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Tobias Bernasconi, Ursula Böing (Hrsg.): Schwere Behinderung & Inklusion

Cover Tobias Bernasconi, Ursula Böing (Hrsg.): Schwere Behinderung & Inklusion. Facetten einer nicht ausgrenzenden Pädagogik. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2016. 292 Seiten. ISBN 978-3-89896-613-9. D: 24,50 EUR, A: 25,20 EUR.

Impulse: schwere und mehrfache Behinderung, Band 2.
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Thema

Ein Moment biografischer Selbstvergewisserung ruft dem Rezensenten das Bild des 10jährigen Klaus vor das innere Auge, der in einer „Klasse für schwerer lernende Schüler“ einer Hilfsschule platziert wurde und dort seine Lernkarriere fortsetzen sollte. Schon nach kurzer Zeit wurde klar, dass die Vielzahl seiner Beeinträchtigungen (motorische, auditive, sprachliche und kognitive im Verbund mit massiven Verhaltensauffälligkeiten) durch das pädagogische Personal weder begrifflich und praktisch „integrierbar“ war. Seine Lebenssituation ließ sich einfach nicht unter und schon gar nicht „auf den Begriff“ bringen. Er passte in keine der damaligen „Schädigungskategorien“ und Sonderschulsparten und schon gar nicht in die Regelschule. Statt ihn als Person in seiner individuellen Differenz anzuerkennen und ihm neben und mit anderen Schülern einen „Sozial- und Lernraum“ zu er-öffnen, wurde er aus dem schulischen Bildungsbereich ausgeschlossen und in eine Einrichtung des Gesundheitswesens überstellt, die Bildung (eher) als „geförderte Konservierung“ verstand.

Das geschilderte Ereignis liegt mehr als 30 Jahre zurück und vieles hat sich seitdem gewandelt, doch die Notwendigkeit sich trans-/ disziplinär und professionell praktisch gegen Ausschluss, Marginalisierung und Isolation und für Teilhabe und Abbau von Barrieren im Leben schwer und mehrfach behinderter Kinder und Jugendlicher zu engagieren, besteht weiter fort. Einem vergleichbaren inklusiven Anliegen sind auch die Beiträge des vorliegenden Bandes „Behinderung & Inklusion, Facetten einer nicht ausgrenzenden Pädagogik“ gewidmet, die im Ergebnis der Tagung „Schwere Behinderung und Inklusion“ (2015 in Kooperation der Lehrstühle Rehabilitation und Pädagogik bei geistiger Behinderung der TU Dortmund und Pädagogik für Menschen mit Beeinträchtigungen der körperlichen und motorischen Entwicklung der Uni Köln durchgeführt) entstanden sind.

Aufbau und Inhalt

Wie bereits in der Einführung formuliert, versammelt der Band die Beiträge der Tagung Schwere „Behinderung und Inklusion“ und ordnet diese im Kontext einer „nicht ausgrenzenden Pädagogik“ an, für deren Konturen insbesondere die Herausgeber Tobias Bernasconi und Ursula Böing verantwortlich zeichnen. Die in ihrem Beitrag vorgestellten und diskutierten „Figuren einer nicht ausgrenzenden Pädagogik“: Ungewissheit, Imperfektibilität und Stellvertretung, verdichtet in einem plausiblen Übersichtsschema (S. 51), machen deutlich, dass Bildungsprozesse eine für alle offene, „transformatorische Natur“ mit ungewissen Ausgang aufweisen und im Ergebnis „der Irritation bisheriger Wahrnehmungs- Denk- und Handlungsweisen und aufgrund gesellschaftlich bedingter Problemlagen und individueller Krisenerfahrungen“ (vgl. S. 49) entstehen. Eine „nicht ausgrenzende Pädagogik“ hätte hier, nach Auffassung des Rezensenten, die Aufgabe des (mäeutischen) „zur- Welt- Bringens psychischer Neubildungen“ im Leben von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu erfüllen.

Die oben genannten „Legitimationsfiguren“ erweisen sich nicht nur in theoretisch- konzeptioneller, sondern auch in praktischer Hinsicht als durchaus tragfähig.

So zeigen etwa die Beiträge von

  • Christian Lindmeier: Mit Menschen mit schweren und mehrfachen Beeinträchtigungen biografisch arbeiten- wie geht das?
  • Volker Benthien, Celine Müller und Nadine Voß: Veränderungen im Leben gestalten- Persönliche Zukunftsplanung auch für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf und
  • Jens Boenisch: Verständigung ermöglichen. Neue Ansätze zur Sprachförderung von Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung,

wie unter den Bedingungen von Unbestimmtheit, Stellvertretung und Bildung die Subjektivität von und durch schwer beinträchtige Menschen geweckt, zurückgewonnen und (gemeinsam mit anderen) entwickelt werden kann.

