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Manfred Vogt: Lösungsfokussierte Therapie mit Kindern und Jugendlichen

Cover Manfred Vogt: Lösungsfokussierte Therapie mit Kindern und Jugendlichen. Mit E-Book inside. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 224 Seiten. ISBN 978-3-621-28298-7. D: 36,95 EUR, A: 37,90 EUR, CH: 48,00 sFr.

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Autor

Dr. phil. Manfred Vogt, Norddeutsches Institut für Kurzzeittherapie (NIK), Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Systemischer Familientherapeut und Hypnotherapeut, Systemischer Lehrtherapeut/Lehrender Supervisor (SG/DGSF), Lehrender Coach (SG), Lehrender Kinder- und Jugendlichentherapeut (DGSF). Gründungsmitglied und Board-Member der European Brief Therapy Association (EBTA), Paris und der International Alliance of Solution-focused Teaching Institutes (IASTI), Ostende.

Entstehungshintergrund

Zu Beginn der 80er-Jahre begann der Autor in einer freien Praxis und in der stationären Kinder- und Jugendhilfe, mit Kindern und Jugendlichen und deren Familien zu arbeiten. Wie er im Vorwort seines Buches beschreibt, lernte er Insoo Kim Berg und Steve de Shazer auf ihrem ersten, in Europa abgehaltenen Workshop kennen und war fasziniert von ihrem klaren pragmatischen Therapieansatz. Bis zu deren Lebensende entwickelte sich daraus eine intensive kollegiale und freundschaftliche Zusammenarbeit.

Die im Buch vorgestellte kreative lösungsfokussierte Therapiepraxis mit Kindern und Jugendlichen kann als Ergebnis dieser fruchtbaren Zusammenarbeit verstanden werden.

Thema und Aufbau

Für den Aufbau und die Struktur seines Buches orientiert sich der Autor an der Metapher einer Kunstgalerie. Er lädt die Lesenden ein, sowohl ein Theoriegebäude mit einem konzeptionellen und methodischen Arbeitsraum als auch Denk- und Handlungsräume, Erfahrungsräume und kreative Gestaltungsräume therapeutischer Praxis zu betreten. In diesem metaphorischen Haus für die lösungsfokussierte Therapie mit Kindern und Jugendlichen findet man „Bilder als Sprache für die Augen“ und geschriebene „Sprache als Malerei für das Ohr“.

Statt in gewohnte Kapitel ist das vorliegende Buch in einzelne thematische Flügel gegliedert. Übliche Unterkapitel befinden sich in thematischen Galerien und in ihnen unterschiedlich gerahmte Bilder als Beispiele, Fallbeispiele und Abschnitte. Insgesamt lassen sich elf Flügel mit jeweils zwei bis elf Galerien betreten. Abgeschlossen wird das Buch mit einem ausführlichen Literatur und Sachwortverzeichnis.

Für alle, die Bücher lieber am PC lesen, ist praktischerweise ein E-Book über einen Code im Buch abrufbar.

Inhalt

Im 1. Flügel stellt der Autor die therapeutische Praxis mit Kindern und Jugendlichen als Improvisationskunst vor. Klient/innen gewähren durch ihre sprachlichen Bilder Einblicke in ihr „inneres Haus“ und zeigen in ihren Narrativen unterschiedliche Bilder ihres Selbsterlebens, beispielsweise ihrer erlebten Selbstwirksamkeit, was ihr Leben als stabil oder unveränderbar erscheinen lässt und wo bzw. womit sie sich von ihren Zielen und Hoffnungen entfernen. Die Bedeutung der Bilder wird über das Zusammenspiel von Bild und Rahmen geprägt und damit über das Spiel von Figur und Hintergrund. Dieser Aspekt wird in der 1. Galerie näher erläutert und in der 2. Galerie ergänzt um Rahmen, Bilder und Galerien in der Therapie, in denen die Therapeuten die Themen der Klienten explorieren und aus ihrer Sicht der Dinge ordnen und nach dem Prinzip von Versuch-und Irrtum ihre Interventionen improvisieren, d.h. die Partitur bzw. das Skript entstehen erst nach der Vorstellung, d.h. nach den Explorationen, Beobachtungen und Interventionen. Als wesentliche Bestandteile therapeutischer Improvisationen werden dabei Intuition, gesunder Menschenverstand, Kunstfertigkeit und Glaube von mir genannt in Verbindung mit den konzeptionellen Aspekten des lösungsfokussierten Arbeitsansatzes.

