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Hans-Ulrich Dallmann, Andrea Schiff: Ethische Orientierung in der Pflege

Cover Hans-Ulrich Dallmann, Andrea Schiff: Ethische Orientierung in der Pflege. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2015. 160 Seiten. ISBN 978-3-86321-290-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 25,30 sFr.
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Thema

Derzeit ist in unserer Gesellschaft ein paradox wirkender Spagat zu beobachten. Auf der einen Seite differenzieren sich Einzelthemen immer weiter aus; ein Rekurs auf digital gestützte Praxis (4. Revolution) beherrscht inzwischen auch die Pflege und die Soziale Arbeit. Auf der anderen Seite nehmen Publikationen zur Ethik in diesen Feldern immer mehr zu. In diesen Publikationen geht es nicht um weitere Differenzierung, Operationalisierung, Digitalisierung, sondern um die Frage, ob das, was getan wird, gut ist. Häufig changieren Berufsethiken zwischen einer moralischen und einer ethischen Ausrichtung. Während im ersten Fall nach dem gefragt wird, was getan werden soll, fragt man in letzterem Fall nach dem, was gut ist. Dallmann und Schiff verfolgen genau diese Orientierung am Guten. Damit prägt sich ihrer Berufsethik eine ganz spezifische Struktur auf, die sich in ihrer Systematik deutlich von anderen Ansätzen unterscheidet.

Autor und Autorin

Hans-Ulrich Dallmann ist Professor für Ethik am Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen der Hochschule Ludwigshafen am Rhein.

Andrea Schiff ist Professorin für Pflegewissenschaften am Standort Köln der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen.

Entstehungshintergrund

Die Autoren heben hervor, dass keine Idee für ein Buch vom Himmel fällt. Das Buch bezieht sich auf die Lehre der beiden Autoren. Weiter nimmt es konzeptionelle Anleihen bei dem Buch: Hans-Ulrich Dallmann, Fritz Rüdiger Volz, Ethik in der Sozialen Arbeit, Schwalbach im Taunus 2013 (vgl. die Rezension). Weiter wurden andere Ideen bereits an anderer Stelle veröffentlicht und manche sind völlig neu für dieses Buch entstanden.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in dreizehn Kapitel.

Die ersten vier Kapitel (gute Gründe, Anthropologie, Gesundheit und Krankheit, Leben und Sterben) führen im Sinne eines Querschnittes in die Ethik ein. Dabei ist das erste kurze Kapitel am stärksten an der philosophischen Ethik angelehnt. Die Autoren wollen dezidiert keine allgemeine Ethik, die einfach allgemeine Begriffe und Theorien auf spezielle Themen anwendet. Stattdessen gehen die Autoren vom Eigensinn der Praxis sowie der Theorien der Pflege aus und verknüpfen ethische Begriffe und Theorien mit letzteren.

Es folgen neun Kapitel, die unter dem Fokus der Frage nach dem jeweils Guten stehen. Mehr oder weniger konzentrischen Kreisen folgend werden, von den Pflegenden ausgehend, die Patienten, das pflegerische Handeln, das Team, die Einrichtung, die Profession, die Pflegewissenschaft und -forschung, die Policey und die Urteilsbildung behandelt.

Inhalt

Im ersten Kapitel beginnen die Autoren mit einem Beispiel, das deutlich machen soll, warum neben der fachlichen und rechtlichen Orientierung zusätzlich eine ethische Orientierung nötig ist. Im Anschluss wird erläutert, was unter einer Orientierung im Allgemeinen zu verstehen ist. Es folgen Darlegungen zur Orientierung in der Ethik und zur ethischen Orientierung. Während die Orientierung in der Ethik über Begriffe und Theorien kurz informiert, wird im Kapitel über ethische Orientierung deutlich gemacht, dass es hier auch um Kritik ggf. an meinem eigenen Handeln oder meinen Orientierungen geht.

Das zweite Kapitel erörtert anthropologische Grundbegriffe. Es geht um den Menschen als Wesen, das sich zu sich selbst verhält; weiter um die Begriffe „Subjekt“, „Personalität“, „Identität“ und „Leiblichkeit“. Insbesondere die Leiblichkeit ist für die Pflege von besonderer Bedeutung, da sie sich an Menschen richtet, die häufig nicht mehr durch die im vorigen genannten Merkmale charakterisiert sind.

Gesundheit und Krankheit werden im dritten Kapitel thematisiert. Ethisch relevant sind diese Themen, weil sie keine wertneutralen Tatsachen sind, sondern normative und evaluative Implikationen besitzen. Die Frage, ob Gesundheit ethisch aufgeladen werden darf, wird in diesem Kapitel kurz angerissen. Wenn Gesundheit ein Gut ist, dann ist ungesundes Verhalten moralisch relevant und kann zu entsprechenden moralischen Bewertungen führen. Dies würde in Konflikt stehen mit traditionellen Auffassungen wie der von Kant, dass gesundes Verhalten nur angestrebt werden muss, wenn es gewollt wird. Es steht jedem frei gesund sein zu wollen. Es gibt keine Pflicht zur Gesundheit! Die Autoren sehen hier die Aufgabe der Ethik darin vor zu viel Moral zu warnen.

Das gute Leben und Sterben bildet das Thema des vierten Kapitels. Im Einzelnen werden hier die Fragen, wann jemand tot ist, wie mit dem menschlichen Leichnam umzugehen ist, wie Pflege am Lebensende aussehen kann behandelt. Die Themen Hospize, Palliativstationen, Intensivstationen sowie Patientenverfügung schließen an die genannten Fragen an.

