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Astrid Kaiser: Reiseführer für die Unikarriere

Cover Astrid Kaiser: Reiseführer für die Unikarriere. Zwischen Schlangengrube und Wissenschaftsoase. UTB (Stuttgart) 2015. 150 Seiten. ISBN 978-3-8252-4453-8. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 21,40 sFr.
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Ein Reiseführer zum Überwinden von Widrigkeiten

„Reiseführer“ sind Mittel, um sich in unbekanntem Gelände und Landschaften zurecht zu finden. Sie vermitteln Informationen, Tipps und Anregungen, die es ermöglichen und vereinfachen sollen, sich nicht zu verirren, falsche Wege zu gehen, unangemessene Entscheidungen zu treffen und – wenn der Reiseführer gut gemacht ist und keine Rezepte vermittelt – sich nicht in Fallstricken zu verfangen und in Fettnäpfchen zu treten. Eine solche Literatur ist hilfreich, und man nimmt sie meist zur Hand, wenn eine Reise ins eher Unbekannte ansteht; und man legt den Reiseführer zur Seite, wenn das Vorhaben zu Ende ist.

Ein solcher Reiseführer steht hier nicht zur Debatte! Es geht vielmehr darum, Ratschläge, Erfahrungen und Nachdenkenswertes an „Berufsstarter“ zu vermitteln; an diejenigen nämlich, die sich anschicken oder unterwegs sind, um nach dem Studium eine berufliche Karriere an einer wissenschaftlichen Hochschule anzustreben. Man ahnt es bereits am Titel, dass sich hier jemand daran macht, um das wohlgehegte und propagierte Bild von der Institution „Wissenschaft“ auf die Waagschale von Anspruch und Wirklichkeit zu legen. Die em. Erziehungswissenschaftlerin und Didaktikerin von der Universität Oldenburg, Astrid Kaiser, will mit ihrer Arbeit auf Schlaglöcher, Baustellen, ja sogar „Schlangengruben“ aufmerksam machen, um das Bild von der rettenden „Oase“ zu relativieren. Dabei geht es ihr nicht um Wissenschaftskritik im Sinne einer Standortbestimmung und Nachfrage, ob der Anspruch, dass Wissenschaft Wissen schafft, tatsächlich erfüllt wird (vgl. dazu z. B.: Rudolf Stichweh, Wissenschaft, Universität, Professionen. Soziologische Analysen, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15143.php), auch nicht darum, das „Elend der Universitäten“ zu beklagen (Jens Sambale / Volker Eick / Heike Walkenhorst, Hrsg., Das Elend der Universitäten. Neoliberalisierung deutscher Hochschulpolitik, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6833.php), auch nicht in erster Linie darum, Konzepte für eine „neue Universität“ vorzulegen (Yehuda Elkana / Hannes Klöpper, Die Universitäten im 21. Jahrhundert. Für eine neue Ethik von Lehre, Forschung und Gesellschaft, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/11785.php). Es wird vielmehr ihr Bedürfnis erkennbar, ihre Jahrzehnte langen Erfahrungen bei der Beratung und Betreuung von Studierenden, ihr Wissen und ihre Kompetenzen in der Theorie und Praxis des Lehrens und Lernens an der Universität weiter zu geben. Es braucht keiner besonderen Betonung, dass dieses Vorhaben weder vom Katheder aus gelingen kann, nicht als Ordre Mufti zu präsentieren ist und auch nicht als Rezeptologie daher kommen darf. Vielmehr sind es Anregungen zum eigenen Nachdenken und Reflektieren für „Newcomer“, im vermeintlichen und nicht selten tatsächlichen Dschungel des universitären Betriebs, der gewachsenen und gewohnten Regeln der Institution sich nicht in Fallstricken zu verfangen, und eben nicht in „Schlangengruben“ zu stürzen. Es geht der Autorin darum, „den Reisenden in der Institution Universität zu helfen, voranzukommen und sich nicht in ihr zu verlaufen oder gar zu verheddern“. Dass dafür nicht nur Warnungen ausgesprochen werden müssen, sondern auch und vor allem die Sehenswürdigkeiten aufzuzeigen sind, ist selbstverständlich. Denn es geht natürlich beim „Reiseführer“ nicht darum, den hoffnungsvoll auf den Weg in die Unikarriere befindlichen Newcomern die Strecke zu vermiesen, sondern darum, den Reisenden in das Land Academia Anregungen zu geben, sich mit Wissen und Fertigkeiten in der professionellen, wissenschaftlichen Welt zurecht zu finden und erfolgreich zu behaupten.

