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Wilhelm F. Preuss: Geschlechts­dysphorie, Transidentität und Transsexualität (...)

Cover Wilhelm F. Preuss: Geschlechtsdysphorie, Transidentität und Transsexualität im Kindes- und Jugendalter. Diagnostik, Psychotherapie und Indikationsstellungen für die hormonelle Behandlung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2016. 280 Seiten. ISBN 978-3-497-02554-1. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

Bausteine der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, Band 5.
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Thema

Es gibt Kinder und Jugendliche mit dem Körper eines Jungen, die sich als Mädchen fühlen – und umgekehrt. Sie leiden oft stark unter ihren nicht stimmigen Geschlechtsmerkmalen, selbst wenn sie von anderen in ihrer Besonderheit akzeptiert werden. In der Pubertät werden sie massiv damit konfrontiert, dass ihre körperliche Entwicklung nicht mit ihrem Empfinden übereinstimmt. Dies wird als „geschlechtliches Unbehagen“ oder „Geschlechtsdysphorie“ bezeichnet. Bei einigen Jugendlichen ist der Leidensdruck nur mit einer pubertätsaufhaltenden Behandlung und einer darauf folgenden gegengeschlechtlichen Hormontherapie zu lindern.

Das Buch zeigt, wie Fachkräfte unterschiedlichster Disziplinen erkennen können, was Heranwachsende, die unter einer Geschlechtsdysphorie leiden, für ihre Persönlichkeitsentwicklung brauchen. Es beschreibt, wie sie in ihrer Identitätsfindung therapeutisch begleitet und ihre Rat suchenden Angehörigen unterstützt werden können. In diesem Sinne ist es weniger als Lehrbuch, denn als Arbeitsbuch zu verstehen, „das Anregungen geben soll, sich auf die spezifischen Bedürfnisse geschlechtsdysphorischer Kinder und Jugendlicher möglichst gut einzustellen“ (11). Dabei spricht der Autor nicht nur Mediziner*innen an, sondern auch andere Fachkräfte im psycho-sozialen Bereich, also Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen, Sozialpädagog*innen, Sexualpädagog*innen.

Autor

Wilhelm F. Preuss ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin. Er ist am „Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie“ des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf tätig und Mitbegründer der dortigen „Interdisziplinären Sprechstunde für Kinder und Jugendliche mit Problemen der Geschlechtsidentität“ und Mitglied der bundesweiten Arbeitsgruppe zur Erarbeitung von „Leitlinien zur Behandlung der Geschlechtsdysphorie“.

Aufbau und Inhalt

Preuss´ Buch setzt zehn inhaltliche Schwerpunkte:

  1. Einführung in die Klinik
  2. Die Beachtung der verschiedenen Perspektiven
  3. Medizinische Grundlagen
  4. Ätiologie
  5. Besonderheiten der psycho-sexuellen Entwicklung bei Trans-Jugendlichen
  6. Diagnostik
  7. Psychotherapie
  8. Die multimodale Behandlung transsexueller Jugendlicher
  9. Rechtliche und ethische Fragen
  10. Ausbildung und Weiterbildung.

Preuss klärt zunächst die wichtigsten Begriffe: Unter dem Begriff der Geschlechtsdysphorie istdas Leiden zu verstehen, „das entsteht, wenn das zugewiesene Geschlecht mit dem empfundenen und/oder zum Ausdruck gebrachten Geschlecht nicht übereinstimmt“ (18).

Bei Geschlechtsidentitätsempfinden oder auch Geschlechtsidentitätsgefühl handelt sich um „das Empfinden, das Grundgefühl, die innere Überzeugung, das Wissen, die Gewissheit, dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht oder einer anderen Geschlechtsidentität aus dem Gender-Spektrum anzugehören.“ (19)

Preuss nähert sich der Thematik aus der Perspektive von (Trans)Gender-Spezialist*innen, denen nach seinem Verständnis die Aufgabe zufällt, sich den (nur) geschlechtsdysphorischen Kindern und Jugendlichen und den transsexuellen Jugendlichen anzunehmen, um sie zu diagnostizieren und adäquat zu behandeln. Neben der Fachkompetenz fordert er für Gender-Spezialist*innen ein hohes Maß an Sprachgefühl, sprachlicher Flexibilität, sprach-kritischem Verständnis und Reflexionsvermögen, sowohl hinsichtlich der Patient*innen, die er als höchst vulnerable und sprachempfindsam erlebt, als auch gegenüber Kolleg*innen, besonders bei kontroversen Diskussionen, denn: „Ein und derselbe Begriff kann von verschiedenen Perspektiven her völlig konträre affektive Reaktionen hervorrufen. Der Wortgebrauch und die Bedeutung benutzter Begriffe muss in Vorträgen, Diskussionsbeiträgen und Gesprächen gerade im Bereich der Vielfalt der Geschlechtsidentitäten immer wieder neu definiert und justiert werden.“ (17).

Er fordert als zentrale Kompetenz des/der Gender-Spezialist*innen die Bereitschaft, unmittelbar und direkt von ihren Patient*innen zu lernen, um wirksam helfen zu können, denn nur: „in der unmittelbaren Begegnung mit ihnen können Therapeuten ein Verständnis davon entwickeln, was es bedeutet, an einer anhaltenden Geschlechtsdysphorie sowie zu leiden, und oder transidentisch beziehungsweise transsexuell zu sein.“(11).

eröffnet sein Buch mit einem ersten einführenden Kapitel in die Klinik, in der er tätig ist.

