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Anke Handrock, Claudia Zahn u.a.: Schemaberatung, Schemacoaching, Schemakurzzeit­therapie

Cover Anke Handrock, Claudia Zahn, Maike Baumann: Schemaberatung, Schemacoaching, Schemakurzzeittherapie. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 288 Seiten. ISBN 978-3-621-28311-3. D: 36,95 EUR, A: 37,90 EUR, CH: 48,00 sFr.
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Thema

Schematherapie ist eine Weiterentwicklung der Kognitiven Verhaltenstherapie. Sie geht davon aus, dass Menschen im Lauf Ihrer Kindheit und in Abhängigkeit von der Befriedigung/Frustration zentraler menschlicher Bedürfnisse ein Konzept ihrer selbst und der Welt entwickeln. Solche Schemata und hieraus abgeleitete sog. Modi (aktuelle Erlebensweisen) sind Ansatzpunkte für Selbst-Veränderungen, die auch angeleitet werden können, denn nicht alle Schema- und Modi-Konsequenzen im Verhalten und Erleben sind per se krankhaft und bedürfen einer Therapie- das vorliegende Buch thematisiert entsprechend eher niederschwelligen Angebote im Kontext von Beratung, Coaching und in Kurztherapie.

Autorinnen

  • Dr. Anke Handrock ist approbierte Zahnärztin und hat nach pädagogischen Aufgaben und psychologischen Weiterbildungen in spezifischen Therapieverfahren die Leitung des „Steinbeis-Transfer-Institut Kommunikation in der Medizin – Gesundheitscoaching, Resilienzentwicklung, Positive Psychologie“ inne.
  • Claudia Zahn ist Dipl.Psych und hat schon vorher eine pädagogische Ausbildung absolviert. Sie ist beruflich in Beratungskontexten ausgewiesen und ist Mitarbeiterin am von Fr. Handkock geleitetem Institut.
  • Maike Baumann ist Diplompsychologin und arbeitet in einer psychosomatischen Klinik und lehrte außerdem als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Potsdam Psychologie für LehramtskandidatInnen und arbeitet bei Fr. Handrock als Trainerin, Coach, Mediatorin.

Entstehungshintergrund

Die Autorinnen sind bestrebt, Erkenntnisse der Schematherapie und ergänzend integrierbarer Ansätze wie z.B. der Positiven Psychologie und der Akzeptanz-Commitment-Therapie niederschwellig im Kontext von Beratung und Coaching sowie in Kurzzeittherapie einzusetzen- sie grenzen sich bewusst vom (medizinisch geprägtem) Krankheitsbegriff und dessen sozialrechtlicher Implikationen ab und beziehen sich eher auf Weiterbildungs-angebote- siehe hierzu auch die hompage von Fr. Handrock. Für diese Bereiche von Effizienzsteigerung und Verbesserung von Führungs- und Kommunikationsverhalten halten sie die Ansätze der Schematherapie für effizient und zielführend.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch ist grob unterteilt in zwei Teile:

  1. Grundlagen und
  2. „Das gestufte Schema-Coaching. Modell in der Praxis“.

Beide Teile sind jeweils in fünf Kapitel untergliedert (siehe dazu: http://www.beltz.de/fachmedien/psychologie/buecher/produkt_produktdetails/31666-schemaberatung_schemacoaching_schemakurzzeittherapie.html).

In den Grundlagen werden zunächst -wie zu erwarten – Schematherapie und deren Entwicklung, das gestufte Coaching-Modell (s.u.) mit der Abgrenzung von „Therapie“ und „Coaching“ erläutert und ausführlich auf die innerhalb der Methode so wesentliche Art der Beziehungsgestaltung eingegangen. Danach folgt ein kurzes Kapitel zu den hier so genannten „Wirkprinzipien“ und ein ausführlicheres 5. Kapitel, in dem die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse nach Young und deren Bedeutung für die Entwicklung von Schemata und von Modi (als konkrete Erlebensweisen) erläutert werden.

