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Anne van Rießen: Zum Nutzen Sozialer Arbeit (Übergang zwischen Schule und Erwerbsarbeit)

Cover Anne van Rießen: Zum Nutzen Sozialer Arbeit. Theaterpädagogische Maßnahmen im Übergang zwischen Schule und Erwerbsarbeit. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. 283 Seiten. ISBN 978-3-658-14275-9. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Für junge Menschen, die nach dem Besuch der allgemeinbildenden Schule keinen Ausbildungsplatz oder eine Erwerbsarbeit erhalten haben, hat sich ein komplexer Übergangsbereich aus Maßnahmen etabliert, in denen vorrangig ihre Arbeitsfähigkeit auch durch eine sozialpädagogische Begleitung (wieder-)hergestellt und sie in eine duale Ausbildung oder Erwerbsarbeit vermittelt werden sollen. Dies gilt insbesondere für Jugendliche bis 25 Jahren, die Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (‚Hartz 4‘) beziehen. Die Zuweisung zu Maßnahmen und Projekten dieses Bereichs durch die Fallmanager*innen der Jobcenter und Berufsberater*innen der Agentur für Arbeit erfolgt unter der arbeitsmarktpolitischen Maxime des ‚Förderns und Forderns‘, die sich auf Seiten der Jugendlichen als Teilnahme unter Sanktionsdruck darstellt: Bei Nichtteilnahme oder Abbrüchen können Transferleistungen u.U. für drei Monate deutlich gekürzt oder sogar ganz eingestellt werden.

Die programmatisch-konzeptionelle Ausrichtung dieser ‚Dienstleistungen am Arbeitsmarkt‘ auf das dominierende Ziel einer Integration in Ausbildung/Erwerbsarbeit vollzieht sich parallel zu einem weiterhin marktförmig organisierten Ausbildungs- und Erwerbsarbeitsangebot, das besonders junge Menschen ohne oder mit maximal einem Hauptschulabschluss im Zugang benachteiligt. Kritisiert wird, dass in den arbeitsmarktpolitischen Instrumenten trotz dieser strukturellen Ursachen für Jugendausbildungs- und -arbeitslosigkeit vor allem die jungen Menschen selbst mit ihren vermeintlich marktinadäquaten (In-)Kompetenzen zum Ausgangspunkt einer ‚aktivierenden‘ Pädagogik gemacht werden, ohne jedoch gleichzeitig deren Zugangschancen zum Ausbildungs- und Erwerbsarbeitsmarkt unter Berücksichtigung ihrer subjektiven Wünsche und Interessen erhöhen zu können.

In diesem Übergangsbereich haben theaterpädagogische Maßnahmen Konjunktur. Auch diese können unter den Rahmenbedingungen vordefinierter, erwerbsarbeitszentrierter Ziele als „personenbezogene() Bearbeitung der nicht erfolgten Arbeitseinmündung“ (S. 16) verstanden werden. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die daran teilnehmen (müssen), befinden sich damit in einem Spannungsfeld vorgegebener Zielerwartungen einerseits und individualisierender Ursachenzuschreibung für das ‚Scheitern‘ an der ersten Schwelle sowie einer entsprechenden ‚theater- und sozialpädagogischen Bearbeitung‘ andererseits. Vor diesem Hintergrund stellt sich (auch) aus einer emanzipatorisch begründeten Perspektive Sozialer Arbeit die Frage, inwieweit Ziele und Ausgestaltung dieser Maßnahmen mit den Zielen und Vorstellungen der teilnehmenden jungen Menschen übereinstimmen. Oder anders formuliert: „Was ‚haben‘ eigentlich die jungen Erwachsenen davon, wenn sie an den theaterpädagogischen Maßnahmen teilnehmen (müssen)?“ (S. 17)

Dieser Frage geht Anne van Rießen in ihrer qualitativ angelegten Studie auf der methodologischen Grundlage der sozialpädagogischen Nutzer*innenforschung (www.socialnet.de/rezensionen/2321.php) nach.

