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Helmwart Hierdeis: Psychoanalytische Pädagogik - Psychoanalyse in der Pädagogik

Cover Helmwart Hierdeis: Psychoanalytische Pädagogik - Psychoanalyse in der Pädagogik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 180 Seiten. ISBN 978-3-17-024178-7. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.

Reihe Psychoanalyse im 21. Jahrhundert. Klinische Erfahrung, Theorie, Forschung, Anwendungen. Herausgegeben von Cord Benecke, Lilli Gast, Marianne Leuzinger-Bohleber, Wolfgang Mertens.
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Thema

Bereits in den Anfängen der Psychoanalyse stellte Sigmund Freud Überlegungen zur Übertragbarkeit ihrer Erkenntnisse auf das Gebiet der Pädagogik an. Umgekehrt fühlten sich viele Pädagoginnen und Pädagogen selbst von den neuartigen Ausführungen über die kindliche Entwicklung angezogen. Konnte das nun generierte Wissen über frühe, unter Konfliktdruck problematisch verlaufende Entwicklungen des Menschen im Geiste einer neuen Erziehung zur Neuroseprophylaxe beitragen? Als Ergebnis dieses mannigfaltigen Diskurses entstand die Psychoanalytische Pädagogik. Traf aber schon die Psychoanalyse auf große Skepsis bei den benachbarten humanwissenschaftlichen Disziplinen, so waren die Widerstände innerhalb der traditionellen Pädagogik umso heftiger. Und obzwar sich die Psychoanalytische Pädagogik in theoretischer wie methodischer Hinsicht in den letzten vierzig Jahren als eine gut fundierte erziehungswissenschaftliche Fachrichtung etabliert hat, so ist diese Abneigung nicht wirklich abgeebbt.

Der hier vorliegende Band verfolgt die Absicht, diese Vorbehalte zu entkräften. Helmwart Hierdeis führt in die Geschichte der Psychoanalytischen Pädagogik ein, systematisiert ihre theoretischen Entwürfe und Positionen und stellt den Transfer der Theorie zur unmittelbaren Praxis her. Insbesondere mit der Betonung des Moments der Selbstreflexion leistet er einen wichtigen Beitrag zu ihrer weiteren Professionalisierung.

Aufbau

Nach einleitenden Bemerkungen der Herausgeber der Reihe „Psychoanalyse im 21. Jahrhundert“, in denen die Rekonstruktion der Sinnhaftigkeit individueller Lebens- als einer Leidensgeschichte in den Mittelpunkt gestellt wird, folgt Hierdeis´ Aufbereitung der inhaltlichen Schwerpunkte der Psychoanalytischen Pädagogik in fünf Schritten. Abgerundet wird das Ganze durch eine einschlägige Auswahl kommentierter Literatur und ein Glossar mit den wichtigsten psychoanalytischen Begriffen.

Inhalt

Zunächst wird den Leserinnen und Lesern die Geschichte der Psychoanalytischen Pädagogik nahegebracht. Beginnend mit der Frage nach der Eignung des Menschen, Kinder zu erziehen, schließen sogleich Freuds anthropologische Überlegungen über den Menschen als Triebwesen an. Seine Ausführungen über die Sexualität des Kindes, den einschränkenden Einfluss des Unbewussten auf unsere Autonomie und den janusköpfigen Charakter der Kultur, der zugleich unterdrückend wie orientierungsstiftend aufscheint, münden ein in die von ihm umrissene Herausforderung der Pädagogik zwischen Gewährenlassen und Versagen.

Ein nächster Schritt führt zur historischen Verbindung von Psychoanalyse und Pädagogik, die am deutlichsten sichtbar wurde mit dem Erscheinen der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik“ (1926 – 1937). In diesem Zusammenhang werden uns die ersten namhaften Vertreterinnen und Vertreter dieser Richtung vorgestellt: Anna Freud, August Aichhorn, Hans Zulliger und Siegfried Bernfeld.

Der anschließende Rekurs über die geisteswissenschaftlich orientierte Pädagogik dieser Zeit vor 1945 belegt massive, emotionalisiert vorgetragene Einwände ebenso wie gewisse Sympathien. In der Nachkriegszeit dauert es im Grunde bis zur Studentenbewegung 1968, bis nach der Zerschlagung der Psychoanalytischen Pädagogik durch den Nationalsozialismus die Erinnerung zurückkehrt. Die Pädagogik beginnt sich zu politisieren, eine Änderung der Gesellschaft erscheint nur über eine Änderung des Bewusstseins möglich, und also werden große, um nicht zu sagen illusionäre Hoffnungen an die Psychoanalyse gerichtet, diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen. So erscheint auch eine erneute Spaltung innerhalb der Erziehungswissenschaften, was ihr Verhältnis zur Psychoanalytischen Pädagogik angeht, schier unvermeidbar. Allerdings sind spätestens in den 1980er Jahren die neuen Vertreterinnen und Vertreter der Psychoanalytischen Pädagogik wie z.B. Aloys Leber, Hans-Georg Trescher oder Wilfried Datler in ihrer ebenso konsistenten wie differenzierten Art der Argumentation sehr gut in der Lage, vor falschen Erwartungen, die zwangsläufig in tiefe Enttäuschungen einmünden müssen, zu warnen. Stattdessen legen sie praxisnahe Konzepte vor, die belegen, wie ein tieferes Verstehen vor allem der unbewussten Dimensionen von Erziehungs- als Beziehungsprozessen ein gedeihliches Aufwachsen zu garantieren weiß.

