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Michael Fischer: Ehrenamtliche in der Krankenhaus­seelsorge

Rezensiert von Prof. Dr. Hans-Joachim Puch, 04.08.2016

Cover Michael Fischer: Ehrenamtliche in der Krankenhaus­seelsorge ISBN 978-3-7841-2585-5

Michael Fischer: Ehrenamtliche in der Krankenhausseelsorge. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2014. 134 Seiten. ISBN 978-3-7841-2585-5. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 27,50 sFr.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7841-3082-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Thema

Aus der Leitungsperspektive eines konfessionell getragenen Krankenhauses betrachtet ist das seelsorgliche Angebot durch Ehrenamtliche nicht nur eine Einzelmaßnahme, sondern ein Baustein in dem komplexen Zusammenspiel der vielfältigen Unternehmensaufgaben. Damit Krankenhausseelsorge gelingt, ist u.a. zu klären, worin der Auftrag ehrenamtlicher Seelsorge im Zusammenspiel mit anderen Berufsgruppen besteht und wie ehrenamtliche Seelsorge definierten Qualitätsanforderungen genügen kann. Allgemein betrachtet stehen damit das Profil und die Qualität der ehrenamtlichen Seelsorge auf dem Prüfstand. In dem vorliegenden Buch wird darauf eine Antwort gegeben. Zunächst wird nach der Bedeutung und der Zukunft der Seelsorge im Gesundheitswesen gefragt und darauf aufbauend werden Grundsatzfragen in Bezug auf Ehrenamt und Professionalisierung pastoraler Handlungsfelder erörtert. In dem Hauptteil des Buches wird ein Qualifizierungskonzept für ehrenamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger im Gesundheitswesen vorgestellt und die gewonnenen Erfahrungen aus einem Kurs anschließend reflektiert. Am Ende des Buches steht ein Ausblick, der die Eckpunkte einer zukünftigen ehrenamtlich seelsorglichen Arbeit beschreibt.

Autor

Michael Fischer ist Universitätsprofessor und Vorstand des Instituts für Qualität und Ethik im Gesundheitswesen an der Privaten Universität für Gesundheitswissenschaften, medizinische Informatik und Technik (UMIT) in Hall (Tirol). Zugleich leitet er das Referat Leitbild/Qualitätsmanagement des Vorstands in der St. Franziskus-Stiftung Münster. Die Habilitationsschrift des Autors mit dem Titel: „Das konfessionelle Krankenhaus. Begründung und Gestaltung aus theologischer und unternehmerischer Perspektive“ ist mit dem Wissenschaftspreis des Deutschen Caritasverbandes und dem Preis zur Förderung des Dialogs zwischen Wirtschaft, Ethik und Religion in Österreich ausgezeichnet worden.

Entstehungshintergrund

Die Publikation ist das Ergebnis des Projektes „Kranke Menschen seelsorglich begleiten“, das einer gemeinsamen Initiative der St. Franziskus-Stiftung Münster und der Hauptabteilung Seelsorge des Bischöflichen Generalvikariats des Bistums Münster entsprungen ist. In diesem Projekt wurden 2011/12 ehrenamtliche seelsorgliche Begleiter für Krankenhäuser ausgebildet, die zwischenzeitlich in der Krankenhausseelsorge im Einsatz sind. Das Konzept der Ausbildung und die Erfahrungen aus diesem Projekt werden evaluiert und in der Publikation dargestellt.

Aufbau und Inhalte

Im ersten Kapitel werden die Bedeutung und Zukunft der Seelsorge im Gesundheitswesen vorgestellt. Den Ausgangspunkt bildet folgende These: Kirchliche Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen sind wirtschaftliche Unternehmen, die einerseits mit knappen Ressourcen umgehen müssen andererseits aber auch einem theologisch begründeten kirchlichen Selbstanspruch zu genügen haben. Seelsorge ist insofern ein konstitutiver Bestandteil kirchlicher Krankenhäuser und hat sich bezüglich Profil und Qualitätsstandards an professionellen Ansprüchen zu messen.

