Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Hans-Günter Rolff (Hrsg.): Handbuch Unterrichts­entwicklung

Rezensiert von Dr. Torsten Mergen, 23.08.2016

Cover Hans-Günter Rolff (Hrsg.): Handbuch Unterrichts­entwicklung ISBN 978-3-407-83184-2

Hans-Günter Rolff (Hrsg.): Handbuch Unterrichtsentwicklung. [eine Veröffentlichung der Deutschen Akademie für Pädagogische Führungskräfte (DAPF)]. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 648 Seiten. ISBN 978-3-407-83184-2. D: 68,00 EUR, A: 70,00 EUR, CH: 87,60 sFr.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Unterrichtsentwicklung als langfristig angelegte Umgestaltung von Schule im Allgemeinen und Unterrichtsprozessen sowie -strukturen im Besonderen ist ein recht aktueller Begriff, der im neuen Jahrtausend einen kometenhaften Aufstieg erlebt hat. Ausgelöst durch die Ergebnisse der internationalen Schulleistungsstudien hat die Bildungsverwaltung, vorrangig die Kultusministerkonferenz, durch diverse Beschlüsse sukzessiv nationale Bildungsstandards eingeführt, die eine Output-Steuerung der schulischen Bildungsgänge intendieren. Gerade Verantwortungsträger in den einzelnen Schulen und die Lehrkräfte vor Ort sind gehalten, die national vorgegebenen, neu formulierten Ziele im konkreten Unterricht zu erreichen. Dies setzt eine enorme Veränderungsbereitschaft und ein schulspezifisches Change Management voraus, da sich der klassische Unterricht in die Richtung der Kompetenzorientierung zu entwickeln hat. Dass bei einer Top-down-Steuerung Risiken und Probleme sichtbar geworden sind bzw. momentan sichtbar werden, thematisiert das Handbuch an vielen Stellen.

Herausgeber und AutorInnen

Der Herausgeber Hans-Günter Rolff, Jahrgang 1939, ist Erziehungswissenschaftler und emeritierter Professor am Institut für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund, Vorsitzender des Akademierats der Deutschen Akademie für Pädagogische Führungskräfte und wissenschaftlicher Leiter des Fernstudiengangs Schulmanagement der Technischen Universität Kaiserslautern.

Viele der insgesamt 45 AutorInnen arbeiten als Hochschullehrkräfte an Universitäten im deutschsprachigen Raum, ferner als MitarbeiterInnen von Lehrerfort- und -weiterbildungsinstitutionen.

Entstehungshintergrund

Hervorgegangen ist das Handbuch aus der Arbeit der Deutschen Akademie für Pädagogische Führungskräfte, die für angehende und aktive Schulleitungsmitglieder sowie für MitarbeiterInnen der Bildungsverwaltung weiterbildende Studiengänge und Fortbildungsangebote zur Verfügung stellt. Im Vorwort des Bandes betont der Herausgeber die Intention zu reflektieren, „wie Unterricht weiterentwickelt werden kann“ (S. 9). Pädagogische Führungskräfte sollen geschult und mit dem erforderlichen wissenschaftlichen wie praktischen Knowhow ausgestattet werden, um von „(bisher dominierender) fragmentierter Unterrichtserneuerung zu (künftiger) holistischer Unterrichtsentwicklung“ (S. 10) zu gelangen.

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch umfasst 37 Artikel, welche auf sechs Abschnitte verteilt sind. Die Abschnitte sind überschrieben mit:

  1. „Grundlagen, Trends und Forschungsstand“,
  2. „Analysen und Komponenten der Unterrichtsentwicklung“,
  3. „Didaktische und methodische Konzepte“,
  4. „Fachdidaktische Konzepte“,
  5. „Ganzheitliche Konzepte“,
  6. „Systemweite Unterrichtsentwicklung“.

Ein knappes Vorwort des Herausgebers eröffnet das Handbuch, ein Autorenverzeichnis und ein nützliches Fachwortregister schließen das Buch ab.