Das Buch richtet sich sehr breit an die Zielgruppen von Forschenden, Lehrenden und Studierende der Sozialen Arbeit, Erziehungswissenschaften und Kulturpädagogik einerseits und an Praktiker*innen Sozialer Arbeit sowie sozial- und bildungspolitische Entscheidungsträger*innen anderseits. Der Rezensent gehört als Sozialpädagoge bei einem überregionalen Träger der Jugendberufshilfe und als Lehrbeauftragter im Studiengang Sozialarbeit/Sozialpädagogik zumindest zwei der adressierten ‚Welten‘ an.

Autorin

Anne van Rießen ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Düsseldorf tätig.

Entstehungshintergrund

Bei dem Buch handelt es sich um die veröffentlichte Dissertation der Autorin. Es ist als fünfter Band in der Buchreihe ‚Transformation des Sozialen – Transformation Sozialer Arbeit‘ des Springer-Verlages erschienen, die von den Mitgliedern des Promotionskollegs der Heinrich-Böckler-Stiftung ‚Widersprüche gesellschaftlicher Integration. Zur Transformation sozialer Arbeit‘ (www.uni-due.de/wgi/index.html) herausgegeben wird.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in eine Einleitung und fünf Hauptkapitel sowie ein umfangreiches Literaturverzeichnis gegliedert.

  1. Nach der Einleitung führt Kapitel 1 zunächst systematisch in theoretische Grundlagen ein.
  2. Kapitel 2 enthält den Begründungszusammenhang der sozialpädagogischen Nutzer*innenforschung für das gewählte qualitative Forschungsdesign,
  3. das anschließend in Kapitel 3 dargestellt, von anderen akteur*innenbezogenen Forschungsperspektiven abgegrenzt und reflektiert wird.
  4. In Kapitel 4, das gleichzeitig das umfangreichste ist, werden die Ergebnisse detailliert dargestellt und schließlich
  5. in Kapitel 5 perspektivisch im Hinblick auf die sozialpädagogische Nutzer*innenforschung, Theaterpädagogik und Soziale Arbeit im gewählten Forschungsfeld diskutiert.

Das erste Kapitel mit dem Titel „Theaterpädagogische Maßnahmen im Kontext der Aktivierungsprogrammatik“ wendet sich zunächst den „junge(n) Erwachsenen im Übergang zwischen Schule und Arbeit“ (S. 21) zu. Van Rießen bezieht sich einleitend auf Jugendstudien, die ‚Arbeit‘ auch unter zunehmend unsicherer werdenden Bedingungen als „zentrales Moment in den Lebensentwürfen der jungen Erwachsenen“ (S. 22) ausweisen. Daran anknüpfend referiert sie zunächst aus einer soziologischen Perspektive „die Relevanz von Ausbildung und Arbeit für die aktuelle Gesellschaftsformation“ (ebd.), reduziert anschließend den Blick auf die heterogene Landschaft der „Angebote im Übergang zwischen Schule und Arbeit“ (S. 31) und thematisiert schließlich die Rolle der „Soziale(n) Arbeit im Handlungsfeld der Jugendberufshilfe“ (S. 35). Hier arbeitet sie Widersprüche heraus, die sich zwischen „subjekt- und lebensweltorientierte(n) Prinzipien und Handlungsansätze(n)“ (S. 39) sozialpädagogischer Fachlichkeit und einer „ausschließlichen Beschäftigungsorientierung“ (ebd.) aufspannen lassen. Hingewiesen wird auf das Dilemma Sozialer Arbeit, unter der Bedingung fehlender Ausbildungsplätze weiterhin der Zielvorstellung der Vermittlung unterworfen zu sein und in ihrer Ergebnisqualität fast ausschließlich an ‚Vermittlungsquoten‘ gemessen zu werden.

