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Winfried Böhm: Der pädagogische Placebo-Effekt

Cover Winfried Böhm: Der pädagogische Placebo-Effekt. Zur Wirksamkeit von Erziehung. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2016. ISBN 978-3-506-78581-7. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 33,80 sFr.
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Autor

Winfried Böhm ist emeritierter Professor für Pädagogik an der Universität Würzburg. Nach wie vor nimmt er als renommierter Vertreter der humanistischen und personalen Pädagogik Gastprofessuren wahr.

Thema

Das neue Buch von Winfried Böhm „Der pädagogische Placebo-Effekt. Zur Wirksamkeit von Erziehung“ fasst in Form von Essays pädagogische Grundfragen zusammen. Böhm thematisiert im Titel des Buches die alte und neue Problemstellung nach der Wirksamkeit von Erziehung. Die Salzburger Professorin Sabine Seichter ordnet das Buch als kritische Auseinandersetzung mit einer evidenzbasierten Pädagogik ein. „Während eine scheinbar placebofreie, also eine vermeintlich evidenzbasierte Pädagogik in der Regel ohne eine spezifische Erziehung oder des Pädagogischen auskommt, dokumentieren die hier vorgelegten Texte eine dezidiert pädagogische Position, deren denkerische Radikalität in der Bedeutung der Person ihren erklärten Ausgang und ihr offenes Ende findet“ (S. 12).

Aufbau und Inhalt

Im Rahmen von elf Essays stellt der Autor seine Idee von Erziehung und Pädagogik vor. Das pädagogische Theorie-Praxis Theorem, seine Theorie der personalen Pädagogik und die prinzipielle Kontingenz von Erziehung werden im Kontext antiker, christlicher und moderner pädagogischer Tradition entfaltet und reflektiert.

Im ersten Essay, Der pädagogische Placebo-Effekt, begründet Böhm die Wahl des Themas und erläutert sein Verständnis über den Effekt evidenzbasierter Pädagogik. Es geht ihm um die Aufdeckung und Stärkung der Zielsetzung von Erziehung und Bildung.

Der zweite Essay, Das Theater als Bildungsanstalt, stellt diese kulturelle Institution als eine Bildungseinrichtung vor, durch die das moderne Bildungsverständnis transportiert wird. Im Anschluss daran beschäftigt sich der Autor mit der menschlichen Fähigkeit des Spielens.

Die dritte Abhandlung, Pädagogisierung des Spiels oder Ludifizierung der Pädagogik?, erörtert den Nutzen des Spiels und plädiert für die Bewahrung des Eigensinns des Spielens. Als ein wichtiger Ausdruck selbstbestimmten Lebens (Ludifizierung) dürfe Spielen nicht nur didaktisch/methodisch (Pädagogisierung) reflektiert werden.

Im vierten Essay, Erziehung zwischen Kontingenz und Gnade, argumentiert Böhm die prinzipielle Kontingenz von Erziehung. Im Spiegel philosophisch- theologischer Aussagen über Gnade, die bis ins 20. Jahrhundert geistesgeschichtlich betrachtet als Ordnungsprinzip der Welt galt, prägte sie unseren Umgang mit Erziehung. In der antiken Vorstellung meinte Gnade die kosmische Ordnung der Welt und wurde als innerer Bauplan assoziiert. Als göttliches Heilsversprechen bei Augustin und der personalistischen Interpretation durch Rousseau färbte sie unser Menschenbild.

Im fünften Essay, Tradition ist nur Anregung, nutzt Böhm Schleiermachers Aphorismus, um die Bedeutsamkeit der Auseinandersetzung mit der pädagogischen Tradition zu unterstreichen. Gedanken über Erziehung in Form von Grundsätzen bilden den Gegenstand der Pädagogik als Wissenschaft. Diese nachzuvollziehen und zu verstehen ist die Legitimationsinstanz des pädagogischen Denkens. Das Nachdenken regt immer wieder an und klärt, was Erziehung ist.

Der sechste Essay, Vollkommenheit oder Brauchbarkeit als Ziel der Erziehung? „Humanistische Bildung“ – alt und neu, führt in Vergessenheit geratene Perspektiven über den Begriff der humanistischen Bildung vor Augen. Einst deuteten die Griechen Bildung als Paideia (höhere Gelehrsamkeit). Heute huldigen wir einem Bildungsbegriff, der Bildung als Lernen auffasst und auf Informationsvermittlung reduziert. Dem lateinischen Verständnis von Bildung als Philanthropie, die die Bildung des Menschseins und der Mitmenschlichkeit betonte, steht heute verkürzt Selbstbildung gegenüber.

