socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Norman Ohler: Der totale Rausch

Cover Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich. Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2015. 363 Seiten. ISBN 978-3-462-04733-2. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Wenn wir über Drogen reden, diskutieren, forschen, haben wir üblicher Weise entweder die guten und schlechten Seiten dieser Drogen oder aber den Sinn und Unsinn ihrer Bestrafung im Auge, also die Wirkungen der Droge oder die Auswirkungen der Drogenpolitik, wie man dies etwa bei Tilmann Holzer in: Die Geburt der Drogenpolitik aus dem Geist der Rassenhygiene. Deutsche Drogenpolitik von 1933 bis 1972. (2007) [vgl. die Rezension] finden kann. Dass diese Politik selber Drogen einsetzt, um ihre Ziele zu erreichen, übersehen dagegen die meisten Soziologen, Politologen und Historiker, die sich mit diesem Thema befassen, sofern wir einmal von den frühen Anfängen des englisch/indischen-chinesischen Opium-Krieges absehen, in dem es darum ging, den Austausch von indischem Opium gegen chinesischen Tee gewalttätig durchzusetzen. Die Untersuchung der gezielten Verwendung solcher ‚berauschender‘ Substanzen im Dritten Reich öffnet deshalb eine neue Perspektive sowohl für diese Art der ‚Drogen-Politik‘ wie aber auch für die (Kriegs)-Geschichte des Nazi-Regimes.

Autor

Norman Ohler, freier Schriftsteller, recherchierte für sein erstes Sachbuch fünf Jahre lang u.a. in den Archiven von „Berlin, Sachsenhausen, Koblenz Marbach, München, Freiburg, Dachau und Washington“ (S. 303). Dabei konzentrierte er sich auch auf den Nachlass von Theo Morell, Leibarzt von Adolf Hitler, der in seinem Tageskalender minutiös „kryptische Eintragungen, die sich auf einen ‚Patienten A‘ bezogen“ festgehalten hatte. „Per Lupe versuchte ich, die kaum leserliche Handschrift zu entziffern.“ (S.11).

Aufbau und Inhalt

Ohler belegt diese Praxis des ‚totalen Rauschs‘ auf zwei ganz unterschiedlichen Drogenfeldern: makrosozial durch den Einsatz von Pervitin, dem Cristal Meth dieser Zeit, im militärischen Bereich, und mikrosozial durch das stets enger werdende Abhängigkeits-Verhältnis zwischen Hitler und seinem Leibarzt Morell.

In einem einleitenden Teil – „Volksdroge Methamphetamin (1933-1938)“ – schildert er neben der Entwicklung dieser Droge und der damaligen Weltgeltung der deutschen Pharma-Industrie u.a. auch den Aufstieg Morells als „Promiarzt vom Kurfürstendamm“ auf dem Hintergrund der ‚chemischen Zwanziger‘ der Weimarer Zeit. In seinem ersten Hauptteil – „Sieg High – Blitzkrieg ist Methamphetaminkrieg (1939-1941)“ – besticht seine mit Militär-Archivalien gut belegte These, dass die beiden neuartigen ‚Blitz-Kriege‘ in Polen und insbesondere in Frankreich angesichts der militärischen Übermacht des Gegners nur durch den massenhaften Einsatz des Pervitin durchgeführt werden konnten. Eine Droge, die sowohl den Dauereinsatz der durch die Ardennen zum Ärmel-Kanal durchbrechenden Panzer, wie aber auch deren taktisch ungewohnte, ‚irrationale‘ Vorgehensweise erlaubte: „Anstatt ihre Position zu sichern, wie dies in der Militärgeschichte sonst gehandhabt wurde, jagten ihnen die vollkommen enthemmten Angreifer sofort hinterher und schlugen ihre Feinde endgültig in die Flucht.“ (S.101) So ‚irrational‘, dass Hitler Mühe hatte, sich als Superstratege an die Spitze dieser Erfolge zu stellen, was sich auch in seinem, von Göring verursachten, unerklärlichen Halte-Befehl von Dünkirchen zeige, der es einem Großteil des englischen Heeres erlaubte, nach England zu entkommen.

Eine militärstrategische Drogen-Funktion, die dann gegen Ende des Krieges, in dem der Einsatz von Pervitin zum Alltag gehörte, vor allem im Rahmen der weniger bekannten Entwicklung der ‚Wunderwaffe‘ der Kleinst-U-Boote, zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen Marine und SS führte, u.a., um im KZ Sachsenhausen die Wirkung hoch-dosierter Drogen-Kombinationen zu erproben, mit deren Hilfe die tagelang in solchen Mini-U-Booten eingeschlossenen Männer durchhalten sollten.

