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Georg Theunissen (Hrsg.): Autismus verstehen

Cover Georg Theunissen (Hrsg.): Autismus verstehen. Außen- und Innensichten. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 300 Seiten. ISBN 978-3-17-030786-5. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.
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Thema

Das Buch möchte einen neuen Zugang zu Menschen mit Autismus eröffnen und Ihnen selber Raum zur Darstellung geben.

Herausgeber

Georg Theunissen ist Ordinarius für Geistigbehindertenpädagogik und Pädagogik für Autismus am Institut für Rehabilitationspädagogik an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg.

Entstehungshintergrund

Neben den Wissenschaftlern Georg Theunissen und Wolfram Kulig, die sich besonders in der Autismusforschung engagieren, leisten die Mütter Kerstin Rückert und Gina Wohlert sowie neun Autorinnen und Autoren mit Autismus (Jürgen Boxhammer, Ralf Drankhahn, Peter Schmidt, Hajo Seng, Gee Vero, Stefan Wepil und Dietmar Zöller) Beiträge, so dass dem Untertitel des Buches – Außen- und Innensichten – Rechnung getragen wird.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung werden im ersten Teil: Außensichten ein kurzer Einblick in die traditionelle Sicht von Autismus und in die Neufassung des Diagnostic an Statistical Manual of Mental Disorders (DMS-5) aus dem Jahr 2013 gegeben.

Theunissen bevorzugt in Übereinstimmung mit Selbstvertretungsorganisationen und dem Ansatz der Neurodiversität die Sichtweise, dass Autismus eine genetisch bedingte menschliche Variante des Seins ist, die mit bestimmten Merkmalen einhergeht. Das sind

  1. Unterschiedliche (hyper- oder hypo-) sensorische Erfahrungen
  2. Unübliches Lernverhalten und Problemlösungsverhalten
  3. Fokussiertes Denken und ausgeprägte Interessen in speziellen Bereichen
  4. Atypische, manchmal repetitive Bewegungsmuster
  5. Bedürfnis nach Beständigkeit, Routine und Ordnung
  6. Schwierigkeiten, Sprache zu verstehen und sich sprachlich auszudrücken, so wie es üblicherweise im Kommunikationssituationen (Gesprächen) erwartet wird
  7. Schwierigkeiten, typische soziale Interaktionen zu verstehen und mit anderen Personen zu interagieren

Aktuelle neurowissenschaftliche Erkenntnisse und Annahmen werden kurz vorgestellt: Theorie der intensiv erlebten Welt, Hypothese der unausgewogenen Empathie, Modell des Ungleichgewichts zwischen Hemmung und Erregung Theorie der neuronalen Hyperkonnektivität, Theorie über eine Welt, die sich zu schnell bewegt oder verändert, Theorie des extrem ausgeprägten männlichen Gehirns sowie das Modell der erweiterten und wahrnehmungsbezogenen Funktionsfähigkeit (S. 52-74).

Anschließend werden die autistischen Fähigkeiten und die autistische Intelligenz in 12 Unterpunkten dargestellt:

  1. Gegenstände nicht als Ganzes zu erfassen, sondern in ihren Details
  2. Kleinste, winzige Details eines Gegenstandes oder in einer Situation wahrzunehmen
  3. Gegenstände oder Situationen in Einzelteile zu zerlegen, zu speichern und als Puzzle zusammenzufügen
  4. Mehr Unterschiede statt Gemeinsamkeiten herauszufiltern und zu fokussieren
  5. Verdeckte, verborgene und hintergründige Muster oder Figuren zu erkennen
  6. Visuell-fotorealistisch, mathematisch, räumlich und assoziativ zu denken, Wörter in Bilder umzuwandeln, Bilder zu speichern und wie eine Suchmaschine abzurufen
  7. Visuell-strukturhaft. mathematisch, räumlich und assoziativ zu denken, Dinge oder Wörter in Muster zu transferieren, zu speichern und abzurufen
  8. In Wörtern zu denken, sich ein enormes Faktenwissen anzueignen und abzurufen
  9. Mit außergewöhnlicher Kreativität zu imponieren
  10. Mit sensorischer Intuition Resonanzen herzustellen und Welt zu erschließen
  11. Außergewöhnliche spezielle Interessen zu entwickeln, zu vertiefen und in außergewöhnlichen Leistungen zu transferieren
  12. Stress oder belastende Situationen durch ein mentales oder physisches Stimming zu kompensieren oder zu bewältigen (S. 74)

Im Abschnitt „Autismus aus Elternsicht – Erfahrungen und positives Denken“ von Kerstin Rückerl und Gina Wohlert geben die Mütter Einblick in das Leben mit ihren Söhnen und enden mit dem Appell „Lassen Sie Menschen mit Autismus (ihr) Sein“ (S. 109).

Im Teil 2: Innensichten von Persönlichkeiten aus dem Autismus-Spektrum werden die im ersten Teil genannten sieben Merkmale in sieben Unterkapiteln von Autoren mit Autismus aufgegriffen, und es werden Erläuterungen und Beispiele aus ihrem eigenen Erleben dargestellt.

Teil 3: Zusammenfassende Schlussdarstellung greift noch einmal die sieben Merkmale des Autismus auf und gibt aus der Innensicht zusammenfassend Anregungen für die Praxis im Umgang mit diesen Eigenschaften.

In den abschließenden Bemerkungen von Theunissen wird die Bedeutung der Stärken-Perspektive erneut unterstrichen. Es werden die erhöhte Vulnerabilität dieser Personengruppe und ihr Umgang mit Ängsten und Stress erläutert. Darüber hinaus beschreibt Theunissen Veränderungen autismustypischer Merkmale im Zuge des Älterwerdens.

Fazit

Die stärkeorientierte Perspektive auf das Phänomen Autismus und die sogenannten Innensichten von Menschen mit Autismus sind wertvolle Beiträge zur Thematik. Der stringente Aufbau der Darstellung spiegelt sich nicht ganz in der Inhaltsangabe wider, und manchmal gibt es stilistische Besonderheiten, die irritierend wirken, so wenn Theunissen anbietet, zu dem Dargestellten auf Anfrage hin Vorträge zu halten (S. 96). Die Autoren mit Autismus sind (natürlich) so reflektiert und schreibkompetent, dass sie in der Lage sind, einen längeren interessanten Text zu formulieren. Damit fallen die Innensichten von Menschen mit Autismus plus Beeinträchtigung des Lernens weitgehend aus der Darstellung heraus.


Rezensentin
apl. Prof. Dr. Susanne Wachsmuth
Justus-Liebig-Universität Gießen, Institut für Heil- und Sonderpädagogik Geistigbehindertenpädagogik


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Zitiervorschlag
Susanne Wachsmuth. Rezension vom 15.08.2016 zu: Georg Theunissen (Hrsg.): Autismus verstehen. Außen- und Innensichten. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-030786-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20950.php, Datum des Zugriffs 20.01.2019.


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