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Meike Nieß: Partizipation aus Subjektperspektive

Cover Meike Nieß: Partizipation aus Subjektperspektive. Zur Bedeutung von Interessenvertretung für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. 252 Seiten. ISBN 978-3-658-14013-7. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Menschen mit Behinderungen vertreten ihre Interessen zum Teil selbst, zum Teil über Vertretungsgremien wie Werkstatträte und Wohnheimbeiräte oder in eigenen Organisationen. Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, welche Erwartungen an Mitglieder solcher Gremien gerichtet werden, welche sie an sich selbst richten, wie sie Zugang zu Gremien finden und welche Entwicklungsprozesse durch die Gremienarbeit in Gang kommen können.

Autorin

Dr. Meike Nieß studierte Sonderschullehramt mit den Förderschwerpunkten geistige sowie körperliche und motorische Entwicklung und Biologie in Hamburg (Abschluss: Erstes Staatsexamen) und Disability Studies an der University of Leeds (Abschluss: Master of Arts). Sie promovierte mit der vorliegenden Arbeit 2015 an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Zurzeit arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Monitoring-Stelle UN-Behindertenrechtskonvention des Deutschen Instituts für Menschenrechte in Berlin.

Entstehungshintergrund

Auslöser ihrer hier im Druck vorgelegten Dissertation war für die Autorin die Auseinandersetzung mit der emanzipatorischen Selbsthilfe der Behindertenbewegung (self-advocacy) im praktischen Kontakt mit Menschen mit intellektueller Behinderung und die dabei beobachtete Diskrepanz zwischen der allgegenwärtigen Forderung nach Partizipation einerseits und der geringen Rolle, welche dies im Alltag vieler Behinderter spielt. Bei Behinderten in Wohnheimen und Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) entstand der Eindruck, dass diese das Gefühl haben, ohnehin nichts bewirken zu können, und dass die Inhalte, über die sie eventuell mitbestimmen sollten oder könnten, für sie subjektiv nicht unbedingt relevant erscheinen. Diesem Widerspruch wollte die Autorin in ihrer Arbeit nachgehen.

Aufbau

  1. In einer knappen Einleitung (S. 1-11) skizziert Meike Nieß die Problemstellung, Zielsetzung und Forschungsfragen, den Aufbau und das Vorgehen ihrer Arbeit und beschreibt den von ihr so bezeichneten Personenkreis der „Menschen mit Lernschwierigkeiten“.
  2. Kapitel 2 (S. 13-65) beschreibt unterschiedliche Zusammenschlüsse zur Interessenvertretung, präzisiert die Terminologie, beschreibt die gesetzlichen Grundlagen, fasst Forschungsergebnisse zusammen und leistet eine theoretische Einbettung von Interessenvertretung.
  3. Kapitel 3 (S. 67-122) ordnet die Interessenvertretung in den übergeordneten Bereich der Partizipation ein, klärt den Begriff, systematisiert Partizipation und erörtert diese als neueren Leitbegriff in der Beschäftigung mit Behinderten wie auch Ungleichheiten der Realisierung von Partizipation und förderlich wie hinderlich wirkende Einflussfaktoren.
  4. In Kapitel 4 (S. 123-140) werden in Konsequenz der herausgearbeiteten Desiderata ein handlungstheoretischer Zugang zu Partizipation erarbeitet und darauf gestützt die Forschungsfragen präzisiert.
  5. Den Forschungsprozess mit seinen methodischen Entscheidungen und seinem Ablauf stellt die Autorin in Kapitel 5 (S. 141-170) dar.
  6. In Kapitel 6 (S. 171-227) werden 25 Einzelinterviews nach vier Dimensionen ausgewertet, mögliche Zugänge zu Interessenvertretungen heraus analysiert und unter subjektiver Perspektive betrachtet.
  7. Kapitel 7 (S. 229-239) fasst die gewonnenen zentralen Erkenntnisse zusammen, zeigt Perspektiven für die behindertenpädagogische Forschung auf und deutet Perspektiven für die behindertenpädagogische Praxis an.

