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Katharina Block: Von der Umwelt zur Welt (Umweltsoziologie)

Cover Katharina Block: Von der Umwelt zur Welt. Der Weltbegriff in der Umweltsoziologie. transcript (Bielefeld) 2016. 324 Seiten. ISBN 978-3-8376-3321-4. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Das Verhältnis von Mensch und Gesellschaft zur Naturumwelt wird aus umweltsoziologischer Perspektive betrachtet. Es wird der Frage nachgegangen, inwieweit die Umweltsoziologie überhaupt die Mensch-Umwelt-Beziehung erklären kann.

Autorin

Katharina Block ist Soziologin, die mit ihrer Arbeit über den Weltbegriff in der Umweltsoziologie promoviert hat. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Theoretische Soziologie der Universität Hannover.

Aufbau

Das Buch ist in fünf Kapitel unterteilt.

Das erste Kapitel ist eine Einleitung, im zweiten Kapitel wird die Umweltsoziologie mitsamt der Umweltlehre von Jakob von Uexküll betrachtet, im dritten Kapitel wird die Philosophische Anthropologie von Helmuth Plessner behandelt, im vierten Kapitel werden aktuelle Selbst-Welt-Beziehungen mitsamt der Soziologie der Weltbeziehungen von Hartmut Rosa analysiert, das fünfte Kapitel fasst das Gesagte in knapper Form zusammen.

Zur Einleitung

In der Einleitung umreißt die Autorin den Forschungsgegenstand der Umweltsoziologie. Die Inhalte der einzelnen Kapitel werden in Form von Kurzfassungen vorgestellt. Die Umweltlehre von Jakob von Uexküll, die Philosophische Anthropologie von Helmuth Plessner und die Soziologie der Weltbeziehungen von Hartmut Rosa werden als die zentralen Inhalte angekündigt.

Zu Kapitel 2

Im ersten Teil des zweiten Kapitels wird die Umweltsoziologie als Leben in Umweltverhältnissen definiert. Der Umweltbegriff wird beleuchtet, wobei zwischen der natürlichen und sozialen Umwelt differenziert wird. Forschungsgegenstand der Umweltsoziologie ist das Verhältnis zwischen Gesellschaft und natürlicher Umwelt. Die Autorin bemüht sich zu klären, inwieweit Umwelt und Natur gleichgesetzt werden können. Dabei wird ein inflationärer Gebrauch des Begriffs Umwelt konstatiert, der längst auch als politischer Leitbegriff dient. Im zweiten Teil des Kapitels wird die Umweltlehre von Jakob von Uexküll präsentiert, deren Kerngedanke ist, dass Lebewesen und Umwelt nicht getrennt voneinander betrachtet werden können, was sich in dem geschlossenen Funktionskreis mit den Komponenten Merk- und Wirkwelt widerspiegelt. Dessen Geschlossenheit besagt, dass alle Wirklichkeit subjektive Erscheinung ist. Auf den Menschen ist das Modell nicht übertragbar, weil der Mensch anders als das Tier nicht in einer Umweltgebundenheit aufgeht, d.h. bei ihm ist der Funktionskreis offen. Im dritten Kapitelabschnitt geht die Autorin auf den Rational Choice Ansatz und das Lebensstilkonzept ein mit der Intention, die nicht zu übersehende Kluft zwischen Umweltbewusstsein und Umwelthandeln zu erklären.

Zu Kapitel 3

Wie im zweiten Kapitel die Umweltlehre von Jakob von Uexküll im Zentrum der Überlegungen steht, so im dritten Kapitel die Philosophische Anthropologie von Helmuth Plessner, die von der Autorin mit aller Ausführlichkeit behandelt wird und auf die sie sich immer wieder bezieht. Mit der Feststellung, dass das menschliche Leben als Leben in Weltverhältnissen aufzufassen ist, wird über die rein biologische Ebene hinausgegangen. Es besteht eine grundlegende Differenz zwischen dem Lebendigen und dem Nicht-Lebendigen. Eines der Merkmale des lebendigen Wesens ist die Positionalität, das Realisieren eines Hier- und- Jetzt-Seins. Plessner unterscheidet zwischen der Stufe der Pflanze, des Tieres und derjenigen des Menschen. Der Mensch bleibt körperlich wie das Tier biologisches Wesen, er steht jedoch seinem Umfeld als ein Ich gegenüber. Die zentrale Aussage ist: Der Mensch, der sich als Ich erlebt, erfährt sein Umfeld als Welt. Die Autorin spricht von der exzentrischen Positionalität, die dem Menschen ein Leben in der Welt ermöglicht, das sich von dem umweltgebundenen Leben des Tieres grundlegend unterscheidet. Der Mensch tritt als weltoffenes Wesen in Erscheinung, dem geschlossenen Kreislauf von Merken und Wirken entbunden. Er hat die Möglichkeit, sich selbst einen sinnstiftenden Horizont zu setzen. Als körperliches Wesen bleibt er jedoch an die Umwelt gebunden.

