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Ralph-Christian Amthor (Hrsg.): Soziale Arbeit im Widerstand!

Cover Ralph-Christian Amthor (Hrsg.): Soziale Arbeit im Widerstand! Fragen, Erkenntnisse und Reflexionen zum Nationalsozialismus. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 250 Seiten. ISBN 978-3-7799-3406-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Autor

Ralph-Christian Amthor ist an der Hochschule für Wirtschaft in Würzburg, Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften, Professor für Grundlagen der Sozialen Arbeit. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Professionsentwicklung Sozialer Arbeit und der historischen und theoretischen Begründung von Handlungskonzepten.

Mit dem Buch „Soziale Arbeit im Widerstand!“ legt er, als Herausgeber des Sammelbandes, neue Erkenntnisse und Reflexionen über den Widerstand innerhalb des Systems Sozialer Arbeit während der nationalsozialistischen Diktatur vor.

Entstehungshintergrund

Das Buch „Soziale Arbeit im Widerstand!“ dokumentiert einen Forschungsforschungsprozess. Zusammen mit Joachim Wieler hatte Ralph-Christian Amthor 2011 in der Zeitschrift „Soziale Arbeit“ zu einem Projekt „Widerstand in der Sozialen Arbeit“ aufgerufen, das in Kooperation mit dem Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) in Berlin und der Redaktion der Fachzeitschrift „Soziale Arbeit“ zwischen 2012-2013 realisiert wurde. Dabei entstanden 100 Beiträge über Personen, die innerhalb der Sozialen Arbeit während 1933-1945 Widerstand geleistet haben (vgl. S. 23).Die Widerstands-Portraits sind im Rahmen dieses Buches überarbeitet und als ergänzende Materialien hinzugefügt.

Zielsetzungen

Mithilfe des Sammelbandes wird die Professionsgeschichte Sozialer Arbeit um die „Beteiligung Sozialer Arbeit am Widerstand in Deutschland gegen den Nationalsozialismus“ (S. 23) ergänzt und das Widerstandspotential systematisiert aufgearbeitet. Folgende Fragestellungen beschäftigten den Autor und alle, die an diesem Projekt mitwirkten:

  • Welche Widerstandsformen gab es?
  • Welchen Druck und welche Konsequenzen erlebten die Aktivisten/ -innen?
  • Aus welchen Motiven heraus wurde Widerstand geleistet?
  • An welchen Orten gab es Widerstand und welche Schlüsse ziehen wir?
  • Lassen sich geschlechtsspezifische Formen von Widerstand beschreiben?

Das Buch greift Desiderate der Sozialarbeitsforschung auf. Durch das Erinnern an Menschen, die Isolation, Diskriminierung und Bestrafungen auf sich nahmen, weil sie sich einem Unrechtsstaat widersetzen, soll der Blick auf das Heute gerichtet werden. Durch die Auseinandersetzung mit ihrem Aufbegehren und Vorbild gegen Ungerechtigkeit und Willkür vorzugehen sollen wir erkennen, dass eine gesellschaftskritische und -verändernde Kraft auch heute nötig ist. Das Ausrufezeichen im Titel des Buches dient als Mahnung, sich nachhaltig und parteilich für die Adressaten/ -innen einzusetzen und als eine Menschenrechtsprofession wirksam zu werden (vgl. S. 38).

Das Geleitwort des DZI zeigt auf, dass die „tief greifende Korruption des Berufsstandes und seine Verstrickung“ (S. 9) den Aufbau der humanistischen Sozialen Arbeit nach 1945 erschwerten. Das Geleitwort von Johannes Tuchel, Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin, betrachtet die Soziale Arbeit als Berufsstand, in dem es, wie bei jedem anderen auch, Widerstand gab, der auf einer individuellen Entscheidung beruhte. Paradoxerweise habe das die Verdrängung des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus und die Erinnerung an diese Menschen bis heute so erschwert und moralisch belastet. „Denn der Widerstand gegen den Nationalsozialismus zeigte jedem Einzelnen in der von ‚Zusammenbruch‘ und ‚Kapitulation‘ und eben nicht von ‚Befreiung‘ geprägten Gesellschaft, dass er sich vor 1945 anders hätte entscheiden und verhalten können“ (S. 13).

Aufbau

Dieses Buch ist nach zwei Geleitworten in vier Teile gegliedert.

