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Irina Bohn, Tina Alicke: Wie kann Integration von Flüchtlingen gelingen, damit die Stimmung nicht kippt?

Cover Irina Bohn, Tina Alicke: Wie kann Integration von Flüchtlingen gelingen, damit die Stimmung nicht kippt? Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2016. 96 Seiten. ISBN 978-3-7344-0335-4. 9,80 EUR.
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Thema

Die stärkere Zuwanderung von Flüchtlingen in den letzten Jahren in die Länder der EU und die Bundesrepublik hat verschiedene gesellschaftliche Phänomene sichtbar gemacht: Zum einen ist eine enorme und anhaltende Bereitschaft zur freiwillig-bürgerschaftlichen Unterstützung der Zugewanderten festzustellen, zum anderen haben rechtsextreme und rechtspopulistische Bewegungen und Gruppen einen deutlichen Zuwachs erfahren. Die Frage des Umgangs mit diesen Phänomenen stellt sich insofern für Politik, Zivilgesellschaft und nicht zuletzt Soziale Arbeit. Das Beratungsnetzwerk Hessen hat eine Expertise zu diesen (und weiteren) Fragen in Auftrag gegeben, um Handlungsempfehlungen für die Mobile Beratung zu erhalten. Ziel ist, angesichts der veränderten Ausgangslage „herauszuarbeiten, auf welche Maßnahmen es ankommt, um ein gesellschaftliches Klima der Offenheit und aktiven Partizipation für die Integration von Flüchtlingen aufrecht zu erhalten oder zu schaffen“ (S. 7). Ein wichtiger Ausgangspunkt ist, dass insbesondere die „bürgerliche Mitte“, d.h. diejenigen, die zwar in der aktuellen Situation Unsicherheit verspüren, „aber Flüchtlingen nicht grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen“ erreicht werden können (S. 6). Da es nun aber auch um die Integration von Geflüchteten geht, stellen sich Fragen nach der Kontinuität von Engagement, der Einbindung und Partizipation von Geflüchteten und der weiteren Gegenmaßnahmen gegen rechte und rechtspopulistische Aktivitäten.

Die Expertise basiert auf einer Aufarbeitung relevanter Literatur sowie einer leitfadengestützten Befragung von 12 Expert_innen aus Hessen aus verschiedenen öffentlichen und freien Einrichtungen (Integrationsbeauftragte, Ehrenamtskoordination, Kommunalpolitik, Polizei, Mobile Beratung).

Autorinnen und Auftraggeber_in

Irina Bohn ist Ethnologin und Politikwissenschaftlerin. Sie leitet das Geschäftsfeld „Sozialer Zusammenhalt und Beteiligung“ am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS). Tina Alicke ist Religionswissenschaftlerin und Ethnologin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am ISS.

In Auftrag gegeben wurde die Expertise vom Beratungsnetzwerk Hessen, einem Zusammenschluss unterschiedlicher Organisationen und staatlicher wie freier Einrichtungen, die in den Themenbereichen Stärkung der Demokratie, Beratung und Prävention gegen Rechtsextremismus und Salafismus sowie der Unterstützung Betroffener tätig sind.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einführung werden in einem ersten Kapitel zentrale Begriffe der Expertise erarbeitet: Willkommens- und Anerkennungskultur, Integration und Inklusion. Hier werden in knapper, aber übersichtlicher und differenzierter Form unterschiedliche Begriffsverständnisse dargelegt und vorsichtige eigene Positionierungen vorgenommen.

Im nächsten Kapitel werden „Elemente einer gelingenden Integration auf kommunaler Ebene“ aufgeführt. Dazu zählen Wohnunterbringung, Zugänge zum Arbeitsmarkt und zu Bildung. Bei allen diesen Themenbereichen wird deutlich gemacht, dass es um bewusst geplante Prozesse gehen muss, in denen die beteiligten Akteur_innen unter Einbindung der Zugewanderten vernetzt werden, d.h. dass es um ein koordiniertes Vorgehen geht. Im Einzelnen werden dann sozialräumliche Einbindung der Unterbringung, Schaffung von Zugängen zu Beschäftigungs- und Bildungsmöglichkeiten behandelt.

