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Thomas Poehlke, Werner Heinz u.a.: Drogenabhängigkeit und Substitution – ein Glossar von A–Z

Cover Thomas Poehlke, Werner Heinz, Heino Stöver: Drogenabhängigkeit und Substitution – ein Glossar von A–Z. Springer (Berlin) 2016. 4. Auflage. 156 Seiten. ISBN 978-3-662-49848-4. D: 19,99 EUR, A: 20,55 EUR, CH: 21,00 sFr.
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Thema

Seit den 90er Jahren wurde auch in der Bundesrepublik Deutschland die Substitution Drogenabhängiger mit einem geeigneten Ersatzmittel endlich offiziell umgesetzt. Nach ersten Erfahrungen und einer Verbreitung der eingeschlagenen Therapie erschien diese Begriffssammlung erstmals 1998. Man findet hier fast alle im Zusammenhang von Heroinabhängigkeit und Substitutionstherapie aufkommenden Themen gut definiert wieder. So erhält der Leser in 109 kurzen, sachkundigen Stichworten Erläuterungen zu Themen wie „Schwerstabhängige“, „Abstinenztherapie“, „Diamorphinsubstitution“ und „BtMG“ bis hin zu Empfehlungen für „weiterführende Literatur“.

Zielgruppen

Das kleine Buch wendet sich an Abhängige und deren Angehörige, an Juristen, an das Pflegepersonal in Krankenhäusern und Altenheimen, an Sozialarbeiter, Therapeuten, Ärzte und andere interessierte Leser, die hier auf viele Fragen eine Antwort finden.

Autoren

  • Thomas Poehlke ist niedergelassener Psychiater und Suchttherapeut in Münster,
  • Werner Heinz Leiter der Suchtberatungsstelle in Frankfurt,
  • Heino Stöver Professor für Suchtmedizin an der Frankfurter Fachhochschule.

Die Auswahl spricht für Kompetenz und thematischer Offenheit.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Die Substitutionstherapie Opiatabhängiger mit Methadon/ L-Polamidon wird in der Bundesrepublik Deutschland seit fast 30 Jahren praktiziert und ist eine ambulante Therapieform. Das am häufigsten konsumierte Heroin versucht man durch einen chemisch ähnlichen Stoff (hier: z.B. Methadon) zu ersetzen, den man täglich verabreicht. Der „Ersatzstoff“ ähnelt dem Suchtstoff und besetzt im Gehirn des Suchtkranken die gleichen Rezeptoren. So verringert man das körperliche Verlangen des Abhängigen nach dem Opiat und bringt es teilweise ganz zum Erliegen.

Methadon/ L-Polamidon führt jedoch nicht zu einer Euphorisierung, so dass manche der Substituierten ihren „Kick“ vermissen und zu gelegentlichen Rückfällen neigen. Die körperlichen Entzugserscheinungen des Heroinentzugs werden durch das Substitutionsmittel völlig aufgehoben.

Mit der Substitutionstherapie gelingt es wesentlich leichter, den Drogenabhängigen körperlich, psychisch, sozial und beruflich weitgehend zu rehabilitieren.

Das Glossar reicht über 109 alphabetisch geordnete Begriffe wie

  • „Abstinenztherapie“,
  • „Behandlungsplan“,
  • „Benzodiazepine“,
  • „Beschaffungskriminalität“,
  • „Case Management“,
  • „Drogenhilfe“,
  • „Dokumentationssysteme“ und
  • „Entgiftung/Entzug“,
  • „Fahrtüchtigkeit“,
  • „Gefängnis“,
  • „Kokain“,
  • „Motivierende Beratung/Motivationale Interventionen“,
  • „Neugeborene/NAS“,
  • „Psychoedukation“,
  • „Qualitätssicherung“,
  • „Schwerstabhängige“,
  • „Selbsthilfe“,
  • „Suchtberater“
  • „Take-home-Regelung“

etc. und „Weiterführende Literatur“.

Drei Begriffe sollen exemplarisch vorgestellt werden.

