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Giulia Enders: Darm mit Charme

Cover Giulia Enders: Darm mit Charme. Alles über ein unterschätztes Organ. Ullstein Verlag (München) 2014. 285 Seiten. ISBN 978-3-550-08041-8. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Alles über ein unterschätztes Organ

Im Vorwort stellt sich die Autorin als „Vorzeigekind der Darmwelt im 21. Jahrhundert“ vor. Ihre Risiken: Kaiserschnittgeburt und nicht gestillt worden zu sein. Mit siebzehn erkrankte sie an offenen Wunden, vor allem an den Extremitäten, für die Hautärzte keine Ursache fanden. Erst als sie selbst die Ursache ihrer Störungen im Darm vermutete und die Ernährung umstellte, genas sie. „Mit ein paar Kniffen bekam ich meine Krankheit letztlich in den Griff. Es war ein Erfolgserlebnis, und ich spürte am eigenen Körper, dass Wissen Macht sein kann. Ich fing an, Medizin zu studieren.“

Im Studium beobachtete sie, dass, zumindest anfangs, die Rolle des Darms als immunologisches Organ nicht angemessen vermittelt wurde, aber auch, dass dieses sich schon während ihrer Studienzeit rasant änderte. Sie beklagt die langen Zeiten, die neues Wissen braucht, um in der Praxis umgesetzt zu werden. „Dies ist mein Ziel mit diesem Buch: Ich will Wissen greifbarer machen und dabei auch verbreiten, was Wissenschaftler in ihren Forschungsarbeiten schreiben oder hinter Kongresstüren bereden – während viele Menschen nach Antworten suchen.“

Beim Verfassen dieses Buches helfen neben dem Studium, der laufenden Promotion am Institut für Mikrobiologie und Krankenhaushygiene in Frankfurt am Main ihre WG-Mitbewohner und ihre Schwester Jill Enders. Die Kommunikationsdesignerin illustriert das Buch. „Meine Schwester hilft mir dabei, nicht abzudriften, denn dann schaut sie mich beim Vorlesen an und sagt grinsend: ‚Das machst du noch mal.‘“

Aufbau

Als Struktur wählt sie folgende Einteilung:

  1. Darm mit Charme
  2. Das Nervensystem des Darms
  3. Die Welt der Mikroben

Zu allen Texten gibt es ausführliche Literaturhinweise neueren Datums.

Zu 1. Darm mit Charme

Beginnend mit Die Eingangshalle zum Darmrohr wird der Prozess der Nahrungsaufnahme vorgestellt, dazu Menge und Bestandteile des Speichels: >1 Liter täglich, kalziumhaltige Stoffe, die den Zahnschmelz härten sollen, Schmerzmittel (nach dem Essen nehmen Halsschmerzen ab), Mucine, Schleimstoffe, die Bakterien bekämpfen.

Bei der Vorstellung des Waldeyerschen Rachenrings werden wir über die neuesten Erkenntnisse zur Mandelentfernung informiert; dies ist ein Dauerthema der Medizin. Sie sollten, wenn nötig, entfernt werden, wenn der Patient älter als sieben Jahre ist. Nötig wäre es, wenn die Rachenmandeln so zerklüftet sind, dass sich immer wieder Bakterien in ihnen sammeln, die dann die Immunabwehr stören. Rheumatische Erscheinungen, aber auch die Schuppenflechte können nach einer Entfernung der Tonsillen deutlich gebessert werden.

Der anatomische Aufbau des Darmes wird mit seinen Funktionen erläutert. In Was wir wirklich essen beschreibt die Autorin die Zerkleinerungsarbeit der Darmzellen für jeden Bestandteil der Nahrung, auf die Gefahr der Zunahme von Zuckern in der Ernährung wird ebenso hingewiesen, wie auf die Vorzüge der pflanzlichen gegenüber den tierischen Ölen. Besonders für Veganer lohnt die Beschreibung der für den Menschen essentiellen Aminosäuren, aber keine Angst: „Das ist aber nicht der endgültige Triumpf der Fleischliebhaber über die fleischlos essenden Menschen: Vegetarier und Veganer müssen einfach nur vielfältig essen.“ Später heißt es allerdings: „Tofu hat … schon zu recht seinen Ruf als Fleischersatz – allerdings mit der Einschränkung, dass mittlerweile immer mehr Menschen darauf allergisch reagieren.“