Bemerkenswert an dem Band ist, dass nicht nur „allgemeine“ und damit häufig in städtischen Strukturen zu findende Möglichkeiten und Probleme aufgezeigt werden, sondern ländliche Regionen und deren Voraussetzungen explizit thematisiert werden. Diesen unterschiedlichen „Potentialen und Hindernissen“ ist das 3. Kapitel gewidmet. Während in urbanen Räumen die strukturelle, technische und soziale Infrastruktur sowie Angebote und Maßnahmen besser ausgebaut bzw. vorhanden sind (S. 23) und eine höhere Diversität besteht (S. 24), weisen diese als Nachteile hohe Mieten sowie die Gefahr der Segregation auf (S. 25). Ländliche Regionen haben Vorteile durch räumliche Nähe und Überschaubarkeit, gute Chancen zur Kontaktaufnahme, Nachbarschaftshilfe und die Integration durch Vereine (S. 26), jedoch auch Nachteile durch fehlende Infrastrukturen, einen höheren sozialen Anpassungsdruck und eine latente Fremdenfeindlichkeit (S. 27). Diese Einschätzungen sind zwar nicht grundsätzlich zu kritisieren, allerdings wird hier nicht zwischen unterschiedlichen Lagen ländlicher Räume und den unterschiedlichen Interessen von Menschen differenziert.

Auf der Grundlage der Expert_inneninterviews sowie deutschlandweiten Umfragen wird im nächsten Kapitel der „Situation vor Ort“ nachgegangen. Zwar sehen die Befragten Herausforderungen für die Kommunen, gehen jedoch auch davon aus, dass diese bislang gut „gemeistert“ werden und sich keine Anzeichen dafür erkennen lassen, „dass die Stimmung in der Bevölkerung kippt“ (S. 31). Demgegenüber lassen sich in Umfragen wie dem ARD-Deutschlandtrend oder auch Erfahrungen in anderen Ländern eher Angst vor der hohen Zuwanderung und das damit verbundene Mobilisierungspotential von rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien ausmachen. Die Autorinnen vermuten hier einen zivilgesellschaftlichen Bias bei den von ihnen befragten Expert_innen, da diese „eine Nähe zur aktiven Flüchtlingshilfe“ (S. 31) und damit zu dem großen bürgerschaftlichen Engagement aus der Bevölkerung haben. Zudem schätzen die Befragten die Integrationspotentiale in ländlichen Räumen als „einfacher“ ein, was darin kulminiert, dass die „Notwendigkeit zur Erarbeitung von Integrationskonzepten für Flüchtlinge“ zwar für städtische, nicht aber für ländliche Räume attestiert wird (S. 33). Dies steht in einem seltsamen Widerspruch zu den im vorletzten Kapitel (und auch weiter unten) geäußerten Notwendigkeiten einer bewussten Planung und Koordination einerseits und zu wissenschaftlichen Untersuchungen über fehlende Integrationsstrukturen in ländlichen Regionen andererseits. Auch die befragten Expert_innen halten daneben eine frühzeitige Planung von Unterbringung und Betreuung unter Einbeziehung der Bevölkerung und zivilgesellschaftlicher Akteur_innen sowie eine dezentrale Unterbringung, eine gute Vernetzung der kommunalen Stellen mit klarer Verantwortungsübernahme sowie Fortbildungen der Mitarbeiter_innen für wichtig (S. 34-35). Hinzu kommt eine gute Koordination bürgerschaftlichen Engagements und eine angemessene Beteiligung von Bevölkerung, Trägern und Geflüchteten unter Einbezug der Polizei (S. 36).