Das fünfte Kapitel stellt den Pflegenden ins Zentrum. Dabei geben Dallmann und Schiff keine Liste von Pflichten, die der Pflegende zu beachten habe, sondern durchdringen stattdessen die Struktur der Praxis der Pflege im Hinblick auf den Pflegenden. Wann kann von guten Pflegenden gesprochen werden? Zentral sind hier Themen wie Motivation, Nächstenliebe, Care und Caring, sowie Tugenden und Kompetenzen. Hier wird die Orientierung an der Aristotelischen Ethik deutlich, die nicht mit moralischen Normen aufwartet, sondern nach dem Guten fragt. Zielführend ist hier auch die Mesotes-Lehre (Lehre von der Mitte), die bei den Kompetenzen oder Tugenden des Pflegenden die Mitte als geeignetes Ziel identifiziert. Die Mitte zwischen Reden und Hören ist beispielsweise die geeignete Praxisform, die durch Pflegende anzustreben ist. Die Extreme sind zu vermeiden.

Es folgt das sechste Kapitel, das vom Patienten oder Bewohner handelt. Auch hier wird das jeweils Gute, dargelegt: Patientenautonomie, Compliance und Eigensinn, Eigenverantwortung, Typisierungen und Vorurteile sowie Mittel gegen Missachtung. Es geht jeweils darum, dem Patienten Raum für seinen Eigensinn zu belassen, so dass sein Gutes zur Entfaltung kommen kann.

Das siebente Kapitel thematisiert das gute pflegerische Handeln und greift die Differenz zwischen zweckrationalem und kommunikativem Handeln auf. Weiter werden die paternalistische Intervention sowie der Begriff der Verantwortung angesprochen.

Das gute Team ist Gegenstand des achten Kapitels. Hier werden das Verhältnis des multiprofessionellen Teams zum ärztlichen Personal, die Loyalität sowie der Umgang mit Erwartungen besprochen.

Was eine gute Einrichtung ist, greift Kapitel neun auf. Hier werden die räumliche und zeitliche Kontrolle, das Qualitätsmanagement, die klassische Organisation sowie Konflikte durch Asymmetrie und Macht behandlt.

Die gute Profession wird im zehnten Kapitel diskutiert. Dabei bildet die Akademisierung der Pflege einen wichtigen Schwerpunkt.

Eine gute Pflegewissenschaft und -forschung, Thema des elften Kapitels, ist Voraussetzung für eine gelungene Praxis. Dabei spielen Forschungsethik sowie die Gütekriterien der Forschung eine zentrale Rolle.

Die „gute Policey“ ist der Rahmen für die Pflege und wird im zwölften Kapitel behandelt. Das Thema wird differenziert in Bereiche wie Orientierung an der Ökonomie, Ziele der Gesundheitsversorgung, Rationalisierung, Inklusion vs. Exklusion und Teilhabe.

Mit der Betrachtung der guten Urteilsbildung im dreizehnten Kapitel wird das Buch abgeschlossen. Dabei spielen die Urteilskraft, die Urteilsfindung sowie Ethikkomitees und Ethikkommissionen die zentrale Rolle.

Diskussion

Das Buch greift die verschiedenen Elemente der Pflege auf. Dabei wird die Mikro- wie auch die Makroebene thematisiert. Quer hierzu liegen die Kapitel zur Forschung und Urteilsbildung, aber auch die vier einleitenden Kapitel.

Durch das Gute werden die Themenkomplexe auf eine Einheit hin verdichtet. Im Sinne einer Sachlogik liegt der Pflege in all ihren Facetten eine Sachangemessenheit zugrunde. Folgt man diesem Ansatz der Autoren, dann wird der schlüssige Aufbau des gesamten Buches deutlich.

Im Sinne einer spezifisch internen Normierung der Praxis wird das jeweils für die einzelnen Bereich der Pflege kennzeichnende Gute heuausgearbeitet.

Kritisch ist anzumerken, dass sich ethische Argumentation und die Darstellung von Sachinformation teilweise überschneiden, so dass es für den Leser nicht immer plausibel ist, warum eine bestimmte Praxis gut und eine andere eben nicht gut ist.

Die Autoren positionieren sich gegen eine allgemeine Ethik, die auf Pflege angewandt wird. Sie fordern eine bereichsspezifische Ethik, die sachnah die einzelnen Aspekte reflektiert. In diesem Zusammenhang ist der Begriff des Guten entscheidend. Es wäre wünschenswert gewesen, diesen Begriff genauer zu thematisieren und die Frage, was das Gute in den einzelnen Bereichen ausmacht, nachvollziehbarer zu entfalten und in den einzelnen Kapiteln besser zu begründen.

Fazit

Das Buch gibt einen guten Überblick über ethisch relevante Themen der Pflege. Dabei orientieren sich die Autoren an der Frage, was es bezogen auf die einzelnen Themenfelder bedeutet, gut zu sein. Allgemeine Überlegungen zur Ethik treten in diesem Zusammenhang in den Hintergrund. Eine grundlegende Reflexion zum Begriff des Guten wird nicht geführt. Insgesamt ein lesenswertes Buch, dass Praktikern zahlreiche Sachinformationen und normative Orientierungen liefert.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
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Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 17.08.2016 zu: Hans-Ulrich Dallmann, Andrea Schiff: Ethische Orientierung in der Pflege. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2015. ISBN 978-3-86321-290-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20886.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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