Zu 1: „Allgemeine Grundlagen der Widerstandsforschung“

Ralph-Christian Amthor macht bei seinen Ausführungen über „Strategien des Erinnerns“ auf offene Fragen zum Forschungsgegenstand aufmerksam und stellt den konzeptionellen Aufbau des Buches vor. Die Autoren/-innen lehren an evangelischen und staatlichen Hochschulen oder arbeiten dort als Lehrbeauftragte. Manche arbeiten in Gedenkstätten und dem Zentralinstitut für Soziale Fragen in Berlin (vgl.354-357).

Carola Kuhlmann schreibt über „Soziale Arbeit im nationalsozialistischen Herrschaftssystem“ und stellt ihre Überlegungen zum Begriff Widerstand vor.

Christa Paulini untersucht in ihrem Beitrag „Gerade die Fürsorgerin ist zur Mitarbeit am Volksaufbau berufen“ die Praxis der Berufsverbände während des Dritten Reiches.

Adriane Feustel berichtet in die „Vernichtung des Sozialen“ über Auswirkungen der Vertreibung und Flucht. Sie beschreibt das Leben von Fürsorgerinnen und Wohlfahrtspflegern im Exil.

Zu 2: „Hauptrichtung und Orte des Widerstandes“.

Unter dieser Überschrift schreibt Martin Biebricher über das Thema „Progressive Jugendwohlfahrt als Motiv?“. Er beleuchtet das Widerstandsgeschehen im Jugendamt Berlin Prenzlauer-Berg, das Anfang der 1920er Jahre unter der Leitung von Walter Friedländer eine eigenständige sozialdemokratisch-sozialistisch Jugendwohlfahrt entwickelte. Die Portraits verweisen auf das Widerstandspotential der Jugendbewegung in deren Kontext die „Zugscharen“ und der „Schwarze Haufen“ gegründet wurden.

Daran schließt sich der Text von Sven Steinacker an „Zum Beispiel Henry Jacoby…“. Ihm geht es um den linkssozialistisch und kommunistisch motivierten Widerstand, der sich im Bereich der „Roten Hilfen“ dokumentierte.

Der Beitrag von Gudrun Maierhof „Zwischen Selbsthilfe, Selbstbehauptung und Widerstand“ thematisiert Formen des jüdischen Widerstandes am Beispiel von Käte Rosenheim und Recha Freier, die Fluchthilfe für Kindertransporte ins Ausland ermöglichten.

Sabine Toppe beleuchtet in „Bürgerliche widerständige Soziale Arbeit im Nationalsozialismus“ die Berliner bürgerliche Frauenbewegung, die sich in Ausbildungseinrichtungen engagierten, wie Alice Salomon, Hilde Wulff, Marie Baum und Anna von Gierke.

Birgit Bender-Junker schreibt über „Bekennende Kirche und Innere Mission im Nationalsozialismus“ und beispielhaft anhand von Charlotte Friedenthal, Margarete Meusel, Gertrud Staewen und Pfarrer Paul-Gerhard Braune die Grenzen und Möglichkeiten des kirchlichen Widerstandes angesichts der Eugenik und Euthanasie auf.

Andreas Lob-Hüdepohl beteiligt sich mit Überlegungen zum „Widerstand aus christlicher Humanität“. Er ergänzt die Aktivitäten des katholisch-christlichen Widerstandes an Sozialen Frauenschulen um die Aktivitäten der Gräfin von Graimberg-Bellau aus Heidelberg und Marianne Pründer von der Berliner katholischen Sozialen Frauenschule sowie Margarete Sommer, die das bischöfliche Hilfswerk in Berlin leitete.

Zu 3: „Weiterführende Reflexionen und Ausblick“

Die Beitrage des dritten Teils verknüpfen die historische Spurensuche mit Fragen an unsere Zeit.

Beate Kosmalla schreibt in „‚Stille Helden‘ in Forschung und Erinnerung“ über den Sinn des Erinnerns an Hilfs- und Rettungsaktionen gegenüber jüdischen Mitmenschen.

Susanne Zeller greift das Thema „Gewissenskonflikte und Verantwortungsübernahme“ auf, und sie denkt über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten der autonomen Urteilsbildung nach. In diesem Zusammenhang macht sie auf die berufsethische und menschenrechtsorientierte Reflexion Sozialer Arbeit aufmerksam.

Daran schließen Juliane Sagebiel und Ralph-Christian Amthor ihren Beitrag an „Zum Widerstand in der Sozialen Arbeit in Europa“. Beide thematisieren den Widerstand der Polin Irena Sendler und des polnischen Arztes Janusz Korczak.