Im 2. Teil des Buches geht es um die konkrete Umsetzung in die Praxis. Hierbei kommt es den Autorinnen darauf an, sehr klientennah zu formulieren – so ist der Text immer wieder mit sogenannten „Wordings“ ergänzt, in denen exemplarisch die verbale Umsetzungs-Information für Klienten verdeutlicht wird.

Die Kapitel 7- 9 dürfen als Hauptteil des Buches angesehen werden; hier geht es konkret um den Schema-Coaching-Prozess in seinen drei Dimensionen:

  1. Positiver Lebensfokus und Aufbau positiver Fähigkeiten und Gewohnheiten;
  2. Imaginativer Ressourcenaufbau und
  3. ressourcenorientierte Modusarbeit -

so auch die Titel der genannten Kapitel, auf die etwas genauer eingegangen werden soll.

Während Schemaberatung im Sinne der Autorinnen eher pädagogische Informationsarbeit ist und die Umsetzung dem Klienten überlassen ist, begleitet Coaching diesen Umsetzungsprozess durch bestimmte Interventionen.

Zunächst geht es im 7. Kapitel um die Entwicklung von Stärken und positiven Erlebnissen (wie sie die Positive Psychologie von Seligman sieht) auch als Motivationsbasis für die vergleichsweise „schwierigere“ Arbeit der Beeinflussung handlungs- und erlebensleitender Schemata. Die Autorinnen nutzen hierbei viele Ansätze, die sie aus der Positiven Psychologie und lösungsorientierten Ansätzen auch der Hypnotherapie kennengelernt haben und deren Einsatz sich aus ihrer Sicht bewährt hat. Die Darstellung wird wie insgesamt im Buch veranschaulicht durch Flip-Chart-Skizzen der relevanten Prozesse und durch Beispiele für einsetzbare Fragebögen. Ein „Stärken-stammbaum“ soll z.B. die Übernahmen von Modell-Stärken aus vorangegangenen Generationen verdeutlichen und letztlich zur Emanzipation des Klienten beitragen. Achtsamkeitsübungen und Entspannungsanleitungen sollen die Selbstwahrnehmung fördern helfen, „Tresor“ und „Mülltonne“ Übungen helfen, sich von destruktiver Gedankenarbeit zu lösen.

Im 8. Kapitel steht der Klient und seine einmalige Schema-Konstellation im Mittelpunkt- er/sie soll erkennen können, warum bestimmte Verhaltens- und Kommunikations- schwierigkeiten in Beziehung zu anderen Menschen und im Team entstehen- und wie sie verändert werden können. Dazu wird gemeinsam das sogenannte Moduskonzept des Klienten entwickelt- auch hier wieder verdeutlicht am Fall-Beispiel eines Betriebsleiters, der Schwierigkeiten im Kontakt mit seinem Geschäftsführer hat. Wichtig dabei ist das Bewusstwerden eigener Stärken und Ressourcen, dargestellt und aktualisierbar in der ausgeführten und reich dokumentierten Übung „Galerie der Ressourcen“.

Ziel von Veränderungsarbeit ist innerhalb der Schematherapie die Stärkung des „Gesunden Erwachsenen“-Modus; im Coaching geht es anlog um eine bessere Verhaltensstrategie durch den hier so genannten „Fitten-Erwachsenen-Modus“.

Dieser soll (Kap. 9) insbesondere gestärkt werden, damit innere Konflikte zwischen z.B. abwehrender Elternseite und dem bedürfnisfrustriertem „Innerem Kind“ das Verhalten nicht dominieren. Hierbei wird das verunsicherte „Innere Kind“ in die im vorangegangenem Kapitel entwickelte Galerie der Ressourcen geführt und durch deren Potenzen und Fähigkeiten ermutigt. Methodisch kommen auch Methoden der sogenannten Stühlearbeit zum Einsatz- die Autorinnen machen diese Arbeit auch wieder durch „Wordings“ und Transkripte anschaulich.