Im 2. Kapitel (Flügel) werden die Quellen lösungsfokussierter Therapie, d.h. der Einfluss des Mental Research Institute (MRI), der Einfluss von Milton E. Erickson, der Mailänder Gruppe und die Entwicklungsphasen am BFTC, einschließlich der Prämissen und pragmatischen Handlungsregeln lösungsfokussierter Therapie dargestellt – das Ganze eingebettet in einen kurzen geschichtlichen Überblick zur Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen.

Im 3. Flügel lässt sich der konzeptionelle Arbeitsraum lösungsfokussierter Therapie erkunden, in dem das Konzept von de Shazer & Dolan „Beobachten statt Erklären“ die Grundlage für die therapeutischen Improvisationen bildet. Dargestellt werden drei therapeutisch relevante Dimensionen: Denken-Fühlen-Handeln, Individuelles und Interaktionales, Bewusstes und Unbewusstes, jeweils in Bezug gesetzt zu den Gewohnheiten von Klienten in diesen Bereichen und mit Fallbeispielen (Bildern) illustriert. Das Kapitel schließt mit der Betonung auf der Schaffung von Wahlmöglichkeiten für die Klienten als Fokus therapeutischer Interventionen: Wahlmöglichkeiten bei der Deutung erlebter Ereignisse, bei der Wahl verschiedener Maßnahmen oder Schritte zur Befriedigung von Bedürfnissen oder zum Erreichen von Zielen und nicht zuletzt Wahlmöglichkeiten in Bezug auf Handlungen und /oder Deutungen, die Entwicklung fördern oder stabilisieren.

Der 4. Flügel bietet vier Galerien zur Betrachtung lösungsfokussierter Therapie als kindgerechter Praxis. Es geht um das, was kindliches Verhalten, Denken und Fühlen von dem Erwachsener unterscheidet, um entwicklungspsychologische Aspekte, genetische, körperliche, psychische, soziokulturelle und situative Faktoren kindlicher Entwicklung und den Verständnis sozialer, räumlicher und zeitlicher Strukturen in den jeweiligen Entwicklungsphasen von Kindern, wie Largo und Czernin (2003) sie beschrieben haben.

Die sieben Galerien des 5. Flügels zeigen Spielen als Ressource und die Ressourcen des Spielens. Spielen wird als grundlegender Baustein des Lebens und als Handlungsrahmen für die die Therapie dargestellt. Ausgemalt werden sensorische und Kommunikationsspiele, Symbol-, Parallel-, Rollen und Regelspiele sowie weitere Spielformen. Dabei wird das jeweilige Spiel mit seiner möglichen Wirkung auf das Kind und den therapeutischen Sinn bzw. Nutzen kurz und klar beschrieben. Benannt werden die Ziele therapeutischen Spiels und Empfehlungen für die Ausstattung des Therapieraumes gegeben.

Der 6. Flügel enthält unter der Überschrift „der methodische Arbeitsraum – spielerisches Intervenieren“ elf Galerien zu den Aspekten:

  1. Kinder und Jugendliche interviewen,
  2. therapeutische Beziehung gestalten,
  3. Kontaktaufnahme mit dem Kind – das Präludium,
  4. die Therapieidee erforschen,
  5. Hoffnungen und Ziele erfragen,
  6. auf Wunder hoffen – von der Wunderfrage zum Wunderszenario,
  7. Copingkompetenzen identifizieren und modellieren,
  8. mit Skalen zum Sprechen bringen und Unterschiede markieren,
  9. der methodische Arbeitsraum des lösungsfokussierten Interviews und
  10. Interviewperspektiven in Folgesitzungen.

Im 7. Flügel geht es um therapiebezogene Diagnostik auf der Basis von identifizierten, aktivierten und modellierten Ressourcen. Ressourcen werden nach Petzold (1997) als Quellen und zweckdienliche Mittel verstanden, um Anforderungen und Aufgaben zielorientiert zu bewältigen. Es werden Umweltressourcen von Personenressourcen unterschieden und diverse kreative Mittel sowie ein Entwicklungseinschätzungsbogen vorgestellt, um die persönlichen Stärken und Ressourcen von Kindern und Jugendlichen zu ermitteln.

Der 8. Flügel zeigt kreative und spielerische Interventionen im Therapieverlauf. Die Leitfrage ist: „Wie geht es nach einem erfolgreichen Start weiter?“ Folgende spieltherapeutische Techniken werden als sinnvolle Ergänzungen des lösungsfokussierten Interviewens detailliert beschrieben: diverse Formen und Inhalte / Themen des Malens und Zeichnens, Externalisieren mit Handpuppen und Spieltieren, Geschichten vorlesen, erfinden und erzählen, Spiele spielen, Bewegungs- und Ballspiele, Spiele mit Sand, Fortschritte wertschätzen und Erfolge dokumentieren. Beispiele aus der therapeutischen Praxis verdeutlichen das Potenzial der jeweiligen spieltherapeutischen Technik.