Heidi Koschwitz und Christian Gedschold beenden diesen Teil mit ihren Ausführungen. „Drei Generationen fragen: Was ist Widerstand“. Welchen Gewinn hat die Erinnerung. Welche Schlüsse werden gezogen? Am Gespräch beteiligt waren C.W. Müller, Mechthild Seithe und Hannes Wolf.

Zu 4: „Ergänzende Materialien“

Teil 4 dokumentiert die Portraits über „Frauen und Männer des Widerstandes“. Hinzukommen Archive, Bibliotheken und Online-Datenbanken, die bei der Suche nach Personen, Helferkreisen und sozialen Netzwerken genutzt werden können.

Diskussion

Einmal mehr zeigt der Autor und Herausgeber des Sammelbandes „Soziale Arbeit im Widerstand!“ Kompetenz auf dem Gebiet der Erforschung der Professionsgeschichte. Der besondere Gewinn des Buches zeigt sich an den vielfältigen Facetten eines widerständigen Verhaltens, das hier systematisch beschrieben wird.

Als die Weimarer Republik in die nationalsozialistische Diktatur überführt worden war, fand die „menschenverachtende Säuberung“ auf allen gesellschaftlichen Ebenen und in allen Berufen statt. Die Strategien, auf die spürbaren Veränderungen zu reagieren, reichten von der Verleugnung, Bagatellisierung und Idealisierung des Führers bis zur Rationalisierung und zum Agieren. Während die Ausrichtung der Fürsorge zur Volkswohlfahrtspflege nach den Grundsätzen der nationalsozialistischen Weltanschauung umgestaltet wurde, machten die meisten Professionellen mit. Sie beteiligten sich aktiv an den verbrecherischen Machenschaften des antisemitischen Rassenkampfes (Holocaust) und der Euthanasie von Menschen mit zusätzlichem Hilfebedarf. Berufsverbote für Juden und Kritiker, die Ausgrenzung von Wohlfahrtseinrichtungen, die sich der Gleichschaltung widersetzten und die Denunziation von Kolleginnen und Kollegen, die den Nationalsozialismus befürworteten, entmachtete auch die Angehörigen sozialer Berufe, ohne dass Hitler sie dazu auffordern musste, sich am Rassenkampf zu beteiligen.

Die Lektüre des Buches hilft, für das Geschehene Verständnis zu finden, ohne es dadurch zu rechtfertigen. Selbst wenn das Aufgreifen dieses Themas längst überfällig ist, kommt uns der Abstand zur eigentlichen Epoche zu Gute, denn Kenntnisse über Täter/-innen und Opferbereitschaft sowie die Verbrechen können vorausgesetzt werden. Die kollektive Abwehr des Widerstandes ist schwächer geworden und einer Debatte gewichen, die die Vergangenheit nicht übergehen will. Das hilft hinzuschauen und den Widerstand zu konkretisieren.

Viele Beiträge des Buches thematisieren die Schwierigkeit der Definition von Widerstand. In diesem Buch sollen, so Ampthor, sämtliche Formen eines widerständigen Verhaltens untersucht werden, die durch Quellen belegt werden können. „Dieses Widerstehen beruhte auf einer grundsätzlich ablehnenden Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus, zielte darauf ab, einen Beitrag zum Sturz des Regimes zu leisten und umfasste damit den Versuch, dem NS-Regime entgegenzutreten und die damit verbundenen Gefährdungen und Folgen auf sich zu nehmen“ (S. 34). Darüber hinaus führte das Widersetzen zu persönlichen Problemen, wie Ausgrenzung, Gestapo Verhöre, Berufsverbot, Folter, Zuchthaus, Konzentrationslager und manchmal auch zu Selbstmordversuchen und zur Flucht aus Deutschland.

Mit diesem weiten Verständnis von Widerstand wird auch die Ortsfrage relevant. Wo traten Professionelle entgegen der Verwaltungsvorschrift für Schutzbefohlene ein? Gab es Schlüsselinstitutionen? In diesem Buch werden Ausbildungsinstitutionen, Jugendämter und die Jugendverbandsarbeit sowie Berufsverbände vorgestellt. Die Behindertenhilfe und die Heimerziehung der staatlichen und kirchlich freien Träger waren während der NS-Diktatur zentrale Angriffsflächen für die Anwendung der menschenverachtenden Handlungsweisen der Nazis. Sicher ist es ein Verdienst, wenn in diesem Buch die Beteiligung an den Zwangssterilisationen, an der Euthanasie und an den Krankenmoden sowie der geheimen T4 Aktion ausführlich beschrieben werden (vgl. 46ff). Als Lehrende kenne ich Studierende, die davon wenig wissen. Und – wer weiß schon – wie sehr die Tatenlosigkeit und das Schweigen der vielen Mitläufer/- innen als eine Bestätigung und Stütze seitens der Nationalsozialisten aufgefasst wurde, wenn man sich bisher kaum mit dieser Thematik befasst hat (vgl. S. 55).

