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Karoline Klamp-Gretschel: Politische Teilhabe von Frauen mit geistiger Behinderung

Cover Karoline Klamp-Gretschel: Politische Teilhabe von Frauen mit geistiger Behinderung. Bedeutung und Perspektiven der Partizipation. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 250 Seiten. ISBN 978-3-86388-731-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

Die Dissertation von Karoline Klamp-Gretschel beschäftigt sich mit den Möglichkeiten der politischen Partizipation von Frauen mit geistiger Behinderung. Insbesondere geht es darum, auf Notwendigkeit und Chancen der politischen Beteiligung dieser Personengruppe aufmerksam zu machen und „ein Bildungsangebot zur politischen Teilhabe für Frauen mit geistiger Behinderung“ (S. 13) zu entwickeln.

Autorin

Die Autorin ist Mitarbeiterin am Institut für Heil- und Sonderpädagogik der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Aufbau

  1. Teil I des Buches bietet allgemeine Einführungen zu den die Arbeit rahmenden Themen „Geistige Behinderung“, „Lebensbedingungen von Frauen mit geistiger Behinderung“ und „Politische Teilhabe im Kontext aktueller sonderpädagogischer Konzepte“.
  2. Der zweite Hauptteil (Teil II) zielt dann auf „Politische Teilhabe in Bildungskontexten“. Dabei werden zunächst die „Perspektiven der Politikdidaktik“ als allgemein gehaltene Einführung zum Thema politische Bildung behandelt, um dann einerseits die Verankerung „der Bildungsinhalte zur politischen Teilhabe im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland“ anhand der länderspezifischen Lehrpläne zu untersuchen und andererseits Recherchen zur (politischen) Erwachsenenbildung für Menschen mit geistiger Behinderung zu präsentieren.
  3. Schließlich ist der dritte Teil der Arbeit dem (von der Autorin durchgeführten) „Bildungsangebot zur politischen Teilhabe von Frauen mit geistiger Behinderung“ gewidmet. Dieser Teil umfasst die Darstellung und Evaluation des Projekts. Jeder Hauptteil schließt mit einem zusammenfassenden Resümee.

Inhalt

Teil I des Buches (überschrieben mit „Theoretische Implikationen“) referiert zunächst unterschiedliche Perspektiven (medizinisch, psychologisch, soziologisch, pädagogisch) auf das Thema „Geistige Behinderung“ um anschließend gegliedert entlang der Lebensphasen Kindesalter, Schulalter, Erwachsenenalter die (einschränkenden) Lebensbedingungen (in den Bereichen Arbeit, Wohnen, Familienplanung/Partnerwahl, Freizeit usw.) und die Ursachen der „mehrfachen Diskriminierung“ von Frauen mit geistiger Behinderung auf den Grund zu gehen. „Über die Lebensspanne hinweg lassen sich anhand spezifischer Lebensbedingungen Einschränkungen in Selbstbestimmung und Lebensplanung erkennen, die vor allem durch Institutionalisierung in Einrichtungen der Behindertenhilfe und fortlaufende Stigmatisierung durch die Zuschreibung einer geistigen Behinderung entstehen“ (S. 61). Politische Teilhabe erscheint der Autorin vor diesem Hintergrund als Möglichkeit auf einschränkende Lebensbedingungen einzuwirken und die eigene Umwelt bewusst mitzugestalten. Die Förderung entsprechender Kompetenzen gehört ihres Erachtens zum heil- und sonderpädagogischen Auftrag in der Erziehung und Bildung von Menschen mit geistiger Behinderung. Dies zeigt sie im abschließenden Kapitel von Teil I indem sie anhand ausgewählter heil- und sonderpädagogischer Paradigmen (Selbstbestimmung, Normalisierung, Inklusion, Partizipation und Teilhabe) die Bedeutung (politischer) Partizipation für die betroffenen Personen herausarbeitet und die expliziten wie impliziten Verbindungen der Paradigmen zu politischer Teilhabe herausstellt.