Ein Literaturverzeichnis mit 208 Titeln (S. 241-252) schließt das Buch ab.

Inhalt

Kapitel 1 (S. 1-11) führt in den Themenbereich ein. Teilhabe und Selbstbestimmung sind neuere Forderungen in der Arbeit mit Behinderten und dem Oberbegriff der „Partizipation“ (Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen) zuzuordnen. Konkret kann sich Partizipation in Interessenvertretungen realisieren, in einrichtungsgebundenen Werkstatträten und Wohnheimbeiräten oder in freien Vereinigungen bzw. Selbsthilfegruppen wie der „People-First“-Bewegung, die nicht an Einrichtungen oder Trägerverbände gebunden sind. In der Praxis hat es sich allerdings erwiesen, „dass es für benachteiligte Menschen schwierig ist, vorhandene Beteiligungsmöglichkeiten zu nutzen“ (S. 4), auch weil notwendige Vorerfahrungen nicht ermöglicht worden sind. Für die hier gemeinten benachteiligten Menschen wählt die Autorin die Bezeichnung „Menschen mit Lernschwierigkeiten“, einen Begriff, der von der People-First-Bewegung angeregt inzwischen auch von der Aktion Mensch an Stelle des Begriffs „Menschen mit geistiger Behinderung“ benutzt wird. Letzterer wird als diskriminierend erachtet.

Kapitel 2 (S. 13-65) befasst sich mit Interessenvertretungszusammenschlüssen und der Beteiligung behinderter Menschen in diesen. Solche Zusammenschlüsse dienen der Selbstvertretung (People-First-Gruppen, Selbsthilfegruppen) oder der Stellvertretung (Werkstatträte, Wohnheimbeiräte) und lassen sich unter dem Oberbegriff der „Interessenvertretung“ zusammenfassen. Deren Aufgabe ist entweder Mitbestimmung oder Mitwirkung, Einwirkungsformen, die geklärt und voneinander abgegrenzt werden. Dabei wird „Mitbestimmung“ als „Teil eines gesamtgesellschaftlichen Demokratisierungsprozesses“ (S. 23) verstanden, der auch demokratietheoretisch unterbaut wird. Einen gewissen Kontrast bildet die „Selbsthilfe“, die von Mitbestimmung/Mitwirkung in Angelegenheiten einer Einrichtung wie von Individuum-orientierter professioneller Hilfe abgegrenzt wird. Relevante gesetzliche Grundlagen werden (S. 31-41) dargelegt und Forschungsergebnisse zu unterschiedlichen Ausprägungen berichtet (S. 41-64): Die reine Existenz einer Interessenvertretung sagt noch nichts aus über deren Zielsetzung, die Art ihrer Arbeit und deren Ergebnisse. Vieles ist von der pädagogischen Unterstützung durch Einrichtungsleitungen und Mitarbeiter abhängig, vor allem von deren Handlungsstrategien. Damit wird Interessenvertretung Behinderter vor allem in Einrichtungen vom Wohlwollen und Entgegenkommen derer abhängig, denen gegenüber diese behindertenspezifischen Interessen eigentlich vertreten werden sollen.

