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Ulrich Deinet, Heike Gumz u.a.: Offene Ganztagsschule – Schule als Lebensort aus Sicht der Kinder

Cover Ulrich Deinet, Heike Gumz, Christina Muscutt, Sophie Thomas: Offene Ganztagsschule – Schule als Lebensort aus Sicht der Kinder. Studie, Bausteine, Methodenkoffer. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 220 Seiten. ISBN 978-3-8474-2005-7. D: 24,90 EUR, A: 18,40 EUR, CH: 22,90 sFr.

Soziale Arbeit und sozialer Raum, Band 5.
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Themen, Aufbau und AutorInnen

  • Die Hauptautoren, Ulrich Deinet als Professor an der Hochschule Düsseldorf und seine wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen, eröffnen den Band mit der Darstellung einer Studie, die sechs offene Ganztagsgrundschulen in Düsseldorf untersucht (1. und 2. Kapitel).
  • Das 3. Kapitel von Benedikt Sturzenhecker bezieht sich mit dem Thema der demokratischen Partizipation auch auf die genannte Studie.
  • Das vierte Kapitel von Christian Reutlinger thematisiert das Verhältnis von Schule und Quartier auch mittels eigener Studien.
  • Das fünfte Kapitel von Ahmet Derecik bezieht sich unter den Themenschwerpunkten Bewegungs-, Spiel- und Ruheräume auch auf die Düsseldorfer Studie.
  • Die Folgekapitel zu außerschulischen Partnern der Ganztagsschule und zur Raumaneignung der Kinder (6. Kapitel), zu Handlungsempfehlungen für die Praxis (7. Kapitel) und zum Methodenkoffer für partizipative Befragungsmethoden für Kinder und Jugendliche (8. Kapitel) verdanken sich wieder der erstgenannten Wissenschaftsgruppe.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Ulrich Deinet, ist der Leiter der Forschungsstelle für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung in Düsseldorf. Gleichzeitig ist er der Herausgeber der Reihe „Soziale Arbeit und sozialer Raum“ und die vorliegende Veröffentlichung ist dort der Band 5.

Inhalt

In den ersten beiden Kapiteln wird zunächst auf Forschungsergebnisse zur Ganztagsschule eingegangen. Herausgearbeitet wird, dass Kinder einen eigenen Blick auf ihre Lebens- und Lernwelt haben und dieser Blick wenig berücksichtigt wird. Kinder sind nämlich aktive und produzierende Subjekte. Diese Grundannahme erfordert dann auch eine Teilhabe an der Forschungspraxis die durch eine entsprechende Methodenwahl gesichert werden muss: Kinderfragebogen, Nadelmethode, Subjektive Schul- und Landkarte, Gruppeninterviews, Autofotografie. Mit den Ergebnissen sollen Antworten gefunden werden zu Forschungsfragen wie z.B.:

  • Wie wird Schule wahrgenommen und welche Faktoren haben einen Einfluss auf das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler?
  • Welche Nutzung entwickeln die Kinder in Bezug auf ihren Stadtteil und die Umgebung der Schule?

Der Einsatz der Methoden ist dabei unterschiedlich: 362 Kinder nahmen an dem Kinderfragebogen teil, 143 an der Subjektiven Schulkarte, 60 Kinder nahmen an Interviews teil. Zusätzlich wurden noch Aufsätze ausgewertet.

Die vielfältigen Ergebnisse zeigen u.a. wie der Lebensort Schule durch Peers und Freundschaften geprägt ist, aber auch durch Streit und Ärger mit anderen Kindern. Bei der Bewertung der Räumlichkeiten durch die Schülerinnen und Schüler stellt sich heraus, dass Innenräume (besonders im Winter) wie auch Ruheräume nicht hinreichend vorhanden sind. Aufschluss geben hier auch die Subjektiven Schulkarten, auf denen der Grundriss der Schule unterschiedlich eingefärbt werden kann: z.B. Blaueinfärbung – hier halte ich mich gerne auf.