Anschließend bettet die Autorin ihre Studie in zeitdiagnostische Zusammenhänge ein, die als „Wandel vom fürsorgenden und versorgenden Sozialstaat hin zu einem aktivierenden“ (S. 42) diskutiert werden. Die (möglichen) Folgen dieser sozialpolitischen ‚Aktivierungsprogrammatik‘ auf die Jugendberufshilfe entfaltet van Rießen zunächst auf den Ebenen der Ziele und Inhalte, der Handlungsmethoden sowie der Organisation und Finanzierung der Maßnahmen. Wie sich ein ausschließlich an Beschäftigungsfähigkeit ausgerichtetes, ‚aktivierendes‘ sozialpädagogisches Handeln hingegen auf die zur Teilnahme verpflichteten jungen Menschen und deren ‚Selbstsicht‘ auswirke, könne nur vermutet werden (S. 49). Mit der vorliegenden Studie wird der Anspruch verbunden, einen empirischen Beitrag zu dieser weitgehend offenen Fragestellung zu leisten. Hier findet sich der Anschluss an das übergreifende Thema der Buchreihe, das in seinen Beiträgen „gegenwärtige()Transformationsprozesse des Sozialen, insbesondere in Bezug auf den öffentlichen Dienstleistungssektor der Sozialen Arbeit analysier(t)“ (Klappentext).

Im nun folgenden Unterkapitel konkretisiert die Autorin die Theaterpädagogik im Handlungsfeld der Übergangsmaßnahmen und befragt diese nach ihren Grundverständnissen zwischen autonomieästhetischem Anspruch und pädagogischer Indienstnahme (S. 52). Im Kontext der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik wird die kritische Frage aufgeworfen, inwieweit theaterpädagogische Maßnahmen mit der Annahme „mittels Transferwirkungen […] die Einmündungschancen der jungen Erwachsenen in eine Ausbildung und/oder Arbeit zu erweitern“ (S. 57) die Tendenz individualisierender Zuschreibungen unter Ausblendung struktureller Ursachen reproduzieren.

Zum Abschluss des Kapitels begründet van Rießen ihr erkenntnisleitendes Interesse zum einen mit einer Leerstelle an forscherischen Zugängen, die über „die Erreichung der konzeptionell intendierten Zielstellungen der jeweiligen Programme und Maßnahmen hinausgeh(en)“ (S. 59) und einem subjektorientierten, emanzipatorischen Forschungsverständnis einer Qualitätsdefinition „von unten“ (ebd.). Als angemessene Methodologie wird die sozialpädagogische Nutzer*innenforschung kurz vorgestellt und die Forschungsfrage konkretisiert: „welchen spezifischen Nutzen (haben) theaterpädagogische Maßnahmen im Kontext der Aktivierungsprogrammatik für jene, die das Angebot […] in Anspruch nehmen (müssen)“ (S. 60)? Als Forschungsgegenstand werden konkrete theaterpädagogische Maßnahmen bei Trägern der Jugendberufshilfe eingegrenzt, deren Teilnehmer*innen Transferleistungen (‚Hartz 4‘) beziehen und in denen Theaterpädagogik und Soziale Arbeit kombiniert werden (S. 61).

Die bereits kurz eingeführte Methodologie der sozialpädagogischen Nutzer*innenforschung wird in Kapitel 2 als akteur*innenbezogene Forschungsperspektive ausführlich vorgestellt und von den ebenfalls akteur*innenbezogenen Perspektiven der Wirkungs- und Adressat*innenforschung abgegrenzt. Die Nutzer*innenforschung begründet sich dienstleistungs- und aneignungstheoretisch aus der Radikalisierung des Produzent*innenstatus´ der Teilnehmer*innen von Angeboten Sozialer Arbeit, da diese einen Nutzen bzw. Gebrauchswert vor dem Hintergrund subjektiver Lebensführung antizipieren und die ‚Produkte‘ personenbezogenener sozialer Dienstleistungen in Abhängigkeit von subjektiv bedeutsamer Gebrauchswerthaltigkeit selbst ‚herstellen‘. Ob und wie ein Nutzen unter den Bedingungen institutioneller Relevanzkontexte erfahren wird, kann daher nur von den Nutzer*innen selbst definiert werden. Damit hat dieser Forschungszugang sowohl eine analytische, als auch eine normative Dimension. Auf der analytischen Ebene werden Nutzen und Nutzungsstrategien im Schnittfeld subjektiver und institutioneller Relevanzkontexte im Hinblick auf nutzenfördernde und -limitierende Bedingungen rekonstruiert. Auf der normativen Ebene konstruiert die sozialpädagogische Nutzer*innenforschung ihre befragten Subjekte als definitionsmächtig.