Die Auseinandersetzung mit dem Begriff der „Partizipation“ ist Gegenstand des Kapitels 3 (S. 67-122). Partizipation meint „das Verhältnis einer einzelnen Person zu Herrschaft und zum Staat einerseits (politischer Aspekt) sowie [den] Zugang einer Person zu materiellen Gütern und Fragen deren gesellschaftlicher Verteilung andererseits (sozialer Aspekt)“ (S. 68), ist also ein relationaler Begriff. Die Autorin unterscheidet ein instrumentelles von einem normativen Partizipationsverständnis und fasst diese Unterscheidung zum leichteren Verständnis in einer Tabelle (S. 73). Das instrumentelle Verständnis zielt auf das Ergebnis, entspricht repräsentativ-demokratischen Formen, begründet die Suche nach Methoden und Mitteln zu Entscheidungsfindung und bezieht sich auf die real vorfindlichen Verhältnisse. Das normative Verständnis begreift Partizipation als Ziel und Wert an sich, verweist auf wünschenswerte Verhältnisse, aber auch auf Rahmenbedingungen zu seiner Realisierung wie auf in der Biografie erfahrene partizipative Vorerfahrungen (S. 75). Die theoretische Brille „Partizipation“ dient der Autorin dazu, den Zusammenhang zu sozialer Ungleichheit und Benachteiligung aufzudecken und Lücken in der Diskussion um Beteiligung aufzuzeigen. Kapitel 3 stellt so auch eine Auseinandersetzung mit den Beschränkungen (Beschränktheiten?) der (Fach-)Diskussion dar, etwa den Grenzen der häufig zitierten Stufenmodelle nach Arnstein und Hart oder den häufig nicht erkannten Zusammenhängen zwischen sozialer Ungleichheit und Partizipation auch im Kontext von Behinderung. Stufenmodelle der Partizipation von der vollständigen Fremdbestimmung (Manipulation) bis zur vollständigen (Mit-)Bestimmung können aber auch auf Entwicklungsmöglichkeiten aufmerksam machen. „Aktive Beteiligung entsteht nicht aus dem Nichts, sondern unter bestimmten Bedingungen“ (S. 83). Anschließend betrachtet die Autorin Partizipation anhand der ICF, der UN-BRK und des SBG XI, erkannter Ungleichheiten, Erschwernisse und Barrieren sowie möglicher Einflussfaktoren wie politischer Einstellungen, Status, Geschlecht, Alter und dem sozialen Umfeld, aber auch Fragen der subjektiven Sinnhaftigkeit, des Interesses vs. Desinteresses, vorhandener wie zugeschriebener Kompetenzen, die partizipatives Handeln beeinflussen können.

Die handlungstheoretische Grundlage zu partizipativem Handeln wird in Kapitel 4 (S. 123-140) entfaltet. Grundlegend ist dabei die Annahme, „dass sich individuelle Interessen und Fähigkeiten erst durch Beteiligung herausbilden und dadurch nicht nur gesellschaftliche Verhältnisse gestaltet werden, sondern auch Veränderungsprozesse bei den beteiligten Individuen möglich werden“ (S. 123). Durch Partizipation können sich Menschen entwickeln, und zu solcher Entwicklung benötigen sie Rahmenbedingungen, die Partizipation überhaupt erst ermöglichen. Solche Bedingungen stellen sich als Spielräume dar, nach Nahnsen in den Bereichen Versorgung und Einkommen, Kontakt und Kooperation, Lernen und Erfahrung, Muße und Regeneration sowie Dispositionsmöglichkeiten (S. 126). Es sind Möglichkeitsräume, die es erlauben, Ziele zu bestimmen, die subjektiven Sinn ergeben, Einfluss zu nehmen, dabei Erkenntnisse zu gewinnen und zur Bildung beizutragen. Fazit: „Partizipation ist Handeln“ (S. 134). Ist Partizipation aber Handeln, kann sie wie jedes andere Handeln gelernt werden, wobei der Handelnwollende folgenden Bedingungen unterworfen ist:

  • „die Antizipation, dass eine Einflussnahme auf das subjektiv Ganze möglich ist,
  • die gnostische Erfahrung dessen, was das gesellschaftlich oder sozial Ganze (aus subjektiver Sicht) darstellt,
  • eine Idee davon, wie Einfluss auf das subjektiv Ganze genommen werden könnte“ (S. 136).

Etablierte Interessenvertretungsgremien (Werkstatträte, Wohnheimbeiräte usw.) stellen gegenwärtig die einzigen Möglichkeiten dar, in legitimierter Form auf das subjektiv Ganze (WfbM, Wohnheim usw.) Einfluss zu nehmen, sind bislang jedoch noch nicht daraufhin untersucht, inwieweit sie auch als Möglichkeiten der Partizipation wahrgenommen werden. Zu untersuchen sind daher (1) die subjektive Bedeutsamkeit der Beteiligung an einer Interessenvertretung und (2) die Möglichkeiten des Zugangs zu einer solchen Interessenvertretung.