Im siebten Essay, Über die Anmaßung, sich Lehrer eines anderen nennen zu wollen, greift Böhm mithilfe Augustins Schrift „De Magistro“ die Fragen nach den prinzipiellen Möglichkeiten und Grenzen des Lehrers auf. Lehrer können, so die Erkenntnis, Anstoß zur Aneignung und zu Selbsterkenntnis geben. Ihre Möglichkeiten enden, wenn Lernende die Bemühungen nicht annehmen. Erziehung und Bildung kann nicht bewirkt, sondern nur angeregt werden.

Der achte Essay, Musikalische Frühesterziehung -Utopie oder Wirklichkeit, entstand als kritischer Vortrag. Der Autor sollte die Förderung der Musikalität während der Schwangerschaft ausloten.

Im neunten Text, Pestalozzis Elementarisierung der moralischen Erziehung, erläutert Böhm den historischen Kontext und Inhalt des Stanser Briefes, in dem der schweizer Pädagoge seine Vorstellungen über sittliche Erziehung vorlegt. Böhm zeigt Verbindungen zu Platon auf und fügt zwei Einwände hinzu. Einerseits habe Pestalozzi das Problem der sittlichen Erziehung zu personalistisch und nicht soziologisch betrachtet.

Der zehnte Essay, Theorie und Praxis – das pädagogische Grundproblem, führt zum Gegenstand der Pädagogik als Wissenschaft zurück. Böhm begreift Erziehung als ein Projekt, das immer wieder neu ergriffen und bewältigt werden muss, um den Menschen als Person hervorzubringen. Erziehung müsse als Praxis zur Unterstützung menschlicher Subjektivität ausgelotet werden. Im Anschluss an Schleiermachers Erkenntnis der Historizität von Erziehung trägt die Reflexion dazu bei, den Zweck der Erziehung nicht aus den Augen zu verlieren. Winfried Böhm geht es um eine Pädagogik als Wissenschaft, die „in der provokativen Potenz kritischen Denkens und in der Orientierungskraft in die Zukunft weisender Entwürfe“ ihre Aufgabe sieht (S. 138). Die praxisorientierende Kraft pädagogischer Theorie, wie sie in der Antike selbstverständlich war, und das Verständnis von Erziehung als menschliche Praxis verhindern eine Standardisierung erzieherischen Handelns. Die Praxis der Erziehung müsse, so Böhm, ethisch fundiert aber situativ offen gehandhabt werden, weshalb keine Rezeptur oder Handlungsanleitung formuliert werden kann.

Im letzten Essay, Vom Subjekt zur Person, thematisiert der Autor die personalistische Pädagogik und beginnt seine Überlegungen mit dem Hinweis auf ihre Aktualität. Personsein ist eine Wesensbestimmung des Menschen und seine Bestimmung (Aufgabe). Die neue Subjektivitätsdiskussion bestätige, dass Subjektivität ein Gattungsmerkmal und eine Verwirklichungsform des Menschseins sei. Menschen sprechen über sich, sie interpretieren sich und handeln. Menschen sind von Geburt an Personen, die ihre Subjektivität im Laufe ihres Lebens erweitern. Im Rahmen von Kultur und Gesellschaft und in der Welt kommen Menschen als Personen ihrer Berufung nach. Deshalb habe Pädagogik die Aufgabe, Praxis kritisch vorzudenken und eine Theorie der Bildung und Erziehung zu entfalten ohne die konkrete und einmalige Erziehungssituation zu normieren oder anzuleiten (vgl. S. 165). Dadurch entgehe sie der Gefahr, Handlanger bestimmter weltanschaulicher Ideologien zu werden oder gesellschaftliche Bedürfnisse zu befriedigen. In der Spannung von Selbsterkenntnis und Selbstgestaltung ist Subjektivität nicht kausalanalytisch bewirkbar. Das personale Prinzip drückt sich als Vernunft (Verantwortung), Freiheit und Sprache aus. Böhm insistiert auf dem grundsätzlichen Wagnis- und Risikocharakter allen erzieherischen Tuns (vgl. S. 168).