Im zweiten Kapitel erschließt er ein Forum für die verschiedenen Perspektiven, aus denen das Thema beleuchtet werden kann bzw. werden muss:

  • Die Perspektive der Kinder und Jugendlichen
  • Die Perspektive der Eltern
  • Die Perspektive der Lehrer*innen, Erzieher*innen, Sozial*arbeiter*innen zwischen Unsicherheit und Überngagement
  • Die Aufgabe der Kinderärzt*innen
  • Die Aufgabe der Kinder- und Jugendpsychiater*innen und Psychotherapeut*innen in der ambulanten Versorgung
  • Die Aufgabe der kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken
  • Die Aufgabe der Gender-Spezialist*innen für Kinder und Jugendliche
  • Vorurteile in der Öffentlichkeit
  • Vorurteile im professionellen Bereich
  • Ethische Herausforderungen für Gender-Spezialist*innen.

Im dritten Kapitel arbeitet er vor allem die medizinischen Grundlagen heraus, also die verschiedenen Ebenen des Geschlechts, d. h. die Ebene der Geschlechtschromosomen, der Keimdrüsen und der Geschlechtshormone, der anatomischen primären und sekundären Geschlechtsunterschieden und der zerebralen Geschlechtsunterschiede heraus. Er untersucht die embryonale Entwicklung der Geschlechtsorgane, die Variationen der somato-sexuellen Entwicklung, setzt sich mit der Prävalenz (zu der es für Deutschland noch keine wirklich belastbaren Zahlen gibt) sowie mit Identität und Geschlechtsidentität auseinander.

Das vierten Kapitel fragt nach der Ätiologie, forscht also nach den Ursachen der Transsexualität. Dabei fokussiert Preuss insbesondere drei Aspekte:

  1. die biologischen Ursachen,
  2. die häufig assoziierten Komorbiditäten, etwa Autismus-Spektrum-Störungen,
  3. und psychogenetische Theorien, z. B. die imitative Bindungsstörung, blissfull symbiosis, sog. transsexuelle Lösungen o. Ä.

Preuss empfiehlt aber, vor allem im Erstgespräch, Patient*innen bzw. Klient*innen ohne vorgefertigte Theorien zu begegnen (87-88).

Im fünften Kapitel geht er auf die Besonderheiten der psycho-sexuellen Entwicklung bei Trans-Jugendlichen ein und nimmt dabei verschiedene Theorien zur kognitiven und psychosexuellen Entwicklung in den Blick

  • Evolutionsbiologische Betrachtungsweisen
  • die Bindungsforschung
  • die Theorie der Geschlechterspannung von Reimut Reiche
  • Erik Eriksons Beitrag zur Erforschung des geschlechterdifferenten szenischen Spiels, seien Theorie der Identitätsstufen und sein Konzept des Identitätswiderstandes
  • Pfäfflins Beitrag zur transsexuellen Abwehr
  • die Theorie der Mentalisierung nach Peter Fenagy
  • Kohlbergs Theorie der Geschlechtsidentitätsentwicklung
  • Marcias Theorie der Geschlechtsidentitätsentwicklung.

Im sechsten Kapitel werden Diagnostikgrundlagen und -verfahren genauer beleuchtet, im siebten Kapitel stehen psychotherapeutische Fragestellungen im Mittelpunkt.

Kapitel 8 nimmt acht Aspekte der Behandlung transsexueller Jugendlicher unter die Lupe, insbesondere die Hormonbehandlungen. Außerdem diskutiert Preuss in diesem Zusammenhang die zehn Aufgaben von Gender-Spezialist*innen, dabei hebt er insbesondere drei therapeutische Kernaufgaben heraus:

  1. Diagnostik im Sinne eines diagnostischen Prozesses über den gesamten Verlauf.
  2. Psychotherapeutische Behandlung und Begleitung
  3. Indikationsstellung für geschlechtsangleichende Maßnahmen (226).

Kapitel 9 setzt einen Schwerpunkt auf rechtliche Fragestellungen: von der Vornamens- und Personenstandsänderung nach dem Transsexuellengesetz über die Gutachtenerstellung bis hin zu besonderen Fakten, die hinsichtlich Minderjähriger besonders zu beachten sind. Das zehnte und letzte (ein-seitige) Kapitel verweist ein für 2017 geplantes Ausbildungsangebot zum/zur Gender-Spezialist*in der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung.

Empfehlenswert ist auch der Anhang, den Preuss zusammengestellt hat. Er bietet hier nicht nur weiterführende Literaturhinweise und Quellen, sondern auch z. B. kommentierte Youtube-Videos über das Thema für Fachkräfte, von betroffenen Jugendlichen ebenso wie Hinweise auf Spielfilme. Kommentierte Hinweise auf Internetseiten für Trans*Kinder und Trans*Jugendliche ebenso wie regionale Beispiele für Selbsthilfe-Angebote für Trans*Kinder und Trans*Jugendliche und ihre Familien. Eine umfangreiche Sammlung mit Ratgeber-Literatur steht ebenfalls zur Verfügung.

Diskussion und Fazit

Wilhelm Preuss legt mit diesem Band ein sehr wichtiges und umfassendes Grundlagenwerk vor, dass allen, die (sexual-)therapeutisch oder beratend mit Kindern und Jugendlichen arbeiten dringend empfohlen sei. Es verbindet vielfältiges aktuelles wissenschaftliches Knowhow, umfangreiche therapeutische Kenntnisse, fundiertes und langjähriges Praxiswissen Engagement und mit großer Herzenswärme für die Betroffenen.


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 23.03.2017 zu: Wilhelm F. Preuss: Geschlechtsdysphorie, Transidentität und Transsexualität im Kindes- und Jugendalter. Diagnostik, Psychotherapie und Indikationsstellungen für die hormonelle Behandlung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2016. ISBN 978-3-497-02554-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20923.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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