Diese Untersuchung wird in Kapitel 5 (S. 141-170) beschrieben. In aller Kürze: 29 Menschen „mit Lernschwierigkeiten“, realiter – wie auch aus den Wortbeiträgen zu erschließen – eine sehr heterogene Gruppe, wurden einzeln mittels Leitfaden-gestützter Interviews befragt (3 aus Selbsthilfegruppen, 7 aus Werkstatträten und 19 aus dem Bereich Wohnen), von denen 25 auswertbar waren. Notizen während der Interviews und Tonaufzeichnungen dienten der Auswertung in mehreren Stufen:

  1. 13 Interviews wurden zur Kategoriengewinnung codiert,
  2. 12 weitere anhand der so gewonnenen Kategorien analysiert, wobei, wenn erforderlich, das Kategoriensystem modifiziert wurde. Es konnten acht Kategorien gewonnen werden, die
  3. anhand konkreter Textstellen dargestellt und
  4. in der abschließenden Beantwortung der Forschungsfragen einem weiteren analytischen Abstraktionsschritt unterworfen wurden.

In Kapitel 6 (S. 171-227) werden die so gewonnenen Ergebnisse dargestellt und mit zum Teil ausführlichen Textauszügen illustriert.

Die Bedeutsamkeit der Interessenvertretungen stellt sich in vier Dimensionen dar:

  1. Individuenbezogene Dimension: Mitglieder von Räten erfahren Wertschätzung und halten auch ihre individuellen Entwicklungsmöglichkeiten für wichtig. Öffentlich sichtbare und positiv bewertete Tätigkeiten (Halten von Reden, Moderation von Sitzungen) erlauben neue Erfahrungen in sonst nicht zugänglichen Zusammenhängen.
  2. Interaktionsbezogene Dimension: Die Mitgliedschaft in Räten eröffnet die Chance auf mehr und andere soziale Kontakte als sonst möglich, auf kommunikativen Erfahrungsaustausch in der Gruppe und die „Möglichkeit, selbst Unterstützung und Beratung zu leisten“. Die Rolle des Ratsmitglieds wird „mit einem legitimierten Expertenstatus gleichgesetzt“ (S. 197).
  3. Einrichtungsbezogene Dimension: Ratsmitglieder repräsentieren die Einrichtung auch nach außen und spielen im Binnenverhältnis eine vermittelnde Rolle zwischen der Leitung/dem Personal und den Bewohnern/Werkstattmitarbeitern mit Behinderung. Ihr Status hat sich vom Nutzer zum Interessenvertreter verändert, was auch mit der Übernahme von Verantwortung gekoppelt ist.
  4. Behindertenpolitische Dimension: Diese Dimension zeigt mögliche Ausweitungen der Interessenvertretung auf den öffentlichen Bereich über die Einrichtung hinaus, z. B. auf Barrierefreiheit im Stadtteil, Fahrplangestaltung des ÖPNV usw.

Dimensionenübergreifend „werden Entwicklungsprozesse beschrieben, bei denen einzelne Dimensionen erst im Verlauf der Interessenvertretungstätigkeit an Gewicht gewinnen und sich Prioritäten verschieben“ (S. 197 f.).