Im 9. Flügel geht es weiter mit praktischen Aufgaben, Experimenten, Vorschlägen und Handlungsempfehlungen. Das sog. Learning by doing wird als therapeutisches Wirksamkeitsprinzip der lösungsfokussierten Praxis mit Kindern und Jugendlichen innerhalb und außerhalb der therapeutischen Sitzungen verstanden und präzise der Aufbau einer Abschlussintervention beschrieben – garniert mit einer Fülle praktischer, kreativer und methodischer Anregungen.

Der 10. Flügel „Evaluation und Wirksamkeit lösungsfokussierter Kurzzeittherapie“ gibt in zwei Galerien einen kurzen Überblick über den generellen Stand der Forschung lösungsfokussierter Kurzzeittherapie und speziellen Forschungsstudien zur lösungsfokussierten Therapie von Kindern und Jugendlichen.

Kurz und übersichtlich endet das Buch im 11. Flügel mit einer Zusammenstellung der Faktoren bzw. Haltungen, die Grundlage lösungsfokussierten therapeutischen Arbeitens sind, wie bedingungsloses Wertschätzen, therapeutisches Nicht-Wissen und Nicht-zu-schnell-Verstehen, Neutralität und Allparteilichkeit, Respekt und lösungsfokussiert bleiben!

Die letzte Galerie enthält einen Dank an alle Unterstützer/innen. Daran anschließend folgen ein elf-seitiges Literaturverzeichnis und ein übersichtliches Sachwortverzeichnis.

Diskussion

Dieses Buch hat es im wahrsten Sinne des Wortes „in sich“! Auf 256 Seiten werden die Geschichte, der theoretische Rahmen, die therapeutische Haltung sowie Aufbau, Struktur und das konkrete Vorgehen lösungsfokussierter Therapie mit Kindern und Jugendlichen an Hand einer unendlich wirkenden Fülle von praktischen Anregungen beschrieben. Die Darstellungen sind übersichtlich, kurz und trotzdem detailliert gehalten. Beim Lesen stellt sich der Eindruck ein: Hier wurde kein Millimeter Papier verschwendet!

Diese Übersichtlichkeit ermöglicht es, das Buch sowohl fortlaufend zu lesen, als auch als Nachschlagwerk zu benutzen, ähnlich wie man in einer Kunstgalerie vom Eingangsbereich bis zum hintersten Raum alles nacheinander erkunden oder nur gezielt bestimmte Räume anschauen kann. Die Metapher der Kunstgalerie mit den dazugehörigen Begrifflichkeiten wie Flügel, Galerie, Bilder und Rahmen machen das Lesen oder Erarbeiten der Inhalte jedoch nicht immer leicht, sondern wirken auch (ver-)störend, weil sie nicht einfach synonym zu dem verwendet werden, was man landläufig unter Bild oder Rahmen in der Therapie versteht. Als Leser/in muss man sich also immer wieder vergewissern: „Was genau ist jetzt hier beispielweise mit Galerie, Rahmen oder Bild gemeint?“

Fazit

Es ist ein Buch, das mich begeistert, welches eine Fülle von Informationen kurz und übersichtlich, dabei umfassend und leicht verständlich anbietet. Es ist eine Fundgrube für alle Praktiker/innen, die therapeutisch mit Kindern und Jugendlichen arbeiten oder es lernen wollen, aber auch für Praktiker/innen, die in anderen Arbeitsfeldern, beispielsweise in der Sozialen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Der Fokus liegt eindeutig auf der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen selbst. Die Bedeutung des familiären Kontextes wird zwar benannt, aber methodisch nicht einbezogen. Hier ist – für diejenigen, in deren Praxis dieser Aspekt relevant ist – weitere einschlägige Literatur hinzuzuziehen.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Arb. Annegret Sirringhaus-Bünder
Lehrende für systemische Beratung und Therapie (DGSF), systemische Supervisorin (DGSF), NLP- Lehrtrainerin (DVNLP), seit 1985 freiberuflich tätig in den Bereichen systemische Beratung und Therapie, Fort- und Weiterbildung, Supervision und Coaching.
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Annegret Sirringhaus-Bünder. Rezension vom 16.09.2016 zu: Manfred Vogt: Lösungsfokussierte Therapie mit Kindern und Jugendlichen. Mit E-Book inside. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-621-28298-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20922.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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