Des Weiteren bestätigt die Studie den hohen Stellenwert von Spiel- und Bewegungsbedürfnissen. An zweiter Stelle auf die Frage „Was magst Du am liebsten in deiner Schule?“ steht „Sport, Sportunterricht, Turnhalle, Fußballplatz, Schwimmen“. Bei der Betrachtung von Partizipation bzw. Beteiligung stellt sich heraus, dass die Beteiligung an der Sitzordnung in der Klasse für Kinder von großer Bedeutung ist. Nichtbeteiligung wird von einem Mädchen so kommentiert: „Das finde ich total Scheiße“ (S. 43). Weiterhin sind untersucht worden die Tagesstruktur, Pausen, Mittagessen, Lernzeiten, Nachmittagsangebote, das Verhältnis Mädchen/Jungen. Mit der Subjektiven Landkarte wird das Schulumfeld erfasst. Dort finden sich in dieser Studie beliebte Orte wie Rheinkirmes, der Rhein und der Rheinturm.

Im dritten Kapitel macht Sturzenhecker eindringlich klar: „Partizipation aus pädagogischer Gnade ist jedoch keine demokratische Partizipation“ (S. 72). Für die letztgenannte Partizipation gilt, dass sie nur möglich ist unter Bedingungen der gleichberechtigten Teilnahme an realen Entscheidungsgemeinschaften. Die Schule muss sich unter dieser Voraussetzung den Vorwurf der Scheinautonomie gefallen lassen. Alternativen mit dem Ziel realer Beteiligung hat etwa der amerikanische Pädagoge und Philosoph Dewey (1916) entwickelt. Der Autor geht in der Folge die in der Studie untersuchten Sektoren und Bedürfnisse durch und stellt beispielsweise für Peers und Freundschaften fest, dass vorgefertigte Sozialtrainings nicht partizipativ ausgerichtet sind. Zu einer demokratisch-partizipativ ausgerichteten Konfliktregelung gehört demnach die Teilnahme der Kinder an der Lösung eines konkreten Konfliktes z.B. in der Klasse. Für das Mittagessen stellt Sturzenhecker fest, dass Kinder nicht partizipieren, sondern in die Rolle inaktiver Rentnerinnen und Rentner gedrängt werden.

Das vierte Kapitel von Reutlinger skizziert zunächst Raum- und Aneignungsverständnisse von Kindern. Um dazugehörende alltäglich erfahrbare Sozialraumgeografien zu erörtern wird das Forschungsprojekt „Sozialraum Schule: Rekonstruktion des Sozialraums Schule im Kontext von Quartiersentwicklung am Beispiel zweier Quartiere in einer schweizerischen Kleinstadt“ dargestellt. Die angewandte Forschungsmethode war die Erarbeitung Subjektiver Landkarten auf denen z.B. Lieblingsorte, Aufenthaltsorte und Meidungsorte von Schülerinnen und Schülern markiert wurden. Aber auch in den 3. und 6. Klassen geschriebene Aufsätze wurden ausgewertet. Die Forschungsergebnisse zeigen dann Differenzen: Der Stadtteil A mit hohem Anregungspotenzial, der Stadtteil B mit geringem Anregungspotenzial. Letztlich bilden sich spezifische Aneignungsmuster, die aber gemeinsam haben, dass sie uneinheitlich, diskontinuierlich und bewegt statt starr erscheinen. Das Schulhaus A wirkt in sich geschlossen sowie selbstverständlich und so entsteht eine schulische und außerschulische Welt im anregungsreichen Stadtteil. Das Schulhaus B hingegen bietet Auseinandersetzungen und wird kritischer gesehen und auch mehr genutzt, weil der Stadtteil weniger Anregungspotenzial bietet.

