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Swen Staack: Milieutherapie (demenziell Erkrankte)

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 18.01.2005

Cover Swen Staack: Milieutherapie (demenziell Erkrankte) ISBN 978-3-87870-118-7

Swen Staack: Milieutherapie. Ein Konzept zur Betreuung demenziell Erkrankter. Vincentz Network (Hannover) 2004. 80 Seiten. ISBN 978-3-87870-118-7. 8,80 EUR.
Reihe: Power Books
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Zur Thematik des Buches

Einrichtungen der stationären Altenhilfe in Deutschland richten zunehmend ihre Organisations-, Pflege- und auch Raumstrukturen auf die unterschiedlichen Bedarfslagen ihrer Bewohnergruppen aus. Im Mittelpunkt hierbei stehen gegenwärtig vor allem die Milieustrukturen für Demenzkranke im mittleren und schweren Stadium. Das Fachwissen über den weitreichenden Einfluss der sozialen und räumlichen Umwelt auf das Verhalten und auch Wohlbefinden dieser Bewohnergruppe veranlasst mehr und mehr die Träger und Einrichtungsleitungen zu teils umfassenden Anpassungsleistungen u. a. in den Bereichen Organisation, Raummodelle und Pflege- und Betreuungsstrategien. Da der Stand der praktischen Erfahrungen im Bereich der Milieugestaltung für Demenzkranke in Deutschland noch recht begrenzt ist, besteht ein Bedarf an grundlegenden Informationen und auch Erkenntnissen zur Orientierung und auch Planung und Einführung entsprechender Gestaltungselemente in den Heimen. Das vorliegende Buch besitzt den Anspruch, die "Milieutherapie mit ihren Möglichkeiten, Chancen und Grenzen" beschreiben zu wollen (Seite 8).

Autor

Der Autor ist Dipl.-Sozialpädagoge, der gegenwärtig als Projektleiter in Schleswig-Holstein mit den Aufgaben "Umsetzung des Pflegeleistungsergänzungsgesetzes" und "Errichtung eines ständigen Urlaubsangebotes für demenziell Erkrankte und pflegende Angehörige" in Zusammenarbeit mit den dortigen Alzheimer-Gesellschaften und dem Sozialministerium des Landes betraut ist. Zuvor war er u. a. an der Beratungsstelle für ältere Bürger und Angehörige in Norderstedt tätig.

Inhalt

Die ersten vier Kapitel enthalten auf wenigen Seiten Ausführungen über die Definition, Werdegang und zentrale Funktion der Milieutherapie. Die Milieutherapie wird in dieser Arbeit als eine übergreifende und andere therapeutische Vorgehensweisen integrierende und koordinierende Konzeption verstanden.

Im fünften Kapitel (Elemente der Milieutherapie) werden die Kernelemente der Milieutherapie für Demenzkranke im stationären Bereich beschrieben:

  • räumlich-architektonische Aspekte und die Innenausstattung der Wohnbereiche: u. a. die Raumstruktur mit Gemeinschafts-, Bewegungs- und Rückzugsflächen und -bereichen, Außenbereich, Möblierung, Farbgestaltung, Beleuchtung und Angebote zur Eigenbeschäftigung der Demenzkranken.
  • Organisatorische Gesichtspunkte: homogene, integrative und teilintegrative Versorgungsansätze, Inhalte eines Konzeptes für milieutherapeutisches Wirken (u. a. Biografiearbeit, Personal, Pflege, Angehörige, Tagesstrukturierung),
  • Einstellung und erforderliche Kompetenzen der Betreuungskräfte,
  • Umgang mit den Demenzkranken in den alltäglichen Begegnungen,
  • Beschäftigungs- und Aktivierungsmöglichkeiten mit dem Ziel der sinnvollen Einbindung der Betroffenen, die zur Stärkung des Selbstwertgefühles beiträgt und gleichzeitig die Gefahr von Verwirrtheitszuständen aufgrund überfordernder Vereinzelung und Isolierung mindert.

Im sechsten Kapitel werden einige therapeutische Vorgehensweisen vorgestellt und teils kritisch bewertet: u. a.