Weiterhin zeigten sich regelrechte Muster des Zugangs zu Interessenvertretungen:

  • Muster der Reaktion: Reaktiv handelt ein möglicher Kandidat, wenn seine Kandidatur auf einen Impuls aus seinem Umfeld zurückgeht, von einer Person und verbal übermittelt. Ihm wird so von einer bereits bekannten Person, mit der er in direktem Kontakt steht, eine konkrete Möglichkeit der Beteiligung eröffnet, auf die er reagiert. Häufig sind es pädagogische Mitarbeiter in den Wohngruppen oder Gruppenleiter der WfbM, die solche Impulse geben. Impulsgeber gehen dabei von einer angenommenen „Eignung“ des möglichen Kandidaten aus, wobei offen bleibt, nach welchen Kriterien diese Eignung beurteilt wird. Auf einen Anstoß anderer zu reagieren scheint die häufigste Form des Zugangs zu einer Interessenvertretung zu sein.
  • Muster der Proaktivität: Proaktivität beruht auf eigener Initiative, auf dem eigenen Interesse und auf bereits vorhandenen Informationen über die Möglichkeiten des Arbeitens in einer Interessenvertretung. Von Vorteil ist es, wenn Protokolle der Ratssitzungen zur Verfügung stehen. Förderlich ist auch die eigene Einschätzung, die anstehenden Aufgaben bewältigen zu können.
  • Muster der Kontinuität: Kontinuität betrifft nicht die erstmalige Mitgliedschaft in einer Interessenvertreten, sondern nachfolgende Wahlperioden. „Ist der erste Zugang vollzogen, so scheint es in der Folge leichter, erneut aktiv zu werden“ (S. 215). Wer einmal Mitglied war, wird dann eher wiedergewählt, wenn er seinen Wählern nicht unangenehm aufgefallen ist, vor allem, wenn es an weiteren Bewerbern fehlt. Gründe gegen eine erneute Kandidatur werden (S. 216 f.) ebenfalls erörtert.
  • Muster der Expansion: Expansion meint, dass ein Mitglied eines Gremiums durch seine Beteiligung weitere Möglichkeiten des Engagements gewinnen und in weitere Gremien, Ausschüsse, Repräsentanzen gewählt oder delegiert werden kann; ein Amt zieht dann das andere nach sich. Mit dieser Ausweitung des Engagements nehmen auch die Möglichkeiten der Partizipation zu.

Wesentlichen Einfluss auf ein Engagement in einer Interessenvertretung scheint das pädagogische Personal zu haben mit seinen einem Kandidaten zugeschriebenen Erwartungen und Kompetenzeinschätzungen. Benachteiligt sind dann diejenigen, die keinen oder nur wenig Kontakt zum Personal haben oder denen eine Eignung nicht zugeschrieben wird. Neben dem Einfluss der sozialen Umgebung bereits im Vorfeld einer Wahl scheint auch von Bedeutung zu sein, „wie die Arbeit der Interessenvertretung im Einrichtungsalltag verankert ist“ (S. 223). Es hängt also von den konkreten Möglichkeiten vor Ort ab, ob sich ein behinderter Mensch in einem Interessenvertretungsgremium engagiert, ob für ihn „Dimensionen subjektiver Bedeutsamkeit entstehen und damit Aneignungs- und Entwicklungsprozesse möglich werden“ (S. 224). Wesentlich ist es das soziale Umfeld, welches solche Chancen eröffnet.

In Kapitel 7 (S. 229-239) werden diese Ergebnisse noch einmal kurz zusammengefasst und an die theoretischen Erörterungen rückgekoppelt. Erwartungen Dritter können Zugänge zur Mitgliedschaft in Gremien generieren wie auch verwehren. Damit wird der Versuch einer subjektorientierten Förderung partizipativer Kompetenzen und der Ausweitung partizipativer Handlungsspielräume durch die grundsätzliche Abhängigkeit behinderter Menschen begrenzt. Der Forschung stellt sich die Aufgabe, Strukturmerkmale und Einflussfaktoren auch außerhalb der Einrichtungen zu untersuchen, auch unter machttheoretischen Aspekten, die Thematik der sozialen Wertschätzung unter anerkennungstheoretischer Perspektive, die lebensweltliche Verankerung von Selbstvertretungsgremien und schließlich die Entwicklungsverläufe vom Erstzugang zu einem Gremium bis zur Zuschreibung der vollen Kompetenz. Offen ist auch die Frage der Selbstvertretung von Menschen mit schwersten und komplexen Beeinträchtigungen. Für die behindertenpädagogische Praxis leitet die Autorin Forderungen ab hinsichtlich (1) einer weiteren Demokratisierung von Strukturen der Behindertenhilfe, der Vermehrung der Möglichkeiten zur Partizipation und der Einführung basisdemokratischer Elemente in größerer Breite, (2) der Verbesserung der Unterstützung der Einzelnen bereits zur Förderung der subjektiven Bereitschaft zur Mitarbeit in einem Gremium, (3) der stärkeren Verankerung von Selbstvertretungsmöglichkeiten in der Lebenswelt Behinderter, da „sich erst durch das Erfahren von Partizipation eine subjektive Bedeutsamkeit derselben herausbilden kann“ (S. 238) und (4) der Hinweis, dass für die Ermöglichung von Partizipation das Handeln und die Haltung der pädagogischen Mitarbeiter und sonstigen Fach- und Leitungskräfte zentral ist.