Weitere Beiträge, die Teilhabehemmnisse und -möglichkeiten im Leben von Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung im Sinne einer nicht ausgrenzenden Pädagogik problematisieren, sind:

  • Einleitung: Schwere Behinderung & Inklusion- grundlegende Bemerkungen (Tobias Bernasconi und Ursula Böing)
  • Inkludiert wird man nicht- inkludiert ist man (oder auch nicht). Inklusion als Strukturmerkmal und kritischer Maßstab (Clemens Dannenbeck und Carmen Dorrance)
  • „…und nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben“ Inklusive Perspektiven für Erwachsene mit hohem Unterstützungsbedarf in allen Lebensbereichen- Herausforderungen, Widerstände, Perspektiven (Erik Weber)
  • Realisierungs(un)möglichkeiten sexueller Selbstbestimmung bei Menschen mit Komplexer Behinderung (Barbara Ortland)
  • „das klingt so herrlich, das klinget so schön“ – Teilhabe von Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen an der Musikkultur (Irmgard Merkt)
  • Barrierefreiheit und Assistive Technologie als Voraussetzung und Hilfe zur Inklusion (Christian Bühler)
  • (De-)kategorisierung und das systemtheoretische Betrachtungsschema Inklusion/Exklusion am Beispiel von Menschen „mit schweren und mehrfachen Behinderungen“ und dem System Schule (Matthias Schumacher)
  • Inklusion und Schule – Zur Situation von Kindern und Jugendlichen, die unter den Bedingungen von schwer(st)er Behinderung leben (Kerstin Ziemen)
  • Zwischen Autonomie und Be-Hinderung – Schulassistenz bei Schüler(inne)n mit hohem Unterstützungsbedarf als Voraussetzung oder Widerspruch für Raumaneignung (Andreas Köpfer)
  • Schwere Behinderung und Schule. Die neue Ausbildungsordnung für sonderpädagogische Förderung – Facetten einer nicht ausgrenzenden Pädagogik? (Gwendolin Bartz)
  • Forschendes lernen – Wie Studierende der TU Dortmund auf die Arbeit mit Menschen mit komplexen Kommunikationsbedürfnissen theoretisch und praktisch vorbereitet werden (Ingo Bosse)
  • Inklusion ohne Grenzen – Beeinflussung von Einstellungsbarrieren durch Respekt (Alja Cordes und Katharina Silter)
  • Möglichkeiten der kulturellen Förderung im inklusiven Unterricht (Carla Klimke)
  • „Die Hand riecht nach Thymian …“ – Sinnesgärten als inklusives Bildungsangebot (Dorothea Sickelmann-Wölting)
  • „Wie geht es weiter, wenn wir nicht mehr sind? “ – Erste Ergebnisse einer Befragung von alternden Eltern von Menschen mit (mehrfacher) Beeinträchtigung zu Wünschen und Absprachen innerhalb der Familien (Sylvia Mira Wolf)

Zielgruppen

Studierende und Lehrende pädagogischer Fachrichtungen, der Gesundheits- Pflege und Sozialwissenschaften, an Reflexion Interessierte helfender Berufe

Fazit

Den AutorInnen des vorliegenden Tagungsbands gelingt es, im Sinne der UN BRK „bewusstseinsbildend“ zu wirken, den Personenkreis der Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung stärker in den Fokus der (Fach-) Öffentlichkeit zu rücken und zur „Identifizierung damit einhergehender notwendiger Transformationsprozesse in den unterschiedlichen pädagogischen Handlungsfeldern“ (vgl. Rückseite des Klappentextes) beizutragen.

Das Anliegen einer „Pädagogik ohne Ausgrenzung“, die Differentes im Sinne eines Ganzen, das mehr als die Summe seiner Teile ist, zu behandeln vermag, findet hier eine „handlungskonkrete“ Fortsetzung.

Literaturverweis

Tobias Bernasconi, Ursula Böing: Pädagogik bei schwerer und mehrfacher Behinderung. Kohlhammer (Stuttgart). 1. Auflage 2015, vgl. die Rezension.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Jödecke
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Zitiervorschlag
Manfred Jödecke. Rezension vom 12.09.2016 zu: Tobias Bernasconi, Ursula Böing (Hrsg.): Schwere Behinderung & Inklusion. Facetten einer nicht ausgrenzenden Pädagogik. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2016. ISBN 978-3-89896-613-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21004.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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