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Regina Hillebrecht: Mädchenarbeit. Ein Handbuch für die Praxis

Cover Regina Hillebrecht: Mädchenarbeit. Ein Handbuch für die Praxis. Buch Verlag Kempen GmbH (Kempen) 2016. 128 Seiten. ISBN 978-3-86740-612-3. D: 20,90 EUR, A: 21,50 EUR, CH: 29,90 sFr.
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Thema

Das Buch verspricht im Titel ein Handbuch für die Praxis der Mädchenarbeit. Das Heft ist jedoch ein Methodenbuch – Methoden für die Arbeit mit Mädchen in der offenen und verbandlichen Jugendarbeit. Damit werden häufig geäußerte Wünsche nach möglichst gut vorgegebenen Methoden bedient. Grundlagen und Hintergründe, vertieftes Wissen und Anleitung zu (Eigen-)Reflexionen sowie politische Positionierungen im Sinne der Mädchenarbeit enthält dieses Heft nicht. Die Mädchenarbeit versteht sich grundsätzlich über die reine betreuende Arbeit von Mädchen hinaus als eine parteiliche und politische Arbeit mit und für die Mädchen im Sinne einer Empowermentstrategie und Ermächtigung dazu, Lebensbedingungen zu gestalten. Dieses oft definierte umfassende Verständnis von Mädchenarbeit liegt hier nicht zu Grunde.

Autorin

Die Autorin war als Mädchen in allen Stufen der Pfadfinderinnenschaft St. Georg und leitete später selbst diverse Gruppierungen dieses Verbandes. Nach dem Studium der Sozialpädagogik arbeitete sie in einen Münchner Kinder- und Jugendtreff als Zuständige für die Mädchenarbeit. Danach in einer Einrichtung der erzieherischen Hilfen und aktuell im Stadtjugendamt München.

Entstehungshintergrund

Aufgrund ihrer verbandlichen und beruflichen Erfahrungen sammelte die Autorin Wissen zu den Lebenssituationen von Mädchen und zu Methoden, um mit ihnen zu arbeiten.

Aufbau

Im Folgenden werden entlang des Inhaltsverzeichnisses die einzelnen Inhalte der Handreichung vorgestellt.

Warum Mädchenarbeit?

In einer Art Vorwort erläutert die Autorin auf zwei Seiten ihre Begründung für die Mädchenarbeit. Mädchenarbeit macht Spaß und bietet die Gelegenheit zu EigenReflexionen. Die Mitarbeiterinnen in der Jugendarbeit können Identifikationspersonen für die Mädchen sein. Mädchenhomogene Räume können bestehende Rollenmuster aufbrechen und Raum für Mädchenthemen bieten. Sie beruft sich auch auf die „parteiliche Mädchenarbeit“, die die Belange der Mädchen in den Mittelpunkt stellt und erklärt Mädchenarbeit auch zur Beziehungsarbeit. Die Hauptzielgruppe des Buches sind Mädchen zwischen zehn und fünfzehn Jahren.

Zu 1. Mädchenarbeit in Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit

1.1. Der offene Mädchentreff mit strukturiertem Angebot

1.2. Wie lässt sich Offene Mädchenarbeit initiieren

1.3. Faktoren für das Gelingen Offener Mädchenarbeit

In diesem Kapitel gibt die Autorin detaillierte Tipps zur Initiierung und Durchführung mädchenhomogener Angebote bis hin zu Flyervorschlägen und einem Ablaufplan für den ersten Termin bzw. ein Mädchenfest in einem koedukativen offenen Treff.

In vier Seiten werden zwölf Punkte zu Bedingungen der gelingenden Mädchenarbeit wie Team, Gewaltfreiheit, Räume, Jungenarbeit und Schulkooperation kurz aufgeführt.