Den größten Umfang nimmt das Kapitel zu Handlungsaspekten in Kommunen ein, die geeignet sind, einem „Kippen“ der „Stimmung“ entgegen zu wirken. Anfangs weisen Bohn und Alicke darauf hin, dass „ein Klima der Offenheit, der Vielfalt und des Respekts nicht erst mit der Ankunft von Flüchtlingen vor Ort geschaffen wird, sondern sich insbesondere dort gut entwickeln kann, wo eine plurale und lebendige Kultur gelebt wird und wo Migrant/innen – ohne dass man dies gesondert erwähnen muss – Teil dieser Kultur sind“ (S. 39). Hier sind zunächst die politisch Verantwortlichen gefragt, die die anstehenden Aufgaben als ihre anerkennen und angehen müssen. Ihr Handeln und ihre Äußerungen haben zudem Vorbildwirkung für die Bevölkerung. Zum Einbezug der Bevölkerung haben sich gut vorbereitete Bürgerversammlungen bewährt. Sie dienen zum einen der Information und damit der Schaffung von Transparenz sowie der Anerkennung von und Aufforderung zum Engagement. Die gute Vorbereitung ist insbesondere dort notwendig, wo rechtsextreme oder rechtspopulistische Orientierungen bekannt sind, um Wortergreifungsstrategien zu verhindern. Im Falle von Bedrohungen von Verantwortlichen aufgrund ihrer akzeptierenden Haltung gegenüber Geflüchteten kann mit „einer Strategie der breiten politischen und gesellschaftlichen Solidarisierung und rechtsstaatlichen Sanktionen“ (S. 45) reagiert werden. Um Fehlinformationen zu begegnen ist es wichtig, die Bevölkerung in verschiedenen Medien mit faktenbasierten Informationen aus anerkannten Quellen zu versorgen. Dies kann auch unnötigen Ängsten und Befürchtungen vorbeugen. Daneben ist ein Dialog zwischen politisch Verantwortlichen und Geflüchteten vor Ort (S. 44) ebenso wichtig wie die Einbeziehung der vor Ort lebenden Migrant_innen und deren Organisationen (S. 51). Auch wenn Organisation, Vernetzung und Koordination sowie positive Verantwortungsübernahme funktionieren, ist bürgerschaftliches Engagement weiterhin unverzichtbar, da es hier nicht allein um eine Unterstützung der Geflüchteten oder hauptamtlich Tätigen geht, sondern gleichzeitig ein aktives „Eintreten für freiheitliche und solidarische Grundwerte“ (S. 54) dokumentiert wird. Bohn und Alicke weisen darauf hin, dass dies insbesondere in den „vier zentralen Säulen“: Versorgung, Freizeitgestaltung, Spracherwerb und Information angesiedelt sein soll und keinesfalls staatliches Handeln ersetzen kann. Bürgerschaftliches Engagement muss deshalb anerkannt, koordiniert und unterstützt werden, für die Engagierten muss eine Qualifizierung (u.a. in interkultureller Kompetenz) sowie auch Entlastungen möglich sein. Für nicht auszuschließende Konflikte sollten konstruktive Konfliktbewältigungskonzepte genutzt werden. Dies gilt für mögliche Auseinandersetzungen mit Bürger_innen ebenso wie für Strategien im Umgang mit rechtsextremen oder rechtspopulistischen Gruppen. Wichtig in Bezug auf die Bevölkerung und die Geflüchteten sind in diesem Zusammenhang auch Begegnungsorte (S. 67), das Empowerment der Geflüchteten (S. 68-69) und die bewusste und partizipative Erarbeitung und Umsetzung von Integrationskonzepten, wie dies in einigen Städten bereits praktiziert wurde (S. 70ff). Für die Geflüchteten empfehlen Bohn und Alicke neue Formate der Politischen Bildung zu entwickeln, in denen Informationen und Beteiligungsmöglichkeiten vermittelt werden (S. 72-73). Zudem halten sie es für wichtig, Rassismus und rechtsextremen Bestrebungen offensiv entgegen zu treten und die (potentiellen) Opfer zu schützen (S. 74ff).

Abschließend fassen die Autorinnen ihre Ergebnisse zunächst in zwei zentralen Schlussfolgerungen zusammen (Maßnahmen zur Prävention flüchtlingsfeindlicher Einstellungen; Notwendigkeit der Schaffung aktiver Integrationsmaßnahmen in ländlichen Räumen) und stellen danach eine Liste möglicher Handlungsfelder für pro-aktive Beratung zusammen, die sich auf verschiedene Ebenen und Prozesse beziehen.

Im Anhang wird das methodische Vorgehen erläutert und die genutzten Quellen genannt.

Fazit

Angesichts der in vielen Kommunen nach wie vor drängenden Fragen eines guten Umgangs mit der Situation der Flüchtlingszuwanderung stellt dieser kleine Band (95 S.) eine übersichtliche und sinnvolle Hilfestellung dar. Das Thema wird unter Zugrundelegung wissenschaftlicher Literatur und von Expert_inneninterviews übersichtlich, aber ebenso auch differenziert aufgearbeitet. Neben wichtigen Informationen werden konkrete Handlungsoptionen aufgezeigt, die sich auf alle beteiligten Gruppen bzw. Akteur_innen beziehen. Insbesondere die fast durchgängige Berücksichtigung der Spezifika ländlicher Räume ist ebenso hervorzuheben wie die durchgängige Berücksichtigung unterschiedlicher Beteiligter (v.a. Politik, Gesellschaft, Bürgerschaftlich Engagierte, Geflüchtete, Politische Bildung). Der Band ersetzt zwar keine Politik, ist aber eine sehr gute Vorbereitung und Checkliste für politische und gesellschaftliche Prozessinitiierung und -begleitung – nicht nur für die Mobile Beratung!


Rezensentin
Prof. Dr. Leonie Wagner
Professorin für Pädagogik und Soziale Arbeit an der HAWK Holzminden
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Zitiervorschlag
Leonie Wagner. Rezension vom 30.08.2016 zu: Irina Bohn, Tina Alicke: Wie kann Integration von Flüchtlingen gelingen, damit die Stimmung nicht kippt? Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2016. ISBN 978-3-7344-0335-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20982.php, Datum des Zugriffs 23.05.2017.


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