten und Mitgefühl verlangt aus meiner Sicht einen starken Charakter, Raum und Ressourcen für eine beständige Reflexion und im Idealfall eine professionelle Begleitung belastender Erlebnisse im Berufsalltag (z.B. Coaching, Supervision, Beratung). Sicher ist auch zu diskutieren, inwiefern sich das deutsche Gesundheitssystem mit dem in UK bzw. in Neuseeland unterscheidet oder welche zusätzlichen Hürden hier in Bezug auf Finanzierung, Qualifikation und weiteren Rahmenbedingungen zu nehmen sind.

Gut gefallen hat mir die Mischung aus Schilderungen eigener Fälle und Erlebnisse und dem Heranziehen von Studienergebnissen. Die bildhafte Sprache weckt Emotionen beim Leser.

Fazit

Der Titel ist Programm: „Time to care“ ist ein Appell, sich die Zeit dafür zu nehmen, für sich selbst, für die Kollegen und die Patienten zu sorgen. Ein wichtiges Buch mit einer Haltung, die den Patienten in den Mittelpunkt des Handelns stellt.


Rezension von
Dr. sc.hum. Nina Fleischmann
M.A. Public Health und Pflegewissenschaft
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Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 12.07.2016 zu: Robin Youngson, Marie Downar: Time to Care. Wie Sie Ihre Patienten und Ihren Job lieben. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. ISBN 978-3-86321-318-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20885.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


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