In den drei Beiträgen des ersten Abschnitts zu den Grundlagen klärt der Herausgeber zunächst selbst über die „Formate der Unterrichtsentwicklung und Rolle der Schulleitung“ auf, ferner zeigt Andreas Helmke paradigmatisch, wie der Weg „Vom Lehren zum Lernen“ gestaltet werden kann. Nele McElvany und Annika Ohle heben die Bedeutung der „Lese- und Sprachförderung“ hervor, indem sie erläutern, welche „Förderbedarfe, Entwicklungslinien und Fördermöglichkeiten“ (S. 55) bestehen und inwiefern Unterrichtsentwicklung in diesem Bereich „als zyklischer Prozess mehrerer Elemente angesehen werden“ (S. 55) kann.

Die zehn Beiträge des zweiten Abschnitts fokussieren die Komponenten der Unterrichtsentwicklung. Es finden sich Ausführungen zu einer „Theorie der Unterrichtsentwicklung“, zu Grundbegriffen wie Bildungsstandards, Kompetenzorientierung, „Ermöglichungsdidaktik“, ferner zur Rolle des Unterrichtsmaterials, der Feedbackkultur, der Evaluation oder der Schulinspektion. Zwei Beiträge machen besonders neugierig aufgrund ihrer explizit kritischen Herangehensweise: Wolfgang Böttcher möchte aus soziologischer Perspektive „Unterricht in Zeiten des Monitoring-Paradigmas“ betrachten und durch das Benennen von politischen Alternativen „zum Streit anregen“ (S. 182). Ulrich Steffens und Dieter Höfer betrachten mehrere Studien Hatties genauer und stellen die einfache Übertragbarkeit auf deutsche Verhältnisse in Teilen in Frage.

Der dritte Abschnitt enthält neun Beiträge zum Bereich der didaktischen Konzeptionen. Leitbegriffe wie Didaktische Prinzipien, Unterrichtsdiagnostik, Individualisierung, Kompetenzraster, Methodenlernen, Kooperatives Lernen und E-Learning werden differenziert und themenbezogen vorgestellt und hinsichtlich der Chancen für die Unterrichtsentwicklung diskutiert.

Im vierten Abschnitt wird der Versuch unternommen, die allgemeinen Ausführungen auf den konkreten Fachunterricht zu beziehen, indem „Fachdidaktische Konzepte“ vorgestellt werden. Für die Fächer Mathematik, Deutsch, Naturwissenschaften und Englisch finden sich jeweils einschlägige Überlegungen. Abgerundet wird dieser Teil durch einen Beitrag zum „Unterricht in der Wissensgesellschaft“, in dem Bernd Hamann und Dominic Tilley zur Einführung eines neuen Faches namens „Theory of Knowledge“ betonen: „Es ist ein neues Fach in einigen deutschen Schulen, wo es anstelle des Schulfaches Philosophie unterrichtet wird. (…) Das Fach ermuntert Schüler dazu, die Natur des Wissens zu überdenken, den Prozess des Lernens in allen Fächern zu reflektieren und miteinander zu verbinden.“ (S. 425)

Der fünfte Abschnitt ist aus holistischer Perspektive konzipiert: Querschnittsfragen wie Unterrichtscoaching, Erziehung, Inklusion oder soziale und personale Kompetenzentwicklung werden beleuchtet. Michael Schratz unterstreicht in seinem Beitrag zu „Erziehung als Voraussetzung für Unterrichtsentwicklung“: „Eine bloße organisatorische Öffnung des Unterrichts birgt die Gefahr eines Methoden-Lern-Kurzschlusses in sich, über den Lernsituationen zum beliebigen Anlass zu verkümmern drohen“ (S. 501).

Schließlich liefert der sechste Abschnitt Ansätze zu einer „Systemweiten Unterrichtsentwicklung“. Jahrgangsteams, Professionelle Lerngemeinschaften, Lerncoaching, Netzwerkbildung und Transferprozesse werden als mögliche Strukturkomponenten zukünftiger Lehrer- und Schulleitungsarbeitsformen vorgestellt und diskutiert. Vielfach liest man in diesem Abschnitt einschränkend, beispielsweise im Beitrag von Veronika Manitius und Nils Berkemeyer zum Thema „Unterrichtsentwicklung mithilfe von Netzwerken“: „Nicht eindeutig ist die derzeitige Forschungslage hinsichtlich der Wirksamkeit einer solchen Unterrichtsentwicklungsstrategie für die Verbesserung von Schülerleistungen (…). Insbesondere für den deutschsprachigen Raum ist hier auch ein Mangel an Studien zu konstatieren.“ (S. 604)

