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Matthias Weik, Marc Friedrich: Kapitalfehler

Cover Matthias Weik, Marc Friedrich: Kapitalfehler. Wie unser Wohlstand vernichtet wird und warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen. Eichborn (Frankfurt) 2016. 349 Seiten. ISBN 978-3-8479-0605-6. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Autoren

Marc Friedrich hat Betriebswirtschaftlehre studiert, Matthias Weik „International Business“. Beide haben international, auch außerhalb Europas Erfahrungen gesammelt. Ihr Feld ist nicht die Wissenschaft, sondern Beratung und Schulung. Bisherige Buchpublikationen zu aktuellen Wirtschaftsfragen sind zu Bestellern geworden. Innerhalb der Zunft werden sie als „Querdenker“ gehandelt.

Thema

Eine spezifische Fragestellung lässt sich schwer ausmachen. Das Buch wird ja auch nicht als Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion verstanden, wenngleich auf wissenschaftliche Theorien zurückgegriffen wird. Die kritischen Kommentare und populärwissenschaftlichen Referate (z.B. über den Ursprung des Geldes) umkreisen das Thema Krise, vor allem den politischen Umgang damit.

Aufbau und Inhalt

Die Autoren haben ihr Buch in sieben Kapitel untergliedert, ergänzt um ein Glossar, einen Anmerkungsapparat und ein Register.

In Kapitel 1 wird gefordert, die Marktwirtschaft vor dem Finanzkapitalismus zu schützen. Das Finanzkapital dominiere seit langem das Produktivkapital (26). Die Deregulierung der Finanzmärkte habe „eine außerordentlich ineffiziente Allokation von Kapital“ mit sich gebracht (28) und damit ein schlechtes Investitionsklima. Neun Zehntel des Geldes weltweit kursierten ausschließlich innerhalb des Finanzsektors. In einem „Intermezzo“ vergleichen die Verf. den politischen Umgang mit exorbitanter Staatsverschuldung seitens der Regierung im Fall Island und seitens der Troika im Fall Griechenland.

In Kapitel 2 wird die Krisenanfälligkeit des kapitalistischen Wirtschaftssystems beleuchtet. Die Leser/innen werden über den Unterschied zwischen konjunkturellen Schwankungen und langen Wellen sowie über die Voraussetzungen eines reibungslos funktionierenden Marktes belehrt. Das Gleichgewichtsmodell wird als ein Ideal gekennzeichnet, dem einige Realitäten entgegenstehen. Nach Ausflügen in die Geschichte der Politischen Ökonomie wird die heutige Trennung wirtschaftlicher Risiken von der Haftung gebrandmarkt, speziell die Sozialisierung von Verlusten durch staatliche Rettungsschirme (70). Abschließend wird die Entstehung von Disparitäten, speziell von Überproduktion, verständlich gemacht, wobei die „Informationsasymmetrien“ auf dem global gewordenen Markt nach Ansicht der Verf. die Situation verschärfen.

Schwerpunkt von Kapitel 3 sind dann die langen Wellen der Konjunktur nach Kondratjew und Schumpeter, dessen Theorem der „schöpferischen Zerstörung“ schon vorher referiert worden ist. Die Verf. unterscheiden bis zur Jahrtausendwende fünf Zyklen mit ihren jeweiligen historischen Auslösern und Basisinnovationen. Während dies für den fünften Zyklus (ein kurzer „technologischer Frühling“, 123) die Informationstechnologie ist oder war, wird, so die Annahme der Verf., der unausweichliche Wechsel zu den Erneuerbaren Energien einen sechsten Zyklus einleiten.

Diese sind Gegenstand von Kapitel 4. Sie werden zur Basistechnologie des 21. Jahrhunderts deklariert (141), erzwungen durch die absehbare Erschöpfung fossiler Energien. Dabei wird der Staat in die Verantwortung genommen; denn der Markt könne nur Probleme relativer, nicht aber absoluter Knappheit lösen (128). Für zwingend notwendig halten die Verf. auch ein umfassendes Recycling und Techniken der Wasseraufbereitung.

In Kapitel 5 wiederholen sich die Verf. zunächst bei Ausführungen über Krisen, schwindende Renditen, die Rolle des Finanzkapitals in der Abschwungphase und Innovationsstau (176). Ein neuer Gedanke wird eingebracht mit dem Verweis auf planwirtschaftliche Muster in den transnationalen Konzernen (181f.), gefolgt von Überlegungen über die Marktuntauglichkeit von Infrastrukturprojekten. Zusammenhanglos damit erscheint dann der Abschnitt über die Ausbeutung der rohstoffreichen Länder und deren mangelnde Vorsorge für die Zukunft. Dasselbe gilt für einen weiteren Abschnitt über Plan und Markt. Die Verf. warnen vor zu viel staatlicher Intervention, sind entschieden gegen Planwirtschaft, aber ebenso entschieden gegen die Privatisierung von Infrastruktur und Gemeingütern wie Wasser.

Kapitel 6 handelt von der Erfindung des Geldes. Das Referat, bei dem sich die Verf. vor allem auf Karl Polanyi stützen, ist interessant, weil es gängige Vorstellungen erschüttert. Aber der argumentative Stellenwert bleibt unklar.

Kapitel 7 entspricht dagegen wieder den vom Titel geweckten Erwartungen. Verdeutlicht werden die Praxis der Geldschöpfung, die gigantische Staatverschuldung, die Steuerflucht der Konzerne und deren Wirtschaftsmacht. Die Verf. beschließen ihr Buch mit sieben Seiten Forderungen an die Politik, u.a. die nach strikter Regulierung der Finanzmärkte. Am spektakulärsten ist wohl das Plädoyer für die Auflösung des Euro-Verbundes.

Diskussion

Wie schon deutlich geworden sein mag, ist der Aufbau des Ganzen nicht ganz schlüssig. Zumindest in der zweiten Hälfte entsteht der Eindruck, dass da verschiedenes Studienmaterial aneinandergefügt worden ist. Die Verwendung von Textbausteinen ist ja nicht verwerflich. Nur sollte der rote Faden sichtbar sein.

Auch im Einzelnen erscheinen die Ausführungen stellenweise sprunghaft. Belohnt wird man dafür mit gelungenen Bonmots und erfrischend frechen Kommentaren. Zum Beispiel: Finanzprodukte seien „nicht hoch komplex“. „Sie wurden mit Absicht undurchschaubar kompliziert gemacht“ (81). Zu diesem Stil passt andererseits auch ein Quäntchen Alarmismus. – „Der Zug rast unvermindert mit Volldampf in Richtung Abgrund“ (14). Aber mit der Einsicht in das Gesetz der Entropie und in die historisch einmalige Eigenschaft dieses Systems, „dass alles seinen Preis hat“ (54), erweisen sich die Autoren als Querdenker ihrer Zunft. Und viele Passagen zeigen, dass sie weit über den Tellerrand der BWL hinausblicken.

Fazit

Eine Leseempfehlung wäre, die Lektüre mit den politischen Forderungen der Autoren am Schluss zu beginnen und daraufhin Begründungen und Erläuterungen dafür im Text aufzusuchen. Man kann das Buch nach Art eines Steinbruchs nutzen, und das könnte die Lektüre durchaus gewinnbringend machen. Das Besondere daran ist die wirtschaftspolitische Fundamentalkritik aus der Feder von zwei Praktikern aus der Finanzbranche.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 17.06.2016 zu: Matthias Weik, Marc Friedrich: Kapitalfehler. Wie unser Wohlstand vernichtet wird und warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen. Eichborn (Frankfurt) 2016. ISBN 978-3-8479-0605-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20987.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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