In Allergien, Unverträglichkeiten und Intoleranzen werden die unterschiedlichen Wirkungsweisen dieser Störungen sehr plastisch beschrieben. Während Allergien überschießende Reaktionen der Immunzellen auf Partikel darstellen, die trotz ihrer Größe die Darmwand überwunden haben (etwa Teile einer Erdnuss), ist die Intoleranz durch die Unfähigkeit der Darmzellen bedingt, etwa Laktose zu spalten. Das Molekül kann nicht zerkleinert werden und erfreut Bakterienkolonien in tieferen Abschnitten des Darms, die dann die Blähungen und Durchfälle auslösen. Diese Erkenntnisse werden in den Zusammenhang mit den gewaltigen Umstellungen gerückt, die unsere Ernährung im Vergleich zur Vergangenheit zeigt. Auch die Veränderungen im Lebensalters der Menschen spielen bei der Entwicklung eine Rolle, so nimmt etwa die Laktoseintoleranz im Alter zu, mit über sechzig sind wir dem Still- und Fläschchenalter lange entwachsen. Die Aufforderung folgt, auf den Darm zu achten und auf manche Nahrungsmittel verzichten. „Die Lösung ist dann kein lebenslanger Verzicht, sondern dass man wieder etwas essen kann, was man eine Zeitlang nicht vertragen hat – nur eben in Mengen, die man gut verträgt.“

Das Kapitel endet mit einer aufwendig bebilderten Broschüre „Eine kleine Lektüre zum Kot – Bestandteile, Farbe, Konsistenz.“ Damit knüpft sie an den Einstieg an, die erste Zwischenüberschrift lautete Wie geht kacken? – …und warum das ein Frage wert ist. Auch hier erfahren wir den neuesten wissenschaftlichen Stand.

Zu 2. Das Nervensystem des Darms

Wir verfolgen ein leckeres Tortenstück von der ersten Inaugenscheinnahme, bis seine Teile in den Dickdarm geschoben werden, wobei jeweils das für diese Aktion erforderliche Zusammenspiel der Nerven beschrieben wird. Anschließend werden die Aktionen der Nerven bei möglichen Störungen des Darms (Aufstoßen, Erbrechen, Durchfall) bearbeitet.

Im Vordergrund dieses neuen Forschungsgebiets steht die Interaktion zwischen Nervenzellen des Darmes und denen des Gehirnes. Diese stehen im Mittelpunkt der Forschungen der letzten fünf Jahre. Schon diese Teile lohnen die Lektüre des Buches. Eine Probe: 2011, nach dem Füttern von Lactobazillus rhamnosus JB-1. „Die Mäuse mit dem so aufgepimpften Darm schwammen tatsächlich nicht nur länger und hoffnungsvoller, in ihrem Blut ließen sich auch weniger Stresshormone nachweisen. Außerdem schnitten sie in Gedächtnis- und Lerntests deutlich besser ab als ihre Artgenossen (die dies nicht erhielten, Anmerkung E. Luber). Durchtrennten die Wissenschaftler aber den sogenannten Nervus Vagus, gab es keinen Unterschied mehr zwischen den Mäusegruppen.“ Zwei Jahre später zeigten Studien im menschlichen Gehirn, dass nach der Einnahme von geeigneten „Bakterienmixen“ einige Hirnareal deutlich verändert (waren), darunter vor allem Bereiche der Gefühls- und Schmerzverarbeitung. Weitere Beispiele wissenschaftlicher Forschungen zu diesen Beziehungen werden vorgestellt.

Der Darm muss als Sinnesorgan angesehen werden, dessen Oberfläche ein Vielfaches der als Sinnesorgan bekannten Organe ausmacht. Das „Bauchgefühl“ meldet der Zentrale über den Nervus Vagus, was es wahrnimmt. Und der Darm bietet mehr: Serotonin, das Hormon, das Glücksgefühle mit sich bringt, wird zu über 90% in Darmzellen produziert. Die Autorin schlägt vor, dass für die These von Descartes „ich denke, also bin ich“ die Erweiterung lauten sollte: „Ich fühle, daraufhin denke ich, also bin ich.“

Zu 3 Die Welt der Mikroben

99% der Mikroorganismen des Menschen befinden sich im Darm. Sein Inhalt wird wegen seines Reichtums an Lebewesen Microbiom genannt. Diese Vielfalt muss vom Immunsystem gesteuert werden. Allmählich baut der Mensch sich sein System an Bakterien auf. Die Erforschung dieses Reservoirs ist seit wenigen Jahren ein Schwerpunkt, noch ist man dabei, mögliche Gruppierungen zu finden, die Stoff für Kontroversen unter Wissenschaftlern geben, der Leser kann sie verfolgen. Den ersten Kontakt erlebt das Kind im Geburtskanal, dem Drittel der Kinder, die (in Deutschland) durch Kaiserschnitt entbunden wird, fehlt dieser Kontakt und es dauert „Monate oder länger, bis sie normale Darmbakterien haben. Dreiviertel der Neugeborenen, die sich typische Krankenhauskeime einfangen, sind Kaiserschnittbabys.“ Erst mit sieben Jahren sind keine Unterschiede zwischen ihnen und denen, die durch den Geburtskanal ihre Erstlingsausstattung an Bakterien hatten.