Teil II der Arbeit widmet sich der „(p)olitische(n) Teilhabe in Bildungskontexten“ (S.65). Ausgangspunkt sind hier die „Grundlagen politischer Bildung“ (ebd.). Die Autorin holt hier weit aus und erörtert (kursorisch) die geschichtliche Entwicklung politischer Bildung (seit der Antike) sowie ihre jeweiligen politischen und pädagogischen Zielsetzungen. Mit Blick auf die Politikdidaktik, deren grundlegendes Ziel die „Herausbildung von mündigen Bürger_innen“ (S. 72) ist, verweist sie auf die Bedeutung entsprechender personeller und struktureller Ressourcen für gelingende Bildungsprozesse, stellt „drei grundlegende Lehrmethoden“ (darbietende, erarbeitende und entdeckenlassende Verfahren) dar und erörtert (knapp) die fachdidaktischen Prinzipien der „Konflikt-, Problem-, Handlungs-, Zukunftsorientierung, Fallprinzip, politisch-moralische Urteilsbildung und genetische Politik-Didaktik“ (orientiert an Sybille Reinhardt 2012) sowie „kategoriales Lernen, exemplarisches Lernen, das Kontroversitätsprinzip, Problem-, Schüler-, Handlungs- und Wissenschaftsorientierung“ (nach Joachim Detjen 2007, S. 75 f.). Es folgt eine Untersuchung zur politischen Bildung in Schulen mit „Förderschwerpunkt geistige Entwicklung“ (S. 81) anhand der entsprechenden Bildungs-, Lehr- und Unterrichtspläne der Bundesländer. „Während Themen wie ‚Schüler_innenmitwirkung‘, ‚Wahlen‘ und ‚politische Ämter‘ in fast allen Bundesländern thematisiert werden, sind die ‚Entwicklung einer politischen Haltung‘ der Schüler_innen ebenso wie der kritische Umgang mit ‚Medien‘ nur in einem Drittel der Bundesländer als Unterrichtsinhalt vorgesehen“ (S. 119). Während politische Bildung im Rahmen des Schulbesuchs geistig behinderter Menschen regelmäßig und flächendeckend vorgesehen ist, sind Beispiele im Bereich der Erwachsenenbildung seltener (vgl. S. 106 – 118). Die Autorin stellt die von ihr recherchierten Projekte dar und vergleicht sie hinsichtlich Zielgruppe, Handlungsempfehlungen und inhaltlicher Ausrichtung. „Ein umfassendes Angebot, das politische Teilhabe aus einer Genderperspektive betrachtet und Frauen mit geistiger Behinderung als Zielgruppe fokussiert, fehlt fast ausschließlich. Lediglich Weibernetz e. V. bietet mit der Ausbildung von Frauenbeauftragten für Einrichtungen der Behindertenhilfe ein entsprechendes Projekt an“ (S. 120).

Teil III des Buches widmet sich der Darstellung und Evaluation des von der Autorin durchgeführten Projekts politischer Bildung. Mit einer Gruppe von fünf geistig behinderten Frauen gestaltet die Autorin ein über acht Einheiten reichendes Bildungsangebot (von „Einheit Eins – Was ist Politik?“ über „Einheit Zwei – Was ist Wählen?“, „Einheit Drei – Welche Rechte habe ich?“, „Einheit Vier – Wie kann ich mich in meiner Einrichtung einsetzen?“, „Einheit Fünf – Was ist eine Frauenbeauftragte?“, „Einheit Sechs – Was ist eine Selbstvertretungsgruppe?“ bis zu „Einheit Sieben – Was ist ein Ehrenamt?“ und „Einheit Acht – Abschluss“). Der Unterricht folgt den Prinzipien der „Elementarisierung“, „Anschaulichkeit“, „Strukturierung“, „Lebensnähe“, „Individualisierung“ und des „adaptive(n) Lernen(s)“ (S. 141 f.). Die Evaluation des Programms erfolgt mit Hilfe von (vor und nach der Durchführung) erhobenen problemzentrierten Interviews und deren inhaltsanalytische Auswertung. Die Autorin glaubt, dass sich „- mit Vorbehalt – ein Wissenszuwachs an politischen Zusammenhängen konstatieren (lässt)“ und deshalb „perspektivisch .. die politische Partizipation der Teilnehmerinnen dadurch wahrscheinlicher (erscheint)“ (S. 211).