Im zweiten Kapitel wird das Verhältnis von Profis und Amateuren in der Seelsorge näher bestimmt. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Bedeutung der Ehrenamtlichen in der Kirche gestärkt, indem Kirche nicht zuerst als priesterliche Institution definiert wird, sondern darüber, dass Laien und Priester als Volk Gottes eine gemeinsame Aufgabe zu erfüllen haben. Mit der Stärkung der Laien trat ein Professionalisierungsschub der Ehrenamtlichen ein, der zu einer Verunsicherung von Berufsrollen in den pastoralen Handlungsfeldern führte. Damit Ehrenamtliche und Hauptamtliche im Gesundheitswesen konstruktiv zusammenarbeiten, sind das je Spezifische und das Gemeinsame der jeweiligen Aufgaben- und Kompetenzfelder neu zu klären. Die Rolle der professionellen Mitarbeiter ist über eine ausgeprägte Fachkompetenz und über die Verpflichtung zu einer institutionellen Verantwortung für das Ganze definiert. Ehrenamtliche verfügen auch über (Fach-)Kompetenzen, bringen diese aber nicht im Rahmen einer professionellen Rolle ein. Wird diese Differenz gesehen, eröffnen sich neue Felder der Unterstützung und der konstruktiven Zusammenarbeit.

Ehrenamtliche müssen für ihre seelsorgliche Aufgabe im Krankenhaus vorbereitet werden. Dies ist das Ziel des Kurses „Kranke Menschen seelsorglich begleiten – Ausbildung für Ehrenamtliche in der Krankenhausseelsorge“, der im dritten Kapitel vorgestellt wird. Neben der Werbung für den Kurs wurden Auswahlgespräche mit den Interessenten geführt, um Anhaltspunkte über die Motivation und mögliche Vorerfahrungen zu erhalten. Darüber hinaus wurden die hauptamtlichen Seelsorger in die Planung und Durchführung einbezogen, um die Akzeptanz in den Krankenhäusern für das Projekt zu erhöhen. Fünf Module bilden den Kern des Kurses. Sie beinhalten theoretische Grundlagen, Anregungen zur Selbstreflexion und praktische Elemente.

Im vierten Kapitel wird zunächst gezeigt, dass die Polarisierung zwischen altem (altruistische Motive) und neuem (selbstbezogene Motive) Ehrenamt wenig hilfreich ist. Die Motive bei den Ehrenamtlichen oszillieren zwischen beiden Polen. Dazu wird eine Untersuchung über die Motive und Erwartungen der Kursteilnehmer aber auch über deren Hoffnungen und Befürchtungen vorgestellt. Die Untersuchung zeigt, dass die Motive stark aus dem Glauben gespeist sind und einer Mischung aus altruistischen und egoistischen Motiven entspringen. Die Teilnehmer erwarten als Gegengabe zu ihrem Dienst eine solide Ausbildung und Begleitung, die Möglichkeit zur Übernahme von Verantwortung und die Wertschätzung ihrer Tätigkeit.

Im fünften Kapitel werden die Kompetenzen der Teilnehmer vor und nach dem Kurs dargestellt. Dazu werden theologische, seelsorgliche und krankheitsbezogene Kompetenzfelder unterschieden, die auf einer Skala von 0 bis 10 einzuschätzen sind. In allen Feldern konnte ein Zuwachs nachgewiesen werden. Im seelsorglichen Themenfeld ergibt sich mit fast 23 Prozent der größte Kompetenzzuwachs. Aber auch bei den theologischen und krankheitsbezogenen Kompetenzen liegt der Zuwachs über Prozent.

Das sechste Kapitel beinhaltet die Gesamtauswertung des Kurses sowie der einzelnen Module. Dabei wird deutlich, dass insbesondere die Kurseinheiten, die sich mit der eigenen Person, eigenen Glaubensfragen und praktischen Elementen der Umsetzung seelsorglicher Tätigkeit beschäftigten als sehr zufriedenstellend empfunden werden, während die Themenfelder, die sich auf den institutionellen Kontext des Krankenhauses beziehen als etwas weniger hilfreich wahrgenommen werden.