1. Drogenabhängigkeit. Drogenabhängigkeit bezeichnet die neurochemische, körperliche und psychische Abhängigkeit von illegalen Drogen wie Heroin, Morphin und anderen Opiaten. Kokain, Cannabis sowie Amphetamine und Halluzinogene werden ebenfalls dazugerechnet. Die Sucht ist gekennzeichnet durch ein unstillbares Verlangen nach der Droge, durch Toleranzentwicklung, d.h. durch das Verlangen, immer höhere Dosen zu konsumieren, und durch ausgeprägte Entzugserscheinungen beim Absetzen. Ein Abhängiger konsumiert seine Droge, ohne sich um schädliche Folgen zu kümmern. Er bewegt sich auf illegalem Boden. Drogen sind teuer, so dass der Finanzbedarf erheblich ansteigt und zu Beschaffungskriminalität oder Prostitution führt. Unweigerlich mündet dieser Prozess in sozialer Ausgrenzung und Deklassierung. Die Gefahr, sich während der Zeit des Abusus eine schwere ansteckende Krankheit zuzuziehen, ist sehr gross. Mangelernährung, Zahnverfall und Abszesse runden das Bild allgemeiner Verelendung ab. Gerechnet wird mit etwa 600 000 Heroinabhängigen in Deutschland. Die Bedingungen aus der Zeit der Drogenkarriere wirken auch während der Substitution fort und beeinflussen in erheblichem Umfang die Chance der Stabilisierung und Verbesserung der Lebenssituation.

2. Psychosoziale Betreuung. Das alleinige Auswechseln des Suchtmittels durch ein Substitutionsmittel, z. B. Heroin durch L-Polamidon, ist für die Mehrzahl der Betroffenen keine ausreichende Behandlungsmethode. Vielmehr sollte die Therapie in ein begleitendes psychosoziales Behandlungskonzept eingebunden werden, sei es eine alleinige Betreuung oder eine mit einer Psychotherapie verbundene Maßnahme. Der Arzt, der das Methadon verschreibt, muss darauf hinwirken, dass der Patient auch begleitende Maßnahmen der psychosozialen Betreuung in Anspruch nimmt. Weiterhin ist ein kontinuierlicher Erfahrungsaustausch zwischen psychosozialer Beratungsstelle und ärztlicher Praxis erforderlich. Soziale Therapie, z.B. durch Drogenberatungsstellen, durch ärztliche Schwerpunktpraxen, die Fachkräfte wie Sozialarbeiter angestellt haben, oder durch Substitutionsambulanzen mit interdisziplinären Mitarbeiterteams, beginnt in der Regel mit einem Gang zum zuständigen Sozialamt. Regelmäßiges Einkommen muss gewährleistet werden, die Wohnsituation des Klienten ist zu klären. Im Verlauf der Therapie mag es sich als notwendig erweisen, psychotherapeutische Prozesse zu initiieren, die jedoch erst dann realisiert werden können, wenn die aktuelle Lebenspraxis der Patienten nicht mehr durch soziale Missstände geprägt ist. Indikationskriterium für eine psychosoziale Behandlung ist die Bereitschaft des Patienten, sich während dieser Behandlung aktiv zu engagieren. Der suchttherapeutische Betreuungsplan trägt entscheidend zur Entwicklung und Stabilisierung der medizinischen, materiellen, sozialen und psychischen Situation der Patienten bei und fördert die Rehabilitationsprozesse.

