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Katja Mackowiak, Satyam Antonio Schramm u.a. (Hrsg.): ADHS und Schule

Cover Katja Mackowiak, Satyam Antonio Schramm, Norbert Grewe, Herbert Scheithauer, Wilfried Schubarth (Hrsg.): ADHS und Schule. Grundlagen, Unterrichtsgestaltung, Kooperation und Intervention. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 194 Seiten. ISBN 978-3-17-029994-8. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 32,20 sFr.
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Thema

Das Thema ADHS wird sowohl im psychologischen als auch im pädagogischen Kontext seit Jahren heiß diskutiert. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama thematisiert 2002 in seinem Buch „Our Posthuman Future“ die Möglichkeit, dass es sich bei ADHS primär um die gesunde Reaktion von Heranwachsenden auf eine unmenschlich gewordene Gesellschaft handelt. Christoph Türcke interpretiert in „Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur“ die ADHS kulturphilosophisch als antrainierte Unaufmerksamkeit. Solche Auffassungen stehen – zumindest zum Teil – im Widerspruch zur Mainstream-Position, die sich auf wissenschaftliche Evidenz zu berufen verstehen und entsprechende empirische Forschungsergebnisse vorzulegen weiß. Der vorliegende Band ist der letztgenannten Position zuzuordnen.

Herausgeber

Katja Mackowiak ist Professorin für Sonderpädagogische Psychologie an der Leibnitz-Universität Hannover. Satyam Antonio Schramm ist Vertretungsprofessor für Inklusionspädagogik an der Universität Potsdam.

Aufbau

Das Buch „ADHS und Schule“ ist in drei Teile gegliedert:

  1. Grundlagen,
  2. Unterrichtsgestaltung und
  3. Kooperation und Intervention.

Insgesamt gibt es sieben Beiträge, von denen im Folgenden auf einzelne exemplarisch näher eingegangen wird.

Zum ersten Teil

Der erste Teil befasst sich mit den Grundlagen der ADHS und besteht aus zwei Aufsätzen aus der Feder von Satyam Antonio Schramm.

In „Störungsbild ADHS“ werden die Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität & Impulsivität skizziert. Mit Blick auf die beiden Klassifikationssysteme DSM-V und ICD-10 arbeitet Schramm die Unterschiede in den Klassifikationen heraus und unterstreicht, dass ausgehend vom jeweiligen Klassifikationssystem unterschiedliche Diagnosen gestellt werden können (vgl. S. 21ff.). Interessant ist im Hinblick darauf der Aspekt der Komorbidität, die sich mit Blick auf genuin pädagogische Bereiche in Form von Lernstörungen in den Feldern Lese- und Rechtschreibung und Dyskalkulie äußern kann. Schramm geht überdies auf mögliche Entstehungsfaktoren der ADHS ein und unterstreicht, dass diese vor allem im Genetischen liegen bzw. in Störungen wurzeln, die während und nach der Geburt vermutet werden. Psychosoziale Faktoren unterstützen indessen die Ausprägung der ADHS. (vgl. S. 28ff.).

Zum zweiten Teil

Im zweiten Teil geht es um das Thema Unterrichtsgestaltung.

Katja Mackowiak und Christine Beckerle betonen in ihrem Beitrag „Unterstützung des Lernprozesses im Kontext von ADHS“, dass es derzeit in der Literatur kaum methodisch-didaktische Interventionen zu finden gibt, die insbesondere Kinder und Jugendliche mit ADHS berücksichtigen. Die wenigen vorhandenen Interventionen sind zudem kaum evaluiert (vgl. S. 70f.). Die Autorinnen versuchen mit ihrem Beitrag diese Lücke ein stückweit zu füllen und arbeiten allgemeine Unterrichtsprinzipien unter besonderer Berücksichtigung von ADHS-betroffenen Heranwachsenden heraus. Dabei wird deutlich, dass das im pädagogischen Kontext breit diskutierte selbstgesteuerte Lernen eine spezifische Bedeutung insbesondere für eben diese Heranwachsenden hat: „Kinder und Jugendliche mit ADHS zeigen häufig Probleme im selbstregulierten Lernen. Vor allem bei Aufgaben und Tätigkeiten, die nicht selbst gewählt und wenig ansprechend sind […]. [.] Umso wichtiger ist [es] gerade für diese Schüler/innen, Möglichkeiten der Selbststeuerung zu entwickeln, weil genau dies ihr Kernproblem […] ist.“ (S. 78f.).

Zum dritten Teil

Der dritte Teil des Bandes macht die Aspekte Kooperation und Intervention zum Gegenstand der Betrachtung.

Katja Mackowiak apostrophiert in „Zusammenarbeit mit Eltern von Kindern und Jugendlichen mit ADHS“ spezifische Kriterien, die sich für eine gute, gelingende Zusammenarbeit als erforderlich erweisen. Diese beziehen sich vor allem auf die Prozessqualität und äußern sich im Aufbau von gegenseitigem Vertrauen, im gegenseitigen Informationsaustausch und in der Koordination pädagogischer Maßnahmen (vgl. S. 135). Mackowiak führt dabei auch handfeste Informationen und Hilfestellungen beispielsweise mit Blick auf eine erfolgreiche Hausaufgabenbearbeitung ins Feld.

Die Autoren Satyam Antonio Schramm und Jonas Dahloff greifen abschließend in „Therapeutische Angebote bei ADHS“ u.a. das für viele Betroffene heikle Thema der Medikation auf und gehen hierbei nicht zuletzt auch auf die rechtlichen Rahmenbedingungen ein (vgl. S. 169ff.).

Diskussion und Fazit

Das vorliegende Buch richtet sich in erster Linie an Lehrerinnen und Lehrer, gleichsam an Eltern, deren Kinder mit dem Thema ADHS assoziiert sind. Die Autoren vertreten allesamt eine derzeit vorherrschende wissenschaftliche Mainstream-Position mit Blick auf das nicht unumstrittene Thema ADHS. Es gibt zweifellos gute Gründe, eine solche Position zu vertreten. Vorteil und Wert sämtlicher im Band enthaltenen Beiträge bestehen darin, dass in einer angenehmen, gut nachvollziehbaren Sprache der aktuelle Stand der evidenzbasierten empirischen Forschung zum Thema ADHS mit Blick auf unterschiedliche, aber allesamt pädagogisch relevante Bereiche nachgezeichnet wird. Diejenigen, die mit Blick auf Grundlagen, praktische Unterrichtsgestaltung, Interventionen und Kooperationen einführende und teils auch vertiefende Informationen wünschen, sind mit der Lektüre des Buches gut beraten. Insofern hält das Buch, was der Titel verspricht und kann guten Gewissens Lehrer/innen und Eltern empfohlen werden. Diejenigen, die eine kritische und differenziertere Position zum Thema ADHS wünschen, sollten das Buch als eine von mehreren Seiten der Thematik betrachten.


Rezensent
Dr. Thomas Damberger
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Zitiervorschlag
Thomas Damberger. Rezension vom 28.09.2016 zu: Katja Mackowiak, Satyam Antonio Schramm, Norbert Grewe, Herbert Scheithauer, Wilfried Schubarth (Hrsg.): ADHS und Schule. Grundlagen, Unterrichtsgestaltung, Kooperation und Intervention. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-029994-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20972.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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