Diskussion und Fazit

Die Arbeit von Klamp-Gretschel behandelt mit der Frage nach der politischen Partizipation von Frauen mit geistiger Behinderung ein für die Sonderpädagogik wie für die Soziale Arbeit gleichermaßen relevantes Thema. Wer Inklusion will, darf sich nicht auf Schule, Arbeit, Wohnen oder Freizeit beschränken, sondern muss auch Fragen der politischen Teilhabe, Einmischung und Mitbestimmung diskutieren und Möglichkeiten der Förderung, des Empowerments aufzeigen. Die Arbeit gibt hier wichtige Denkanstöße und vielfältige didaktische Hinweise zur Gestaltung entsprechender Bildungsangebote. Allerdings bleibt die Arbeit in ihrem Anliegen ein Bildungsangebot zur politischen Teilhabe für Frauen mit geistiger Behinderung zu entwickeln ausgesprochen konventionell. Ihr „Bildungsangebot“ ist stark am klassischen Modell politischer Bildung und damit am klassischen (wenngleich auf die Zielgruppe zugeschnittenen) Schulunterricht orientiert. Insbesondere die stets mitschwingende Annahme, dass mehr politisches Wissen quasi automatisch zu mehr politischer Teilhabe führt, ist zu bezweifeln.

Neuere, in der politischen Bildung breit geführte Diskussionen, wie politische Bildung bildungsferne Schichten überhaupt erreichen kann, nimmt die Autorin kaum zur Kenntnis. Es darf deshalb bezweifelt werden, ob das untersuchte „Bildungsangebot“ das politische Interesse und die politische Teilhabe der Betroffenen tatsächlich fördern. Die von ihr gewählte Untersuchungs-/Evaluationsmethode des problemzentrierten Interviews scheint dabei mit Blick auf die Betroffenen wie die Fragestellung wenig aussagekräftig. Während einige allgemeine Teile der Arbeit zugleich oberflächlich und abschweifend (vgl. z. B. 5. 1. „Grundlagen der politischen Bildung“, S. 65 – 71) behandelt werden, fehlen vertiefende ethische und demokratietheoretische Erörterungen zur politischen Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung völlig. Dem Buch merkt man deutlich an, dass es aus einer wissenschaftlichen Qualifikationsarbeit hervorgegangen ist. Es wird in einem fort „konstatiert“ und „fokussiert“. Dass die Sprache einer wissenschaftlichen Arbeit nicht ‚leicht‘ sein kann, ist selbstverständlich, etwas klarer, lesbarer wäre aber schön gewesen.

Das Buch setzt ein relevantes, meist vernachlässigtes Thema auf die Tagesordnung, bietet viele Anregungen und Denkanstöße, bleibt aber an manchen Stellen zu unsystematisch und in seiner Verwertbarkeit für die Praxis zu unkonkret.


Rezensent
Prof. Dr. Günter Rieger
Studiengangsleiter Soziale Dienste in der Justiz, Fakultät Sozialwesen DHBW Stuttgart
Homepage dhbw-stuttgart.de
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Zitiervorschlag
Günter Rieger. Rezension vom 25.01.2017 zu: Karoline Klamp-Gretschel: Politische Teilhabe von Frauen mit geistiger Behinderung. Bedeutung und Perspektiven der Partizipation. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-86388-731-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20889.php, Datum des Zugriffs 26.03.2019.


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