Zu 2. Mädchenarbeit in Gruppen

Rahmenbedingungen, Regeln, Grenzen, Rituale und gemeinsamer Plan sowie partizipative Erarbeitung von Erwartungen und Wünschen werden als Bedingungen für gelingende Gruppenarbeit erläutert.

Zu 3. Angebote in der Mädchenarbeit

3.1. Mädchenprojekte. Hier gibt die Autorin konkrete Tipps für Projekte und stellt Kopiervorlagen, für die auch längerfristige Bearbeitung einzelner Themen:

  • Liebe, Freundschaft, Sexualität – mit dem Ziel den eigenen Körper kennen zu lernen und über Sexualität zu sprechen.
  • Wie bin ich? – Ziel: Selbstbewusstsein entwickeln.
  • Viel Gefühl – Gefühle bei sich und anderen Erkennen ist das Ziel.
  • Mädchen in aller Welt – hat das u.a. Ziel Vorurteile abzubauen.
  • Fit und Gesund – dient dazu, die Bedeutung gesunder Lebensweisen klar zu machen.
  • Räume (Ziel – schöne Räume), Kurzfilm (Ziel – Umgang mit Technik), Foto-Lovestory (Ziel – Umgang mit Technik) sind weitere Projekte, die mit vielen Tipps und Vorlagen nachgemacht werden können.

Das Projekt Selbstverteidigung nimmt eine Sonderstellung ein, da hier dazu geraten wird eine Selbstverteidigungs- bzw. Wen do Trainerin hinzuziehen.

3.2. Gruppenstunden und strukturierte Angebote für Mädchen. Angebote für Gruppenstunden werden vorgestellt und unter Überschriften Thematisches, Kreatives, Kulinarisches, Bewegung und Spiel, Feste und Ausflüge detailliert methodisch (inklusive Altersangaben und Materialbedarf) auf je 1-2 Seiten aufbereitet. Themen sind unter anderem Mitbestimmung, Sinnes Parcours, Zukunftsvorstellungen, Behinderung, Sucht, Gewalt, Kosmetik herstellen, Backstudio, Turniere, Weihnachten, Frauen auf der Spur und Geocaching.

3.3. Mädchentage. Dienen dazu einen ganzen Tag lang an einem Thema wie z.B. Kinderrechte zu arbeiten. Auch hier wieder Kopiervorlagen und Spiele, die eingesetzt werden können.

Zu 4. Beratung und Hilfen für Mädchen und Frauen

Hier findet sich auf einer Seite die Anregung für den Schutz von Mädchen ein offenes Ohr zu haben und sie aufzufordern über Probleme zu sprechen.

Es wird erwähnt, dass es für bestimmte Themen Fachstellen und Schutzstellen gibt und deren Nummern ausgehängt werden können bzw. Mädchen dorthin vermittelt werden können.

Diskussion

Der Titel „Mädchenarbeit – Ein Handbuch für die Praxis“ kann irreführend wirken. Es ist ein reines Methodenbuch in dem ausführlich und mit Materialgrundlagen Methoden vorgestellt werden die bei verschiedenen Themen eingesetzt werden können.

Es fehlen allerdings Hintergrundinformationen für die Themen und für die Anwendung von Methoden. Es gibt kaum Informationen dazu welche Reflexionen und eigene Auseinandersetzungen mit einer Thematik als persönliche Basis bei der Mädchenarbeiterin notwendige Voraussetzungen sind.

Die Methoden zu Körperlichkeit, Sexualität und Gewalt erfordern die Auseinandersetzung mit eigenen Erfahrungen und damit, dass immer auch misshandelte und sexuell missbrauchte Mädchen in der Gruppe sein können. Auch eine evtl. vorliegende Transidentität erfordert den sensiblen Umgang mit Thematik und Mädchen in der Gruppe – und eine hohe Eigenreflexion über eigene Entscheidungen zur Geschlechtsidentität der Gruppenleiterin.