Block verweist auf den von Plessner geprägten befremdlich anmutenden Begriff der natürlichen Künstlichkeit. Gemeint ist damit der existentielle Zwang des Menschen, sich eine umwelthafte Kultur schaffen zu müssen. Er muss sich in eine Kultur einbetten. Dadurch kommt es zu einer Verschränkung von Weltoffenheit und Umwelthaftigkeit. Auch auf die Bedeutung der Mitwelt geht die Autorin ein: die Wahrnehmung als ein Ich setzt ein gegenüber stehendes Du voraus.

Zu Kapitel 4

Die Frage ist, inwieweit die Umweltsoziologie überhaupt die Mensch-Umwelt-Beziehung erklären kann, wird nicht bejaht, da dieser eine Systematisierung des menschlichen Lebens in Weltverhältnissen fehlt. Dazu bedarf es einer Soziologie, die einen elaborierten Weltbegriff besitzt. Die Autorin geht ausführlich auf den Ansatz von Hartmut Rosa ein, der sich mit der Frage einer gelungenen Lebensführung befasst hat. Diese ist nach Rosa gelungen, wenn das Bedürfnis nach Resonanz erfüllt wird. Resonanz ist die Erfahrung einer antwortenden Welt. In der Diskrepanz zwischen Umweltbewusstsein und Umwelthandeln wird eine misslungene Resonanzbeziehung sichtbar. Eine Perspektive für die Umweltsoziologie sieht die Autorin darin, diese als eine Weltsoziologie zu verstehen.

Zu Kapitel 5

Das abschließende kurze fünfte Kapitel ist mit „Schluss“ überschrieben. Es enthält keine neuen Gedankengänge, sondern wiederholt in verkürzter Form die voran gegangenen Ausführungen. Dass der Mensch in einem Umfeld von Weltcharakter lebt, sieht Block als minimalen Konsens im interdisziplinären Sprechen über das menschliche Leben. Die Anschlussmöglichkeiten an andere Disziplinen, die das Mensch-Umwelt-Verhältnis aus anderen Perspektiven betrachten, werden allerdings nicht aufgezeigt.

Diskussion

Das Buch stellt hohe Ansprüche an den Leser, dem philosophischen Laien erschließt es sich nicht leicht. Die Einleitung bereitet nicht vor, Block geht sofort in medias res. Im zweiten Kapitel, in dem der Umweltbegriff analysiert wird, vermisst man einen Blick auf die grundlegenden Arbeiten von Willy Hellpach, der bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Grundlegendes dazu gesagt hat. Ebenso wird noch nicht einmal am Rande ein Blick auf die benachbarte Disziplin der Umweltpsychologie geworfen, deren zentrales Thema schließlich ebenfalls Mensch-Umwelt-Beziehungen sind. Dafür wird in die Biologie eingestiegen und die Umweltlehre von Jakob von Uexküll beleuchtet.

Anders als in dem 2014 erschienenen Umweltsoziologie Buch von Karl-Werner Brand verzichtet die Autorin auf jegliche Hinweise für die praktische Verwertbarkeit ihrer Überlegungen. Der fehlende Ausblick auf mögliche Praxisbezüge und nutzbringende Anwendungen hat zur Folge, dass diejenigen, die das Buch von Block interessieren könnte, auf eine kleine Zielgruppe theoretisch orientierter Soziologen und Philosophen beschränkt bleibt.

Fußnoten sind in einer wissenschaftlichen Arbeit üblich. In diesem Buch sind sie jedoch so übergewichtig, dass sie den Lesefluss gehörig unterbrechen, wenn man ihnen folgt.

Eine Zusammenfassung der angestellten Überlegungen sowie einige erhellende Schlussfolgerungen sind im Schlusskapitel nicht zu finden. Wie die Diskrepanz zwischen Umweltbewusstsein und Umwelthandeln, die Block des Öfteren anspricht, erklärt werden kann, um aus dem neuen Wissen heraus die Kluft verringern zu können, ist nicht erkennbar. Dazu hätte es eines „handfesteren“ Ansatzes bedurft.

Fazit

Ausgehend von der Umweltlehre Jakob von Uexkülls und der Philosophischen Anthropologie Hellmuth Plessners sowie der Theorie der Resonanzerfahrung von Hartmut Rosa, analysiert die Autorin das Mensch-Umwelt-Verhältnis. Die zugrundeliegende Frage ist, inwieweit die Umweltsoziologie überhaupt die Mensch-Umwelt-Beziehung erklären kann. Für Nicht-Soziologen und Nicht-Philosophen ist das Buch eine harte Nuss, während es soziologisch und philosophisch orientierten und geschulten Menschen sicherlich einen Erkenntniszuwachs bringt. Die Zielgruppe für dieses Buch ist dementsprechend begrenzt.

Summary

Beginning with Jakob von Uexküll´s environmental studies and the Philosophical Anthropology by Helmuth Plessner, as well as the resonance theory of Hartmut Rosa, Block analyses the human-environment relationship. The underlying issue is to what extent at all environmental sociology can explain human-environmental relations. For those readers who are not well-versed in sociology and philosophy, the book is a fairly hard nut to crack, whereas further knowledge can certainly be gained by sociologically and philosophically oriented or trained persons. The target readership for this book is correspondingly limited.


Rezensentin
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 10.08.2016 zu: Katharina Block: Von der Umwelt zur Welt. Der Weltbegriff in der Umweltsoziologie. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3321-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20916.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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