Wir erfahren auch viel über die unterschiedlichen Vorgehensweisen der Verdauungsorgane von Kuh und Nagetier im Vergleich zum Mensch. Während Kühe sich sehr viele Bakterien in ihren Mägen halten, die die pflanzliche Kost aufspalten, werden diese Bakterien zum Fleischersatz und werden in unteren Darmabschnitten verputzt. Der Mensch scheidet sie aus. Nagetiere auch, sie lassen sich das wertvolle Microbiom aber nicht entgehen und fressen es dann wieder. Auch beim Menschen, der „westliche Ernährung“ zu sich nimmt, gilt, dass er nur 90% seiner Nahrung isst, den Rest steuern seine Bakterien dazu. Sie machen etwa zwei Kilo seines Gewichtes aus.

Nach den Hypothesen, ob Darmbakterien dick machen, bearbeitet die Autorin wichtige „Übeltäter“, Salmonellen, Helicobacter, Toxoplasmose, und Madenwürmer. Besonders vielseitig ist der Helicobacter, schon dieser Beitrag lohnt die Lektüre: Durch genetische Untersuchungen, wissen wir, dass er „das älteste Haustier der Menschheit“ ist, aber erst seit kurzem, dass er Entzündungen, Geschwüre und Krebs beim Menschen auslöst (Nobelpreis 2005). Der Erreger ist auch in der Lage, ein Nervengift zu produzieren, welches Parkinson auslöst.

Auf der anderen Seite schützt der Befall mit Helicobacter vor Lungenkrebs und Schlaganfall, das Risiko ist halbiert. Asthma und Hautekzeme treten seltener auf. Was tun? „Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, dass man bei Magenproblemen gut beraten ist, sich des potentiellen Verursachers zu entledigen. Wenn in der Familie Magenkrebs, bestimmte Lymphome oder Parkinson vorkommen, sollte man Helicobacter ebenfalls ausladen.“

Im letzten Teil des Kapitels zu den Mikroben lesen wir Von Sauberkeit und guten Bakterien, die mehr als 95 % aller „Bakterien auf dieser Welt“ ausmachen. Interessant die Überlegung, dass die Anhänger der „Angsthygiene“ mehr Allergien und Autoimmunkrankheiten fördern, ohne die Anzahl der Infektionen deutlich zu senken. Es folgen praktische Tipps zu Reinigen und Saubermachen. Vor Antibiotika wird gewarnt, und bedauernd festgestellt, dass es noch keinen Artenschutz für Darmbakterien gibt.

Ausführlich werden Probiotika vorgestellt, in Deutschland am ehesten in Form von Sauerkraut oder Joghurt verfügbar. Bei schweren Störungen der Zusammensetzung der Darmbakterien haben sich auch Stuhltransplantationen bewährt, die dann auch andere Effekte haben, etwa die Besserung eines Diabetes Typ 1.

Präbiotika sind Gerichte, die erwünschte Bakterien, wie etwa Bifidobakterien oder Lactobazillen fördern. „Dabei ist es gar nicht so schwer, sich und seinen besten Mikroben etwas Gutes zu tun. Die meisten haben ohnehin irgendein präbiotische Lieblingsgericht, das sie ohne Probleme öfter essen würden. Meine Oma hat immer Kartoffelsalat im Kühlschrank.“ Artischocken, Spargel, Lauch und Zwiebeln zählen auch dazu.

Zusammenfassung

Die Autorin selbst fasst so zusammen: „Gute Bakterien tun gut. Wir sollten uns so ernähren, dass sie möglichst große Teile des Dickdarms bevölkern können. Dazu reichen keine Nudeln oder weißes Brot, die in Fabriken aus weißem Mehlbrei aufs Fließband gepresst werden. Es müssen manchmal schon richtige Ballaststoffe dabei sein aus echten Gemüsefasern oder Fruchtfleisch. Dies können auch süß schmecken und lecker sein – ob aus frischen Spargeln, Sushi Reis oder pur isoliert aus der Apotheke. Das kommt bei unseren Bakterien an, und sie danken uns mit guter Arbeit.“

Fazit

Dem ist nichts zuzufügen. Die Vermittlung aktuellen Wissensstandes in Umgangssprache ist gelungen, mir scheint, das Buch wäre gerade für Jugendliche gut lesbar. Dem Buch eine weite Verbreitung zu wünschen ist müßig: Meine ist die 47. Auflage¸ sie erscheint nur zwei Jahre nach dem ersten Erscheinen. Die Zeichnungen hingegen sind nicht immer hilfreich, manche noch nicht einmal dekorativ. Ich hätte, um die Bemerkung vom Vorwort aufzugreifen, gesagt: „Das machst du noch mal.“


Rezension von
Prof. Dr. Eva Luber
MSc
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Zitiervorschlag
Eva Luber. Rezension vom 11.10.2016 zu: Giulia Enders: Darm mit Charme. Alles über ein unterschätztes Organ. Ullstein Verlag (München) 2014. ISBN 978-3-550-08041-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20935.php, Datum des Zugriffs 29.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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