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Annette Just: Beratung in der Schulsozialarbeit

Cover Annette Just: Beratung in der Schulsozialarbeit. Eine kritisch-konstruktive Analyse. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. 405 Seiten. ISBN 978-3-8309-3454-7. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.
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Thema

Die vorliegende Publikation soll dazu beitragen, die Schulsozialarbeit durch fundiertes Wissen zu stärken, um ihre Position zwischen den beiden staatlichen Systemen Jugendhilfe und Schule zu festigen und an Kooperation und Beratung spezifisch auszurichten. Insofern erhebt sie den Anspruch an einen weit gefächerten Beitrag auf dem Weg zur Professionalisierung der Schulsozialarbeit (S. 10).

Autorin

Die Autorin des Fachbuches ist Dr. Annette Just, Diplom-Pädagogin sowie Kinder-und Jugend- Therapeutin aus Berlin.

Aufbau und Einleitung

Das Buch ist nach einer Einleitung in 13 Kapitel unterschiedlicher Länge gegliedert. Die Kapitel sind vier Teilen zugeordnet.

In der Einleitung stellt die Autorin fest, dass es der Schulsozialarbeit noch immer an einem klaren Profil und an eindeutigen Qualitätsstandards mangele. Sie stellt die These auf, die Schulsozialarbeit könne nur dann professionell gelingen, wenn konkrete Handlungsrichtlinien vorlägen und die Beratung als Kernaufgabe dieser zum Ausbildungsstand gehöre.

Zu Teil 1 „Konstruktiv-kritische Analyse“

Im ersten Teil und in dessen erstem Kapitel „Entwicklung der Schulsozialarbeit“ wird die Entwicklung letzterer aus Sicht ihrer Mutterdisziplin Soziale Arbeit herausgearbeitet und die historischen Entwicklungstrends der Schule skizziert. Die Autorin konstatiert, dass das heutige Schulwesen ähnlich wie vor hunderten von Jahren in der Abhängigkeit von politischen, finanziellen und wirtschaftlicher Interessen fachfremder Entscheider stehe (S. 27). Sie würde sich den gesellschaftspolitischen Wertvorstellungen anpassen und sich für staatliche Interessen instrumentalisieren lassen. Nicht die Schule selbst produziere schulische Probleme und damit die Notwendigkeit von Schulsozialarbeit, sondern die Bedingungen unter denen gelernt und gelehrt werde.

Das zweite Kapitel „Ausgangslage der Schulsozialarbeit“ widmet sich zunächst der Terminologie des Arbeitsfeldes und benennt deren gesetzliche Verankerung im SGB VIII in den Paragrafen 11 und 13. Es wird festgestellt, dass Begriffe, die mit Schulsozialarbeit assoziiert würden, bedeutungsähnliche und unterschiedliche Verwendungen fänden und ebenso differenzierten Adressatengruppen und Zielsetzungen zuzuordnen seien (S. 74). Die Autorin bestimmt im Rahmen ihrer bisherigen Ausführungen die Schulsozialarbeit als jenes Aufgabenfeld, das für alle Kinder, deren Eltern und Lehrer die schulsozialpädagogischen Aufgaben wahrnehme und ihre Hauptaufgabe in deren Beratung habe.

Mit „Kooperation von Jugendhilfe und Schule“ ist Kapitel drei überschrieben. Da Schulsozialarbeit und Schule historisch durch unterschiedliche Handlungsrichtungen institutionell, gesetzlich und fachlich geprägt seien, könne man sich auf ein gemeinsames Ziel einigen – das zufriedene Kind, der zufriedene Jugendliche in der Schule.

Das vierte Kapitel wird mit dem Titel „Fazit I“ ausgewiesen. Es wird herausgestellt, dass professionelle Handlungsfähigkeiten erforderlich seien, um auf einer gleichberechtigten Ebene agieren zu können (S. 98).

Zu Teil 2 „Beratungswissen und Qualifizierung“

Der zweite Teil beginnt mit dem fünften Kapitel, in dem die „Beratung als Kernaufgabe der Schulsozialarbeit“ skizziert wird. Just betont die Beratung in der Schulsozialarbeit sei die Kernaufgabe, die stärker profiliert werden müsse. Allerdings verfüge die Soziale Arbeit als Mutterdisziplin nicht über eine abgegrenzte Kompetenzdomäne und die Ausbildungsüberprüfung der Sozialarbeiter werde von anderen Professionen übernommen.

Im Kapitel sechs des zweiten Teils „Grundlagen der Beratung“ werden Begrifflichkeiten rund um die Beratung geklärt und verschiedene Konzepte dargestellt. Die Grundlagen für die Schulsozialarbeit sei die sozialpädagogische lebensweltorientierte Beratung. Die dahinter stehende Theorie der Lebenswelt nach Thiersch sei aber zu unklar und auf ihr Konzept wenig kompatibel.