3. Selbsthilfe. Als „hochwirksam“ bezeichnen die Autoren die Hilfestruktur der „Narcotics-Anonymous“ (NA), die sich an das Konzept der Anonymen Alkoholiker anlehnt. Heroinabhängige, ehemals Heroinabhängige und hin und wieder Substituierte treffen sich regelmäßig mindestens einmal in der Woche, um ihre eigenen Alltagsprobleme zu besprechen und Lösungen dafür zu finden. Ziel aller Gruppenmitglieder ist es, ein drogenfreies Leben zu führen, also: abstinent zu werden und es zu bleiben. Man kann jederzeit und ohne Voranmeldung an diesen Treffen teilnehmen. Veranstaltungsort und Zeitpunkt der Gruppensitzung erfährt man über ein Kontakttelefon oder das Internet. Der Drogensüchtige muss nicht warten, kein Antrag muss gestellt werden, und es ist auch kein Gutachten erforderlich. Zudem ist die Teilnahme bei den NA kostenfrei. Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe sind ausschließlich Betroffene, die sich gegenseitig dabei unterstützen, nicht rückfällig zu werden. Ziel ist die Abstinenz von jeder Droge. In größeren Städten sind häufig mehrere NA-Gruppen anzutreffen, so dass der Süchtige an verschiedenen Wochentagen unterschiedliche Gruppen besuchen kann. NA ist national und international vertreten und vernetzt. Wo immer man sich aufhalten mag, findet man eine lokale Selbsthilfegruppe. Als Beispiel für den Erfolg dieses Selbsthilfesystems mag die Aussage einer ehemals drogenabhängigen Patientin der Autorin dienen: Kein Arzt und kein Psychiater habe ihr helfen können, kein Gefängnis habe sie abgeschreckt, und auch keine Sozio- oder Psychotherapie sei erfolgreich gewesen, einzig die Gruppe helfe ihr, weiterhin abstinent zu bleiben. Selbsthilfeinitiativen von Substituierten existieren ebenfalls. Diesen mangele es jedoch, so die Autoren des hier besprochenen Buches, häufig an langfristiger Kontinuität. Zudem haben sich Selbsthilfegruppen von Drogenkonsumenten und Substituierten gebildet, die Informationsarbeit zur Risikominderung beim Gebrauch von Suchtmitteln leisten. Diese Gruppen betreiben auch Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit mit dem Ziel, die gesellschaftliche Akzeptanz von Suchtmittelkonsumenten zu verbessern.

Diskussion

Im vorliegenden Glossar wird fast jeder Begriff und jede Fragestellung behandelt, die sich im Zusammenhang mit dem Thema ergibt. In ihrer Gesamtheit sind all die kleinen Kapitel informativ und professionell in den wissenschaftlichen Details herausgearbeitet. Querverbindungen zwischen den Themenkreisen werden geknüpft und bieten Therapeuten wie Betroffenen sachdienliche, nie wertende Informationen im weiten Umkreis von Drogen und Substitution.

An verschiedenen Stellen wird darauf verwiesen, dass substituierende Ärzte immer älter werden, es zunehmend weniger gebe, die diese Arbeit auf sich nehmen. Zudem lehnen Psychotherapeuten mit klassischer Ausbildung die Behandlung Drogenabhängiger und Substituierter ab. Die Begründung für beides mag darin liegen, dass die tägliche Konfrontation mit dem physischen, psychischen und moralischen Elend eines Drogenabhängigen neben einer „normalen“ Praxis zu viele Kräfte absorbiert. Oft führen die langjährigen Veränderungen des Charakters eines Drogenabhängigen auch die Therapie an ihre Grenzen und darüber hinaus. So werden wohl in Zukunft zunehmend große Ambulanzen mit interdisziplinären Teams und häufig wechselndem Personal die Substitutionstherapie durchführen. Ob damit ein Qualitätsverlust eintritt, mag dahingestellt sein.

Fazit

Es macht Freude, diesen kleinen Band in die Hand zu nehmen. Nicht umsonst erscheint er in vierter Auflage. Er findet Platz in jeder Kitteltasche. Ganz gleich, welche Frage sich im Umfeld von Drogenabhängigkeit und Substitution auch ergeben mag, der Leser wird gut unterrichtet und kann auf weiterführende Literatur zugreifen. Die Autoren arbeiten in unterschiedlichen Fachbereichen (Medizin/Psychiatrie, Psychosoziale Theoriebildung, Mitarbeiter einer großen Drogenberatungsstelle) und repräsentieren die therapeutisch geforderte Interdisziplinarität. Ich bin mir sicher, dass die Arbeit von Poehlke, Heinz und Stöver im Umkreis aller von der Thematik Betroffenen weiterhin Verbreitung finden wird.


Rezensentin
Dr. med. Margot Veit-Brandenburg
Praktische Ärztin und Suchtmedizinerin
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Zitiervorschlag
Margot Veit-Brandenburg. Rezension vom 04.01.2017 zu: Thomas Poehlke, Werner Heinz, Heino Stöver: Drogenabhängigkeit und Substitution – ein Glossar von A–Z. Springer (Berlin) 2016. 4. Auflage. ISBN 978-3-662-49848-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20991.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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