Bedeutsamer noch für das Verständnis vor allem der kriegs-politischen Spätphasen des Dritten Reichs ist Ohlers Analyse des engen Abhängigkeits-Verhältnisses zwischen Hitler und Morell, der einst als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten begonnen hatte. Morell versorgte Hitler auf dessen Wünsche und Bedürfnisse hin – „Vor jeder großen Rede genehmigte sich der Reichskanzler jetzt eine ‚Kraftspritze‘, um optimal zu funktionieren“ (S.47) – per Spritze mit einem Drogen-Cocktail, der von Traubenzucker und Aufputschmitteln über eine Vielzahl von selber aus tierischen Innereien fabrizierten Hormonpräparaten und Stereoiden bis hin zu einem steigenden Opiat- und Kokain-Konsum führte: „Eine alphabetische Auflistung macht den ganzen Wahn der Behandlung offensichtlich.“ (s. dazu die Anmerkung auf S.159). Weshalb Hitler nach dem knapp überstandenen Attentats-Versuch vom 20.6.1944 „spätestens seit der zweiten Jahreshälfte 1944, als sich zuerst die Kokain-, dann vor allem die Eukodalverwendung massierte, kaum mehr einen nüchternen Tag erlebte.“ (S.233). In einem ‚Dealer-Junkie‘-Verhältnis, das es Morell erlaubte, eine eigene Pharma-Industrie aufzubauen, während Hitler in seinen Befehlsbunkern ‚Wolfschanze‘ oder ‚Werwolf‘ sowie zuletzt im Berliner Führerbunker unter der Reichskanzlei zunehmend irrational seinen Drogen-induzierten Phantasien erlag: „Hitler sprach auf so gut wie jede Droge mit der Ausnahme des Alkohols unmittelbar an. Er war nicht von einer speziellen Substanz abhängig, sondern schlechthin von Stoffen, die ihm wohltuende, künstliche Realitäten zugänglich machten.“ „Die Medikamentierung hielt den Oberbefehlshaber stabil in seinem Wahn, errichtete einen uneinnehmbaren Wall, eine lückenlose Verteidigung, durch die nichts und niemand mehr dringen konnte.“ (S.218f).

Angesichts der im Dritten Reich verfolgten rigide repressiven Drogen-Politik wahrlich ein paradox verlogener Sachverhalt: „Da war eine Gestalt, die an der Nadel hing, an mannigfaltigen Fäden. Im gleichen Maße, wie er die Welt in den Untergang führte, wurde Hitler Produkt der chemisch-modernen Epoche mitsamt ihrer in sich widersprüchlichen ‚Rauschgiftbekämpfung‘.“ (S.301).

Diskussion

Dieses Buch ist ein schönes Beispiel dafür, wie eine solche, gut belegte investigative Journalisten-Arbeit das geläufige, eher dröge wissenschaftliche Modell durchbrechen kann, ohne doch an wissenschaftlichem Gehalt zu verlieren, was der Historiker Hans Mommsen in einem kurzen Nachwort gerne bestätigt: „Es ist Norman Ohlers Verdienst, die Kehrseite der deutschen Kriegsführung schonungslos aufgedeckt zu haben. Dieses Buch ändert das Gesamtbild.“ (S.306). Doch verführt dies auch dazu, leicht gängigen Klischees aufzusitzen. Sei dies die anfängliche Schilderung der ‚chemischen Zwanziger‘, die so schlimm wohl doch nicht waren, folgt man der sorgfältigen Analyse von Annika Hoffmann in: Drogenkonsum und -kontrolle. Zur Etablierung eines sozialen Problems im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. (2012). [vgl. die Rezension]. Oder seien dies die zerrüttenden Folgen des Opiat/Kokain-Konsums, die im Falle Hitlers doch wohl eher auf die ‚Verunreinigungen‘ des sonstigen wild zusammengestellten Drogen-Cocktails zurückzuführen wären. Auch könnte der – bewusst und reflektiert – auf den kriegsgeschichtlichen Einfluss dieser Drogen eingeengte Blickwinkel dazu verführen, das Gesamtphänomen dieses Dritten Reichs in all seiner Komplexität aus dem Blick zu verlieren. So „müssen wir betonen, dass dieses dunkelste Kapitel unserer Geschichte nicht etwa deshalb derart entgleiste, weil zu viele Suchtmittel eingenommen wurden. Diese verstärkten nur, was ohnehin angelegt war“ resümiert der Autor am Ende seiner Analyse (S.301).

Fazit

In seinem mit 457 Anmerkungen und aufschlussreichen Bildmaterial versehenem Buch vermittelt Norman Ohler einen höchst spannenden, fast reißerisch aufgezogenen Blick in die Hintergründe eines solchen weltpolitisch bedeutsamen Geschehens, der in dieser Weise bisher weder für die Droge noch für das Geschehen im Dritten Reich zu lesen war.


Rezensent
Prof. Dr. Stephan Quensel
Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
E-Mail Mailformular


Alle 58 Rezensionen von Stephan Quensel anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 09.09.2016 zu: Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich. Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2015. ISBN 978-3-462-04733-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20990.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!