Um den Einsatz von Schematherapie in einem dritten Ziel-Kontext geht es in die 10. Kapitel, Schemakurzzeittherapie. Die Autorinnen berücksichtigen, dass es Fälle von tiefgreifender therapeutische Arbeit bedarf- auch wenn auf Seiten des Klienten hier noch nicht „Krankheiten“ im Sinne des ICD vorliegen. Es geht z.B. um „Rescripting“-Methoden, Stühle-Dialog (ausführlich und anschaulich entwickelt) und andere Übungen, wie sie aus dem Kontext etwa auch der Hypnotherapie und natürlich der Schematherapie bekannt sind.

Ein Anhang schießt das Buch ab- hier werden sehr instruktive und zusammenfassende Übersichten zu den fünf Domänen (zusammengefasste maladaptive Schemata je nach Frustration grundlegender Bedürfnisse- vgl. Kap. 6), verschiedene Fragebogen und Checklisten sowie ein Literatur- und Sachwortverzeichnis angeboten.

Das Buch wird ergänzt durch eine E-book, für das in der gedruckten Ausgabe ein Code angegeben ist.

Diskussion

Man spürt dem vorgestellten Buch an, dass die Autorinnen von reichhaltiger eigener

Coaching-Erfahrung profitieren und zudem verschiedene Methoden aus anderen Verfahren im schematherapeutischen Kontext kennen.

Schematherapie will keine Psychotherapie sein- wenngleich ihre Wirksamkeit im psychotherapeutischen Kontext belegt ist, bleibt dieses Verfahren eine Methode, die der Einbettung in ein Menschenbild, in eine Handlungsrationale und einer psychologischen Fundierung bedarf. Richtig machen die Autorinnen auf den Unterschied von Beratung- Coaching und Therapie aufmerksam- auch wenn die Abgrenzung von Problem-Störung-Krankheit kaum inhaltlich zu leisten ist und insofern ausschließlich sozialrechtlich zum Problem wird, scheint eine zunehmend zu beobachtende Entprofessionalisierung in der Anwendung primär psychotherapeutischer Methoden bedenklich – ohne den Autorinnen Kompetenz absprechen zu wollen, fehlt psychotherapeutische Approbation. Dies stellt beileibe nicht die Fähigkeit in Abrede, ein gründliches und gut lesbares Buch geschrieben zu haben und auch über Beratungs- und Coaching-Kompetenz zu verfügen – ob -wie von den Autorinnen angesprochen- auch Heilpraktiker zu den Adressaten des Buches zählen können, erweckt allerdings Bedenken im Sinne der angesprochen Entprofessionalisierung. Dieser Einwand darf nicht so verstanden werden, als läge mit dem Buch nur ein weiteres Beispiel der reichhaltigen Selbsthilfe-Literatur vor. Das Buch ist fundiert, gut lesbar und sachlich kompetent geschrieben- es sollte allerdings nicht den Eindruck vermitteln, dass die vorgestellten Methoden voraussetzungslos quasi freischwebend umgesetzt werden können und sollen- auch nicht im lukrativen (?) Coaching-Markt!

Fazit

Ein gründliches, gut lesbares und durch Beispiele und Arbeitsmaterialien sehr anschauliches und inspirierendes Buch, welches Methoden der Schematherapie, der Positiven Psychologie, der Achtsamkeitsbasierten Therapie und der Gestalttherapie für den Beratungsbereich vorstellt und nicht den Anspruch erhebt, hiermit psychotherapeutische Ausbildung und Reflexion zu ersetzen. Schön, dass der Verlag schon fast selbstverständlich ein E-book als Dreingabe anbietet!


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 10.10.2016 zu: Anke Handrock, Claudia Zahn, Maike Baumann: Schemaberatung, Schemacoaching, Schemakurzzeittherapie. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-621-28311-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20924.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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