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Stephanie Stadelbacher: Die körperliche Konstruktion des Sozialen

Cover Stephanie Stadelbacher: Die körperliche Konstruktion des Sozialen. Zum Verhältnis von Körper, Wissen und Interaktion. transcript (Bielefeld) 2016. 302 Seiten. ISBN 978-3-8376-3457-0. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Stadelbacher befasst sich im Kern mit der Frage, welches Verhältnis zwischen Körper, Wissen und Interaktion in ausgewählten Theorien und Konzepten des Sozialen behauptet wird. Der je unterschiedlich aufgefasste und beschriebene Phänomenbereich der körperlichen Konstruktion des Sozialen wird bearbeitet, wobei der Versuch einer Synthese unternommen wird. Damit wirkt Stadelbacher einem auch von Uzarewicz und Gugutzer (in Stadelbacher 2016: 13) jenseits des „body turn“ (Gugutzer 2006 in Stadelbacher 2016: 11) festgestellten Defizit entgegen, dass „der omnipräsente, das Soziale konstituierende Körper (und Leib, Anm. der Rezensentin) in der Soziologie bis heute nicht in den Kanon der Grundfragen sozialen Handelns eingegangen“(ebd.:9) sei.

Autorin

Die Autorin, geboren 1982, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Soziologie mit besonderer Berücksichtigung der Sozialkunde an der Universität Augsburg.

Entstehungshintergrund

Der für das Buch zentrale Sachverhalt, dass der Körper innerhalb soziologischer Theorie und Empirie lange Zeit als blinder Fleck galt, ist Anlass, besagter „quasimentalistische[r] Bornierung“ (Lindemann 2005 in Stadelbacher 2016: 8) etwas entgegenzusetzen. Die Thematik, der sich Stadelbacher in dieser Absicht widmet, ist mit dem Titel treffend wiedergegeben: der Körper als Konstitutivum sozialen Handelns wird entlang beispielhafter Theoriegebäude expliziert.

Aufbau

Die Autorin gliedert ihr Buch in vier große Kapitel. Eine ausführliche Einleitung (eins) und ein Fazit (fünf) rahmen den Inhalt.

Inhalt

Stadelbacher beginnt mit einer allgemeinen Begründung der Relevanz ihrer Fragestellung (eins, S.7 ff.), um in einem ersten großen Teilkapitel (zwei, S.19 ff.) die Stellung des Körpers im Prozess sozialer Interaktion bei ausgewählten Klassikern nachzuzeichnen. Sie widmet sich dabei Durkheim, Weber, Simmel, Mead, Goffman, Garfinkel und schließlich Bourdieu. Ein Resümee rundet die Ausführungen ab (S.46 ff.).

Ein weiteres Teilkapitel (drei, S.53 ff.) steht im Zeichen wissenssoziologischer Beiträge. Nach einer Einführung nimmt sich Stadelbacher beispielsweise Husserl und Plessner an. Ihre Argumentationslinien, die im Anschluss an Böhle/ Weihrich 2010a (in Stadelbacher 2016:53) formuliert werden, sind grundlegender Natur, wie sich an Teilkapitelüberschriften wie „Ontogenese des Wissens- Erwerb subjektiven Wissensvorrats“ (ebd: 92) ablesen lässt. Auch diesen Theoriestrang versieht die Autorin mit einem Fazit (S.118 ff).

Das vierte Kapitel (129 ff.) thematisiert den für das Buch bedeutsamen Konnex von Sprache und Körper innerhalb der kognitiven Metaphorik (S.130 ff.) im Anschluss an Lakoff/ Johnson (S.131 ff.). Die Theorie besage im Kern, dass Denken untrennbar mit dem Körper verbunden sei: „The mind is inherently embodied“ (Lakoff, Johnson 1999, Herv. S.S. in Stadelbacher 2016, S.132ff.). Welche weitreichenden Konsequenzen diese Aussage für das Verständnis von Metaphern, deren (in der kognitiven Linguistik postulierte) Entstehung und ihre Stellung im Sozialen haben, skizziert Stadelbacher in den folgenden Teilkapiteln.

Sie bezieht sich im weiteren Verlauf unter Anderem auf Beiträge der Leibphänomenologie (etwa im Anschluss an Merleau-Ponty, Waldenfels, S.146 ff., Schmitz, S.223 ff.) und stellt die berechtigte Frage, „inwiefern neuere leibphänomenologische Ansätze anschlussfähig für die Theorie kognitiver Metaphorik“ (ebd: 223) seien. Gerade im Hinblick auf die irreführende Begrifflichkeit der Kognition in der Theorie Lakoffs und Johnsons ist diese Anstrengung notwendig und hilfreich, um die grundlegende Tatsache leiblichen Spürens (im Anschluss an Schmitz, ebd.) gegenüber vermeintlich (!) ‚reiner‘ Kognition hochzuhalten.

In dekonstruierender Absicht kommt Stadelbacher so auch auf Grenzen der Theorie kognitiver Metaphorik (S.236 ff.) zu sprechen. Unter dem Titel „Ein neues Verständnis der körperlichen Konstruktion des Sozialen“ (S.247) bündelt Stadelbacher ihre abstrakten Überlegungen.

Diskussion und Fazit

Ihr im Titel angelegtes Vorhaben, einen Beitrag zum Verständnis der ‚körperlichen Konstruktion des Sozialen‘ zu leisten, realisiert die Autorin aus Sicht der Rezensentin auf sorgfältige und beharrliche Weise. Insbesondere die für eine Nutzung metaphernanalytischer Methoden in der Sozialwissenschaft (vgl. hierzu Schmitt 2011) erforderliche Auseinandersetzung mit dem zugrundeliegenden Metaphernverständnis und der Bezug zur Leibphänomenologie sind erhellend.

Das Verhältnis von Körper, Wissen und Interaktion zu konturieren ist eine ambitionierte Zielsetzung. Dem behaupteten Defizit in der Soziologie antwortet Stadelbacher differenziert und gründlich, dabei scheut sie sich auch nicht davor, namhaften Autoren kritisch (de-)konstruktiv zu begegnen. Eine hilfreiche tabellarische Übersicht zu analytischen Dimensionen von Körperwissen (S.254) fasst in Teilen zusammen, was im Fließtext erarbeitet wurde. Für sozialwissenschaftliche Forschung und Theoriebildung, die Körperlichkeit beziehungsweise Leiblichkeit konsequenterweise mitdenken muss, ist dieser Beitrag von hohem Interesse.

Literatur

Schmitt, R. (2011): Systematische Metaphernanalyse als qualitative sozialwissenschaftliche Forschungsmethode. Abgerufen von www.metaphorik.de am 09.09.2016.


Rezensentin
Viola Straubenmüller
Pflegewissenschaft M.A., Pflegepädagogik B.A.
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Zitiervorschlag
Viola Straubenmüller. Rezension vom 26.09.2016 zu: Stephanie Stadelbacher: Die körperliche Konstruktion des Sozialen. Zum Verhältnis von Körper, Wissen und Interaktion. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3457-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21000.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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