Kapitel 3 enthält das Forschungsdesign, das sich an der zirkulären Forschungsstrategie der Grounded Theorie orientiert. Leitfadengestützt befragt wurden in mehreren Phasen 25 Nutzer*innen theaterpädagogischer Maßnahmen. Die transkribierten Interviews wurden EDV-gestützt zunächst vollständig explorativ/induktiv codierend ausgewertet. Anschließend wurden neun „gezielte Kontrastfälle“ (S. 116) in Anlehnung an Alheit/Dausien (1985: Arbeitsleben. Eine qualitative Untersuchung von Arbeiterlebensgeschichten) dokumentierend interpretiert.

Das nun folgende Kapitel 4 bildet das empirische ‚Herzstück‘ des Buches. Hier wird zunächst eine mehrdimensionale Heuristik der nutzenstrukturierenden Bedingungen unter Zusammenführung der subjektiven und institutionellen Relevanzkontexte in anschaulichen Grafiken vorgestellt (S. 119-123). Es folgen die Darstellung und Begründungen der ausgewählten neun ‚Fälle‘ mit einer tabellarischen Aufstellung der zugrunde liegenden „Differenzkategorien zur Kontrastierung“ (S. 124-125) entlang von Dimensionen subjektiver Nutzungserwartungen, Zugängen zu der jeweiligen Maßnahme, Unterstützungsoptionen aus dem sozialen Umfeld, Erfahrungen mit Sozialer Arbeit u.v.m.

Ich möchte mich aufgrund der Fülle der dargestellten Ergebnisse und um interessierten Leser*innen die ‚Spannung‘ nicht vorwegzunehmen, nur beispielhaft auf eine Dimension nutzenstrukturierender Bedingungen beschränken, die einen wesentlichen Kern im Selbstverständnis Sozialer Arbeit berühren: Die Beziehungsebene im Erbringungsverhältnis. Als nutzenfördernde Bedingungen aus der Perspektive der befragten jungen Menschen wurden Erfahrungen von Kontinuität und gegebener Zeit, eine solidarische und akzeptierende Grundhaltung sowie die Selbst- und Mitbestimmung an Problemdefinitionen und Strategien zur Problemlösung rekonstruiert. Als nutzenlimitierend wird hingegen eine hierarchisierte Situations- und Problemsituation ‚von oben herab‘ bewertet (S. 240). Lebendig und nachvollziehbar werden diese zunächst eher abstrakt erscheinenden ‚Codes‘ durch Originalzitate aus den geführten Interviews, die im Sinne der dokumentierenden Interpretation als subjektive Binnenperspektive die wissenschaftlich abstrahierende Interpretation ergänzen.

Im letzten Kapitel 5 unternimmt van Rießen den Versuch, mögliche emanzipatorische Perspektiven für die sozialpädagogische Nutzer*innenforschung, Theaterpädagogik und Soziale Arbeit zu formulieren. Mit Blick auf die Soziale Arbeit im Übergang Schule-Beruf stellt sie allerdings fest: „dass mit den aus einer emanzipatorischen Perspektive formulierten Aufmerksamkeiten im Hinblick auf die Neujustierung Sozialer Arbeit im Übergang zwischen Schule und Arbeit nicht davon auszugehen ist, dass Soziale Arbeit die desintegrativen Tendenzen in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen kompensieren kann“ (S. 275).