Kapitel sieben ist den „Grundlagen der Beratung“ vorbehalten. Die Ausgangsfrage der Autorin ist, ob die Systemtheorie nach Luhmann Ziel einer Theoriebildung und Professionalisierung der Schulsozialarbeit sein könne. Es werden verschiedene systemische Beratungsansätze skizziert und es wird im achten Kapitel „Fazit II“ folgerichtig herausgearbeitet, die Soziale Arbeit verfüge nicht über eine eigenständige Methodik der sozialpädagogischen Beratung und die institutionellen Rahmenbedingungen nach Thiersch ließen Explorationen von Ratsuchenden häufig nicht zu (S. 167).

Zu Teil 3 „Handlungsfeld der Schulsozialarbeit“

Der dritte Teil beginnt mit Kapitel neun „Handlungswissen“. Das schulpädagogische Handlungsfeld sei das Zusammenleben in Systemen zwischen den Kooperationspartnern Jugendhilfe und Schule, die unter einem gemeinsamen Dach arbeiteten. Es werden der ethische Bezugsrahmen, das dahinter stehende Menschenbild sowie die handlungstheoretischen Grundlagen und letztlich eine Definition der systemisch orientierten Schulsozialarbeit herausgearbeitet.

Praxiswissen und inhaltliche Umsetzung“ ist der Titel des zehnten Kapitels. Anhand des transformativen Dreischritts nach Staub- Bernasconi (2007) soll der Weg vom Wissen zur Veränderung und weiter zum professionellen Handeln beschrieben werden. Interessant sind die sogenannten W-Fragen als allgemeine normative Handlungstheorie (S. 193). Es folgt die Hypothesenbildung und die Verknüpfung mit der systemischen Sichtweise. Es wird nicht klar wofür die Hypothesen gebildet werden, zumal sich die Ausführungen auf ein qualitatives Untersuchungsdesign bezieht, wo es keine vorab formulierten, aus bekannten Theorien abgeleitete Vorhersagen, die als Null- oder Alternativ-Hypothesen zur Überprüfung gelten, gibt. An einer Fallvignette wird ein Beratungsprozess in der Schule auf mehreren Ebenen nachgezeichnet.

Das Kapitel elf „Fazit III“ fasst die Ergebnisse der vorherigen Ausführungen auf einer Seite kurz zusammen. Die Schulsozialarbeit erlange mit dem geordneten Handlungswissen ein sicheres Fundament und mit dem Kooperationswissen, dem Beratungs- und Theoriewissen eine zielgerichtete Handlungsebene.

Zu Teil 4 „Erhebung, Dokumentation, Evaluation“

Ein vierter Teil wird mit Kapitel zwölf „Evaluation schulpädagogischer Beratung“ eingeleitet. Es geht hierbei um die Rahmenbedingungen für Qualität, Qualifizierung und Professionalität der Schulsozialarbeit, die anhand einer empirischen quantitativen Studie begründet und mit dem Entwurf eines Handlungsmodells auf eine wissenschaftliche Basis gestellt werden soll (S. 225ff).

Als letztes Kapitel folgt „Fazit IV“, indem resümiert wird, Schulsozialarbeit wäre dann gut, wenn die Beratung für die Nutzer einen Nutzen hätte und diese Veränderungsprozesse durchlebten. Das Anliegen dieser Arbeit hätte nicht darin bestanden, einen neuen Beratungsansatz zu begründen, sondern das systemische Denken und Handeln auf die Schulsozialarbeit zu übertragen, um ein Handlungsmodell erstellen zu können, das dringend benötigt werde.

Fazit

Mein Gesamturteil fällt eher zwiespältig aus. Es ist eine Publikation, die in sich geschlossen und stringent ist, in der äußerst gründlich recherchiert und Entwicklungstrends zwischen Jugendhilfe und Schule nachgezeichnet wurden. Am Ende dieses vom Seitenumfang doch umfangreichen Werkes dürfte sich der Leser allerdings fragen, wozu diese theoretischen Explikationen führen sollten, wenn die Schulsozialarbeit zwar wissenschaftlich durchforstet aber dennoch kein Handlungsmodell entwickelt werden konnte. Als Handlungsanleitung jedenfalls sind diese Ausführungen nicht zu gebrauchen, sie hellen wissenschaftlich die Problematik auf, führen aber doch zu keinem wirklich nutzbaren Ergebnis.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 26.09.2016 zu: Annette Just: Beratung in der Schulsozialarbeit. Eine kritisch-konstruktive Analyse. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. ISBN 978-3-8309-3454-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20980.php, Datum des Zugriffs 29.07.2017.


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