Im siebten Kapitel wird dargelegt, wie die Teilnehmer des Kurses in ihren Abschlussarbeiten ihr Selbstverständnis von Seelsorge im Krankenhaus reflektieren. Für viele der Teilnehmer ist Seelsorge im Krankenhaus Begegnung und Begleitung als Gottes Dienst am Menschen. Dazu bedarf es nach Einschätzung der Teilnehmer eine vorbehaltlose, wertschätzende und annehmende Grundhaltung und das Gespür für die Möglichkeit, weitere Perspektiven zu öffnen. Einen weiteren Fokus der Reflexionen richtet sich auf das seelsorgliche Gespräch und insbesondere darauf, eine Balance zwischen „Plaudern“ und tiefer gehenden Gesprächen zu finden. Schließlich werden die Klärung der ehrenamtlichen Rolle und der Kern der Aufgaben ehrenamtlicher Seelsorge in der Auswertung reflektiert.

Ergänzend dazu wird im achten Kapitel die persönliche Fallschilderung einer Teilnehmerin vorgestellt. Im Vordergrund steht dabei nicht das Spektakuläre, sondern das alltägliche der seelsorglichen Arbeit im Krankenhaus.

Der Ausblick im neunten Kapitel verbindet zwei Zielperspektiven. Zum einen geht es um eine zukunftsfähige Seelsorge in den Einrichtungen des Gesundheitswesens, zum anderen um Verknüpfungen und Anschlüsse an die territoriale Seelsorge. Sowohl die Seelsorge im Gesundheitswesen wie auch die Seelsorgestrukturen in den Gemeinden und Pfarreien stehen inmitten von Umbrüchen. Eine Vernetzung der Akteure in beiden Feldern könnte für beide Bereiche hilfreich sein. Wie diese Vernetzung aussehen könnte, wird an sechs gemeinsamen Perspektiven kurz ausgeführt.

Diskussion und Fazit

Die seelsorgliche Arbeit in Einrichtungen des Gesundheitswesens ist im Umbruch. Um das wechselseitige Zusammenspiel von Ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeitern in diesem Handlungsfeld wirksamer zu gestalten, sind das Gemeinsame und das Trennende der Aufgabenbereiche näher zu bestimmen. In dem vorliegenden Buch werden dazu das Profil und die Qualität seelsorglicher Arbeit im Krankenhaus herausgearbeitet. Dies geschieht integrativ, indem eine theologische Perspektive und eine Perspektive der unternehmerischen Gesamtverantwortung miteinander verknüpft werden. Dieser Fokus gibt der seelsorglichen Arbeit im Gesundheitswesen neue Impulse. Die Komplexität des Handlungsfeldes wird ernst genommen und damit der Blick für neue, zukunftsweisende Konzepte und Handlungsansätze geöffnet. Die im Buch dargestellten Analysen und Konzepte haben in weiten Bereichen Modellcharakter für die seelsorgliche Arbeit im Gesundheitswesen. Methodisch sind sie ein gelungenes Beispiel wie Theorie und Praxis gewinnbringend miteinander verknüpft werden können. Sie liefern damit generalisierbare Anregungen für die Weiterentwicklung der ehrenamtlichen Seelsorge. Theoretisch-inhaltlich gibt das Buch zukunftsweisende Anregungen für eine Neubestimmung der Seelsorge im Haupt- und Ehrenamt. Die Diskussion in diesem Handlungsfeld wird damit konstruktiv und innovativ beeinflusst.

Rezension von
Prof. Dr. Hans-Joachim Puch
Präsident i.R. Evangelische Hochschule Nürnberg
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Es gibt 21 Rezensionen von Hans-Joachim Puch.

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Zitiervorschlag
Hans-Joachim Puch. Rezension vom 04.08.2016 zu: Michael Fischer: Ehrenamtliche in der Krankenhausseelsorge. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2014. ISBN 978-3-7841-2585-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20948.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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