Diskussion

Mit dem Autor über Erziehung nachzudenken und der Frage nachzugehen, was diese sei, wie sie wirkt und wie sie gelehrt werden kann, regt an und ergänzt die aktuelle Debatte, bei der einzig Bildung hervorgehoben wird. In diesem Zusammenhang von einem pädagogischen Placebo-Effekt zu sprechen provoziert Aufmerksamkeit. Alltagssprachlich meint Placebo ja eine Scheinwirkung. Aber will Winfried Böhm provozieren bzw. gegen eine bestimmte Art zu denken argumentieren? Wer dieses Buch liest bekommt schnell mit, dass es ihm um die Darlegung seiner grundlegenden pädagogischen Überzeugungen geht.

Stilistisch bietet der Essay die Möglichkeit, verschiedene Facetten einer pädagogischen Reflexion vorzustellen und zu einem anregenden Gespräch darüber einzuladen.

Böhm treibt die Frage an, was Pädagogik leisten soll und welche Rolle die Methodisierung der Erziehung hat (vgl. S. 14). Ihm, als Kenner der pädagogischen Tradition, ist klar, dass der Placebo-Effekt nicht nur in der Medizin, sondern auch in der Pädagogik funktioniert. Beim Placebo-Effekt handelt es sich, so Böhm um ein pharmakologisches Lehr- bzw. Scheinpräparat, das seine rätselhafte Wirkung nur in Bezug auf die chemo-physikalische Kausalwirkung verfehlt. Ansonsten wirkt die Arznei. Wie bei einer Heilbehandlung hängt auch die Wirkung von Erziehung von der personalen Beziehung, dem Setting und Instruktionsdynamiken ab, die sich nicht kausalanalytisch vermessen lassen. Böhm zeigt, dass die Methoden- bzw. Mittelfragen nebensächlich sind, während die Ziel- und Zweckbestimmung von Erziehung die eigentlich zentrale Fragestellung ist. Selbst Maria Montessori, so Böhm, wandte sich gegen eine Methodisierbarkeit von Erziehung. Was Erziehung ist lässt sich also nicht evidenzbasiert, sondern nur über die pädagogische Tradition klären. Böhm thematisiert auch in diesem Buch das pädagogische Grundproblem von Theorie und Praxis als Ausgangspunkt für die Entfaltung der Idee Erziehung, die dem Menschen als Person und einer menschlichen Gemeinschaft freier und miteinander verantwortlich handelnder Personen gerecht wird.

Seine Essays haben unterschiedliche Qualitäten. Sicher sind sie lehrreich und zeigen die hermeneutisch geprägte Reflexionskompetenz und Notwendigkeit, historische Kenntnisse zu erwerben. Erziehung als menschliche Praxis und Pädagogik als Orientierungshilfe vorzustellen, ist in der Allgemeinen Pädagogik von Dietrich Benner ebenfalls entfaltet worden. Hier wird Bildung als Aufforderung und Erziehung als Ermöglichung zum verantwortlichen Handeln fokussiert, was auch das Anliegen von Böhms pädagogischem Ansatz ist.

Fazit

Was heißt Erziehung? „Wenn wir Erziehung in einem streng humanen und von der Würde der menschlichen Person her gedachten Verständnis auffassen, dann dürfen wir nicht schon alles als Erziehung bezeichnen, was mehr oder minder zufällig oder auch geplant auf uns einströmt und einwirkt, sondern nur das, was geeignet erscheint und bewusst darauf abzielt, unsere Vernunft, unsere Freiheit und unsere Kommunikation zu wecken, herauszufordern und zu fördern“ (S. 120). Die Wirksamkeit (Evidenz) von Erziehung erweist sich nicht in empirischen Messungen über erlernte Bildungsinhalte oder allgemeine Handlungskompetenzen. Die Wirksamkeit von Erziehung entfaltet sich eigenwillig, weil sie die aktive Beteiligung des zu Erziehenden einschließt. Darüber hinaus geht sie vom Wunsch aus, Menschen zu mitfühlenden und verantwortlichen Persönlichkeiten zu erziehen und das Wagnis einzugehen, ohne Anweisungen dazu auszukommen. Mit der menschlichen Person ist der archimedische Punkt für die Orientierung von Pädagogik und Erziehung angegeben (vgl. S. 168).


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 19.09.2016 zu: Winfried Böhm: Der pädagogische Placebo-Effekt. Zur Wirksamkeit von Erziehung. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2016. ISBN 978-3-506-78581-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21003.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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