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Bernd Ahrbeck, Stephan Ellinger u.a.: Evidenzbasierte Pädagogik. Sonderpädagogische Einwände

Cover Bernd Ahrbeck, Stephan Ellinger, Oliver Hechler, Katja Koch, Gerhard Schad: Evidenzbasierte Pädagogik. Sonderpädagogische Einwände. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2016. 130 Seiten. ISBN 978-3-17-030778-0. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Thematik der Evidenzbasierung ist aktueller denn je. Die Buchpublikation lief dem Artikel von Katja Koch und Stephan Ellinger „Förderung sozial benachteiligter Kinder durch Förderung mathematischer Vorläuferkompetenzen – Evaluation des Programms `Kuno bleibt am Ball` (KUBA)“ voraus, der im November 2016 in der „Zeitschrift für Heilpädagogik“ erschien und seitdem für Diskussionen v.a. innerhalb der Sonderpädagogik sorgt. Sofort nach Erscheinen des Artikels in der Zeitschrift für Heilpädagogik haben die Autorin und der Autor diesen selbst als Fake entlarvt. Die „Exemplifizierung“ jedoch, ist gegenwärtig auf der Homepage des Verbandes (www.verband-sonderpaedagogik.de) unter der Rubrik „Aktuelles VDS“ nachzulesen. Im Heft 1/2017 der Zeitschrift für Heilpädagogik liegt eine Stellungnahme von der Schriftleitung dieser bzw. des gesamten Bundesvorstandes vor (vgl. Ehlers, Angela: Sonderpädagogische Wissenschaft – quo vadis? Perspektiven eines sonderpädagogischen Diskurses. In: ZfH 1/2017, 4-11), welcher mit „Zwölf Leitlinien für eine ethische Grundlegung der sonderpädagogischen Wissenschaft“ (10f.) schließt.

Mit dem in der Zeitschrift für Heilpädagogik erschienenen Artikel und der „Exemplifizierung“ stellen sich die o.g. Autorin und der Autor kritisch, offen und entschieden den auf Evidenzbasierung orientierten Entwicklungen in der (Sonder-)Pädagogik entgegen. Eine ernsthafte Debatte im Fach ist vonnöten. Ob es zu dieser kommen wird, bleibt abzuwarten. Festzuhalten ist jedoch, die Thematik beschäftigt Katja Koch und Stephan Ellinger schon länger, wie die hier vorliegende Buchpublikation gemeinsam mit Bernd Ahrbeck, Oliver Hechler und Gerhard Schad zeigt. Das Anliegen der AutorInnen des Buches ist es, die Etablierung der Evidenzbasierung in Theorie und Praxis der Pädagogik und Sonderpädagogik und deren Einfluss zu untersuchen. Dabei wird der Begriff der Evidenzbasierung hinterfragt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst neben der Einleitung fünf Beiträge der HerausgeberInnen.

Katja Koch, Universität Rostock, stellt in ihrem einleitenden Artikel die Genese der auf Evidenz ausgerichteten Pädagogik dar, diskutiert das Verhältnis zwischen Forschung, Praxis und Politik und nimmt den Diskurs in der Sonderpädagogik auf. Die vorliegende detaillierte Analyse von Katja Koch stellt kritisch-reflektierend v.a. die Veränderungen in der Sonderpädagogik dar, demnach reicht das Spektrum: von auf Quantitäten ausgerichtete Forschung, deren Ergebnisse „Herrschaftswissen“ (mit Verweis auf Fingerle 2007) darstellen; über die inhaltliche Reduzierung in der LehrerInnenbildung auf pragmatisch Relevantes bis dahin, dass die Einwerbung von Drittmitteln dann besonders erfolgreich ist, wenn die Aussicht besteht, durch diese „Steuerungswissen“ auf der Basis evidenzbasierter Studien zu produzieren. Im Anschluss an die dargestellten einseitigen Entwicklungen formuliert die Autorin Anfragen an das Verhältnis Forschung und Politik bzw. Forschung und Praxis. In ihrer Schlussbetrachtung verweist sie auf die nicht zu unterschätzenden Zusammenhänge von Politik, Forschung, pädagogischer Praxis und auf die Gefahr, durch totale Evidenzbasierung u.a. zur Ent-Pädagogisierung beizutragen. Insbesondere und mit Vehemenz richtet die Autorin den Blick auf aktuelle Entwicklungen im Kontext von Inklusion, so darauf, dass darüber zunehmend die Sonderpädagogik bzw. die Frage den Personenkreises, der unter den Bedingungen von Behinderung lebenden Kinder und Jugendlichen, in das Licht der Öffentlichkeit gerückt ist und durch einseitige Ausrichtungen auf Evidenzforschung und Evidenzpädagogik dem Fach in seiner Tragweite nicht entsprochen wird. Die Autorin fragt auch nach dem „Kern der pädagogischen Profession“ (36), den sie schließlich als „Fähigkeit zur kritischen Reflexion“ herausstellt. Die Fähigkeit zur kritischen Reflexion erfordert viel mehr als Methoden, Materialien und Konzepte zur Verfügung zu haben, die als evident, effektiv und ökonomisch gelten.

