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Kirsten von Sydow, Andrea Seiferth: Sexualität in Paarbeziehungen

Rezensiert von Dr. Anne-Kathrin Mayer, 05.01.2017

Cover Kirsten von Sydow, Andrea Seiferth: Sexualität in Paarbeziehungen ISBN 978-3-8017-1644-8

Kirsten von Sydow, Andrea Seiferth: Sexualität in Paarbeziehungen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2015. 228 Seiten. ISBN 978-3-8017-1644-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 39,90 sFr.

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Thema

Die Autorinnen befassen sich in ihrem Band mit Problemen der Sexualität in dauerhaften heterosexuellen Paarbeziehungen. Sie stellen theoretische Konzepte und praktische Ansätze zur Therapie und Beratung sexueller Störungen und Krisen vor. Hierzu greifen sie auf internationale empirische Forschungsarbeiten zurück und ergänzen diese um Fallbeispiele und Erfahrungen aus ihrer therapeutischen Arbeit mit Einzelpersonen und Paaren. Die Zielgruppe des Bandes bilden Psychotherapeut/innen und Berater/innen, die sich über den Forschungsstand zu sexuellen Problemen und Behandlungsmöglichkeiten informieren wollen. Für Nicht-Wissenschaftler/innen, insbesondere hilfesuchende Paare, ist der Band weniger geeignet.

Autorinnen

Beide Autorinnen sind als Psychologische Psychotherapeutinnen schwerpunktmäßig im Bereich der Paar- und Sexualtherapie tätig. PD Dr. Kirsten von Sydow schloss ihre Promotion und Habilitation im Fach Psychologie ab. Sie forschte und lehrte an verschiedenen deutschen Universitäten und Forschungsinstituten u. a. zu Partnerschafts- und sexuellen Problemen, zur Bindungstheorie und zu familiären Beziehungen, zur psychosomatischen Gynäkologie und Geburtshilfe und veröffentlichte Arbeiten zur Psychotherapieforschung.

Dipl.-Psych. Andrea Seiferth ist als Psychologische Psychotherapeutin für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie in freier Praxis niedergelassen. Sie arbeitet zudem als Dozentin für Paartherapie und Seminarleiterin für Paartrainings.

Aufbau und Inhalt

Der Band umfasst sieben Kapitel, ein 25 Seiten umfassendes Literaturverzeichnis sowie einen Anhang mit Verweisen auf themenrelevante Internetseiten (z.B. Fachgesellschaften, Zeitschriften, Beratungseinrichtungen, Verzeichnisse von Therapeut/innen und Selbsthilfegruppen) und ein Stichwortverzeichnis.

In Kapitel 1 (Einleitung) betonen die Autorinnen, dass sexuelle Kontakte einerseits meist in Paarbeziehungen stattfinden, andererseits aber nicht alle Paarbeziehungen auch durch aktiv gelebte Sexualität gekennzeichnet seien. Der Band beansprucht auf Basis empirischer Studien und sonstiger wissenschaftlicher Fachliteratur den aktuellen Forschungsstand zur Entwicklung partnerschaftlicher Sexualität und ihrer Störungen aufzuzeigen und daraus Ansatzpunkte für Interventionen abzuleiten.

Kapitel 2 (Sexuelle Entwicklungen in heterosexuellen Beziehungen) fasst eine Fülle vorwiegend quantitativer Studien zusammen, die Aufschluss über die Dynamiken der Sexualität in Paarbeziehungen geben. Ausführlich wird darauf eingegangen, in welchem Maße die Ausgestaltung und das Erleben der Sexualität durch lebensverändernde Ereignisse (z.B. Heirat, Geburt von Kindern, Pensionierung, chronische Erkrankungen) beeinflusst wird. Berichtet werden ferner differenzialpsychologische Befunde zum Einfluss von Geschlecht, Alter, Beziehungsdauer, körperlicher und psychischer Gesundheit sowie sozialen, kulturellen und historischen Kontextbedingungen. Abschließend werden Studien zu den Korrelaten und Prädiktoren sexueller Aktivität und Zufriedenheit dargestellt.

Kapitel 3 (Sexuelle Probleme und Ressourcen) liefert unter Bezugnahme auf klinische Klassifikationssysteme einen deskriptiven Überblick sexueller Probleme und Funktionsstörungen (z.B. Lustlosigkeit, Impotenz oder ausbleibenden Orgasmus), stellt Verfahren für deren Diagnostik dar und resümiert die epidemiologische Datenlage. Ein weiteres Unterkapitel ist nichtfunktionellen Problemen gewidmet, die etwa im Zusammenhang mit Konflikten über die Häufigkeit sexueller Aktivitäten, mit Außenbeziehungen eines Partners oder mit sexuellen Gewalterfahrungen und sexuellen Ängsten stehen. Sehr wenig erforscht sind hingegen sexuelle Ressourcen in Paarbeziehungen, weshalb dieser Thematik gerade einmal drei Seiten gewidmet werden.

Theoretische Konzepte zur Sexualität und sexuellen Problemen in Dauerbeziehungen bilden den Gegenstand von Kapitel 4. Systematisch werden biologische (z.B. genetische, und soziobiologische), gesellschaftliche, biografische (z.B. bindungstheoretische) und partnerschaftsbezogene (z.B. im Zusammenhang mit Paarkonflikten oder der partnerschaftlichen Kommunikation stehende) Konzepte und Erklärungsansätze für sexuelle Probleme und Funktionsstörungen vorgestellt.