Aufbau und Inhalt

Astrid Kaiser gliedert ihren „Reiseführer“ in 14 Kapitel und schließt ihn mit dem 15. ab, in dem sie gewissermaßen den „Kaninchen“-Blick einnimmt, nämlich bei Problemen nicht wie ein Kaninchen auf die Schlange zu starren und dabei unfähig zum Reagieren zu werden, sondern die Kompetenz und Überzeugungskraft zu entwickeln, also „nicht zur Flucht vor dem universitären Konkurrenzsystem auf(zu)fordern, sondern zum Bleiben und schrittweisen Verändern“ zu ermuntern. Ein gesundes Selbstbewusstsein, die Fähigkeit zur Kooperation und die kompetente, visionäre und realistische Überzeugung von der eigenen professionellen und Forschungszielsetzung der NachwuchswissenschaftlerInnen ist dafür ein hilfreiches Rüstzeug. Die Überschriften der einzelnen Kapitel verdeutlichen die inhaltlichen Auseinandersetzungen mit der Thematik:

  1. Was ist eine Schlangengrube? Wie kommt man zur Oase?
  2. Wie erreiche ich Academia, ohne in eine Schlangengrube zu fallen?
  3. Was muss ich mitbringen?
  4. Wie wurden Universitäten zu Orten mit Schlangengruben?
  5. Was wächst, blüht und gedeiht in Universitäten?
  6. Sitten und Gebräuche im Volk der Wissenschaftler
  7. Essen und Trinken
  8. „Must-go-Areas“
  9. Insidertipps
  10. „No-go-Areas“
  11. Wo kann ich wohnen? Wo sollte ich mich zeigen und aufhalten?
  12. Woher bekomme ich Hilfe?
  13. Sprachführer
  14. Bloß nicht!

Es sind Ratschläge, die nicht mit dem erhobenen pädagogischen Zeigefinger daher kommen, sondern gewissermaßen aus dem Erfahrungsschatz einer Wissenschaftlerin, die auf ihrem Weg zur Uni-Karriere oft genug am Rande von Schlangengruben stand, Um- und Irrwege ging, um schließlich im Jahrzehnte langem, zielorientiertem Gehen lernen und lehren konnte. Dass die dabei entwickelten und weiter gegebenen Strategien nicht als Rezepte und Must übernommen werden können, liegt auf der Hand; sie können aber dazu beitragen, den JungakademikerInnen Ansatzpunkte und Anregungen für eigenes Denken und Handeln anbieten. Lernende, das ist eine alltägliche Erfahrung, befinden sich auf ihrem Weg vom Wissenserwerb zum Wissenden immer in dem Dilemma zwischen Anpassung und Widerstand, Lehrlings- und Meistergefühlen, Selbständigkeit und Abhängigkeit. Die eigenen Gefühle und Erwartungshaltungen beim Lernen changieren nicht selten zwischen (bewusstem oder überzogenem) Egoismus und (überzeugtem) Selbstbewusstsein. Da sind Haltungs- und Handlungsstrategien gefragt, um im universitären System nicht als Beckmesser, Geltungssüchtiger oder Blender notiert zu werden; oder sich gar als Einzelkämpfer durchzuschlagen. Wie bei allen Lern- und Entwicklungsprozessen kommt es darauf an, nach Gleichgesinnten Ausschau zu halten, Netzwerke aufzubauen und sich in ihnen gleichberechtigt zu bewegen, gleichzeitig aber auch Kontroversen nicht zu scheuen, sondern an ihnen, im Dialog, zu wachsen. Eine Botschaft in diesem Gewirr von Gebots- und Verbotsschildern, von holperigen, schwierig und gestrüppreich zu begehenden Pfaden und ausgewiesenen, asphaltierten oder gepflasterten Straßen und One-Direction-Autobahnen nimmt de Autorin aus dem internationalen und interkulturellen Diskurs zur Schaffung von Gerechtigkeit: Hilfe zur Selbsthilfe! Dabei ist hilfreich, nicht nur die Zeilen lesen zu lernen, nicht nur das Bemühen, Wissenschaftssprache zu lernen und zu übersetzen, sondern eben auch zwischen den Zeilen lesen zu lernen. Und schließlich: Weil Fettnäpfchen überall herum stehen, kommt es darauf an, sich beim eigenen Handeln sich auch der Befindlichkeiten der anderen Beteiligten in der Institution bewusst zu sein und Empathie zu leben!

Fazit

Mit den beiden Extremorten „Schlangengrube“ und „Oase“ will die Autorin Situationen beschreiben, die sich im Uni-Betrieb ereignen können. Weil Imponderabilien und Probleme oftmals erst dann sichtbar und wahrnehmbar werden, wenn man die Fallen, Fallstricke wie auch die positiven Situationen als extreme Probleme aufzeigt oder Ereignisse überzeichnet, benutzt sie bei ihren Schilderungen auch karikierende Darstellungen, die beim Leser nicht selten ein Schmunzeln, Kopfschütteln oder Aha-Erlebnis erzeugen. Man kann das Gefahrenfeld „Schlangengrube“ und den utopischen Ort „Oase“ auch umdrehen und deutlich machen, dass sich Menschen auch im kuscheligen Wohnzimmer geborgen wie allein fühlen können. So gelesen kann der „Reiseführer für die Unikarriere“ ein gutes, praktizierbares Hilfsmittel sein, wenn sich Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler auf ihre eigenen Wege machen, um hoffentlich individuell befriedigend und gesellschaftlich nutzbringend professionell wirken zu können.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.07.2016 zu: Astrid Kaiser: Reiseführer für die Unikarriere. Zwischen Schlangengrube und Wissenschaftsoase. UTB (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-8252-4453-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20963.php, Datum des Zugriffs 23.04.2018.


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