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Andrea Hendrich: Kinder mit Migrations- und Fluchterfahrung in der Kita

Cover Andrea Hendrich: Kinder mit Migrations- und Fluchterfahrung in der Kita. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2016. 109 Seiten. ISBN 978-3-497-02638-8. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Das Recht jeden Kindes auf Schutz, Erziehung und Bildung ergibt sich allein schon aus der Kinderrechtskonvention, aber auch aus gesetzlichen Regelungen bis hin zum Bundeskinderschutzgesetz. Es ist damit auch unverzichtbar, dass Kinder, die auf der Flucht nach Deutschland gelangt sind, in Kindertageseinrichtungen Aufnahme finden.

Dies gilt auch dann, wenn Flüchtlinge in großer Zahl ankommen und zunächst in Erstaufnahmeeinrichtungen oder Massenunterkünften untergebracht sind.

Kitas stehen vor neuen Herausforderungen, die inzwischen breit diskutiert und in einigen Publikationen bearbeitet werden.

Autorin

Dipl. Päd. Andrea Hendrich ist viele Jahre in der Erziehungsberatung und als Dozentin an der Don Bosco Fachakademie München tätig

Aufbau

Zunächst stellt die Autorin drei Kinder vor, die aus dem Kosovo, Syrien bzw. Nigeria in Deutschland angekommen sind und nun eine Entwicklung nehmen, die über den gesamten Text hinweg immer wieder veranschaulicht wird.

  • Das erste Kapitel steht unter der Überschrift „Flüchtlingskinder in der Kita“ und beschreibt auf 25 Seiten die Lebenslage nach der Migration, einschließlich einer möglichen Traumatisierung.
  • Ein kurzes Zwischenkapitel erläutert „Resilienz und Reslilienzförderung“.
  • „Pädagogische Haltung und pädagogisches Handeln“ ist das Thema des nächsten Kapitels (20 Seiten).
  • Ab S. 69 geht es um „Elternarbeit und Vernetzung“. Es folgt ein Intermezzo über „Übergänge – kritische Momente in der Kita“.
  • Welche „Rahmenbedingungen“ pädagogische Fachkräfte unterstützen können, zeigt die Autorin im nächsten Kapitel (6 Seiten), ehe sie „Grenzen des pädagogischen Handelns“ benennt.
  • Anschließend geht Hendrich (noch einmal) kurz auf die mögliche Traumatisierung ein, nämlich auf die Frage, wie die Kita Therapien unterstützen kann.

Inhalt

Die Herausforderungen, die Kinder vor, während und nach der Flucht zu bestehen haben, sind massiv, komplex, existenziell. Familienstrukturen sind zusammengebrochen, der neue Alltag ist ungewohnt, befremdlich. Manche Kinder leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen. Die Bleibeperspektive ist unsicher.

Doch Kinder entwickeln selbst in schwierigen Lebenslagen Widerstandskräfte, psychische Stärke, Resilienz. Sie lernen schnell, sind kreativ, optimistisch. Sichere Bindungen und ein positives Klima in der Familie bzw. Großfamilie unterstützen dies. Pädagogische Fachkräfte können Kinder maßgeblich dabei fördern, Selbstwahrnehmung, Selbstwirksamkeitsüberzeugung, Problemlösungskompetenz, den sicheren Umgang mit Gefühlen etc. zu steigern.

In der Kita gewöhnen sich auch Kinder mit Fluchterfahrung gut ein, wenn sie Wertschätzung und Zuwendung erfahren, wenn klare Regeln und Zugehörigkeiten Sicherheit geben. Der Spracherwerb soll zunächst nicht zu sehr forciert, kann aber dann in der Kita enorm und nachhaltig befördert werden.

Traumata zu therapieren ist nicht Aufgabe der Kita-Fachkräfte, aber dennoch können sie viel dazu beitragen, allein schon dadurch, dass sie Orte des sicheren Rückzugs vorsehen.

Das Kita-Personal tut gut daran, mit den Eltern möglichst viel zu kommunizieren, schon beim Bringen/Abholen des Kindes, zwischen Tür und Angel. Beim Erstgespräch, wo möglich oder nötig mit Dolmetscher, sollten die Informationen so klar und verständlich sein, dass die Eltern die Kita verstehen und akzeptieren.

Das Kita-Personal darf in keinem Fall, ob es um einheimische Familien oder solche im „Fluchtmodus“ geht, Anzeichen von Kindeswohlgefährdung ignorieren. Es ist das übliche Verfahren zu praktizieren, also u.a. auch eine „insoweit erfahrene Fachkraft“ (BKiSchG § 8a) hinzuziehen.

Die Autorin fordert Supervision und Fortbildung nach allen Standards, zeitweise Überbelegungen bzw. Verschlechterungen des Betreuungsschlüssels lehnt sie kategorisch ab.

Diskussion

Die vorliegende Publikation ist gut und gefällig gestaltet, überzeugt inhaltlich und fachlich. Mit kleinen Geschichten zum Alltag, parallel zum wissenschaftlichen Text, sorgt die Autorin eindrucksvoll dafür, dass wir diejenigen, um die es geht, die Flüchtlingskinder, nicht aus dem Blick verlieren.

Und dennoch wünscht man sich etwas mehr. Jede Kita in Deutschland ist heutzutage multikulturell; Immigration ging dem aktuellen Fluchtgeschehen bekanntlich um Jahrzehnte voraus. Wieso knüpft die Autorin hier (trotz Hinweises im Buchtitel) nicht viel mehr und systematisch daran an, wie es alle Fachkräfte praktisch doch längst tun? Von Willkommenskultur spürt man nicht so viel: Eine Erzieherin, so erfährt der Leser, lernt ein Lied, das ein Mädchen aus ihrem Heimatland mitgebracht hat. Ist das alles?

Hendrich warnt vor Überforderung, Überbelegung, verlangt mehr Personal. Das ist natürlich richtig. Aber was ist solange, bis es mehr Stellen für Erzieherinnen und Erzieher gibt? Kinderrechte haben keine „Obergrenze“!

Formelhaft erinnert die Autorin zweimal daran, dass die einheimischen Fachkräfte zu den „undiskutierbaren Werten“ ihrer Kultur stehen sollen. Welche meint sie? Sind sie denn in Gefahr? Auch „Kultur“ bleibt meist formelhaft; immerhin wird geraten, bei Hausbesuchen die Schuhe auszuziehen und den Tee zu trinken!

Fazit

Andrea Hendrich gibt eine souveräne, solide Übersicht über die Herausforderungen, vor denen die Fachkräfte in den Kitas stehen, wenn sie Kinder mit Fluchthintergrund aufnehmen. Dabei arbeitet sie besonders die Kräfte und Potentiale der Kinder heraus. Man hätte sich mehr noch mehr Beispiele aus der Praxis gewünscht, die Kita zum interkulturellen Lernort macht.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 27.09.2016 zu: Andrea Hendrich: Kinder mit Migrations- und Fluchterfahrung in der Kita. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2016. ISBN 978-3-497-02638-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20946.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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