In diesem Buch werden immer wieder Selbstzeugnisse vorgetragen. Deshalb ist der Sammelband informativ und die Thesen sind belegt. Die Einbindung der Profession in den nationalsozialistischen Terror wurde mit Hilfe der damaligen Berufsverbände gestützt (vgl. S. 58ff). Die Autoren/-innen eröffnen interessante Perspektiven, wie z.B. Adriane Feustels Gedanke, dass die Flucht und Vertreibung aus NS-Deutschland, als Form des Widerstandes gewertet werden muss. Für manche war die Erfahrung, die nationalsozialistische Herrschaft überlebt zu haben Motivation, im Exil Soziale Arbeit weiterzumachen. Manche Emigrierte halfen, den Widerstand in Deutschland zu unterstützen, weil sie z.B. wie Mina Specht eine reformpädagogische Schule gründeten oder wie im Falle von Charlotte Heckmann im Exil traumatisierte Kinder aus einem KZ aufnahmen und betreuten (vgl. S. 88). Einige wurden prominente Vertreterinnen und Vertretern der Sozialen Arbeit. Sie prägten die Professionsentwicklung nach 1945 im Bereich der Methoden. Erinnert wird an Gisela Konopka, Hertha Krauss, Marie Juchacz, Walter Friedländer, Käthe Mende und Jeanette Wolff. Manche waren an der Demokratisierung durch das Reeducation Program der Amerikaner beteiligt.

Sozialarbeit im Exil ist, wie der jüdische Widerstand, ein Desiderat. Bedenkt man, dass assimilierte Juden während der Weimarer Republik die deutsche Gesellschaft nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches maßgeblich mit aufbauten und durch Hitler als Volksverbrecher verfolgt wurden, wundert es nicht, dass ihr Widerstand auch unter der Perspektive einer Selbstbehauptung reflektiert werden muss. Im Buch wird an das mutige Vorgehen der „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau“ erinnert, die zwischen 1943 und 1944 in Berlin Flugblätter verteilte und zum Widerstand aufrief. Darüber hinaus gab es eine zionistische Jugendgruppe „Chug Chaluzi“, die sich 1943 entschloss in die Illegalität zu gehen und am Aufbau des Staates Israel mitzuwirken, sowie die „Herbert-Baum-Gruppe“ die seit 1941 gegen das Regime mit Brandanschlägen kämpfte. Die Selbstbehauptung, so die Autorin Gudrun Maierhof, fand auf der Höhe der Judenverfolgung statt (vgl. S. 140). Aktive Fluchthilfe und Hilfe für jüdische Kinder, gab es bis zum Beginn der Deportationen und dem Auswanderungsverbot im Oktober 1941 auch von Juden und Jüdinnen, die damit vielen Menschen halfen, die Shoa zu überleben (vgl. S. 141). Käte Rosenheim und Recha Freier waren Fluchthelferinnen, deren Praxis in diesem Buch beschrieben wird.

Der Beitrag von Sabine Toppe zur bürgerlich widerständigen Sozialarbeit beleuchtet das beispielhafte Vorgehen von Alice Salomon, Hilde Wulff, Marie Baum, Anna von Gierke, Martha Abicht und Elisabeth von Thadden. Ihr „verdeckter“ Widerstand führte bei einigen Frauen zum Berufsverbot, nicht aufgrund des Widerstandes, sondern weil sie Jüdinnen waren. Die „arischen Frauen“ der bürgerlichen Frauenbewegung organisierten in ihren Institutionen Verstecke für jüdische Kinder. Sicher nutzen sie auch ihre Vernetzung, um zu helfen (vgl. S. 173).