Damit sind wir bereits zum nächsten Abschnitt über systematische Aspekte der Psychoanalytischen Pädagogik vorgedrungen. Im Mittelpunkt der vorgebrachten Argumentation steht die Abkehr von empiristischen Herangehensweisen und daraus abgeleiteten monokausalen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen und sozialtechnologischen Handlungsanweisungen. Vier Autoren kommen ausführlich zu Wort, die zur Positionierung der Psychoanalytischen Pädagogik wesentlich beigetragen haben: Jürgen Körner, Helmuth Figdor, Hans-Georg Trescher und Günther Bittner. Im Zentrum ihrer jeweiligen Gedankenführung steht das Problem, inwieweit Psychoanalytische Pädagogik für sich beanspruchen darf, ein integraler Bestandteil der Psychoanalyse zu sein. Bei Körner gab es diesbezüglich eine pädagogikfreundliche Kehrtwendung. Figdor unterstreicht Freuds Aussage, wonach die Pädagogik das wohl wichtigste Anwendungsgebiet der Psychoanalyse sei. Treschers Kritik am allmählich gewachsenen ärztlich-therapeutischen Verständnis der Psychoanalyse rehabilitiert das Selbstverständnis einer psychoanalytisch orientierten pädagogischen Praxis, was er mit der dort stattgehabten Übernahme des szenischen Verstehens von Alfred Lorenzer dezidiert illustriert und ausformuliert. Einzig Bittner bleibt bei seinem Vorwurf, die Psychoanalytische Pädagogik besitze einen großen kasuistischen Reichtum bei gleichzeitiger Theoriearmut. Hierdeis entkräftet diesen mit seinem Hinweis, dass die theoretisch facettenreich entfaltete Beziehungsdynamik des pädagogischen Feldes einem solchen Manko längst abgeholfen hat. Der Anspruch auf eine qua Selbstreflexion sicherzustellende abstinente Haltung, begleitet vom Verstehen der unbewussten Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse, bildet nachher die gemeinsame Basis von Psychoanalyse und Psychoanalytischer Pädagogik, ohne dass die Eigenständigkeit der Pädagogik darunter zu leiden hätte oder diese nur mittels einer fragwürdigen Therapeutisierung aufgehoben werden könnte. Vor allem im „Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik“ und in der Schriftenreihe der DGfE-Kommission „Psychoanalytische Pädagogik“ werden diese spannenden Diskussionen geführt.

Im darauffolgenden Kapitel über „Psychoanalytische Pädagogik als Theorie und Praxis pädagogischer Beziehungen“ werden die vorgestellten Gedanken weitergeführt, wobei das Spezifische der pädagogischen Beziehung genauer ausgeleuchtet wird. Es geht um die mit Hilfe der Erziehung zu leistende Verselbständigung der jüngeren Generation, genauer mit Lorenzer um eine Veränderung von Bewusstsein und Lebenspraxis. Ähnlich wie im psychoanalytischen Prozess steht der Aufbau innerer Bilder, also der psychischen Repräsentanzen vom Selbst und seinen Objekten und deren Wandlung, im Mittelpunkt der Überlegungen. Auch wenn das institutionalisierte Verhältnis von Erzieher und Heranwachsendem in einen öffentlichen Rahmen eingebettet ist, was uns eine besondere Aufmerksamkeit für die damit gesetzten Einschränkungen von Erziehungs- und Bildungsprozessen abverlangt, so gilt es doch die hier vom Unbewussten gesteuerte Dynamik in den Blick zu nehmen, um entwicklungsunterstützend wirken zu können. Welche andere erziehungswissenschaftliche Disziplin kann das von sich behaupten? Die asymmetrischen Beziehungsstrukturen von Familie und Schule werden nun gegenübergestellt, innerhalb derer sich die Verinnerlichung von Normen und hierarchischen Ordnungen abspielt. Gerade der schulische Kontext lädt auf Grund seiner implizit familialistischen Beziehungsanordnung zur Aktivierung von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen ein, was anhand von Fallbeispielen Hirblingers sehr überzeugend expliziert wird. Schließlich mündet das Verstehen dieser Beziehungswiederholungen ins szenische Verstehen ein: Die problematisch erlebten Beziehungserfahrungen werden unbewusst an die Person des Lehrers oder der Lehrerin gerichtet. Kann dieses Übertragungsphänomen wahrgenommen und also dem sprachlos agierten Wiederholungszwang entrissen werden, gerät es zum „Material der Selbstbildung“.