Diskussion

Um es vorwegzunehmen: Mich hat das hier vorliegende Buch in der Rolle eines Sozialpädagogen in sogenannten Übergangsmaßnahmen gleichzeitig verstört und verhalten optimistisch gestimmt. Verstört vor allem durch die zahlreichen Hinweise auf beschädigende Erfahrungen junger Menschen in Kontexten Sozialer Arbeit. Besonders eindrücklich nachvollziehbar werden diese tendenziell negativen Erfahrungen mit Sozialer Arbeit als subjektiver Relevanzkontext bei denjenigen Befragten, die bereits mit Maßnahmen im Übergang Schule-Beruf in Kontakt gekommen sind (ab S. 129). Verhalten optimistisch, weil auch nutzenfördernde Bedingungen sichtbar werden, etwa wenn ein interviewter Nutzer erklärt, dass den Professionellen ‚seiner‘ Maßnahme „das Wohl der Teilnehmer sehr am Herzen liegt“ (S. 234).

Die insgesamt gut nachvollziehbare Rekonstruktion der hier nur angerissenen Ambivalenzen, die den gesamten empirischen Anteil wie ein roter Faden durchziehen, macht eine Stärke dieses Buches aus. Im Wechselspiel nutzenerhöhender und -limitierender Bedingungen wird der Blick einerseits auf Anteile (sozial- und theater-)pädagogischer Praxis an der Produktion subjektiv bedeutsamer Gebrauchswerthaltigkeit, anderseits aber auch auf Beteiligungen an den genannten Beschädigungen jugendlicher Identitäten aus der Perspektive der jungen Nutzer*innen geöffnet.

Ich empfehle dieses Buch trotz der gelegentlich sperrigen Terminologie der sozialpädagogischen Nutzer*innenforschung daher zunächst Praktiker*innen im Handlungsfeld der Jugendberufshilfe aus folgenden Gründen:

  • Sowohl der hier vollzogene Forschungsansatz, als auch die dargestellten Ergebnisse regen nachhaltig dazu an, den eigenen Blick auf und die eigene Praxis im Umgang mit den teilnehmenden jungen Menschen auf nutzenlimitierende Anteile (selbst-)kritisch zu hinterfragen. Dies gilt auch für eine vorschnelle Affirmation theaterpädagogischer Maßnahmen als vermeintliches Gegenmodell etwa zu den berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen der Agentur für Arbeit.
  • Die Darstellungen nutzenfördernder Bedingungen bieten vielfältige Ansatzpunkte, konkrete Möglichkeiten der Mit- und Selbstbestimmung unter Berücksichtigung differenter subjektiver Nutzungserwartungen und -strategien zu entwickeln. Spannend wäre es z.B. den hier konsequent verfolgten Ansatz einer Qualitätsdefinition ‚von unten‘ aus dem wissenschaftlich-forscherischen Kontext in beteiligende, evaluative Verfahren der Praxis zu übersetzen, die über die gängigen standardisierten ‚Zufriedenheitsbefragungen‘ hinausgehen.

Ich wünsche mir außerdem (und vor allem) die Lektüre bei Entscheidungsträger*innen im Sinne des emanzipatorischen Selbstverständnisses der sozialpädagogischen Nutzer*innenforschung, die ‚Stimme der Nutzer*innen‘ hörbar zu machen und diese bei der Ausgestaltung institutioneller Rahmenbedingungen mit einzubeziehen.

Ich empfehle dieses Buch weiterhin Student*innen der Sozialen Arbeit, Erziehungswissenschaft und Kulturpädagogik als gelungenes Beispiel einer plausibel begründeten, nachvollziehbar dargestellten und ausführlich auch methodenkritisch reflektierten qualitativen Studie.