Das 5. Kapitel von Derecik thematisiert Bewegungsbedürfnisse und damit einhergehend die Bedeutung von Bewegungs-, Spiel und Ruheräume. Bewegung und Spiel mit Freundinnen und Freunden steht in der Gunst der Kinder entsprechend der Düsseldorfer Studie ganz oben. Der Verlust an informellen Handlungsräumen (z.B. der Straßenkindheit) trägt dazu bei und einher geht ein Rückgang informellen Lernens in Peergruppen. Räume stellen also eine Notwendigkeit dar, zumal die Raumbedeutung subjektiv unterschiedlich wahrgenommen und entsprechend gehandelt und verhandelt wird. Der Autor weist darauf hin, dass ausreichende Räume in Deutschland in Grundschulen nicht vorhanden sind. Insbesondere besteht ein Bedarf an Schulfreiräumen zumal im Winter. Eine bei Raummangel entstehende soziale Dichte führt u.a. zu messbaren Stress erzeugenden Symptomen. Vorgeschlagen wir deshalb eine Öffnung der Räume: Offene Klassenräume, offene Flure und Pausenhallen. Diese Raumoffenheit ist auch auf mehrere schulnahe gelegene Orte, wie z.B. natürliche Nischen (Gebüsch, Sträucher) auszuweiten. Eindeutig vorzuziehen sind unfertige Spielplätze und Orte mit flexiblen Equipment. Diesem Equipment widmet der Autor große Aufmerksamkeit, weil er festmontierte Geräte negativ beurteilt. Selbstbestimmtes Entdecken und Ausprobieren gilt es zu fördern, auch um peerfreundliche Sozialintegration zu verbessern.

Das 6. Kapitel „Außerschulische Partner der Ganztagsschule und die Raumaneignung der Kinder“ stellt zunächst Datenmaterial zur Zusammenarbeit der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) und Schule vor. Die Zusammenarbeit mit den ca. 3.000 Grundschulen ist in Nordrhein-Westfalen (NRW) erheblich und Befürchtungen die OKJA wäre ein Auslaufmodell bestätigen sich nicht. Eine Studie, die vier Kommunen in NRW einschließt, zeigt, dass mehr als zwei Drittel der befragten 95 OKJA – Einrichtungen mit Schulen kooperieren.

Der zweite Teil dieses Kapitels erörtert Aneignungsprozesse der Schülerinnen und Schüler, die so gefördert werden können, dass Schule sich zum Lebensort entwickelt. Dazu gehört die Erweiterung motorischer Fähigkeiten, die Erfahrungen in anderen Lernformen eingebunden zu sein und eine Raumgestaltung mit Aufforderungscharakter: „Aneignung braucht Anregung“ (S. 157). Dann ergibt sich ein „Spacing“ als das eigentätige Schaffen von Raumbezügen. In diesem Kapitel wird auf mehrere raumorientierte Studien Bezug genommen, wie z.B. auf Martha Muchows raumbezogene Lebensweltanalyse in den 1930er Jahren (Spielraum, Streifraum, Umnutzung von Räumen). Dieses Kapitel nimmt dabei wieder Bezug zu den Ergebnissen der Düsseldorfer Studie auf und ist ausgestattet mit vielen Praxisbeispielen.

Das Folgekapitel zu Handlungsempfehlungen ist im gewissen Sinne eine praxisbezogene Zusammenfassung des Buches:

  • Die Bedeutung der pädagogischen Fachkraft als Bezugsperson, denn die Fachkräfte sind Wegweisende zum Erwerb von Wissen und Kompetenzen.
  • Kinder wollen Freiräume und Begegnung mit anderen Kindern; möchten auch in dieser Gemeinschaft nützlich sein.
  • Erforderlich sind vielfältige Aneignungs- und Bildungsformen, d.h. auch Ermöglichungsräume für Bewegung, Gestaltung, Gemeinsamkeit und Rückzug bereitzustellen.
  • Öffnung der Ganztagsschule in den umgebenden Sozialraum.
  • Partizipation bei der Gestaltung von Bildungsorten. Die Schülerinnen und Schüler sind die Expertinnen und Experten ihrer Lebenswelt.