Diskussion

In den fast vierzig Beiträgen des Handbuchs ist an vielen Stellen herauszulesen, dass Unterrichtsentwicklung kein einfaches „Geschäft“ ist. Das Umkrempeln des Fachunterrichts sei eine „harzige“ Angelegenheit, betont der Herausgeber mehrfach. Die Gründe werden oftmals en passant thematisiert: Bei dem Versuch vom Lehren zum Lernen und von Stoffen zu Kompetenzen umzusteuern, hat nicht jede Neuerung den gewünschten Effekt gezeigt, so konnten bei vielen Studien „auf Schülerleistung bezogene Wirkungen kaum bis gar nicht festgestellt werden“ (S. 16). Eine Theorie der Unterrichtsentwicklung fehlt (noch) weitgehend, wobei allmählich erkennbar wird, dass Unterrichtsentwicklung über Lern- und Leistungsaufgaben angesteuert wird, was „eine passgenaue Fortbildung vor Ort“ (S. 74) erforderlich macht. Jedoch registrieren viele Beiträge, dass kein derartiger Unterricht an den Schulen stattfindet, Rückmeldungen aus standardisierten Vergleichsarbeiten von Lehrkräften nicht (sinnvoll) genutzt werden, und konstatieren beispielsweise eine „latente Veränderungsresistenz“ (S. 80). Zurückzuführen sei dies, wie Rainer Lersch und Gabriele Schreder pointiert formulieren, auf die unbefriedigende Einbindung der Lehrkräfte in die Unterrichtsentwicklung: „Die Lehrerinnen und Lehrer von der Sinnhaftigkeit der anstehenden Veränderungen zu überzeugen und eine entsprechende Akzeptanz bei ihnen zu erzeugen, dürfte die wichtigste Voraussetzung und Gelingensbedingung für dieses Vorhaben sein.“ (S. 85) Insofern beschreibt das Handbuch nicht nur den Ist-Stand, sondern weist auf positive respektive progressive Gestaltungsmöglichkeiten hin. Besonders die Abschnitte zu den didaktisch-methodischen, fachdidaktischen und ganzheitlichen Konzepten gehen auf vielfältige Aspekte ein, von denen Lehrkräfte auch zur eigenen Entlastung profitieren könnten. Methodenlernen, Individualisierung, Kooperatives Lernen, Flipped Classroom sowie Teamarbeit sind nur einige wenige Stichworte, die durchaus einen festen Platz in einem zeitgemäßen Unterricht einnehmen können, sofern die Akteure im pädagogischen Feld vom Nutzen in der Praxis – ohne erhobenen Zeigefinger – überzeugt werden können.

Fazit

Das von Rolff herausgegebene „Handbuch Unterrichtsentwicklung“ bündelt systematisch und klar gegliedert den aktuellen Forschungsstand und erweist sich durch die sachkundigen Beiträge und die hohe Fach- und Darstellungskompetenz der Beitragenden als ein sehr informatives Nachschlagewerk. Zugleich kennzeichnet den Band der Versuch, eine klare Terminologie einzuführen und konsequent beizubehalten. Ferner versammelt das Handbuch alle wichtigen schulpraktischen Konzepte – weniger mit Blick auf die universitäre Schulpädagogik, vielmehr mit Blick auf Lenkungs- und Steuerungsmöglichkeiten des Schulsystems. Für LehrerfortbildnerInnen, Schulleitungsmitglieder und Schulverwaltungsverantwortliche wird der Band in den kommenden Jahren zur Standardlektüre zählen.

Rezension von
Dr. Torsten Mergen
Universität des Saarlandes, Fachrichtung 4.1
Mailformular

Es gibt 33 Rezensionen von Torsten Mergen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Torsten Mergen. Rezension vom 23.08.2016 zu: Hans-Günter Rolff (Hrsg.): Handbuch Unterrichtsentwicklung. [eine Veröffentlichung der Deutschen Akademie für Pädagogische Führungskräfte (DAPF)]. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. ISBN 978-3-407-83184-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21001.php, Datum des Zugriffs 21.05.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht