Martin Zobel (Hrsg.): Wenn Eltern zu viel trinken
Rezensiert von Bärbel Rosengart-Bahlmann, Sabine Böing, 02.01.2002
Martin Zobel (Hrsg.): Wenn Eltern zu viel trinken. Risiken und Chancen für die Kinder. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2001. 239 Seiten. ISBN 978-3-88414-272-1. 12,90 EUR.
Einführung in das Thema
Dieses Buch beschreibt die Notlagen von Kindern, sowohl aus der Sicht von Betroffenen, als auch aus der Sicht von Fachleuten, die in Familien aufwachsen, in denen Suchtmittelabhängigkeit das Alltagsgeschehen prägt. Diese Kinder, häufig als "Hochrisikogruppe" eingeschätzt, erleben familiäre, soziale, kognitive und körperliche Beeinträchtigungen. Forschungsergebnisse belegen für diese Kinder u.a. ein vielfach erhöhtes Risiko, später selber eine Abhängigkeit bzw. eine psychische Erkrankung zu entwickeln. Relativ neu sind die wissenschaftlichen Bemühungen, nicht nur die Risiko-, sondern auch die Schutzfaktoren herauszufiltern, die es möglich machen, dass sich auch Kinder aus "Suchtfamilien" völlig normal entwickeln, bzw. eine intakte psychische Gesundheit ausbilden. Aus der Literatur ist bekannt, dass eine Transmission keinem einfachen " wenn-dann" Prinzip folgt, sondern ein multifaktorielles Geschehen darstellt. Dementsprechend findet man im vorgestellten Buch immer wieder Hinweise auf protektive Faktoren. Unter Rückbezug auf altbekannte Rollenmodelle werden die Entwicklung von Resilienzen und die Übernahme von rigiden, oft auf Dauer dysfunktionalen Rollen im Familiengeschehen beschrieben. Deutlich wird, dass es auch Chancen gibt, angemessene Bewältigungsstrategien zu entwickeln..
Entstehungshintergrund
Diesem Buch vorausgegangen ist die Dissertation des Autors, eine Synopse der internationalen Forschung zum Thema " Kinder aus alkoholbelasteten Familien" - Entwicklungsrisiken und -chancen. Auf dem Hintergrund einer sehr breiten Analyse der vorhandenen Literatur entwickelte der Autor ein Modell zur Transmission von Alkoholabhängigkeit, das familiärer Einflüsse, biologische Effekte und Modelllerneffekte mit berücksichtigt. Angesichts dieses ausführlichen Teils fielen die praktischen Konsequenzen für Hilfeleistende eher kurz aus. Im vorliegenden Buch sollen die entsprechenden Praxisteile vorgestellt werden.
1. und 2.Teil: Erfahrungen mit trinkenden Eltern / Alkohol und dessen Auswirkungen auf die Familie
Das Alltagswissen, dass die Krankheit der Eltern nicht nur diese selbst, sondern auch die Kinder trifft, wird anschaulich in den Fallbeispielen des Buches deutlich. Es folgt ein Teil über die Auswirkungen von Alkoholabhängigkeit und deren Auswirkungen auf die Familie. Dieser wird Praktikern bekannt sein, dem Kind aus o.g. Familie ein: "ja, genau so war es", dem interessierten Laien ein "aha-Erlebnis" entlocken. Hier werden zum ersten Mal die viel diskutierten "protektiven Faktoren" benannt: Bestätigung der Wahrnehmung des Kindes, Distanz, Eigeninitiative, Humor, genutzte Talente, Moralentwicklung, Geschwisterkonstellation, etc.
Es folgt ein Beitrag von Johannes Lindenmeyer über Risikofaktoren und Entstehung von Alkoholabhängigkeit, bzw. die verschiedenen Typen des abhängigen Konsumenten. Dieser Aufsatz ist geprägt von Toleranz und Verständnis gegenüber dem Suchtkranken. Daran anschließend zeichnet Monika Rennert sehr treffend den Zustand Co-Abhängiger, beschreibt die Wege, die in eine Co-Abhängigkeit bzw. wieder hinaus führen und benennt ebenfalls den gesellschaftliche Gewinn.
Etwas einseitiger ist der folgende Beitrag von Hermann Löser über Alkohol in der Schwangerschaft. Ohne Hinweise auf präventive Möglichkeiten oder alternative Hilfsangebote für abhängige Schwangere wirkt der Beitrag moralisierend und Schuld zuweisend. Der hilfreich gemeinte Teil für Pflegeeltern verwirrt leider durch fachlich nicht vollständige Annahmen über ADS, bzw. ADHKS als Folge einer leichten Form der Alkoholembryopathie. Die angeführten kurz erwähnten therapeutischen oder heilpädagogischen Hilfsmöglichkeiten sind lückenhaft und nicht auf dem aktuellsten Stand.
3. Teil: " Kinder stark machen – aber wie?"
Beschrieben wird die Modellstudie von Michael Klein / Martin Zobel mit dem Ziel der Förderung der Hilfsangebote für Kinder sowie der Vernetzung von Sucht- und Jugendhilfe, im Anschluss daran die Durchführung von Kinder -bzw. Jugendseminaren in den Kliniken Daun - Thommener Höhe, die einige Hinweise auf praktische Umsetzung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zeigt. Ein gutes Konzept für ein Wochenendseminar für betroffene Kinder und Jugendliche wird an dieser Stelle unter dem Titel:" Mein Kind hat nichts gemerkt", vorgestellt..