Der Beitrag über den evangelischen Widerstand innerhalb der Bekennenden Kirche und der Inneren Mission, des heutigen Diakonischen Werkes, thematisiert die Schwierigkeiten der nationalsozialistischen Gleichschaltung, die auf evangelischer Seite zur kirchlichen Spaltung in Deutsche Christen und Bekennende Kirche führte. Der christliche Antijudaismus, der die staatsloyale Haltung vieler Pfarrer bekräftigte und den Widerstand als innerkirchliches Phänomen hervorbrachte, wird kontrastiert. Der Beitrag von Andreas-Lob-Hüdepohl setzt sich mit Widerstand aus christlicher Humanität auseinander und zeigt auf, dass die katholische Soziallehre und die naturrechtliche Begründung der Gleichheit der Menschen eine wichtige Orientierung boten, um sich gegen die nationalsozialistische Rassenlehre und die Beteiligung der Volkswohlfahrt m Holocaust zur Wehr zu setzen (vgl. S. 207). Das christliche Bekenntnis und die 10 Gebote halfen natürlich nicht jeder Person, die mörderische Indienstnahme der staatlichen Herrschaft zu durchschauen. Dennoch führte die christliche Grundhaltung bei einigen Personen dazu, sich mit dem gesellschaftlichen Geschehen kritisch auseinanderzusetzen (vgl. S. 209). Am Beispiel von Marianne Pünder wird deutlich, wie wenig das katholische und nationalsozialistische Menschenbild vereinbar sind.

Die Erinnerungsarbeit hat mit dem Sammelband eine weitere Form gefunden. „Die Beschäftigung mit den Rettungsgeschichten ermöglicht an der historischen Realität orientierte Antworten auf die Frage nach individueller und kollektiver Verantwortung, sei es unter den erbarmungslosen Bedingungen einer Diktatur oder den ‚normalen‘ Umständen einer Demokratie“ (S. 231). Susanne Zeller wirft einen Blick auf berufsethische Gesichtspunkte. Sie macht deutlich, dass der Referenzrahmen für Gewissensentscheidungen notwendig ist. Dabei geht es um Werte, die ihre Bedeutung verlieren oder neu definiert werden. Wenn sich aber Recht- und Unrechtsfragen verschieben, braucht es auch Mut, den eigenen moralischen Überzeugungen zu folgen. Wie wichtig „starke Persönlichkeiten“ sind, wird durch ihren Beitrag sichtbar. Die beispiellose Rettung jüdischer Kinder und auch ihre Begleitung bis in den Tod werden am Beispiel von Irena Sendler und Janusz Korczak hervorgehoben. Im abschließenden Gespräch zwischen den Vertretern/ -innen Sozialer Arbeit werden die Leser/-innen in die Überlegungen zum heutigen Widerstand hineingeführt.

Fazit

Für alle, die sich mit dem Thema beschäftigen wollen, ist dieses Buch zu empfehlen. Meiner Ansicht nach ist der Sammelband sehr gut strukturiert und alle Beiträge bieten eine anregende und hilfreiche Orientierung, sich mit dem Thema Widerstand reflektiert auseinanderzusetzen. Die Texte wirken wie eine variationsreiche Komposition. Sie stellen Verbindungen zur marxistischen Weltanschauung, zum christlich humanistischen Menschenbild und zum kirchlichen Widerstand auf. Sie greifen Zeitzeugnisse auf, stellen Verhaltensweisen vor und die Hoffnung, dass dieses Buch auch auffordert, nach heutigen Formen und Notwendigkeiten des Widerstandes zu fragen, geht in Erfüllung.
Das Forschungsforschungsvorhaben, das sich wohl am besten als Spurensuche beschreiben lässt, bestätigt, dass die Bereitschaft zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus auf einer individuellen Entscheidung beruhte und wohl nicht aus einer beruflichen Verpflichtung heraus definiert war. Den ‚Widerstand‘ im Sinne eines konzentrierten Vorgehens mit entsprechenden Strukturen und geteilten Grundüberzeugungen hat es nicht gegeben. Eindeutig blieb widerständiges Handeln innerhalb der Profession Sozialer Arbeit während der NS-Diktatur eine Ausnahme. E war von moralischen Überlegungen motiviert, die individuellen Gelegenheiten, Freiheiten oder Zwänge, zur Entscheidung zu nutzen. Opportunismus und Mitwirkung am System waren Normalität. „Für die professionelle und disziplinäre Programmatik heutiger Sozialer Arbeit im besten Sinne herausfordernd bleibt jedoch ein Motiv, welches alle der hier vorgestellten Widerstandsbiografien durchzieht: Das Engagement für die Bekämpfung diktatorischer, autoritärer und sozial ausgrenzender staatlicher Strukturen durch eine anwaltschaftlich auftretende, adressatenorientierte und emanzipatorische Jugendhilfe mit starken, von sozialpädagogischer Fachlichkeit geprägten Angeboten und Diensten“ (S. 117). Dem ist sicher nichts hinzuzufügen.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 30.11.2016 zu: Ralph-Christian Amthor (Hrsg.): Soziale Arbeit im Widerstand! Fragen, Erkenntnisse und Reflexionen zum Nationalsozialismus. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3406-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20994.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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