Trotz dieses insgesamt sehr positiven Eindrucks möchte ich zwei Kritikpunkte einbringen, die sich aus der Forschungsfrage nach dem spezifischen Nutzen im Kontext der Aktivierungsprogrammatik ergeben.

  1. Ob die hier vorgestellten Ergebnisse spezifisch für theaterpädagogische Maßnahmen im Übergang von der Schule in das Erwerbsleben sind, kann m.E. angesichts eines fehlenden Vergleichs mit anderen Maßnahmetypen nicht beantwortet werden. Spannend wäre etwa ein Vergleich mit dem Typus produktionsorientierter Ansätze, in denen statt des theaterpädagogischen Anteils über sinnstiftende Tätigkeiten in betriebsähnlichen Strukturen ebenfalls Transferwirkungen auf verbesserte Einmündungschancen in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt (vor-)angenommen werden.
  2. Meine zweite kritische Anfrage richtet sich an den Anspruch, einen Zusammenhang zwischen Aktivierungsprogrammatik und ‚Selbstsichten‘ der Nutzer*innen empirisch nachweisen zu wollen. Van Rießen unternimmt diesen Versuch einer Rekonstruktion dieses Zusammenhangs, wenn sie die Selbstäußerungen der interviewten jungen Menschen als Signale einer gesellschaftlich an sie herangetragenen „Verantwortungsübernahme für die Beseitigung der ihnen zugeschrieben Defizite, um so ihre Arbeitsfähigkeit (wieder)herzustellen“ (S. 242) deutet. Unter den angenommen Vorzeichen einer ‚Transformation des Sozialen‘, also einer programmatischen Verschiebung in der Zeit, bleibt ebenfalls die Frage nach einer zeitlich verortbaren Differenz offen.

Fazit

Im Übergangsbereich zwischen Schule und Erwerbsarbeit haben seit wenigen Jahren theaterpädagogische Maßnahmen Konjunktur. Über die Teilnahme an diesen Maßnahmen soll jungen Menschen, die keine Ausbildungs- oder Erwerbsarbeitsstelle erhalten haben, der Zugang zu einer solchen erleichtert werden. Kritisch zu bewerten ist, dass sich die Teilnahmebedingungen unter Sanktionsdruck seitens der zuweisenden jobcenter darstellen, sich die konzeptionelle Ausgestaltung dieser Maßnahmen eng an dem Ziel der in den SGB II und III codierten (Wieder-)herstellung der Beschäftigungsfähigkeit ausrichtet und im Zusammenhang mit der Zeitdiagnose eines ‚aktivierenden Sozialstaats‘ strukturelle Probleme wie fehlende Ausbildungsplätze den Individuen selbst zugeschrieben und entsprechend theater- und sozialpädagogisch individualisierend bearbeitet werden.

Anne van Rießen rekonstruiert im Rahmen einer qualitativ angelegten Studie auf der methodologischen Grundlage der sozialpädagogischen Nutzer*innenforschung nach Schaarschuch/Oelerich gut nachvollziehbar nutzenerhöhende und -limitierende Bedingungen dieser Maßnahmen und leistet mit ihren Ergebnissen einen ob ihrer Ambivalenzen nachdenklich stimmenden Einblick in ein noch wenig erschlossenes Forschungsfeld.

Im empfehle das Buch trotz meiner genannten Kritikpunkte einer breiten Leserschaft vor allem aus Praktiker*innen und Entscheidungsträger*innen der Jugendberufshilfe und wünsche mir weitere Forschungsvorhaben, die derart konsequent und detailliert die jungen Menschen als Nutzer*innen in ihrem Bürger*innenstatus würdigt und zu Wort kommen lässt.


Rezensent
Michael Fehlau
M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Forschung-Lehre-Praxis-Transfer, Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Michael Fehlau. Rezension vom 14.07.2016 zu: Anne van Rießen: Zum Nutzen Sozialer Arbeit. Theaterpädagogische Maßnahmen im Übergang zwischen Schule und Erwerbsarbeit. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-14275-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20999.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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