Am Ende werden unter dem Stichwort „Professionalisierung“ pädagogisches Wissen und Handeln unter dem Vorzeichen, dem Erleben die gebührende Achtung zu schenken, ausbuchstabiert, nicht zuletzt um zu verhindern, dass sich für die verdrängte Emotionalität keine Worte finden lassen und es so zu einer Überhitzung des pädagogischen Alltags kommt. Dies kann nur gelingen, wenn mit Jürgen Habermas Selbstreflexion als Wissenschaft fungiert, um die unbewussten Subtexte verstehen zu lernen und so die Pädagogik im Sinne von Baacke und Schulze Anschluss ans Subjekt findet. Dabei ist einem Missverständnis vorzubeugen: Es geht nicht um die kognitiv gewirkte Umsetzung theoretischer Ansätze, sondern darum, mittels einer selbstreflexiven Annäherung Erkenntnisse aus dem Verstehen der aktuellen Szene zu gewinnen. Hier werden nun das persönliche, soziale und institutionelle Unbewusste betrachtet, damit die eigenen Gedanken, Gefühle und Phantasien ihren angestammten Platz finden und die Interaktionen im pädagogischen Setting positiv beeinflussen können.

Diskussion

Dieses Buch wird sicherlich seine Absicht erreichen, Vorurteile gegenüber der Psychoanalytischen Pädagogik zu entkräften und dem diesbezüglich allgemein zu beobachtenden Nicht-Wissen innerhalb der Erziehungswissenschaften abzuhelfen. Die einzelnen Kapitel sind sehr übersichtlich aufgebaut, didaktisch im Hinblick auf die angestrebten Lernziele überaus eingängig und plausibel strukturiert und werden von verständlichen und zusammenfassenden Kommentaren abgerundet. Die besondere Haltung, die die Psychoanalytische Pädagogik auszeichnet, nicht einseitig kognitivistisch noch übergriffig, sondern zugewandt und reflektiert zu agieren und das Unbewusste der Beziehungsarrangements verstehen zu wollen, wird anschaulich vorgetragen. In diesem Sinne steht nicht die Aneignung expliziter theoretischer Kenntnisse im Vordergrund der Darlegungen, sondern diese sollen zur Grundlage eines impliziten Vermögens werden, sich in eine Szene hineinziehen zu lassen, die darin metaphorisch zum Ausdruck kommende Psycho- und Beziehungsdynamik verstehen zu lernen, um so wieder die nötige Distanz zurückzugewinnen. Auf diesem Wege soll der Heranwachsende über eine neue Form emotionaler Erfahrung in die Lage versetzt werden, fürderhin solchen, aus unbewältigter Lebensgeschichte herrührenden Beziehungsfallen zu entgehen und den Weg einer autonomen Entwicklung einschlagen zu können. Somit können Retraumatisierungen, die in pädagogischen Kontexten auf Grund mangelnder Fähigkeit zur Selbstreflexion noch allzu häufig statthaben, vermieden werden. Zudem hält das Buch viele genuine Wissensbestände über eine entwicklungsfreundliche Art der Pädagogik parat, die wiederum den Fundus der Psychoanalyse, die zumeist über pädagogische Prozesse nicht viel weiß, zu bereichern vermögen.

Fazit

Das vorliegende Buch gewährt einen sehr kompakten und dabei nicht vergröbernden Einblick in Geschichte, Theorie und Methodik der Psychoanalytischen Pädagogik. Die differenzierten und kenntnisreichen Ausführungen betonen die Bedeutung der Fähigkeit, eine empathische und verstehende Haltung zu entfalten und zu bewahren, um die unbewussten Reproduktion missglückter früher Erfahrung im aktuellen pädagogischen Interaktionsgeschehen erkennen wie emotional ertragen und daraus eine verbesserte Lebenspraxis entwickeln zu können, eingedenk der Beachtung institutioneller und gesellschaftlicher Zwänge. Wie ein roter Faden zieht sich der humane Anspruch durch das Werk, über eine gelingende Beziehungsarbeit die Bildung der Gefühle voranzubringen – eine wunderbare Abkehr von jeglicher kalten Erziehungstechnologie.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Gerspach
lehrte bis 2014 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Schwerpunkte: Behinderten- und Heilpädagogik, Psychoanalyti­sche Pädagogik sowie die Arbeit mit so genannten verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Seit 2015 lehrt er als Seniorprofessor am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt.
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Zitiervorschlag
Manfred Gerspach. Rezension vom 13.01.2017 zu: Helmwart Hierdeis: Psychoanalytische Pädagogik - Psychoanalyse in der Pädagogik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-024178-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20995.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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