  • Ergotherapie,
  • Musiktherapie,
  • Selbsterhaltungstherapie,
  • Realitätsorientierung,
  • Validation,
  • basale Stimulation
  • und Snoezelen.

Das siebte Kapitel enthält milieutherapeutische Modelle und Versorgungskonzepte für Demenzkranke aus anderen europäischen Ländern, die durchgängig auf den Prinzipien der Homogenität des Bewohnerschaft und des Wohngruppenkonzeptes basieren. Vorgestellt werden das Anton-Pieck-Hofje (Niederlande), das Cantou-Konzept (Frankreich), die Wohngruppen nach dem Modell aus Malmö (Schweden) und das Domus-Prinzip (England).

Kritische Würdigung

Die vorliegende Veröffentlichung enthält einige Einschätzungen, die der Rezensent nicht zu teilen vermag:

  • Der "private Bereich" (Seite 18): Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass Demenzkranke das Alleinsein im Einzelzimmer meist psychisch nicht bewältigen können und auf diese Überforderung oft mit Überstressphänomenen reagieren. Daher ist es im Gegensatz zur Einschätzung des Autors für einen demenzspezifischen Wohnbereich angezeigt, überwiegend Doppelzimmer vorzuhalten.
  • Weglaufgefährdung (Seite 22): In Deutschland wird die Gefährdung durch das unbeaufsichtigte Verlassen der Einrichtung von vielen Verantwortlichen verharmlost. Durch den kognitiv-mnestischen Abbauprozess sind Demenzkranke jedoch zu einem situationsgerechten Verhalten außerhalb der Einrichtung und dabei besonders im Straßenverkehr meist nicht mehr in der Lage. Während in anderen Ländern Einrichtungen im Falle des unbeaufsichtigten Verlassens mit Sanktionen rechnen müssen und dieser Problembereich empirisch untersucht wird, verweist man in Deutschland in der Regel nur auf die so genannte "Autonomie" des Demenzkranken und das "allgemeine Lebensrisiko" der Unfallgefahr mit all ihren Folgen.
  • Das Integrationskonzept mit dem Modell "Patenschaften" (kognitiv unbeeinträchtige Heimbewohner betreuen ihre demenzkranken Mitbewohner) (Seite 28): Bis auf wenige Ausnahmen konnten diese altruistischen Verhaltensweisen nicht nachgewiesen werden. Im Gegenteil, das Zusammenleben beider Bewohnergruppen in einem Wohnbereich ist meist durch Rückzug, Vermeidung von Kontakten und psychischem Stress und Depressivität geprägt, wie Untersuchungen ergeben haben.
  • Ausführungen zur "Selbsterhaltungstherapie" (Seite 61) und zur "basalen Stimulation" (Seite 67): Der Rezensent kann die positive Darstellung dieser Verfahren nicht nachvollziehen, da ihm keine abgesicherten Untersuchungen über die Wirksamkeit dieser Interventionen bekannt sind.

Sieht man von diesen Einzelaspekten einmal ab, so bleibt festzustellen, dass hier eine praxisnahe, allgemeinverständliche und recht ausgewogene Darstellung über einzelne Elemente der Milieugestaltung für Demenzkranke vorliegt. Es werden besonders im Bereich des räumlichen Milieus vermehrt konkrete Hinweise und Empfehlungen gegeben, die recht praktikabel und damit leicht umsetzbar sind.

Positiv fällt an dieser Arbeit auch auf, dass die Unangemessenheit und Begrenztheit populärer Konzepte wie Validation und Snoezelen nüchtern sachlich auf dem Hintergrund der praktischen Erfahrungen des Heimalltags expliziert wird.

Fazit

Die vorliegende Veröffentlichung kann an dieser Thematik interessierten Einrichtungsleitungen als ein erster Einstieg in das Arbeitsfeld Milieugestaltung für Demenzkranke empfohlen werden.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 18.01.2005 zu: Swen Staack: Milieutherapie. Ein Konzept zur Betreuung demenziell Erkrankter. Vincentz Network (Hannover) 2004. ISBN 978-3-87870-118-7. Reihe: Power Books. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2094.php, Datum des Zugriffs 27.11.2022.


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