Oliver Hechler, Universität Würzburg, setzt sich grundsätzlich und übergreifend mit dem Mensch-Sein, der Pädagogik als Wissenschaft, der Kunst der Erziehung, dem pädagogischen Handeln und Verstehen u.a.m. auseinander. Er stellt die Diskrepanz zwischen Evidenzbasierung und Pädagogik heraus und bewertet die auf Evidenz ausgerichtete Pädagogik als „Fluch“ und „Segen“ zugleich (80).

Bernd Ahrbeck, Humboldt-Universität Berlin, stellt ADHS und das damit vielfach präferierte „multimodale Modell“ dar, wobei die davon abgeleitete „mutimodale Therapie“ sich auf evidenzbasierte Untersuchungen stützt und damit als besonders wirksam und effektiv gilt. Auf der Basis verschiedener Untersuchungen und eines Überblicks der Literatur zur Thematik ADHS wird die Effektivität und Evidenz der in den Fokus gerückten Therapie kritisch betrachtet.

Stephan Ellinger, Universität Würzburg, fokussiert die These, dass „suboptimale Entwicklungen an den Universitäten Deutschlands in Verbindung mit dem Umbau zum inklusiven Schulsystem zur Dominanz der sogenannten Evidenzbasierten Pädagogik“ führt. Er stellt das Verhältnis von Ökonomisierung und universitärer Pädagogik heraus. Kritisch merkt er bezüglich der LehrerInnenbildung an, dass diese verschult, pragmatisch ausgerichtet ist und die Ökonomisierung maßgeblich die Arbeit an Universitäten und Schulen bestimmt.

Der Beitrag am Ende des Buches von Gerhard Schad, Universität Würzburg ist mit „Miniaturen“ überschrieben und erhebt den Anspruch die anderen Artikel zu ergänzen und zu erweitern, indem übergreifende Zusammenhänge dargestellt werden, die die „menschliche Praxis überhaupt“ (130) tangieren. Es werden Denkanstöße formuliert, die sich beziehen auf die „leichtfertige Reduktion von Komplexität“ (131ff.9, die „sensiblen Märkte“, 133f.), den Begriff des „Wertes“ (134f.), „die Zahl – konsequenteste Form quantitativer Verdichtung“ (136f.), „die Begriffe und ihre Verdichtungen: Festschreibungen“ (137f.); „bedrohlich: die Unwägbarkeit, das Unbestimmte, das Überraschende, das Spielerische“ (138ff.) und „Erziehung?“ (140ff.). In der zuletzt aufgeführten Miniatur greift der Autor die Begrenztheit evidenzbasierter Pädagogik und Forschung im Kontext von Erziehung mit deren anspruchsvollen Zielen auf.

Diskussion

In der Gesamtbetrachtung zeigt sich, dass sich die Beiträge der Buchpublikation grundsätzlich mit Entwicklungen und Schwerpunktsetzungen in der Pädagogik und der Sonderpädagogik befassen, die auf Evidenzbasierung ausgerichtet sind. Letztere ist mit dem Anspruch der Effektivität und Wirksamkeit verbunden und verspricht Steuerung und Wirkmächtigkeit. Das steht dem Kern von Pädagogik grundsätzlich entgegen, da darüber der heranwachsende Mensch in seiner Komplexität und Einmaligkeit aus dem Blick geraten kann. Darüber hinaus hat die Pädagogik die Aufgabe, theoretisch begründete Modelle, Konzepte und Ideen zu entwickeln. Unter Berücksichtigung humanwissenschaftlicher Diskurse und ethisch verantwortbar sind im Kern Bildung und Erziehung die tragenden Säulen von Pädagogik. Hinter der durch Evidenzbasierung angezielten Standardisierung und Reduzierung auf pragmatische Konzepte und Programme mit schnellen zum Vergleich geeigneten Ergebnissen, wird den Menschen in ihrer Verschiedenheit, mit ihren je differenten Ausgangs- und Umfeldbedingungen nicht entsprochen.

Fazit

Die Buchpublikation zeigt sowohl die Notwendigkeit empirischer Forschung in der Pädagogik, resp. Sonderpädagogik auf, als auch die aktuellen auf Evidenz orientierten Entwicklungen, deren Gefahren und Folgen. Die Verquickung von Pädagogik/Sonderpädagogik und Ökonomisierung hat Folgen für die Pädagogik als Wissenschaft, für das pädagogische Handeln, die Bildungspolitik und deren Bestreben, die Ergebnisse evidenzbasierter Forschung zu verwerten. Über diese einseitige Ausrichtung droht die theoretische Debatte aus der Pädagogik zu verschwinden. Wissenschaftliche Diskurse werden erst durch verschiedene Positionen sinnvoll möglich.

Empfohlen wird das Buch all denen, die sich mit den aktuellen Entwicklungen in der Pädagogik auseinandersetzen; die eingeführt werden wollen in die Thematik und die beabsichtigen, eine Debatte über die Ausrichtung, die Entwicklung und den Kern der Pädagogik, resp. Erziehungs- und Bildungswissenschaft zu führen.


Rezensentin
Prof. Dr. Kerstin Ziemen
Universität Köln
Pädagogik und Didaktik bei Menschen mit geistiger Behinderung
Homepage www.competens.de
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Zitiervorschlag
Kerstin Ziemen. Rezension vom 01.02.2017 zu: Bernd Ahrbeck, Stephan Ellinger, Oliver Hechler, Katja Koch, Gerhard Schad: Evidenzbasierte Pädagogik. Sonderpädagogische Einwände. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-030778-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20975.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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