Für die Gruppenarbeit wäre es unerlässlich auch über gruppendynamische Prozesse im Verlauf einer Gruppe zu informieren und die Gruppenleitung darauf vorzubereiten welche Aufgaben sie unbedingt wahrnehmen muss (siehe Gisela Strötges, Gewusst wie:? Methoden für die Bildungsarbeit).

Die Aufmachung des Heftes sowie die Bebilderung entsprechen den Mainstreamvorstellungen von Mädchensein. Nur wenn es um Migration geht gibt es zwei Kopftuchmädchen oder bei Behinderung eine im Rolli. Die Vielfalt von Mädchensein wird hier ebensowenig dargestellt wie insgesamt im Heft.

Es fehlt gänzlich eine sozialpädagogische Haltung zum Thema Mädchenarbeit.

Sozialpädagogik beinhaltet immer auch eine starke Fokussierung der Lebenswelten. Diese Lebenswelten haben sehr unterschiedliche Themen und auch Konsequenzen für die Bearbeitung von Themen. Dazu fehlen sowohl Informationen als auch Anleitungen für die Bearbeitung.

Sozialpädagogik beinhaltet auch einen bewussten und politischen Blick auf die Geschehnisse und bezieht Hintergründe mit ein. Zum Beispiel im Bereich der Gewalt und sexuellen Gewalt oder im Themenblock Mädchen in aller Welt, in dem die Inka Schatzsuche vorgeschlagen, aber nicht die Kolonialisierung und Ausbeutung von Ländern thematisiert wird. Auch der Aspekt der Lebensplanung weist nicht den nötigen wichtigen Hintergrund für echte Probleme in der Lebens- und Berufsplanung auf.

Das Buch spiegelt eine Haltung der Machbarkeit durch gute Methoden wieder. Es vernachlässigt, dass für gute Mädchenarbeit Austausch und Vernetzung, ständiger eigener Informationszuwachs und vielfältige Reflexionen nötig sind.

Es thematisiert nicht die Sozialpädagogik als Menschenrechtsprofession, die auch einen politischen Auftrag hat. „ Das praktische Tun wird kaum noch auf die politische Seite übertragen. Mädchenarbeit wird praktiziert aber weniger reflektiert. Mädchenarbeit und soziale Arbeit muss sich wieder politisieren“ (Prof. Dr. Maria Bitzan, Vortrag 28.06.2016 KJR München-Stadt siehe auch Maria Bitzan, Claudia Daigler: […] Grundlagen und Perspektiven parteilicher Mädchenarbeit).

Fazit

Das vorliegende Handbuch zur Mädchenarbeit ist ein Methodenbuch für unterschiedliche Themen, die mit Mädchen bearbeitet werden können.

Es bietet in kurzer, einfacher und übersichtlicher Form methodische Ausführungen mit Vorlagen für Flyer und Ausschneidebögen für Spiele und ähnliches.

Es fehlen vertiefende Informationen zu den einzelnen Themen und Reflexionsanleitungen für die Mädchenarbeiterin, so dass eine umfassende Beschäftigung mit dem Feld und den Themen der Mädchenarbeit vorausgesetzt werden muss.

Die Methoden und die Darstellungen entsprechen einer Mainstreamvorstellung von Mädchen und Mädchensein. Die Vielfalt an Lebenswelten und realen Mädchen findet kaum Niederschlag in diesem Heft.


Rezensentin
Hannelore Güntner
Dipl. Sozialpädagogin (FH), Erzieherin, Supervisorin (DGSv), Bildungsreferentin. Fortbildungen und Trainings in den Bereichen der Mädchenarbeit, Genderpädagogik, Gender Mainstreaming und geschlechtersensiblen Cross Work
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Zitiervorschlag
Hannelore Güntner. Rezension vom 28.07.2016 zu: Regina Hillebrecht: Mädchenarbeit. Ein Handbuch für die Praxis. Buch Verlag Kempen GmbH (Kempen) 2016. ISBN 978-3-86740-612-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20907.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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