Das Schlusskapitel „Methodenkoffer – Partizipative Befragungsmethoden für Kinder und Jugendliche“ stellt Hilfen zur Verfügung, wie die genannten Expertinnen und Experten an Forschungen und Entwicklungen in ihrem Lebensort Schule aus ihrer jeweiligen Sicht zu beteiligen sind. Dazu gehören:

  • Entwicklung eines Kinderfragebogens,
  • Gruppeninterviews mit Kindern,
  • Nadelmethode (Visualisierung und Bewertung bestimmter Orte in der Lebenswelt),
  • Subjektive Landkarte, Subjektive Schulkarte,
  • Autofotografie,
  • Sozialraumbegehung,
  • Zeitbudgeterfassung (Erkenntnisse zu Freizeitinteressen/zur Freizeitgestaltung).

Diese Methoden werden umfänglich beschrieben und sind auf die authentische Lebenswelt und die dortigen Befindlichkeiten bzw. auf die Sicht der Schülerinnen und Schüler ausgerichtet.

Diskussion

Der vorliegende Band untersucht im Rahmen der einleitenden Studie die Bedürfnisse der Kinder in offenen Ganztagsgrundschulen unter partizipativem Vorzeichen. Die empirischen Ergebnisse und die praktischen Vorschläge wie auch die theoretischen Begründungen in der Studie, profilieren den Lebensort Schule auf herausragende Weise. Damit wird der Band zu einem kreativen praxis- aber auch auf theoretische Konzepte bezogenem Anreger für diejenigen Fachkräfte, die für den lebendigen aber auch liebenswerten Lebensort Schule verantwortlich sind: Fachkräfte der Kinder- und Jugendarbeit, Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter, Schulplaner und Architekten sowie Lehrkräfte.

Die Anordnung der Beiträge bzw. Gastbeiträge wirkt irritierend und hätte anders gegliedert werden können. Noch irritierender ist die negative Bezugnahme von Sturzenhecker bei der Erörterung eines partizipativen Mittagsessens in der Schule zur Bevölkerungsgruppe der Rentnerinnen und Rentnern (s.o.). Schwerwiegender ist indessen, dass die in den Vorgaben durch die Kultusministerkonferenz fixierte Notwenigkeit einer konzeptionellen Gestaltung einer Ganztagsschule einschließlich einer Verzahnung von Unterricht und Nachmittagsangebot so gut wie nicht thematisiert wird. Damit geraten auch Überschneidungen und Ergänzungen von formalen und informellen Bildungsprozessen an den Rand der Analysen und Empfehlungen.

Fazit

Der vorliegende Band untersucht im Rahmen einer einleitenden Studie an sechs Grundschulen in Düsseldorf die Bedürfnisse der Schulkinder unter einem partizipativen Vorzeichen. Die empirischen Ergebnisse, die theoretischen wie auch insbesondere die praxisbezogenen Auswertungen der Studie profilieren den Lebensort Schule auf herausragende Weise. Schulische Räume, soziales Umfeld, Sport, Spiel, Bewegung, Ruhe sowie die Anerkennung der Kinder als gestaltende Experten ihrer Lebenswelt sind die thematischen Schwerpunkte. Sehr zu empfehlen für Fachkräfte der Kinder- und Jugendarbeit, für die Schulsozialarbeit und für Lehrerinnen und Lehrer. Aber auch für Schulplaner und Architekten ergeben sich vielfältige Anregungen.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 19.02.2019 zu: Ulrich Deinet, Heike Gumz, Christina Muscutt, Sophie Thomas: Offene Ganztagsschule – Schule als Lebensort aus Sicht der Kinder. Studie, Bausteine, Methodenkoffer. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-8474-2005-7. Soziale Arbeit und sozialer Raum, Band 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20998.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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ISSN 2190-9245

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