Diskussion

Der Rezensent hat selbst 20 Jahre lang in einem Zentrum für Kinder, Jugendliche und Erwachsene vornehmlich mit geistiger Behinderung gearbeitet, mit Frühförderung, Sonderkindergarten, Förderschule, Tagesstätte, Werkstätten, Wohnheimen, Apartmenthaus und kleineren Wohnhäusern. Die damaligen, noch nicht theoretisch reflektierten praktischen Erfahrungen werden durch die Arbeit von Meike Nieß bestätigt und theoretisch solide untermauert. Die Theorie-Kapitel zu Interessenvertretungen, Teilhabe und Partizipation, zum handlungstheoretischen Zugang wie zur methodischen Anlage und Auswertung der vorliegenden Forschungsarbeit lassen sich auch einzeln als Einführungen und Übersichten zu den jeweiligen Themen lesen. Insoweit reicht vorliegendes Buch weit über die Selbstbestimmungs-Praxis hinaus.

Der praktische Ertrag der Nieß´schen Arbeit bestätigt wiederum uraltes pädagogisches Wissen: Wer will, dass Menschen etwas tun können, muss sie verlocken, dies zu lernen, muss ihnen auch Gelegenheit zum Lernen geben. Wer will, dass behinderte Menschen über sich und ihr Leben selbst bestimmen können, muss ihnen Möglichkeiten zur Selbstbestimmung anbieten. Dies ist Aufgabe der Erzieher, Lehrer, Betreuer, Gruppenleiter, Einrichtungsleiter, denen eine breitere Ausarbeitung der praktischen Hinweise in Kapitel 7 eine Hilfe sein könnte (Dies als Anregung an die Autorin!).

Kritisch empfindet der Rezensent die Verwendung des Begriffs „Menschen mit Lernschwierigkeiten“. Dies ist kein wissenschaftlicher Begriff, sondern Ausdruck der Höflichkeit und der Vermeidung von Betroffenen als diskriminierend empfundener Bezeichnungen. Wirklich ärgerlich empfindet er lediglich die unrunde Gestaltung des Preises, die Assoziationen zu Marktschreiereien erzeugt. Es hat sich wohl noch nicht überall herumgesprochen, dass glatte Preise besser „rüberkommen“.

Fazit

Selbstbestimmung und Vertretung der Interessen Behinderter werden theoretisch abgeklärt und mittels Leitfadeninterviews an der Realität gemessen. Wer Behinderte nicht in unkritischer Abhängigkeit von ihren Betreuern und Einrichtungen halten will, findet in diesem Buch viele Informationen, die zu vermehrter Selbstbestimmung und zu verbesserter Interessenvertretung verhelfen können. Unbedingt lesenswert.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Jürgen Pitsch
Sonderschulrektor i. R., bis 2008 Université du Luxembourg
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Pitsch. Rezension vom 17.10.2016 zu: Meike Nieß: Partizipation aus Subjektperspektive. Zur Bedeutung von Interessenvertretung für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-14013-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20961.php, Datum des Zugriffs 22.03.2019.


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ISSN 2190-9245

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