Kapitel 5 (Ansätze für Therapie und Beratung) thematisiert Ansätze zur Prävention sexueller Probleme, Fragen der angemessenen Zielsetzung sowie die Möglichkeit der Spontanremission sowie zur Selbsthilfe. Anschließend werden medizinische und pharmakologische Behandlungsansätze überblicksartig erläutert. Den Schwerpunkt bilden psychologisch fundierte Beratungs- und Therapiekonzepte wie die behavioral-integrative Sexualtherapie und verschiedene Methoden der systemisch-integrativen Paar- und Sexualtherapie. Eingegangen wird ferner auf das therapeutische Vorgehen bei spezifischen Problemlagen, etwa bei Gewalt innerhalb der Paarbeziehung.

In Kapitel 6 werden Implikationen für Therapie und Beratung aus den zusammengefassten Befunden der psychologischen Grundlagenforschung abgeleitet. Ein erster Abschnitt diskutiert Indikationen und Kontraindikationen für Einzel- oder Paartherapien mit Bezug zum Thema Sexualität. Sodann entwerfen die Autorinnen ein Idealbild des Umgangs mit dem Thema Sexualität innerhalb von Paartherapien. Kennzeichnend hierfür ist insbesondere, dass realistische, weniger an „Leistungsnormen“ orientierte Erwartungen an die Sexualität gefördert, Unterschiede zwischen Individuen und Paaren in ihren Bedürfnissen respektiert und sexuelle und nicht-sexuelle Ressourcen identifiziert und gefördert werden. Vorübergehende Krisen und Probleme gilt es als unvermeidlich zu akzeptieren. Die Autorinnen diskutieren zudem Unterschiede zwischen „Lust“, „Verliebtheit“ und „Bindung“, deren Zusammenspiel die Sexualität bestimmt.

Im abschließenden Kapitel 7 werden drei Fallbeispiele aus der Praxis der Autorinnen vorgestellt, in denen jeweils integrativ mit unterschiedlichen (z.B. systemischen, sexualtherapeutischen und tiefenpsychologisch fundierten) psychotherapeutischen Ansätzen gearbeitet wurde. Zwei der Fallvignetten stammen aus Einzeltherapien, bei denen der Partner im Verlauf stundenweise einbezogen wurde; eine weitere schildert den Ablauf einer genuinen Paartherapie. Deutlich wird in diesen Vignetten noch einmal, wie eng individuelle Entwicklung (insbesondere verstärkte Selbstregulationsfähigkeit) und Entwicklung der partnerschaftlichen Sexualität miteinander verwoben sind.

Diskussion

Der Band liefert eine fundierte Übersicht des aktuellen Stands der Forschung zum Thema Sexualität in dauerhaften Paarbeziehungen. Die Autorinnen haben hierzu eine beeindruckende Fülle an empirischen Befunden zusammengetragen, die sie ebenso differenziert wie auch gut lesbar dargestellt, kritisch kommentiert und gewichtet haben. Forschungslücken werden von ihnen klar benannt und die Sicherheit der gezogenen Schlussfolgerungen wird stets transparent gemacht. Wo die einschlägige Datenlage dürftig ist, wird konsequenterweise auf umfassende Ausführungen verzichtet; entsprechend wird beispielsweise der bislang kaum erforschten Sexualität in gleichgeschlechtlichen Paarbeziehungen bedauerlicherweise nur ein knapper Exkurs gewidmet.

Die klare Gesamtstruktur des Bandes, Themenstichworte am Seitenrand sowie Zusammenfassungen am Ende der Kapitel unterstützen das Leseverständnis und tragen dazu bei, trotz der hohen Informationsdichte nicht den „roten Faden“ zu verlieren. Einige Kapitel eignen sich aufgrund des hohen Detailliertheitsgrads der dargestellten Statistiken primär als Nachschlagewerk, andere (insbesondere die Ausführungen zu verschiedenen Behandlungskonzepten) liefern einen kompakten Überblick verschiedener Methoden, deren Kenntnis es bei Bedarf durch die Lektüre der zugehörigen Therapiemanuale zu vertiefen gilt.

Die Fallgeschichten runden den Band auf lebendige Weise ab, erfordern jedoch zum tiefer gehenden Verständnis einiges an Vorwissen über die eingesetzten therapeutischen Methoden. Hier wäre an manchen Stellen eine bessere Abstimmung mit den vorherigen Kapiteln hilfreich gewesen (z.B. durch explizite Querbezüge oder ausführlichere Beschreibungen der diagnostischen und therapeutischen Ansätze, die im jeweiligen Fall zur Anwendung kamen).

Fazit

Der Band „Sexualität in Paarbeziehungen“ liefert einen fundierten Überblick des aktuellen internationalen Forschungsstands zur Dynamik der Sexualität in Paarbeziehungen und zu Interventionsmöglichkeiten bei sexuellen Problemen und Störungen. Therapeut/innen und Berater/innen werden ihn nicht nur als einmalige Lektüre, sondern auch als Nachschlagewerk zu schätzen wissen.

Rezension von
Dr. Anne-Kathrin Mayer
Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID), Trier
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Es gibt 23 Rezensionen von Anne-Kathrin Mayer.

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ISSN 2190-9245