Es folgt die ambulante Variante - hier werden organisatorischer Rahmen, pädagogisch-therapeutische Zielsetzung und Methodik eines ambulanten Gruppenangebotes für Kinder beschrieben.
Der Bericht von Dirk Bernsdorf über "die vergessenen Kinder" als wichtige Zielgruppe der Suchtprävention ist ein praktisches Beispiel über die Tätigkeit mit Kindern, Eltern und Multiplikatoren, sowie notwendiger Vernetzungsarbeit vor Ort. Anschließend folgen zwei etwas wenig ergiebige Interviews mit Mitarbeitern des Jugendamtes bzw. der Suchthilfe. Tenor ist die Wichtigkeit der Vernetzung und die Schwierigkeiten mit dieser besonderen Klientel (suchtkranke Eltern). Wichtig ist der Hinweis auf die Garantenstellung des Jugendamtes, die - neben den rechtlichen Grundlagen der möglichen Angebote, welche das KJHG vorsieht, ruhig etwas ausführlicher hätte erläutert werden können.
4. Teil: Chancen für die Zukunft
Arno Winkelmann gibt liebevoll und ressourcenorientiert einen umfassenden Überblick in Geschichte und Regelwerk der AAs. Eine Internetadresse bringt erste konkrete Hinweise für Betroffene.
Helga Dilger bringt mit ihrem Beitrag "Jetzt bin ich auch noch schwanger" die lang vermisste Perspektive von Frauen in dieses Buch ein. Sie bietet eine vorurteilsfreie Möglichkeit an, mit betroffenen Frauen ohne erhobenen Zeigefinger zu arbeiten, zeigt die Hemmschwellen Betroffener, so wie die Mitbeteiligung von Nachbarn, Freunden, Partnern und wie eine Form von Prävention im Rahmen einer Schwangerenbegleitung aussehen kann.
Es schließt sich ein Bericht von Monika Vogelsang über posttraumatische Belastungsstörungen an. Er werden in groben Zügen Bereiche der Traumatherapie geschildert, wobei es unfreiwillig komisch an der Stelle wird, an der Frau Vogelsang mit wenigen Worten beschreibt, in welchen Fällen das Jugendamt hinzuzuziehen sei.....just in dem Bereich, wo JA-Mitarbeiter einige Seiten zuvor erklären, welche rechtlichen Umstände ein Eingreifen des Jugendamtes in solchen Fällen schwierig bis unmöglich machen.
Im Anschluß daran beschreibt Joachim Körkel einen Teil seines Konzeptes des kontrollierten Trinkens – an dieser Stelle gedacht für die Kinder alkoholabhängiger Eltern. Körkel ist in der Suchthilfe in vergangener Zeit für das von ihm vorgestellte Konzept des KT zum Teil heftig kritisiert worden und schließt sorgfältig mehrere Personengruppen aus (körperlich Vorgeschädigte, Schwangere und trockene Alkoholiker).
Herr Winkelmann stellt anschließend eine in Deutschland noch recht unbekannte Hilfsmöglichkeit, die sogenannte strukturierte Intervention, vor. Diese Methode ist in den USA schon längere Zeit erfolgreich und hat zum Ziel, die weitere Progression der Abhängigkeitserkrankung zu verhindern und den Angehörigen einen Weg zur Hilfe aufzuzeigen.
Das Buch schließt mit der Vorstellung des Vereins KOALA (Kinder ohne den schädlichen Einfluss von Alkohol und anderen Drogen ) sowie einer Checkliste zur Risiko -und Ressourceneinschätzung für Jugendliche und Erwachsene aus alkoholbelasteten Familien
Die Hilfeadressen im Anhang sind auf dem neuesten Stand und mit den entsprechenden Internetadressen ausgestattet. Entsprechend den Themengebiete findet man gut ausgewählte, weiterführende Literaturhinweise
Fazit
Was die Zielgruppe des vorgestellten Buches angeht bleiben einige Fragen offen. Für PraktikerInnen in der Arbeit mit Suchtkranken und deren Kindern gibt es nicht viel Neues, allerdings ist Herrn Zobel eine Zusammenstellung aller praxisrelevanter Teilgebiete aus diesem Themenkreis gelungen.
Für Betroffene enthält das Buch ebenfalls viele verwertbare Hinweise, so dass die Zielgruppe wohl zwischen interessierten Betroffenen und Personen, die sich in diesem Arbeitsgebiet orientieren möchten, anzusiedeln ist. Es kommen namhafte Autoren aus Wissenschaft und Praxis zu Wort, die in dieser Zusammenstellung eine gute Einführung in ein wichtiges Arbeitsfeld der Suchtkranken- bzw. Jugendhilfe geben.
Rezension von
Bärbel Rosengart-Bahlmann
Leiterin KIZ (Kinder im Zentrum) Caritasverband Neuss
Sabine Böing
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